Ex-Kriegsfotograf Christoph Bangert "Es gibt viele Menschen, die den Krieg vermissen"

Wenn man lange in Kriegsgebieten unterwegs war, falle die Rückkehr zu den Banalitäten des Alltags extrem schwer, sagt Christoph Bangert. Ein Gespräch über seine besondere Form des Kriegstagebuchs "Rumors of War" und die Sucht nach der Gefahr.

Von: Joana Ortmann

Stand: 01.09.2021 | Archiv

Foto aus dem Band: "Rumors of War" | Bild: © Christoph Bangert

Christoph Bangert, Jahrgang 1978, ist frisch ernannter Fotografie-Professor in Hannover – ein absolutes Kontrastprogramm zu seiner langjährigen Obsession: Er war Kriegsfotograf, unterwegs in Palästina, Darfur, Pakistan, Libanon, Irak, Nigeria, Simbabwe und oft auch in Afghanistan. Einer, der den Horror des Krieges gezeigt hat, aber auch seine Absurdität offengelegt hat, jeweils in künstlerischen Fotobüchern. Nun ist ein vorerst letztes solches Kriegstagebuch von Christoph Bangert erschienen: "Rumors Of War".

Joana Ortmann: Sie haben Ihre Arbeit in Krisengebieten beendet und trotzdem beginnt Ihr Buch, Herr Bangert, mit dem Satz – "Ich vermisse den Krieg".

Christoph Bangert: Ja, so fange ich mein Buch an: Ich vermisse den Krieg. Das ist natürlich eine Provokation. Es ist auf jeden Fall überraschend, vor allem für Leute, die selbst noch nie Krieg erlebt haben. Es gibt ganz viele Menschen, die den Krieg vermissen, weil das doch vielleicht das größte und dramatischste Ereignis in ihrem Leben war und den Menschen halt auch eine gewisse Bedeutung gibt. Das ist das Grundthema des Buches. 

Das reflektieren sie auch. Sie schreiben: "Nichts ist so roh, nichts ist so wirklich wie der Krieg". Sie vermissen die Bedeutung der Arbeit, die Sie dort gemacht haben. Sie waren in vielen der schlimmsten Kriegsgebiete unterwegs. Ist das die Voraussetzung für so eine Haltung?

Ich denke, das kann man nur nachvollziehen, wenn man es selber erlebt hat. Es ist auch durchaus so etwas wie eine Sucht. Allerdings ist man nicht süchtig nach diesem Adrenalinkick, nach der Aufregung, der Gefahr, dem Überleben. Sondern man ist süchtig nach der Bedeutung, die diese Arbeit mit sich bringt. Dass ich als Journalist vor Ort bin, dass meine Bilder eine Funktion haben, dass ich einen gesellschaftlichen Beitrag leiste, und zwar für die Gesellschaft vor Ort, die ich dokumentiere, aber auch die Gesellschaft in meiner Heimat – das ist natürlich eigentlich ein toller Beruf, und davon wegzukommen ist gar nicht so einfach. 

Sie schreiben: "Ich habe mich dazu entschieden, den Frieden auszuprobieren." Und jetzt haben wir eine interessante Zeitspanne – denn dieses Buch spielt im Zeitraum Juni bis August 2013. Das ist schon einige Jahre her. Sie haben also offensichtlich einige Zeit gebraucht, um es heraus zu geben. Was ist denn passiert? 

Es ist 2013 entstanden als geschriebenes und visuelles Tagebuch auf meiner letzten Reise nach Afghanistan. Ich ahnte damals nicht, dass es meine letzte Reise werden würde. Aber ich hatte eben auch Zweifel. Zweifel an dieser Arbeit, Zweifel, ob ich das weitermachen soll oder kann. So ist ein ganz persönliches Buch entstanden, das aber durchaus auch Dinge darlegt, die für andere interessant sind, die auch viele Zivilisten oder Soldatinnen und Soldaten nachvollziehen können. 

Das Buch ist teilweise handgeschrieben, Sie haben auch alles Mögliche rein geklebt, Bordkarten, irgendwelche Werbung von vor Ort, dazu kommen Ihre Fotos. Es ist eine sehr persönliche Dokumentation. Haben Sie das immer so gemacht oder war das einfach eine besondere Reise? 

Es war, denke ich, eine besondere Reise, weil eben diese Zweifel in mir waren. Und ich wollte das dokumentieren. Ich hatte immer mal wieder Tagebuch geschrieben mit meiner äußerst krakeligen, unleserlichen Schrift. Man muss sich ein bisschen bemühen als Leserin oder Leser. Man erlebt auch so ein Paradox bei so einem Buch, weil es so persönlich ist und die innersten Gefühle zutage kommen. Als es draußen war, habe ich eigentlich gehofft, dass es niemand liest. 

