Lobbyistische Zensur Wie die Cancel Culture einen rhetorischen Bürgerkrieg befeuert

Zwischentöne? Dafür scheint es in der aktuellen Diskussionskultur keinen Platz mehr zu geben. Haltung ersetzt Inhalt und Kontext – und bedroht so unsere Demokratie. Ein Kommentar des Philosophen und Journalisten Christian Schüle

Von: Christian Schüle

Stand: 18.08.2020 | Archiv

Zeichnung: Eine riesige Schattenhand verbietet einem jungen Mann den Mund | Bild: picture alliance / akg

Dieser Tage läuft im Staate Deutschland etwas gewaltig aus dem Ruder. Der Kampf um kulturelle Hegemonie und ideologische Vorherrschaft wird immer abstruser, verstörender, kindischer und gefährlicher. Durch die Hintertür der kostenfreien Moralisierung sickert etwas Gefährliches in den Humus der Republik und vergiftet peu à peu ihr soziales Klima: ein Puritanismus der Säuberung, der nach weltanschaulichen Dogmen über Verbot und Verzicht zu "richtigem", das heißt: genehmem Verhalten erziehen will. Wer sich falsch verhält, wird als schuldig an den Pranger gestellt und als moralisch verwerflich geächtet, als könne man die heterogene, pluralistische Welt einfach so in gut und böse, in schwarz und weiß einteilen und kurzerhand das canceln, was irgendwelchen Aktivisten nicht passt.

"Cancel Culture" ist eine neue Art der lobbyistischen Zensur, die das Grundrecht auf Meinungsfreiheit natürlich nicht eliminiert oder einschränkt, geäußerte Meinungen aber moralisch so indiziert, dass der Sprecher oder die Sprecherin sozial geächtet sind: wahlweise als männlicher oder weiblicher Rassist, Antisemit, Sexist, Nationalist, Protofaschist oder sogleich Nazi.

Es kommt nicht mehr auf den Inhalt an

Die noch junge Agenda dieses missionarischen Moralismus richtet sich zunehmend gegen die in der Demokratie mit allem Recht triumphal gefeierte Freiheit der Wahl, Freiheit der Wissenschaft und Freiheit der Kunst. Es kommt nicht mehr auf den Inhalt an sich, auf den Text, Kontext und die Aussage an, sondern auf Haltung, Herkunft und Sprech-Berechtigung dessen, der spricht. Immer öfter taucht jetzt die paternalistische Frage auf, was Wissenschaftler und Künstler dürfen oder nicht. Bei erfolgter Gesinnungsprüfung senkt oder hebt ein anonymes moralisches Zentralkomitee dann den machtbewussten Daumen.

Nach intellektueller Einschüchterung und sozialmedialer Empörung durch aktivistische Interessen-Communities werden Universitätsprofessoren, Dozenten, Forscher kurzerhand ausgeladen, Seminare durch Störung zerstört, Veranstaltungen abgesagt und Symposien gecancelt. Wissenschaftler werden attackiert, wenn sie angeblich "falsche" Frage- und Themenstellungen aufwerfen, Maler werden von Jahresausstellungen ausgeladen, weil man ihnen die Nähe zum Rechtspopulismus unterstellt. Prüf-Instanzen fühlen sich berufen, mittels "Sensitivity-Reading" Texte daraufhin zu scannen, ob sich durch Wörter oder Sätze irgendjemand als Opfer fühlen könnte. Mit kräftiger Neigung zur Bloßstellung treten Blockwarte und Gesinnungs-Inspekteure auf, und auf allen Seiten des politischen Spektrums gibt es mittlerweile Denunziations-Aktivitäten und -portale.

Bedrohung der Demokratie

Differenzierung, Ambivalenz, Ambiguität hingegen werden plattgewalzt, Ironie, Satire und das feine Florett der subversiven Kritik abzuschaffen versucht. Die Feigheit kuschender Veranstalter, Kuratoren, Festivalorganisatoren und Universitätsleitungen ist unwürdig, peinlich und bedrohlich für eine zur Zeit ohnehin fragile Demokratie, die gerade auf Streit, Ambivalenz, Ambiguität und Diskurs angewiesen ist. Sinn und Aufgabe von Wissenschaft ist es ja doch, unabhängig von moralischer Korrektheit und subjektiver Betroffenheit Argumente zu diskutieren und Erkenntnisse zu produzieren. Und Sinn und Aufgabe von Kunst und Kultur ist es, mit Widersprüchen zu verstören, Alternativen zu formulieren, Querdenken anzuregen, Möglichkeitsräume aufzustoßen und Bewusstseinsveränderungen zu ermöglichen.

Kommt eine Kultur des Misstrauens?

Absolutistisch agierende Ankläger, die sich ohne Legitimation das Recht herausnehmen, andere mundtot zu machen, befördern Extreme und spalten die Gesellschaft in gleichem Maße wie jene, denen sie Spaltung vorhalten. Das hat autoritative, fast autoritäre Züge. Die aggressive Politisierung von Wissenschaft, Kultur und Kunst, die vielleicht nicht als entartet, aber als repressiv verunglimpft wird, könnte letztlich zu Dauer-Überwachung, Pauschalverdacht, Zermürbung und Verleumdung, könnte zum Ende des Anspruchs auf Objektivität und einer Kultur des Misstrauens führen. Letztlich würde jener Pluralismus einer freiheitlichen Demokratie mit seinen widerstreitenden und in sich berechtigten Interessen beschnitten, der auf Aushandlung, auf Vielfalt statt Einfalt und Respekt vor der Freiheit des Andersdenkenden, Andersmeinenden und Andersglaubenden setzt – solange jene auf dem Boden der Verfassung stehen.

Wenn wir nicht aufpassen, verselbständigt sich der sozialmedial hyper-erregte Cancel-Furor im gerade begonnen weltweiten Kampf linksaktivistischer Identitätspolitik gegen die rechtsrevolutionäre Politik der Identität zu einem dauerhaften rhetorischen Bürgerkrieg.