Obstgärtner auf Abwegen Der neue Peter Handke kommt dämonisch daher

Der Wirbel um Peter Handkes Literaturnobelpreis wirkt nach. Auch in seinem neuen Buch ist der verfemte Dichter unterschwellig ein Thema. Es geht um einen scheinbar besessenen Gärtner, der durch den Ort streift und als Un-Person gilt.

Von: Knut Cordsen

Stand: 26.03.2021

Peter Handke 2019 im Capriccio-Interview  | Bild: BR

"He, Seltsamer!", rief man ihn an. Er war wie "von Sinnen", redete in Zungen, schrie, erging sich in Schmähreden und Beschimpfungen: ein Wüterich, "Jahre der Irr- und Wirrsal", des "Außermichgeratens" in der "Dämmerzeit" liegen hinter ihm. Ist der, den etwas "nicht ganz Geheures" umwehte, den man zur "Un-Person" erklärte, genesen?

Peter Handke hat ein neues Buch geschrieben, und natürlich geht es darin auch um ihn selbst, den so streitbaren wie verfemten Dichter, der in dieser noch nicht mal 100seitigen "Dämonengeschichte" ein Obstgärtner auf Abwegen ist. Dem Leser ist noch Handkes Diktum aus dem 2016 erschienenen Notiz- und Tagebuch "Vor der Baumschattenwand nachts" im Gedächtnis, "eins der 11 Gebote" laute: "Du sollst deinen Dämon mobilisieren!" Der Literaturnobelpreisträger Handke hat für sein neues Werk deren viele mobilisiert. Es wimmelt nur so von "Mitdämonen" darin. Der Journalist Malte Herwig verweist in seiner 2020 aktualisierten Peter Handke-Biografie "Meister der Dämmerung" darauf, dass Handke im Jahr 2019 eine Geschichte aus dem Markusevangelium sehr fasziniert hat: "Die Heilung in Gerasa" (Mk 5, 1-20). Es geht um die Heilung eines von bösen Geistern besessenen Mannes durch Jesus. Darin taucht wie in Handkes Dämonengeschichte eine "Dekapolis" auf, ein "Zehngemeindenhochland", das jenseits des Meeres liegt. Der von "unreinen Geistern" besessene Mann in der biblischen Geschichte hat seine Behausung in den Grabmälern – Handkes Hauptfigur in "Mein Tag im anderen Land" schläft auf einem "Friedhofsnachtlager".

Der Autor als widerständisches Gesellschaftswesen

So hat Handke also eine Geschichte aus der Bibel als Folie für seine eigene Erzählung genommen. Ist das nun eine Art Hirten- oder Gemeindebrief, den der in Chaville bei Paris lebende 78-Jährige an seine Leser richtet? Ja, und das obwohl Handke von seinem Erzähler betont, er wolle nicht mit einem Priester verwechselt werden. Lassen wir also allen Weihrauch beiseite und versuchen wir, dieses Buch als eine Parabel zu verstehen: als ein Gleichnis auf den Autor als "unausrottbar widerständisches Gesellschaftswesen", von dem in diesem neuen Buch die Rede ist. "Wo ist der Widerstand geblieben, der Teil deines Naturwesens ist, des ungesellschaftlichen, auch nicht zu vergesellschaftenden, zeitweise gar gesellschaftsfeindlichen?", fragt sich der Erzähler einmal. Damit ist die Position des Schriftstellers Handke beschrieben – er ist Teil der Gesellschaft und gleichzeitig ihr unermüdlicher Antipode.

Schwieriges Verhältnis zur Öffentlichkeit

Peter Handke: Mein Tag im anderen Land.

Handke umkreist in dieser Geschichte immer wieder sein schwieriges Verhältnis zur Öffentlichkeit. Einerseits gibt es da das "Bedürfnis nach Öffentlichkeit", andererseits hadert er mit dem "Interesse der Öffentlichkeit" an seiner Person – "oder Un-Person", wie er in Klammern anfügt. So manchen "Tumult" habe sein "Auftreten draußen-drüben in der Öffentlichkeit" ausgelöst, so der Erzähler. Man denkt unwillkürlich an Handkes öffentliche Auftritte am Grab von Slobodan Milošević und seine zu Recht harsch kritisierten Einlassungen zum jugoslawischen Bürgerkrieg. Im seinem proserbischen Engagement wirkte Handke oft wie "im Wahn". Womöglich will Handke mit dieser Geschichte über einen Besessenen auch sagen, dass er um seine politischen Torheiten weiß, ohne diese aber nicht sein kann. Nahezu zynisch mag manchem erscheinen, dass die Frau des Erzählers ihrem Mann bescheinigt, "und das nicht bloß im Scherz, ich hätte einen guten, ja idealen Politiker abgegeben, allein schon vorlebend eine Politik, eine neue, sie praktizierend, wie Politik heutigenfalls dringendst gebraucht werde". Der erklärte "Spaltpilz" predigt unbedingt nötige Eintracht: "Nie mehr Entzweiung; Schluß mit der ewigen Getrenntheit".

Wunsch nach Versöhnung

Auch dieser Wunsch nach Versöhnung wird Kenner seines Werks kaum überraschen. "Hören wir einander endlich an, statt uns aus feindlichen Lagern anzubellen und anzuheulen": So begann Peter Handkes "Versuch einer Antwort" in seinem 2015 erschienenen Buch "Tage und Werke". Somit hat man in diesem neuen Buch noch einmal Handke in nuce: im Kampf mit seinen eigenen Dämonen, die ihn nicht in Ruhe lassen. Verzweifelt um "Spielluft" bittend, wobei ihm klar ist, dass es schwer ist, bei all dem "Schrecken" und "Beinah-Grauen, das ich verbreitete", Mitspieler zu finden. Nichts wird sich so einfach "in Spielluft auflösen".

Der "Tanz", nach dem er sich sehnt ("und was für ein Tanz wäre das dann!"), ist ein Traumtanz. Ein Trugbild, ein Hirngespinst. Aber "Schimären" und "Luftschlösser" seien halt seins, verabschiedet sich sein Erzähler: "Und schreib dir das auf einen Zettel und nähe ihn dir ins Gewand, oder stecke ihn dir in den Arsch." 

Peter Handke: Mein Tag im anderen Land. Eine Dämonengeschichte. Bibliothek Suhrkamp. 93 Seiten. 18 Euro