T.C. Boyle im Interview "Ich bin reich an unartikulierten Wesen"

Wer ist eigentlich das Tier – die Affen oder wir Menschen? Ein Gespräch mit dem Bestsellerautor T.C. Boyle über seinen neuen Roman "Sprich mit mir", die ersten trumplosen Tage in den USA und die Liebe zu unartikulierten Wesen.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 28.01.2021 | Archiv

T.C. Boyle | Bild: picture-alliance/dpa

Cornelia Zetzsche: Bis zum 20. Januar zählten Sie auf Ihrer Homepage mit einem Stundenglas die Tage, bis der 45. Präsident abtreten würde. Wie waren die ersten trumplosen Tage?

T.C. Boyle: Lassen Sie mich zuerst erzählen, wie beunruhigt wir waren in diesem doppelten Unglück: Zum einem im Lockdown, vor allem hier in Süd-Kalifornien und an der Küste, wo ich wohne, war eine Art Epizentrum der Pandemie. Und in der Zwischenzeit versuchte dieser Schurke, dieser Möchtegern-Diktator, die neue Regierung zu stürzen. Es war eine Zeit von schrecklicher Sorge für uns alle. Am 20.Januar, 12 Uhr mittags, empfand ich so eine Freude, das Joch dieser Tyrannei, diesen furchtbaren Fehler in Amerikas Geschichte loszuwerden. - Ich bin ein Patriot, ein Patriot der Demokratie, ich liebe die Demokratie. Und ich nenne diesen Präsidenten-Wechsel am 20. Januar den Tag der Befreiung. Jetzt fühlen wir uns alle deutlich besser, und soweit ich das verstehe, sind wir alle auch bald geimpft.

Sie haben die Amtseinfühung mit Amanda Gorman gesehen. Lyrik auf politischer Bühne, das läßt hoffen. Denken Sie, Politiker werden wirklich zuhören?

Ich weiß es nicht. Wir leben in seltsamen Zeiten. Ich schreibe oft über den technischen Fortschritt, und was er mit uns macht. Twitter und Facebook usw. sind wunderbare Instrumente der Kommunikation, andererseits absorbieren sie die Zeit der Leute, in der sie sonst ein eher kontemplatives Leben haben und zum Beispiel spazierengehen könnten.

Ich glaube an ein gedankenvolles Leben, und Bücher sind für mich ein großartiger Weg, das zu erreichen. An einem typischen Tag gehe ich nach der Arbeit in die Natur, an den Hafen mit meinem Kajak, oder ich wandere im Sant-Ana-Gebirge, das ich draußen vor meinem Fenster sehe. Oft wandere ich mit einem Buch und finde einen guten Platz, fern von allem. Das habe ich schon lange vor Social Distancing praktiziert. Ich lese in der Stille der Natur. So etwas Wertvolles haben wir in unserer Gesellschaft meist verloren. Aber Lesen befreit den Geist, es führt uns an andere Orte, läßt uns eigene Narrative finden. Wenn man auf einen Bildschirm schaut, ist man nur Empfänger.

Bei aller Kontemplation sind Sie ein politscher Zeitgenosse und jetzt voller Jubel.

Ich bin mein Leben lang ein links orientierter Demokrat, ich glaube an Bildung, an Frauenrechte, Multikulturalismus und Umweltschutz. Und im Moment bin ich enthusiastisch und glücklich über alles, was gerade geschieht. Es ist jetzt gerade mal eine Woche, und schon jetzt scheint die Nation von dieser großen Bürde befreit zu sein. Ich wünschte, ich könnte runtergehen in meine Bar und sehen, ob jeder pfeift und singt wie im Musical. Leider herrscht Lockdown.

Was müßte Biden tun, um die Nation zu einen, das ist ja sein Programm, und der Sturm aufs Kapitol ließ ahnen, wie gespalten das Land ist.

Die Regierung muß Arbeitsplätze schaffen, sagen wir grüne Industrie-Unternehmen. So könnte man Umweltschäden heilen und zugleich Jobs schaffen. Es ist eine Übergangsperiode, und ich verstehe, wie schwierig das für Leute der Arbeiterklasse ist. Nebenbei gesagt, komme ich selbst aus der Arbeiterschicht und bin der erste meiner Familie, der auf ein College ging. Ich habe viele Freunde aus der Arbeiterklasse in den Bergen der Sierra Nevada. Ich mag sie sehr, aber sie unterstützen diese rechte Politik und Trump. Sie reisen nicht, sie kennen niemanden aus einem anderen Land, sie lesen nicht, sie bekommen ihre Nachrichten von Fox News und Hass-Radiosendern und glauben wirklich, die Wahl sei gestohlen worden. Wie halte ich das aus? Wir reden nicht über Politik und haben uns, wegen Covid, auch länger nicht gesehen. Wenn ich wieder hinfahre, sind wir freundlich zueinander, essen zusammen zu Abend, gehen in den Wald, was auch immer Menschen tun, nachdem dieses Reizthema, dieser Krebs namens Trump vorbei ist. Wenn man das Gift aus der Wunde zieht, hat sie eine Chance zu heilen. In dieser Lage befinden wir uns gerade.

Bidens erste Amtshandlung war die Unterzeichnung des Pariser Kilma-Abkommens. Die Umwelt, die Beziehung von Mensch und Tier ist seit über 40 Jahren Ihr Thema. Was fasziniert Sie daran so?

