Christian Stückl zur Eröffnung des Volkstheaters "Ich war der Motor"

Am 15.10. eröffnet das neue Volkstheater im Schlachthofviertel. Wie kam es zu dem Neubau, welchen Part spielte da Intendant Christian Stückl und wie soll`s weitergehen? Ein Interview mit Christian Stückl

Stand: 08.10.2021 | Archiv

Theaterregisseur Christian Stückl (mit Vollbart und im Janker) gestikuliert temperamentvoll | Bild: picture alliance/Angelika Warmuth/dpa

München bekommt einen Theaterneubau. Bisher residierte das Volkstheater in der Nähe des Königsplatzes. Nun ist es ins Schlachthofviertel umgezogen. Dank des für diesen Stadtteil charakteristischen Sichtziegelmauerwerks fügt sich das neue Theatergebäude harmonisch in die Umgebungsbebauung ein. Durch den 30 Meter hohen rot-weißen Bühnenturm ragt es aber zugleich als optisches Ausrufezeichen heraus. Das Interview der Woche – dieses Mal mit dem Intendanten des Hauses, Christian Stückl.

Christoph Leibold: In knapp einer Woche ist Eröffnung, der Neubau ist im Kostenrahmen geblieben und die Bauzeit wurde eingehalten. Das ist eigentlich fast sensationell bei so einem Bau. Und jetzt müssen wir noch bedenken, eineinhalb Jahre davon – von diesen drei Jahren Bauzeit – hat Corona uns im Griff gehabt. Wie oft haben Sie zwischendurch gezweifelt, dass diese Eröffnung in einer Woche stattfinden würde? Oder können Sie es eigentlich jetzt überhaupt glauben, dass es bald losgeht?

Christian Stückl: Also auf eigenartige Weise war die ganze Bauphase ziemlich harmonisch. Der Architekt, der technische Leiter unseres Hauses und das Baureferat – alle haben wahnsinnig gut zusammengearbeitet und deswegen hat man eigentlich an vielen Momenten geglaubt, dass es rechtzeitig fertig wird. Am Ende war es dann doch sehr knapp, aber eigentlich alles wunderbar. Wir fangen an und werden am 15. eröffnen.

Aber wenn man mal nur Corona nimmt, zwischendurch waren die Theater zu, bis in dieses Frühjahr hinein. Dass Sie jetzt vor vollem Haus spielen dürfen, ist doch schon schier unglaublich, oder?

Ja, das ist Gott sei Dank wunderbar. Es war in den letzten Wochen oft sehr schwierig herauszufinden, mit wie viel Leuten wir die Premieren feiern dürfen, mit wie viel Leuten dürfen wir eröffnen? Eine Zeitlang hieß es, mit 150 dürfen wir eröffnen, dann mit 300. Und zum Schluss mit 600 Menschen mit Maske und jetzt sogar mit 600 ohne Maske. Also das hat sich jede Woche verändert, aber eigentlich immer zum Guten hin Und das ist schön, ja, es ist unglaublich, dass wir jetzt sogar ohne Maske die Premierenfeier machen dürfen.

Die drei Jahre Bauzeit waren ja quasi der Endspurt, natürlich die besonders heiße Phase. Aber wann ist eigentlich bei Ihnen – Sie sind seit 2002 Intendant am Volkstheater – die Erkenntnis gereift: Wir brauchen eigentlich einen Neubau, an der Brienner Straße, wo Sie bisher waren, da geht es nicht weiter.

Noch 2010 ging es los, dass die Stadt das Haus prüfen hat lassen. Drüben in der Brienner Straße hat man verschiedene Mängel bemerkt und dann 2012/13 eine Kostenschätzung gemacht, was eine Sanierung kosten würde. Und das hat etwa 50 Millionen ausgemacht. Da bin ich dann zur Stadt gegangen und habe gesagt, rentiert es sich, in das Gebäude, das nie ein Theater war, das eine Mehrzweckhalle war, das nicht der Stadt gehört, 50 Millionen zu investieren? Kann man da nicht die Überlegung zumindest anstellen, ein neues Theater zu bauen? Und die Stadt hat relativ schnell positiv reagiert und gesagt: Ja, dann probieren wir es mal. Also eigentlich seit 2012/13 ist der Gedanke gereift, und dann hat man zwei Jahre braucht, bis man ein bestimmtes Verfahren gewählt hat, nämlich ein GÜ-Verfahren, das heißt, man kauft eigentlich ein Theater fast schlüsselfertig. Da mussten Carsten Lück, unser technischer Leiter, und ich das Theater konzipieren und auf 1000 Seiten niederschreiben, wie das Theater ausschauen könnte. Und dann kam es zum Architektenwettbewerb und ist gebaut worden.

Vor einem guten Monat haben Sie das Programm für die Eröffnung vorgestellt. Dabei war der Oberbürgermeister Dieter Reiter der Stadt München hier und hat gesagt, ohne Christian Stückl gäbe es diesen Theater Neubau nicht. Er war der Motor. Kann man das so stehen lassen?

Ja, das kann man so stehenlassen. Ich war der Motor. Ich habe die ganze Idee gehabt, aber zu so einem Motor gehören ein Haufen anderer Schläuche und Kabel. Und da hat zum Beispiel Carsten Lück wahnsinnig viel in der Vorbereitung, beim Entwurf der ganzen Bühnenmaschinerien gemacht. Ja, ich bin der Motor, aber ohne die ganzen Zuleitungskabel geht es nicht.

