"Am Anfang steht immer Unverständnis" Büchner-Preisträger Clemens Setz im Gespräch

Migräne und das Vergnügen an Gedichten, die so gut gebaut sind wie ein Programmiercode, brachten Clemens Setz davon ab, Programmierer zu werden. Ein Gespräch über Telepathie, Literatur und Mathematik und den Anfang seiner Bücher: "ein brennendes Unverständnis".

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 20.07.2021

Clemens J. Setz, Autor aus Österreich, hier bei der Eröffnung der 43. Tage der deutschsprachigen Literatur, 2019 in Klagenfurt. | Bild: dpa-Bildfunk/Gert Eggenberger

Seit seinem Debüt "Söhne und Planeten" (2007) wird der österreichische Dichter und Schriftsteller von Kritikern gefeiert. Es folgten bald weitere Romane, Erzähl- und Gedichtbände, ein Stück, ein Hörspiel und sogar ein Buch über Plansprachen. Gestern verkündete die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, dass Clemens Setz, Jahrgang 1982, mit dem Georg Büchner-Preis 2021 ausgezeichnet wird. Cornelia Zetzsche hatte die Gelegenheit mit dem vom Preis überraschten Schriftsteller zu sprechen.

Cornelia Zetzsche: Gratulation, Clemens J. Setz, wie war Ihre Reaktion?

Clemens Setz: Ach, ich war sehr konfus und habe mir erst einmal geduldig erklären lassen, was passiert ist.

Mit 38 Jahren und 17 Preisen sollten Sie eigentlich wissen, wie man einen Preis kriegt. Allein im letzten Jahr haben Sie den Jakob Wassermann-Preis und den Kleist-Preis bekommen und jetzt die Adelung durch den Büchner-Preis.

Ja, das ist schon die größte Auszeichnung. Es war bisher jedes Jahr so, dass ich das Werk von anderen entdecken konnte, bei Lukas Bärfuss, bei Elke Erb. Und das kann ich dieses Jahr natürlich nicht, da kenne ich alles schon. Aber mich eingereiht zu sehen in diese Reihe der Leute, die bisher den Preis bekommen haben, ist schon sehr unwirklich, sehr schön. Und ich hoffe – hoffe, es klingt jetzt nicht so pathetisch – aber ich hoffe, ich erweise mich dann doch als würdig am Ende.

Es gibt ja ein paar Parallelen zwischen Ihnen und Büchner. Der frühe Ruhm, die Naturwissenschaften im Hintergrund, die Sprache als Brennglas, durch das Sie die Gesellschaft sehen.

Ja, bei Büchner ist wahrscheinlich, dass die sprachliche Sprengkraft um ein Vielfaches stärker ist als bei mir. Er hatte aber wohl wirklich eine Vorliebe für Dinge wie Dialekt oder regionale Sprechweisen, die hat er ja vor allem in seinem Dramen recht viel. Er wollte ja Professor für Anatomie werden. Und ich habe nicht so viel mit Naturwissenschaft zu tun, Mathematik ist eine sehr eigenartige Naturwissenschaft. Es ist fast nur eine erfundene Natur, die man da studiert, also die menschliche Innennatur. Es ist ein Denken, das man da studiert.

Was haben denn Literatur und Mathematik gemeinsam?

Das eine inspirierte das andere dadurch, dass es mich dazu erzogen hat, kleine Einheiten von Text zu lesen, die Konzentration auf kleine Einheiten, das war das Wichtigste glaube ich: einen Absatz solang anschauen, bis man jedes Zeichen versteht und die innere Eleganz und Anmut von einem Beweis zum Beispiel verstehen kann. Genau dasselbe ist in einem sehr gut gearbeiteten Prosa-Absatz auch vorhanden.

Büchner starb mit 23 und hinterließ ein schmales, aber revolutionäres Werk. Sie galten schon mit dem Debüt vor 14 Jahren, "Söhne und Planeten" als literarische Hoffnung, auch mit der Vater-Sohn-Geschichte "Frequenzen". Beängstigend klug hieß es damals, Sie galten als Wunderkind, als Hoffnungsträger, weil Sie Themen, Formen, Personen weiten und uns auch unsere digitale Welt vorführen, U und E gleichzeitig denken von Jorge Luis Borges bis Super-Mario. Worum geht es Ihnen beim Schreiben?

Es geht immer um das vorliegende Problem, das ich mir gestellt habe, dem ordne ich dann alles sehr mönchisch unter. Meistens geht es wahrscheinlich um diesen wunderschönen Akt der Telepathie, die Literatur darstellt. Wir haben noch keine bessere Telepathie, wir haben bald vielleicht Neurolenker, mit denen man Konzepte abstrakt über übermitteln kann. Aber noch haben wir nur Literatur, die sprachliche Äußerung, die man so baut, dass der Abgrund, der zwischen Menschen existiert, dieses Diskontinuum, überwunden wird, für einen Moment nur und dann wieder dann wieder besteht.

Woran merken Sie die Telepathie?

