Büchnerpreisträger Clemens Setz "Man ist nie so unterschiedlich von der Menschheit, wie man denkt"

Der eine erfindet eine Kunstsprache, um sich vor aller Welt zu retten, der andere, um die Welt zu retten. Wieder andere aus unaufhebbarer Einsamkeit. Der Schriftsteller und aktuelle Büchnerpreisträger Clemens Setz erzählt vom Kosmos der Plansprachen – in seinem Buch "Die Bienen und das Unsichtbare" und hier im Interview.

Von: Hendrik Heinze

Stand: 20.07.2021

Schriftsteller Clemens J. Setz | Bild: Max Zerrahn, Bachmann-Preis

Von Esperanto haben wir alle schon gehört, aber es gibt etliche Kunstsprachen mehr. Clemens Setz, selbst ein großer Sprachkünstler – gefeiert für Romane wie "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" und "Indigo" – , taucht in seinem neuesten Buch in die Welt der Kunstsprachen ein. Er erzählt von den Menschen, die Kunstsprachen erfunden und entwickelt haben, sie nutzen, damit auf Reisen gehen oder sich komplett in sie zurückziehen. "Die Bienen und das Unsichtbare" heißt das bei Suhrkamp erschienene Buch, Hendrik Heinze hat mit dem Schriftsteller darüber gesprochen.

Sie unterteilen die Spachenerfinder in Päpste und Programmierer: Was meinen Sie damit?

Ja, das hat zu tun mit dem Schicksal dieser erfundenen Sprachen. Es gibt einige, die wahnsinnig langlebig sind und erfolgreich waren und andere, die ziemlich ähnlich aussehen, aber sofort wieder verschwunden sind. Man weiß nie genau, was ist das, was eine Sprache erfolgreich macht. Warum fangen Leute an, dicke Romane und Poesie in ihnen zu schreiben? Und warum werden andere ignoriert? Ein Grund könnte sein, dass es wirklich davon abhängt, wem die Sprache gehört. Und es gab Sprachen wie Volapük oder Bliss-Symbol, die waren sehr verbunden mit ihren Erfindern, und die Erfinder waren wie ein Papst: Sie waren daran interessiert, dass nichts sich ändert von ihrer ursprünglichen Idee und man musste sie persönlich fragen und konsultieren. Ganz anders verhält es sich mit Esperanto, wo der Erfinder Ludwik Zamenhof öffentlich zurückgetreten ist und es der Community übergeben hat: Es ist eure Sprache. Ihr erweitert sie, es ist Open Source. Und das nenne ich einen Programmierer. Der macht etwas und andere machen damit ihre eigene Sache – und es ist noch dieselbe Sache. Es ist keine Abweichung, kein Schisma, keine Rebellion, sondern Dinge, die vollkommen neu sind, gehören per Definition immer noch zu seiner Grundidee. Und das war, glaube ich, eines der wichtigsten Elemente, weshalb Esperanto heute noch immer so lebendig ist. Es gibt viele native speaker darin und mehr Lernende als je zuvor.

Die Programmierer und Päpste sind nicht immer Programmierer und Päpste aus eigener Entscheidung, sondern oft aus innerem Zwang, einem Leiden, oder wie Sie es an anderer Stelle schreiben: Plansprachen sind auch immer Autobiografien. Sie sind auf viele traurige Gestalten gestoßen in ihrer Recherche.

Eine ganze Sprache zu erfinden, ist ein so gigantisches Unterfangen wie ein zehnbändiger Romanzyklus in vier Jahren oder so. Da denkt man auch nicht, 'der hatte halt nur Lust dazu', sondern: Es gibt da irgendwie einen Drang, eine Dringlichkeit, die ungewöhnlich hoch sein muss, und die versuche ich immer auch zu finden in diesen Sprachen.
Manchmal ist es ein Verschwindenwollen in einer Zone, in die einem niemand folgen kann – ein eigenes Reich aufbauen. Leider folgen einem dann doch immer Menschen, man ist nie so unterschiedlich von der Menschheit, wie man denkt.
Oder man möchte wirklich die Welt revolutionieren. Ja, und warum will jemand alles neu machen, das Denken verändern? Das ist ja nie auf Grund von Zufriedenheit mit der Welt, sondern man leidet irgendwie. Man hat das Gefühl, die Kriege zerstören nach und nach immer mehr des Menschlichen, der Güte und des Mitleids. Und man möchte sich irgendwie rettend dazwischenwerfen durch so ein Sprachsystem.
Oder manche, glaube ich, erfanden sich auch eine Sprache aus ganz, ganz unaufhebbarer Einsamkeit.
Das sind ganz tragische Geschichten manchmal, manchmal auch wunderbar erhebende und fast schon glücklich machende, auch in der Recherche. Etwa die von dem jungen, früh erblindeten Dichter Wasili Eroschenko, der durch die ganze Welt gereist ist – und zwar mit Hilfe der Esperanto-Community.

Ich habe mich lange gefragt beim Lesen, wieso Ihr Buch seinen Titel eigentlich trägt: "Die Bienen und das Unsichtbare". Das ist ein Rilke-Zitat?

Das Rilkezitat lautet: "Wir sind die Bienen des Unsichtbaren". Ich glaube, er meint damit die Dichter. Wie in allen Rilkebriefen ist es etwas schwülstig und mystisch. Aber wenn man die beiden Bestandteile auseinanderlegt, die Bienen des Unsichtbaren. Was ist das Unsichtbare da, und was sind die Bienen? Das sind Boten, die etwas bringen aus einer Zone, die man nicht kennt, die man nicht sieht. Wenn man es auf normale Dichtung bezieht, klingt das ziemlich überheblich: Ich habe da irgendeine geheime innere Sprache, und jetzt bringe ich sie für euch, das Volk. Aber es ist lustig, wenn es umgekehrt ist: Ich habe hier normale Erfahrungen, alltägliche, und ich schreibe sie in einer Sprache, die ihr alle nicht kennt. Ich drücke es aus in etwas völlig – auf den ersten Blick – Neuartigem und nicht Erratbarem. Und das ist das Interessante, dieses sich wegzaubern!