Odyssee im Kulturweltraum #8 The DJ will be televised – Club-Kultur 2021

2021 wird gefeiert, ausgelassen und legendär. Die Clubs, die es noch gibt, zelebrieren ab Halloween ihr Überleben. Mehr Exzess, weniger Horror! Max Büch spekuliert über das utopische Revival einer ausgehungerten Clubkultur.

Von: Max Büch

Stand: 30.12.2020 | Archiv

Halloween 2021. Das letzte Oktoberwochenende des Jahres war Wahnsinn – in jeglicher Hinsicht. Nicht, dass dieser Ausnahmezustand in den deutschen Großstädten, allen voran Berlin, nicht erwartbar gewesen wäre. Aber das Ausmaß der Party hatte dann doch alle überrascht – selbst die Beteiligten. Nach über anderthalb Jahren Stillstand war es so weit: Die Clubs in Deutschland konnten ihre Türen wieder öffnen. Peter Süß, Betreiber des Harry Klein in München hatte noch prophezeit: "Alles spricht dafür, dass wir 2021 vergessen können." Dass man dann doch im Herbst wieder aufmachen durfte, wurde entsprechend zelebriert – zumindest von den Clubs, die bis dahin durchgehalten hatten.

Clubnächte werden zu Urban Legends

Beim Blick auf die Programme für das Eröffnungswochenende kam man ins Staunen wie ein Kind in der Süßwarenabteilung eines großen Kaufhauses. Die Crème de la Crème der elektronischen Tanzmusik war quasi rund um die Uhr und omnipräsent zu erleben. Legendäre Clubnächte müssen das gewesen sein. Hat man über zwei Ecken gehört. Denn das Hörensagen über die Geschehnisse innerhalb der Clubs gleicht Urban Legends: wilde Geschichten, deren Wahrheitsgehalt sich kaum überprüfen lässt. Der Andrang vor den Läden war gewaltig: eine immense Masse von ausgehungerten Nachtschwärmern hatte kollektiv über ein Jahr auf den großen Relaunch hin gefiebert und war nun voller Elan und Tatendrang auf den Beinen. Um letztendlich in einer legendären, weil unendlich langen Menschenschlange vor den Clubs auszuharren.

Nur: Diese ganze Melange angestauter Emotionen – Einsamkeit und Frust, die Sehnsucht nach Ausbrechen, nach Ekstase – das alles wollte sich nicht noch einmal auf Warteschleife setzen lassen: Die "Chaosnächte" – wie die BILD die spontanen Open-Air-Parties betitelte, verwandelten die Innenstädte nachts zur Festivalzone. Dem Kulturimport Halloween wurde ein eigenes Narrativ hinzugefügt: Mehr Exzess, weniger Horror, bisweilen durchaus gruselig und definitiv nichts für Kinder und Jugendliche.

Interdisziplinäre Experimente im Sommer

Der Sommer dagegen lief eigentlich recht gesittet und harmonisch ab. Die Freischankflächen für Gastwirtschaften wurden wieder genehmigt. Und wer einen Schnelltest oder Impfnachweis vorzeigen konnte, durfte weiterziehen: zu den zusätzlichen Freiflächen, die einigen Clubs temporär zur Verfügung gestellt wurden. Es gab einige interdisziplinäre Experimente mit Museen, Theatern und Konzerthäusern, die für Events und Konzerte ihre Räume öffneten. Kleinere Festivals wurden teils sehr spontan an ungewöhnlichen Orten wie auf Bauernhöfen, Straßen oder sogar Flugplätzen möglich.

Längst ist der Sommer 2021 in weite Ferne gerückt. Die Clubs haben sich mit dem neuen Alltag arrangiert. Der Kreis der Clubgänger ist kleiner und exklusiver geworden. Denn trotz aller Bemühungen müssen die neue Luftreinigungstechnik, die Schnellteststationen und das zusätzliche Sicherheitspersonal irgendwie finanziert werden. Langsam wird aber auch klar, dass nicht alle Geister der Halloween-Nächte geschminkt waren. Im Halbschatten der Kellerbeleuchtungen sieht man, welche Spuren die soziale Distanz und die vielen Unwägbarkeiten hinterlassen haben. Viele Clubs haben erst gar nicht wieder aufgemacht, ein Großteil der staatlichen Hilfszahlungen ist letztlich an die Immobilienbesitzer geflossen. Aus den Testzentren in manchen Läden sind nun erst einmal Impfzentren geworden – wenn sie Glück hatten: Viele Clubs wurden von Investoren aufgekauft und "weiterentwickelt", in einem Fall in Berlin ist derzeit sogar ein neues Amazon-Logistikzentrum im Gespräch.

Prominente DJ-Avatare auf dem Land

Besonders bitter hat es aber die ländlichen Regionen und die Kleinstädte getroffen. Dort fallen mit den für immer geschlossenen Clubs oft ganze kulturelle Biotope weg, soziale Treffpunkte, für die es schlicht keine weiteren Alternativen mehr gibt. In Traunstein hat ein solches Biotop immerhin überlebt. Die lokale Institution Festung lädt 2021 sogar zu einer ganz besonderen Silvesterparty ein: DJ Hell hat einen eigenen Avatar entwickelt, ein computergeneriertes Abbild: "Ich produzierte das vor, Bild und Ton, der Mix ist speziell für Clubs oder Festivals und es sind auch Videos, wo ich nicht performe, aber mein Avatar. Und das ist vorproduziert und das kann ich simultan gleichzeitig in drei bis fünf Städten machen am Wochenende." Der Avatar wird nun als Weltpremiere an Silvester in der Festung vorgestellt. Und das bietet auch für den DJ selbst ganz neue Möglichkeiten, sagt DJ Hell: "Das ist der erste Testlauf hier. Und da bin dann vor Ort und gucke es mir selber an." The DJ will be televised.

Die kulturWelt, das aktuelle Feuilleton auf Bayern 2, begibt sich in einer kleinen Serie auf eine "Odyssee im Kulturweltraum", übt sich im Futur II - und malt sich jetzt schon mal aus, wie 2021 für die Kultur so gewesen sein wird.