Comiczeichner James Sturm "Der Wahlkampf in den USA ist nicht wirklich fair"

Donald Trump oder Joe Biden? Die kommende Präsidentschaftswahl in den USA ist zukunftsweisend. Der US-amerikanische Comic-Künstler James Sturm befürchtet chaotische Zustände und sorgt sich um sein Land. Davon erzählt auch seine Graphic Novel "Ausnahmezustand" über den Wahlkampf 2016.

Von: Niels Beintker

Stand: 21.10.2020 | Archiv

"Ausnahmezustand" von James Sturm verbindet die Krise im Leben einer Familie mit der Krise eines Landes um die Wahl von Donald Trump herum. | Bild: James Sturm/ Reprodukt Verlag

Gerade ist James Sturms Graphic Novel "Ausnahmezustand" in deutscher Übersetzung erschienen. Der Zeichner – einer der wichtigen amerikanischen Comic-Künstler unserer Zeit – erzählt darin von einer doppelten Krise. Es geht um ein Paar, das einmal glücklich war und das sich nun trennt. Und es geht um eine zunehmend zerrissene Gesellschaft, um ein Land, in dem das Streben nach Glück – festgeschrieben in der Verfassung – immer mehr zum leeren Wort verkommt. Die Geschichte spielt im Herbst und Winter 2016 und erzählt so auch von der Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA. Der aggressive Wahlkampf – eine Kampagne voller Hass und Verachtung – wird gleich auf den ersten Seiten des Comics thematisiert.

Eine zunehmend gemeine Gesellschaft

Vier Jahre später zieht Sturm – zu Hause im Bundesstaat Vermont, im Osten der USA – eine ernüchternde, düstere Bilanz. Die amerikanische Gesellschaft ist, seinem Empfinden nach, in den vier Jahren unter Trump zunehmend gemeiner und grausamer geworden. "Ich habe Angst vor dem, was in diesem Herbst passiert", erklärt der Künstler im Interview mit dem BR. "Wir werden es bald erfahren."

Mit Blick auf die kommende Wahl sagt James Sturm, es gebe viele Amerikaner, die sich einen Wandel wünschten. Der jetzige Präsident und die Republikanische Partei träten allerdings sehr aggressiv auf. "Sie erschweren die Briefwahl und sie schüchtern die Wähler ein. Das ist nicht wirklich ein fairer Wahlkampf." Wie sein Kollege, der Karikaturist Ken Krimstein aus Chicago, glaubt Sturm, der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden werde nur dann gewinnen, wenn er deutlich mehr Stimmen als der Amtsinhaber bekomme. "Trump hat immer gesagt, er werde sich zur Wehr setzen, wie immer auch die Ergebnisse ausfallen." Die kommende Wahl könne so viel Chaos mit sich bringen.

Blicke auf das alltägliche Amerika

Als Zeichner ist James Sturm, Jahrgang 1965, zum aufmerksamen Beobachter des alltäglichen Amerika geworden. Seine Graphic Novel "Ausnahmezustand" – im Original "Off Season" – schildert die zunehmende Zerrissenheit der amerikanischen Gesellschaft in den Wochen und Monaten rund um die Wahl Trumps. Mark, die Hauptfigur im Comic, muss den Zerfall seiner Familie erleben. Seine Frau Lisa hat ihn verlassen, er ist mit den beiden Kindern immer wieder überfordert. Der Bauunternehmer, der ihn als Handwerker verpflichtet hat, prellt ihn um den zustehenden Lohn. Oft wird Mark wütend und laut. Dann wieder ist er verzweifelt. Er verabscheut Trump. Hillary Clinton will er ebenso wenig wählen. Eine politische Desillusionierung.

Diese kleine Geschichte verbindet Sturm geschickt mit der großen, mit der Geschichte einer Krise der amerikanischen Gesellschaft, und wird so zum scharfsinnigen Chronisten. Immer wieder gibt es feine, niemals plakative Verbindungen: Hier Trump beim TV-Duell, dort Marks Vater, der beim Weihnachtsfest stolz das Basecap mit der berühmt-berüchtigten Aufschrift "Make America Great Again" – Trumps Slogan – aufsetzt. Bei einem Gespräch über das Sorgerecht für die Kinder wird Mark von seiner Frau mit erfundenen Geschichten konfrontiert, mit "Fake News". James Sturm sagt, er wollte mit dieser Graphic Novel erkunden, was in Amerika im Jahr 2016 geschehen ist.

Mehr als eine Dokumentation

Der Künstler erklärt im Gespräch, erst nach der Wahl Trumps hätten die Medien in den USA über die Frage nachgedacht, wie dieser Ausgang überhaupt möglich werden konnte. Er selbst hat auch nicht damit gerechnet. Er bereitete am Wahltag vor vier Jahren einen Comic-Strip vor, in dem der von vielen Beobachtern prognostizierte Sieg der Demokratin Hillary Clinton thematisiert wurde. "Ich war die ganze Nacht auf. Als die Nachricht vom Wahlausgang kam, habe ich auf die Bilder geschaut. Die Tusche war noch nicht trocken."

