Campino über 40 Jahre Die Toten Hosen "Die Triumphe sind mit Freunden sowieso viel schöner"

Die Toten Hosen feiern ihr 40. Bandjubiläum und ihr Frontmann Campino seinen 60 Geburtstag. Im Interview spricht er über Punkrock, Wiesn-Hits und warum eine Kirche nach ihrem Musikvideodreh dort neu geweiht werden sollte.

Von: Christoph Leibold

Stand: 22.06.2022

Campino, Sänger der Band "Die Toten Hosen" | Bild: dpa-Bildfunk/Walter Bieri

Sie sind Punk und sie sind populär. Wobei populär – das ist eigentlich gar kein Ausdruck für den Ruhm, den sich die Toten Hosen in nunmehr 40 Jahre Bandgeschichte verdient haben. Ein Jubiläum, das gefeiert sein will, mit einem neuen Album und einer Tour. Die Tour beginnt demnächst und das Album gibt es ab dem 27. Mai.

Christoph Leibold: In 40 Jahren hat sich die Welt verändert. Geblieben ist bei Ihnen das Label Punk-Band. Sind Sie denn noch immer so sehr Punk wie in den Anfängen? Oder sind Sie vielleicht heute irgendwas Anderes? Oder bedeutet Punk was Anderes als vor 40 Jahren?

Campino: Tatsächlich beschäftigen wir uns relativ wenig damit, ob das, was wir machen, noch als Punkrock zu bezeichnen ist oder nicht. Aber es kommt immer darauf an, was man unter diesem Begriff versteht. Ich denke, seit dieser Explosion Ende der Siebzigerjahre in England haben sich gewisse Vorstellungen und Ideen der Bewegung tief in unsere Gesellschaft eingegraben, manchmal ohne dass uns das bewusst ist: in der Werbung zum Beispiel, im Film die schnellen Schnitte, der überzogene Humor, die krassen Slogans. Das ist sicherlich alles auch durch Punkrock beeinflusst worden.

Sie haben gesagt, Sie denken da gar nicht so viel drüber nach. Aber die Frage wird ja von anderen an Sie herangetragen. Einer der neuen Songs – "Alle sagen das" – geht los mit der Zeile "Die Hosen sind kein Punkrock mehr." Würden Sie so weit gehen zu sagen: Na ja, das bestimmen wir immer noch selber, was Punkrock ist, wir müssen nicht irgendwelche Erwartungen erfüllen?

Absolut. Das ist die erste Regel für mich: Dass man das macht, was man selber denkt und dass man nicht darauf achtet, was die anderen über einen sagen. Und insofern fühlen wir uns da nie unwohl.

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Die Toten Hosen // "Alle sagen das" – "Alles aus Liebe: 40 Jahre Die Toten Hosen" – Trailer | Bild: DIE TOTEN HOSEN (via YouTube)

Die Toten Hosen // "Alle sagen das" – "Alles aus Liebe: 40 Jahre Die Toten Hosen" – Trailer

Punk ist ja irgendwie Party und Politik zugleich. Sie haben den eisgekühlten Bommerlunder besungen, aber eben auch einen Anti-Fremdenhass-Song wie "Willkommen in Deutschland" gemacht, den Sie jetzt nochmal neu für das Jubiläums-Album aufgenommen haben. Hält sich das die Waage – Party und Politik – oder ist am Ende eins doch wichtiger als das andere?

Wir achten da nicht auf irgendwelche Verhältnismäßigkeiten, aber es hat uns immer gefallen, dass wir hin- und herspringen konnten zwischen diesen Launen oder diesen Möglichkeiten. Wir haben sehr häufig in unserer Karriere zwischen den Stühlen gesessen. Mal konnten sich alle auf uns einigen, und wir waren Everybody's Darling und dann gab es Phasen, wo niemand uns mochte und wir als nicht wirklich cool galten. Da hilft eigentlich nur die Parole: durchhalten, weitermachen, keep calm and carry on.

Aber gerade dieses "Everybody's Darling Sein" – das zeigt sich zum Beispiel bei einem Megahit wie "Tage wie diese", der plötzlich zum Wiesn-Hit wurde oder von der CDU auf Wahlkampfveranstaltungen lief. Wie geht man mit dieser Vereinnahmung durch den Mainstream um?

Na ja, ich glaube, wenn man ein Lied in die Öffentlichkeit stellt, dann entwickelt es ein Eigenleben und jeder Mensch darf diese Songs dann auch für sich interpretieren. Das ist völlig in Ordnung. "Tage wie diese" ist ein Glücksfall für uns gewesen. Das Verhältnis zu dem Song ist nicht schlechter geworden, nur weil es in einem Jahr gleichzeitig Deutschlands beliebtestes Hochzeits- und Beerdigungs-Lied war.