Ich merke es immer wieder, wenn ich ein Buch von jemandem nehme, der schon lange tot ist. Plötzlich kommt ein Gedanke, der sich unglaublich sinnlich und nah in mir neu wieder entfaltet. Ich denke etwas, was ein anderer Mensch gedacht hat und Denken ist ja doch auch eine der Haupttätigkeiten von Menschen, Empfinden und Denken und so weiter. Das tun wir ja gern im Unterschied zu Ameisen oder Heuschrecken.

Womit beginnt für Sie ein neues Buch? Was steht am Anfang? Eine Szene, eine Beobachtungen, ein Satz oder ein Thema?

Am Anfang steht immer Unverständnis. Was bedeutet dieses Bild? Warum existiert das?  Warum ist das in der Vergangenheit passiert? Warum hat der die Person sich so entschieden? Das ist das, was am Anfang ist, ein brennendes Unverstehen. Das letzte Buch ist genau daraus dem entstanden. Ich habe gesehen es gibt Menschen, die haben sich Sprachen erfunden, Menschen schreiben Romane in erfundenen Sprachen. Warum macht das jemand, das kann ja kaum jemand lesen. Wer war diese Person? Was, was hat Sie dazu motiviert? Und dann wird man neugierig. Und ich kann das halt dann nur vollkommener verstehen, wie wenn ich es aufschreibe.

Mit dem letzten Buch meinen Sie "Die Bienen und das Unsichtbare", also ein erzählendes Sachbuch über sogenannte "Plansprachen" wie Esperanto, die ohne Hierarchie ein Leben in ein anderes zu übersetzen versuchen. - Die Jury nannte ihre Verbindung aus Menschenfreundlichkeit und enzyklopädischem Wissen. Sie lesen unglaublich viel andere Autoren. Wie haben Sie zum Lesen gefunden?

Mit sechzehn. Ich wollte eigentlich Computer-Programmierer werden, aber ich hatte immer so Migräne an diesen flimmernden Bildschirmen. Und dann musste ich was anderes finden. Und da habe ich dann lustigerweise Gedichte entdeckt, die mir dasselbe Vergnügen wie ein guter Programmcode früher vermittelt haben. Ein kurioser, unorthodoxer Weg zur Literatur, aber so war das bei mir..

Die Jury betont Ihren humanistischen Ansatz, aber sie schreibt auch von "verstörender Drastik, die ins Herz unserer Gegenwart sticht". Und tatsächlich sind ihre Romane, etwa "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" – diese Stalker-Story in klaustrophobischer Atmosphäre – und auch Erzählungen wie "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes", alles düstere Einsamkeitsszenarien, apokalyptische Gewaltfantasien, Schreckensbilder, oft nicht ohne Witz, aber doch düster. Woher kommt diese Düsternis?

Ich habe begonnen als sehr depressiver Menschen, sehr ressentimentgeladen, fertig mit der Welt, misanthropisch. Aber inzwischen wird es immer heller und lichter.

Ich hatte gedacht, Sie hätten in der Gesellschaft zu viel beobachtet, was sie düster macht. Was wäre für Sie heute, als Literat, die drängendste Frage unsere Zeit?

Die drängendste Frage in der Öffentlichkeit und in den Medien ist, sollen wir die Corona-Maßnahmen lockern. Aber ich würde gerne wissen, ob ich die Zukunft in fünf Jahren überhaupt noch wiedererkennen kann oder ob alles vollkommen verwandelt ist. Es wirkt so, als wäre es eher das zweite. Ich fand mich immer schnell überholt von Dingen. Diese kämpferische Entschlossenheit der Leute ist mir nicht gegeben.

Was ist für Sie im Moment in ein interessantes literarisches Thema?

Was mich jetzt gerade beschäftigt, ist ein historischer Roman. Ich möchte zum Beispiel Dinge verstehen wie die Zwischenkriegszeit, die Weimarer Republik in Deutschland, das Mysterium der Inflation, die dort eine Rolle spielt. Die kommt auf uns auch zu jetzt, die Inflation, ich sehe wirklich starke Parallelen. Auch die Leute mit alternativen Theorien in ihrer Bubble; Leute, die alles besser verstehen und sich gegenseitig befeuern und große alternative Theorien haben, die alles lösen, aber nichts ausrichten. Das ist sehr interessant. Die Rechten waren ja sehr stark in Österreich, sind aber in den letzten zwei Jahren durch selbst verursachte Krisen sehr weit weggerutscht.

Sie waren ein Leuchtpunkt im literarischen Graz. Jetzt sind Sie in Wien. Haben Sie ein schlechtes Gewissen, Graz verlassen zu haben?

Oh ja, doch, ein bisschen schon. Meine Seele ist da schon zu Haus, wo ich die meiste Zeit verbracht habe. Und das verschwindet nie wieder. Aber jetzt, glaube ich, wächst die Seele hier in Wien stärker und stärker an. Ein paar Orte sind schon meine: ein Spazierweg entlang vom Donaukanal und dann ein bestimmter Winkel. Das klingt jetzt Peter Handke -artig, sich eine Landschaft erwandern. In Graz bin ich überall zu Hause.