Meinung Dürfen wir minderjährige Sexarbeiter*innen so darstellen?

Eine Fotoserie von David Alan Harvey über teils minderjährige Sexarbeiterinnen sorgt für große Aufregung und wirft die Frage auf, wie wir mit dokumentarischen Arbeiten umgehen – und wo der Voyeurismus anfängt.

Von: Martin Zeyn

Stand: 24.08.2020 | Archiv

Screenshot eines geschwärzten Fotos von David Alan Harvey in der Magnum Photos Bildersuche | Bild: Screenshot: magnumphotos.com via Andy Day/Fstoppers.com

Erst Magnum, dann Getty. Zwei Agenturen, die nach Vorwürfen ihre Archive durchforsten, um angemessene Bilder zu finden. Magnum war sogar einige Tage online nicht abrufbar. Was war geschehen? Stein des Anstoßes war eine Fotoserie von David Alan Harvey über teils minderjährige Sexarbeiterinnen in Thailand. Die hatte Magnum verschlagwortet unter "teenage girl -13-18 years". Das ist nicht bloß eine Nachlässigkeit. Das verkehrt die Botschaft, nämlich die Opfer der Sexindustrie zu zeigen. Da fehlte es an Professionalität und auch an Sensibilität. Grund genug, das eigene Archiv erst einmal zu verrammeln.

Fotos, die alles noch schlimmer machen?

David Alan Harvey vor einem seiner Fotos

Aber damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Denn es regte sich auch Kritik an den eigentlichen Fotos – und am Fotografen. Denn die 1989 erschienene Serie zeigt nur die Mädchen und jungen Frauen, nicht aber die Freier. Damit aber reproduziert Harvey die Verhältnisse, die er zu kritisieren vorgibt. Die Frauen werden ausgestellt, die Täter, ohne die es Prostitution nicht gäbe, bleiben im Dunkeln. Dass es auch anders geht, zeigt die Videoarbeit Voracidad Máxima/Maximale Gier des Künstlerduos Dias/Riedweg. Sie interviewten männliche Sexarbeiter. Die trugen während des Gesprächs Masken, auf denen die Gesichter von Dias und Riedweg gedruckt waren. Diese künstlerische Arbeit schützte die Sexarbeiter und fragte nach der eigenen (Mit-)Täterschaft.

Mittlerweile hat Magnum sogar David Alan Harvey aus seiner Mitarbeiterliste gestrichen – nach Vorwürfen, der Fotograf habe einen Ruf in der Branche, bei Aufnahmen übergriffig zu werden. Nach wie vor zeigt die Agentur aber andere Arbeiten von ihm. Aber selbst wenn Harvey, was nicht bewiesen ist, an anderer Stelle seine Stellung ausgenutzt haben sollte, was sagt das über die Serie der Sexarbeiterinnen?

Als wäre all das noch nicht kompliziert genug, steht noch ein anderer Vorwurf im Raum: Das Ganze sei eine Schlammschlacht gegen Magnum, die ein konservativer Landschaftsfotograf losgetreten habe, wie der sehr gut informierte Kunstkritiker Ulf Erdmann Ziegler bei Deutschlandfunk Kultur vermutete. Hätte Ziegler recht, dann geht es gar nicht darum, die Opfer zu schützen, sondern nur darum, der Agentur zu schaden.

Der sexualisierende Blick

Ein komplexer Fall. Eindeutig ist nur: Auch dokumentarische Arbeiten müssen sich der Frage stellen, ob sie tatsächlich der Aufklärung dienen – oder ob sie doch nur unseren Voyeurismus bedienen. Und alle Agenturen sollten sich genau fragen, wieviel Nacktheit sie zeigen wollen. Nicht aus Prüderie, nicht um vor den Sittenwächtern einzuknicken. Wir sind alle Säugetiere. Brüste beispielsweise können also gar nicht per se obszön sein. Das Problem ist nicht, dass wir alle nackt sind unter unseren Kleidern. Das Problem ist der sexualisierende Blick, der Menschen zu Objekten degradiert. Und ja, dafür braucht es eine exakte, verbindliche Bildunterschrift. Sonst beliefern Fotos genau das, was sie kritisieren.

All das hat mit dem Totschlagargument "Cancel Culture" nichts zu tun – es bedeutet nur, dass wir als Betrachter*innen die Chance haben müssen, die Bilder in den richtigen Kontext einordnen zu können. Und Fotograf*innen darüber reflektieren müssen, was sie zeigen. Dann ist vieles zeigbar. Viel mehr als Sittenwächter uns zubilligen wollen – aber eben nicht alles.