Die Frage nach dem Warum diskutierte James Sturm auch mit den Kolleg*innen an der Schule, an der er unterrichtet, am Center for Cartoon Studies in Vermont. Sein Comic-Buch "Ausnahmezustand" will insofern auch nach möglichen Erklärungen für diese Entwicklung suchen und mehr als nur eine Dokumentation sein. Es will zeigen, was – vor den Augen aller Amerikaner – geschehen ist, indem es in den Alltag und in die Nachbarschaft blickt. "Ich zeige Straßen, Häuser und Supermärkte. Und ebenso die Beziehungen und Geschichten, die ich gehört habe. Das alles sollte so gut wie möglich in die Graphic Novel einfließen."

Traurige Bilder

Für die traurige Geschichte eines zerrissenen Paares in einem zerrissenen Land hat James Sturm eine entsprechend melancholische Bildsprache gefunden. Er hat die Bilder auf Karteikarten gezeichnet, jeweils zwei auf einer Seite. Ein ruhiger Erzählfluss ist dabei entstanden. Zum dünnen Strich kamen sanft aquarellierte Farbflächen, wobei ein grauer Farbton zentral wurde: Kain’s Grey. "Das war angemessen für die Geschichte", sagt Sturm und lacht. Die Assoziation zur Geschichte von Kain und Abel aus dem Alten Testament entstand zufällig.

Zur Bildsprache gehört aber auch die Entscheidung, die Comic-Figuren als Mischwesen darzustellen. Sie haben Menschenkörper und Hundeköpfe, eine spannende und den melancholischen Grundton verstärkende Entscheidung. Selbst der republikanische Präsidentschaftskandidat von 2016 wird entsprechend dargestellt, während eines Fernseh-Duells. "Es ist, als würden die Figuren Masken tragen. Und die Frage, ob man sich hinter einer Maske versteckt, durchzieht auch das Buch. Ich will das aber nicht zu sehr analysieren."

Zeichnen als Antwort

James Sturm, der die Peanuts-Geschichten von Charles M. Schulz zu seinen wichtigen frühen Einflüssen zählt, wurde bekannt mit Comic-Büchern zur jüdischen Geschichte. Mit dem Band "Markttag" hat er eine auch in Deutschland erschienene Graphic Novel über das jüdische Leben in Ost- und Mitteleuropa vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlicht. Ebenso hat er die Geschichte eines jüdischen Baseball-Teams aus den USA geschrieben und gezeichnet. Als Künstler, so sagt er, will er auf die derzeitige Situation in den USA reagieren und einer Gesellschaft begegnen, die eben in seinen Augen immer gemeiner wird.

So hat Sturm einen Comic über die Demokratie und das demokratische System in den USA gezeichnet. Im Augenblick arbeitet er an zwei grafischen Dokumentationen über das amerikanische Gesundheitswesen. Eine von ihnen – für junge Leserinnen und Leser – beschäftigt sich mit den Möglichkeiten, Hilfe bei psychischen Erkrankungen zu bekommen. Und damit mit Institutionen, die republikanische Politiker am liebsten abschaffen möchten. "Ich weiß, ein Panel – eine Bilderfolge – das ist nicht viel. Aber wenn jeder von uns ein paar Panels macht, dann können wir vielleicht alle zusammen eine Geschichte schreiben, die ein Happy End haben könnte."

Ausnahmezustand auf Zeit?

James Sturms leise, aber eindringliche Graphic Novel "Ausnahmezustand", hat einen offenen Schluss. Das Comic-Buch verrät nicht, ob die Trennung von Mark und Lisa letztlich verhindert werden kann – und mit ihr der Zerfall ihrer Familie. "Ich hoffe, sie finden wieder zusammen", sagt der Zeichner über das Paar im Mittelpunkt seines Comics. Ob sich diese erzählerische Konstruktion übertragen lässt auf die amerikanische Gesellschaft, wird sich bei der Wahl am 3. November zeigen. Mit Blick auf ihren Ausgang ist James Sturm indes skeptisch und besorgt.

Die Corona-Pandemie, die die USA in besonderem Maß getroffen hat und trifft, ist aus Sicht des Zeichners nicht für die Entwicklung der Gesellschaft hin zum Gemeinen verantwortlich. "In Vermont sorgen die Menschen füreinander. Meine Eltern leben außerhalb von New York, ihre Nachbarn, die sie gar nicht so gut kannten, haben sich sehr rührend um sie gekümmert." Die Pandemie zeige, wie es um Trumps alternative Wirklichkeit bestellt ist. "Er verkündet, alles sei in Ordnung und er mache einen großartigen Job. Es wird deutlich, dass das gerade nicht der Fall ist." In den Umfragen liegt der Amtsinhaber derzeit hinter seinem demokratischen Herausforderer. "Darauf können wir uns nicht verlassen", sagt James Sturm. Das habe er aus der Wahl im Jahr 2016 gelernt. Leider, will man hinzufügen.