Wir suchen uns unsere Themen ja nicht aus. Wir beginnen als Künstler, und dann entwickeln sie sich. Als Junge wurde ich katholisch erzogen, bis ich etwa 12 war. Dann ging ich zu meiner Mutter und sagte, das alles ergibt überhaupt keinen Sinn. In der Schule habe ich Geowissenschaft, an das Religöse kann ich einfach nicht mehr glauben. Und sie sagte: Das ist Deine Entscheidung. Das war das Ende meiner religiösen Erziehung. Und das brachte mich dazu, Biologie und Evolution zu studieren. Es gibt keine befriedigende Lösung des Rätsels menschlicher Existenz. Seitdem habe ich die Natur beobachtet und die Art, wie unsere Spezies die Natur bewohnt. Wir geben vor, über der Natur zu stehen, vor allem die Kirche sagt uns das, aber das ist nicht der Fall.

"Sprich mit mir", Ihr neuer Roman, erzählt eine Liebesgeschichte, aber auch von Forschungen an Menschenaffen und ihrer Mißhandlung. Was war für Sie der Anlaß, sich jetzt damit zu beschäftigen?

Das Cover von Boyles neuem Roman "Sprich mit mir"

Ich war von Anfang an besessen von diesem Thema. Als Student im Schriftsteller Wokshop in Iowa, als Doktorand der Literaturwissenschaft, entdeckte ich in den 70ern, wie Forscher versuchten, mit Menschenaffen in unserer Sprache zu kommunizieren. Das faszinierte mich. Ich recherchierte und schrieb eine Story, "The Descent of Men", die eine romantische Dreiecksbeziehung enthält. Der erste Satz lautet: "Ich lebte mit einer Frau, die plötzlich stank". Warum stinkt sie? Weil sie engeren Kontakt mit einem brillanten jungen Schimpansen namens Conrad hat, benannt nach Konrad Lorenz. Und jetzt, all die Jahre danach, kam ich darauf zurück und sah mir die Studien der 70er-, 80er-Jahre an, als die Erforschung der Sprache von Menschenaffen auf ihrem Höhepunkt war.

Können Schimpansen sprechen? Kennen sie Wörter? Haben Sie ein Bewußtsein? Welche Antworten fanden Sie bei Ihrer Recherche?

Ein Schimpanse hat in etwa die Intelligenz eines dreieinhalbjährigen Kindes. Sie benützen eine Zeichensprache, können unsere Sprache lernen, an Computern arbeiten usw.. Der springende Punkt ist, wir hoffen, mit ihnen kommunizieren zu können und etwas über das Rätsel der Welt zu erfahren; etwas, das ihre Spezies weiß und wir nicht. Das kann aber nicht geschehen, wenn wir die Welt beherrschen, Schimpansen fangen und die Umwelt zerstören.

Sie erzählen im Roman von Grausamkeiten des Menschen gegen Menschenaffen, von Käfigen und Qualen. Diese Grausamkeit scheint offensichtlich ein Symbol dafür, wie wir mit Kreaturen, mit der Natur, der Umwelt im Allgemeinen umgehen. 

Ja. Es gibt 7,5 Millarden von uns, und das menschliche Elend ist grenzenlos. Und denoch scheinen mir auch Tierversuche wie von Claude Bernard, außerordentlich grausam und blind. Der französische Pharmazeut hatte kein Gespür dafür, dass Tiere Schmerz empfinden können. Einmal ließ er einen lebenden Hund, den er für anatomische Studien geöffnet hatte, über Nacht aufgespannt auf dem Tisch liegen, damit er am Morgen nicht noch ein Exemplar präparieren müsste. Was mit diesen Versuchstieren geschah, berührt mich tief. Ein Schimpanse ist weitaus stärker als ein Mensch. Als Erwachsene, sind sie nicht mehr zu steuern. Was macht man mit so einem Tier, das eine Lebenserwartung von 50 Jahren hat und uns mit vier, fünf Jahren nicht mehr nützlich ist? Man steckt es in einen Käfig und benutzt es für medizinische Experimente.

"Sprich mit mir" ist eine Dreiecksgeschichte, eine Liebesgeschichte, ein Liebesdrama. Warum schrieben Sie eine Liebesgeschichte, keinen Thriller über die kriminellen Forscher?

Die kriminellen Forscher erheben im Roman ihre häßlichen Häupter, und es gibt einen Schurken, den Züchter der Schimpansen. Ich weiß nicht, ob ich diese Frage beantworten kann. Jede Geschichte ist anders. Vielleicht denke ich jetzt an meine erste Story, "The Descent of Man". Jeder, der hier zuhört und ein Haustier hat, Hund, Katze, Wellensittich, Pferd oder Ziege, weiß, wie tief wir sie lieben können. Und sie können uns lieben, und wir kommunizieren mit ihnen, auch wenn sie nicht unsere Sprache sprechen.

Und Sie haben eine Katze und einen Hund.

Und seit kurzem noch ein weiteres unartikuliertes Wesen, das da herumrennt: meinen Enkel, der mit eineinhalb gerade zu sprechen beginnt. Ich bin also reich an unartikulierten Wesen in meinem Haus und auch an Liebe. Ich denke, deshalb habe ich diese Liebesgeschichte entworfen, denn wir können für Wesen einer anderen Art eine große Liebe entwickeln und sie für uns. Und das hat nichts zu tun mit gesprochener Sprache.

Lesung und Gespräch mit Bestsellerautor T.C. Boyle:

Laura Maire und Thomas Loibl lesen aus dem eben erst bei Hanser erschienenen Roman "Sprich mit mir" von T. C. Boyle. Boyle selbst, zugeschaltet aus Kalifornien, erzählt von seinem neuen Buch und seiner Sicht auf Tier und Umwelt.

T.C. Boyle: "Sprich mit mir", erschienen bei Hanser, Übersetzung: Dirk van Gunsteren