Sie sind sehr nah bei den Menschen, zum Beispiel zeigen Sie eine Soldatin mit Hund als ihrem Verbündeten, aber auch einen jungen Mann, auf dessen Rücken "Freedom" steht. Sie fotografieren aber auch Ihr Essen, Ihre Begegnungen. Sie haben damals Hamid Karzai porträtiert, in einem scheinbar privaten Moment, bei Tee und Gebäck. Und dann wieder sitzen Sie in Ihrem heißen Zimmer und schreiben "TATEN! KEINE WORTE!" in Ihr Buch…

Das sind solche Momente dazwischen, die nie in der Tageszeitung landen. Ich habe ja vor Ort für die New York Times gearbeitet. Und solche Dinge kommen natürlich nicht in die Zeitung, aber die sind auch wichtig. Es ist der Blick dahinter. Wie ist so ein Hamid Karzai, der damalige Präsident Afghanistans? Wie ist er vor dem Interview, nach dem Interview? Wie verhält er sich? Und das einfach mal aufzuschreiben, das vergisst man eigentlich immer, weil es einem im journalistischen Alltag fast normal erscheint. Das zeigt sich ganz schön in dem Buch, dass man also Dinge erlebt, die ganz großartig und faszinierend sind und dann manchmal aber auch ganz schnell beängstigend und gefährlich werden. 

Sie haben auch eine Gruppe älterer Afghanen porträtiert und dazu notiert: "Die Amerikaner spielen ein doppeltes Spiel. Der Krieg könnte innerhalb kürzester Zeit beendet werden, wenn sie es denn wollten." Das liest sich natürlich vor dem Hintergrund dessen, was in den letzten Wochen passiert ist, nochmal anders…

Ja, aber das war eigentlich das, was alle Journalistinnen und Journalisten, die längere Zeit in Afghanistan gearbeitet haben, vorhergesagt haben. Der Staat war so korrupt, so abhängig von den ausländischen Geldgebern, dass das gar nicht funktionieren konnte. Dass es so schnell ging, hatte wohl niemand gedacht. Es hat mich auch überrascht, dass die Taliban das komplette Land innerhalb von wenigen Wochen übernommen haben. Dass es aber passieren würde, war vielen und auch mir klar. 

Wie ergeht es Ihnen denn mit den Bildern der letzten Tage aus Afghanistan? Widersprechen die Ihren eigenen? Wie bringen Sie diese Bilder zusammen, wenn Sie an Ihre letzte Reise denken?

Das sind natürlich dramatische Bilder, die da aus Afghanistan kommen. Viele meiner Bilder kommen etwas ruhiger daher. Ich habe aber auch Kämpfe zwischen den Amerikanern und den Taliban fotografiert. Das war immer dramatisch. Das ist seit 40 Jahren dramatisch und auch schlimm, was die Zivilbevölkerung durchleben muss. Da dürfen wir auch nicht aufhören zu berichten. Das ist eine Lektion, die ich in meinem Buch versuche zu erzählen. Diese Arbeit ist sehr wichtig. Es ist sehr wichtig, dass einheimische und ausländische Journalistinnen und Journalisten aus einem Land wie Afghanistan berichten, dass sie sich wirklich vor Ort begeben, mit den Leuten sprechen und auch die Dinge fotografieren und dokumentieren. Das muss man weiter betreiben. Wer das aber macht – und das ist die große Lektion, die ich gelernt habe – ist egal. 

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Haben Sie sich in den letzten Tagen auch mal bei dem Gedanken erwischt, dass Sie jetzt auch dort sein könnten? Haben Sie überlegt, welche Bilder Sie gemacht hätten? 

Ja, ich habe mehrfach gedacht: Ich muss da hin. Ich will dort arbeiten. Ich will wieder los. Ich kenne Leute vor Ort, denen ich absolut vertraue. Da wäre ich gerne dabei. Da würde ich gerne meinen Beitrag leisten. Wenn man diese Arbeit machen kann, dann hat man fast die Pflicht, diese Arbeit zu machen. Und dann habe ich aber auch schnell wieder die Kurve gekriegt. Trotzdem kommt man natürlich in ein riesiges Dilemma, wenn man so abwägen muss zwischen der journalistischen Pflicht, die man empfindet, und dem privaten Leben zu Hause, das manchmal so langweilig und banal ist. 

Sie bekennen in Ihrem Buch: "Ich werde niemals wieder in den Krieg gehen" – und doch lässt die Art und Weise, wie dieses Geständnis zustande gekommen ist, die Frage offen, ob Sie nicht irgendwann doch "rückfällig" werden könnten…

Ich habe viele Kolleginnen und Kollegen, die sozusagen rückfällig werden, die also quasi dieser Sucht erliegen und dann immer weiterarbeiten. Allerdings denke ich, man hat da so eine Art Verfallsdatum. Wenn man in solchen Krisengebieten arbeitet, muss man den Absprung schaffen. Früher oder später ist es so, dass man das nicht mehr hinkriegt, das Leben zu Hause in all der Banalität und Absurdität zu akzeptieren. Das ist eigentlich die große Kraft, die man aufbringen muss. Denn vor Ort zu sein, ist sehr einfach. Nach Hause kommen ist viel schwerer. Da muss man sehr diszipliniert sein. Und wenn die Partnerin sagt: So, jetzt musst du den Müll raustragen – Dann muss man den Müll raustragen. Man kann nicht sagen: Ich komme gerade aus Afghanistan. Was fällt dir ein? Das war total gefährlich, und der Müll ist mir gerade ganz egal. Und wenn man diese Anstrengung nicht mehr hinkriegt, dann hat man ein Riesenproblem. 

Ein Gespräch aus der kulturWelt vom 1. September 2021 auf Bayern 2 – den Podcast dazu können Sie hier abonnieren.

"Rumors of War" von Christoph Bangert ist im Kehrer Verlag erschienen.