131 Millionen Euro hat das Theater gekostet. Eigentlich für so ein Projekt gar nicht so viel. Trotzdem nichts, was man aus der Portokasse bezahlt. Die Stadt muss sparen, zumal nach Corona über alle Etats hinweg. Jetzt, um dieses Haus, das auch größer ist, zu betreiben, ist der Finanzbedarf, der ermittelt wurde, doppelt so hoch wie am alten Standort. Sie kriegen aber ungefähr nur eineinhalb Mal so viel wie bisher – bei rund 15 Millionen Euro liegt der Gesamtetat. Können Sie das Haus überhaupt vernünftig bespielen? Oder wird es dann teilweise eine schöne, leere Hülle sein, weil nicht genügend Geld da ist?

Also ganz klar, das ist in diesem Jahr nur möglich, weil wir Geld angespart haben. Durch Nicht-Spielen während der Corona-Zeit, haben wir fast zwei Millionen gespart. Aber letztlich brauchen wir in der nächsten Spielzeit wesentlich mehr, wir brauchen das Doppelte. Das Haus mit den Mitteln des alten Volkstheaters zu bespielen? Das funktioniert nicht.

Werden Sie um mehr Mittel kämpfen müssen?  

Ich hoffe jetzt, dass man nicht so arg wird kämpfen müssen. Ich hoffe, dass die wirtschaftliche Situation sich wieder verändert. Aber ich glaube schon, dass es zum Teil ein Kampf wird, weil oft das Verständnis fehlt. Aber man hat das Haus so konzipiert, man hat das mit den Finanzmitteln konzipiert, und mit weniger geht es nicht.

Es kommt ja nicht alle Tage vor, dass man sich für einen Theaterbau wünschen kann, was man braucht. Beim Regieführen, da trifft man auch immer Entscheidungen, und hinterher sagt man manchmal, das waren nicht unbedingt die besten Entscheidungen. Oder manchmal ist man auch sehr zufrieden. Wie steht es da mit dem Theaterneubau? Ist der Ihnen geglückt?

Es ist schon lustig, dass man Wochen, Monate, Stunden dasitzt und sein Haus entwirft. Und dann merkt man hinterher, dass man das Betriebsratsbüro vergessen hat; oder dass man die Umkleide der Probebühne vergessen hat. Also es sind Fehler passiert auf dem Weg, aber sie sind alle reparierbar. Aber es ist ganz lustig, dass man sich hinterher fragen muss: Wie konnte ich diesen Raum vergessen? In der ganzen Konzeption aber ist es schon so, wie ich es mir vorstelle.

Eröffnet wird am kommenden Freitag mit einer Inszenierung von Ihnen, Christopher Marlowes „Edward II.“, also das Stück eines Shakespeare-Zeitgenossen. Wieso diese Stückwahl?

Wir machen kein Spielzeitkonzept. Ich habe in der nächsten Spielzeit 16 Arbeiten und ich frage meistens die Regisseure, auf was hast du Lust? Dann wird es einfach bunter, wenn man jeden einzelnen fragt. Für mich selber ist es ja immer ein Kampf, welche Stücke ich machen soll? Und jetzt lag dieser Edward schon länger bei mir auf dem Tisch. Das Stück über diesen schwulen König, der seine Homosexualität am Hof durchsetzen wollte und damit gnadenlos scheitert. Das Stück ist im 16. Jahrhundert entstanden, das Thema ist also schon lang in der Welt. Und darum habe ich das ausgesucht.

Das Volkstheater am alten Standort hat sich ja den Ruf einer Talentschmiede erworben. Sie engagieren junge Schauspielerinnen und Schauspieler, oft auch direkt von der Schauspielschule weg, dazu junge Regiekräfte. Sie selber sind so ein bisschen die Konstante bei dem Ganzen. Kann man dieses Konzept einfach mit hinübernehmen ins neue Haus? Oder gibt es da vielleicht auch so eine Art Reset?

Da haben wir uns lange drüber unterhalten. Es gibt einen großen Wunsch, zum quasi "normalen" Theater zu werden. Ich habe mich aber jetzt eigentlich durchsetzt: Ich mache genauso weiter und glaube auch, dass das Theater mit vielen jungen Leuten so weitermachen kann. Wir bleiben bei diesem Konzept. Das wird weiterhin funktionieren.

Wenn man mit Ihnen spricht oder Sie sonst erlebt, hat man immer das Gefühl, der Stückl, der steht unter Strom. Jetzt in einer Woche, wenn die Eröffnungspremiere rum ist, wird es da auch Momente geben, wo Sie sagen, da kann ich mich auch mal zurücklehnen und das einfach genießen, was wir hier geschaffen haben?

(Lacht) Ich stehe total unter Strom, ich weiß gar nicht wie ich hier sitzen und jetzt ein Interview geben kann. Ich muss meine eigene Produktion, die seit zehn Tagen fertig ist, nochmal hoch holen für die Generalprobe. Ich muss die Platzverteilung der Gästelisten machen, ich muss mit dem Wirt das Essen für hinterher besprechen. Den ganzen Tag bin ich am Rennen und am Laufen. Ich glaube, Zurücklehnen geht vielleicht nächstes Jahr.

Das Interview läuft am 9.10. 2021 im Interview der Woche auf BR24 um 7.20 Uhr
Wiederholungen: 9.20 und 11.20 Uhr.