Punk ist auch Protest. Sie haben sich immer beteiligt, zum Beispiel an den Anti-Wahnsinns-Konzerten in den 80er Jahren gegen die atomare Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf. Dort haben sie die Well-Brüder von den Biermösl Blosn kennengelernt und sich angefreundet. Wir haben uns vom Stofferl Well erzählen lassen, was er an den Toten Hosen spannend findet, und er meinte, das wäre dieses eigentlich sehr bayerisches Lebensgefühl, sich "nix zu scheißen", zu dem man halt auch "Punk" sagen könne. Interessante Definition von Punk, finde ich! Vor allem weil Sie genau das auch in dem Song zum Ausdruck bringen, über den wir schon gesprochen haben, "Alle sagen das". Da geht es auch darum, dass Ihnen das – auf gut Deutsch – scheißegal ist, was alle sagen.

Die Toten Hosen mit Gerhard Polt und den Well-Brüder auf der Bühne.

Ja, absolut. Ich glaube, dass wir mit den Well-Brüdern und auch mit Gerhard Polt in diesem Punkt wirklich seelenverwandt sind. Wir lachen deshalb auch über dieselben Dinge. Wir entdecken Obskuritäten und Widersprüche, die einem so widerfahren im alltäglichen Leben und können uns köstlich darüber amüsieren. Es ist immer eine gute Zeit miteinander.

Dieses "Ich scheiß mir nichts mehr" nimmt bei vielen Leuten im Alter zu. Insofern müssten Sie ja mehr Punk sein denn je.

In manchen Dingen bestimmt. Früher, als junge Menschen, haben wir mehr auf den Applaus oder die Reaktion von außen reagiert, das war damals für uns wichtiger als heute.

Wobei sich das natürlich leicht sagt, jetzt, da der Applaus quasi von selbst kommt und sie die Stadien füllen.

Na ja, trotzdem muss man im Laufe des Lebens irgendwo die Stärke finden, Kraft und Meinung aus sich selber zu schöpfen und nicht als erstes zu fragen: Was könnten die anderen dazu sagen, wie ich mich jetzt verhalte?

Weil wir gerade schon beim Bayerischen waren: Das Video zu "Eisgekühlter Bommerlunder" wurde 1983 in Bayern gedreht, in einer Barockkirche.

Da haben wir hinterher erfahren, dass die Gemeinde meinte, die Kirche neu weihen zu müssen, weil wir es irgendwie übertrieben hätten. Gut, im Drehbuch stand, dass der Pfarrer Alkohol am Altar trinken würde, und auch wir haben uns nicht zurückgehalten. Aber letztendlich fand ich, dass das mit Blasphemie nicht viel zu tun hatte.

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Die Toten Hosen // „Eisgekühlter Bommerlunder“ [Offizielles Musikvideo] | Bild: DIE TOTEN HOSEN (via YouTube)

Die Toten Hosen // „Eisgekühlter Bommerlunder“ [Offizielles Musikvideo]

Die Biermösl Blosn haben sich vor zehn Jahren aufgelöst. Die Toten Hosen dagegen gibt es immer noch. Wie hält man es aus miteinander über so eine lange Zeit von 40 Jahren?

Das war gar nicht so schwer, wie sich das anhört. Wir sind als ein Haufen Freunde gestartet, waren musikalisch nicht sehr talentiert, aber haben voller Zuversicht losgelegt, dass sich das mit der Musik auf unserem Weg schon irgendwie ergeben würde. Und so ist es ja dann auch gekommen. Das wäre daher mein Ratschlag für Menschen, die sich dafür interessieren, vielleicht selber eine Rockband zu gründen: Wenn du dich entscheiden musst zwischen dem besseren Freund oder dem besseren Musiker, dann wähle unbedingt den Freund. Denn es wird viele Momente geben, in denen man sich in Krisen helfen muss, in denen man miteinander klarkommen muss. Und Triumphe sind mit Freunden sowieso viel schöner zu feiern.

War es leicht, sich auf die Titel zu einigen, die auf das Jubiläums-Album kommen sollten? Oder gab es da auch so ein bisschen Gezerre?

Es gab Gespräche, aber es hat allen unheimlich Spaß gemacht. Wir hatten die Vorgabe: Jeder sollte seine Top 30 Lieder auf einen Zettel schreiben. Dann haben wir das verglichen, und die Hälfte der Songs war eh deckungsgleich bei allen. Bei einem Teil gehen natürlich die Meinungen auseinander, aber das macht dann auch Spaß, in Gesprächen zu ermitteln: Welcher Song war denn für die Band interessant oder wichtig oder welcher hätte einen Wendepunkt bedeuten können? Wir haben uns dann recht schnell einigen können.

43 Songs finden sich insgesamt auf dem Album, sieben neue Stücke sind auch drauf, dazu Remixes von alter Klassikern. "Alles aus Liebe" heißt das Album, so wie einer Ihrer großen Hits. Das ist aber irgendwie auch ein interessantes Motto für 40 Jahre Tote Hosen, oder?

Ja, und das trifft es letztendlich doch dann ganz gut. Wir hätten uns früher nie erlaubt, so etwas auszusprechen. Überhaupt der ganze Bereich Liebe und Verliebtsein –etwas dermaßen eindeutig Positives, das war für uns suspekt. Aber irgendwann haben wir in Wien ein Konzert gespielt - ein sehr wildes, in der Arena. Klaus Maria Brandauer war da zu Gast, und ich fragte mich die ganze Show über, ob der was damit anfangen kann, und dachte, hoffentlich ist ihm das nicht zu viel für die Ohren. Aber nach dem Auftritt kam er auf mich zu und sagte: "Weißt du was? Ihr könnt euch da so hart benehmen, wie ihr wollt. Ich habe heute nichts Anderes gespürt außer purer Liebe." Das hat mir sehr gefallen. Insofern denke ich, die Parole "Alles aus Liebe. 40 Jahre die Toten Hosen" – das kommt hin!

Es gibt wie gesagt auch neue Songs auf dem Album. Songs "für die man sich nicht schämen muss" wie einer Ihrer Bandkollegen erklärt hat. Aber es ist wahrscheinlich gar nicht so leicht, mit 40 Jahren Bandgeschichte im Rücken etwas Neues zu schaffen, weil man immer an alten Erfolgen gemessen wird.

Es ist Teil der Herausforderung, dass man nicht nur versucht, an seine Leistungsgrenze zu kommen, sondern, wenn's gut geht, sie vielleicht auch noch zu überspringen. Das Schöne in der Musik ist ja, dass es keine harten Zahlen gibt wie im Leistungssport, alles ist ja nur gefühlt. Lieder sind gefühlt gut oder eben nicht so stark. Und es bereitet uns nach wie vor Freude, ins Studio zu fahren oder in den Proberaum und in diese Welt einzutauchen, in der ja am Anfang immer alles möglich ist. Sobald man ein Gerüst hat, das für einen Song gut sein könnte, fängt man an zu träumen: Das könnte ein großer Wurf werden. Und je fertiger dieser Song wird, desto mehr muss man sich von Illusionen verabschieden – bis zum realistischen Ergebnis. Aber es ist immer wieder ein spannendes Abenteuer.

Sie gehen zum Jubiläum auch auf Tour – 19 Stadien und Open-Air-Konzerte. Am 18. Juni spielen Sie zum Beispiel in München im Olympiastadion. Die Tour ist sicher was Besonderes, nicht nur wegen des Jubiläums, sondern weil große Konzerte so lange nicht möglich waren. Der Krieg dämpft nun aber so ein bisschen die Partylaune, oder? Mit welchen Gefühlen gehen Sie diese Tour an?

Es wird sicherlich nicht der Sommer, den wir uns irgendwann mal ausgemalt haben für die Jubiläums-Tour. Aber es könnte ein ganz besonderer Sommer werden. Denn wir alle sind uns bewusst, wie fragil eigentlich die Freiheit ist und die Möglichkeit, gemeinsame Abende zu zelebrieren. Insofern denke ich, dass es dem Publikum ähnlich wie der Band gehen wird. Wir wissen, dass es nicht selbstverständlich ist, zusammen zu kommen und körperlich so eine kollektive Erfahrung zu haben. Deshalb könnte es sein, dass es umso schöner wird. Und es geht gar nicht darum, jetzt die gesellschaftlichen Umstände auszublenden oder etwa den Krieg zu ignorieren, sondern wir müssen an den jeweiligen Abenden die richtigen Worte finden und die Stimmung mitnehmen in dieses Konzert. Ich glaube, dass wir das auch schaffen werden, denn die Toten Hosen waren immer dann ganz gut, wenn es um Krisenmomente ging.

Sie selbst, da verrate ich kein Geheimnis, werden demnächst 60. Nehmen diese Tage, an denen man sich Unendlichkeit wünscht, zu oder werden sie eher weniger?

Ich nehme die Sache ganz gelassen. Es hat sich ja über einen längeren Zeitraum angedeutet, dass ich die 60 erreichen würde, und erst mal bin ich froh, dass ich es geschafft habe. 

Nicht alle haben den Punkrock überlebt.

Genau. Da sind auch schon reichlich Leute in unserem Umfeld aus der Bahn geflogen. Insofern empfinde ich erst mal große Dankbarkeit. Und für all diejenigen, die noch nicht so weit sind: Bis hierhin kann ich sagen, dass das Leben nicht langweiliger geworden ist und auch noch die jüngste Vergangenheit jede Menge Abenteuer für mich bereithielt.

Das Gespräch wurde für die kulturWelt vom 27. Mai 2022 auf Bayern 2 geführt. Den Podcast können Sie hier abonnieren.