Geheimsprache Rotwelsch Ein Mann erforscht, wie die Unterwelt spricht

Eine Sprache, in der Halunken ihre Absprachen treffen: Das ängstigt die Bürger und fasziniert den Forscher. Harvard-Professor Martin Puchner hat das "Rotwelsch" ergründet – und ist auf das Geheimnis seiner Familie gestoßen.

Von: Hendrik Heinze

Stand: 23.11.2021 | Archiv

Die "Lingua Franca der Unterwelt" kam immer auch in halbseidenen und zweideutigen Zusammenhängen zum Einsatz | Bild: picture alliance/United Archives/IFTN

Man nannte sie Vagabunden, Ausgestoßene, fahrendes Volk. Sie hinterließen geheime Zeichen, um anzuzeigen, wo man willkommen war und wo nicht. Sie benutzten einen geheimen Code, um auf der Straße zu überleben: Rotwelsch. Martin Puchner wollte schon als Kind in Franken alles über diese Sprache wissen. Heute ist er Professor in Harvard und vom Rotwelsch nicht weniger fasziniert als damals. In seinem Buch "Die Sprache der Vagabunden" erzählt er nun die Geschichte der Geheimsprache Rotwelsch und die Geschichte einer bayerischen Familie – und natürlich, wie beides zusammenhängt.

Hendrik Heinze: Der Rotwelsch-Forscher Günter Puchner schreibt: "Rotwelsch, die deutsche Gaunersprache, ist die Geheimsprache der Fahrenden: Komödianten, Gaukler, Messerschlucker, Seiltänzer, Bärentreiber, Quacksalber, Raritätenhändler, Kesselflicker, Scherenschleifer, stellungslose Kleriker." Es wird also sehr deutlich: Rotwelsch ist eine Sprache der Straße, eine lingua franca der Unterwelt. Was können Sie uns zu dieser Sprache noch erzählen?

Martin Puchner: Das ist eine wunderbare Passage. Mein Onkel Günter Puchner spricht da mit Liebe und Witz über diese Sprechenden des Rotwelsch. Das finde ich sehr schön. Ja, Linguisten würden die Sprache als einen Soziolekt bezeichnen, weil sie keine eigene, eigenständige Grammatik besitzt. Die Grammatik kommt aus dem Deutschen. Die Begriffe aber kommen aus einem viel größeren Sprachraum: aus dem Deutschen, aber auch aus dem Jiddischen, Hebräischen, dem Romani, dem Tschechischen und aus anderen Sprachen.

Das Rotwelsch hat sich Begriffe aus allen Sprachen genommen, mit denen es in Berührung kam – und hat sie dann verdreht. Die Bedeutungen der Begriffe haben sich verändert, so dass es eben für den normalen Deutschsprecher oder Jiddischsprecher oder sogar Hebräischsprecher nicht mehr verständlich war. Das ist es, was meinen Onkel auch so fasziniert hat: Dass es eine Geheimsprache war, aber natürlich nur für die Außenstehenden, die normalen deutschen Bürger sozusagen. Für die Sprecher dieser Sprache war es natürlich keine Geheimsprache. Es war eine lingua franca.

"Duftmann ätscht sein’ blohen Hut / wieder flügeln durch die Püffe / zuckre, duftbegneißte Müffe / seichten baumbeölt die Glut." Mörikes "Frühling lässt sein blaues Band" auf Rotwelsch – für uns Deutschmuttersprachler klingt das ja, als würden wir da veräppelt oder als würde da etwas gerade außerhalb unserer Nachvollziehbarkeit kommuniziert werden. Knifflig, oder?

Ja. Eine knifflige, eine verwirrende, aber auch eine witzige Sprache. Witzig nicht nur im Sinne von lustig, sondern eben auch: mit Witz, mit Wissen. Sie ist sehr erdig, sehr konkret. Ich habe immer das Gefühl, da wird sich lustig gemacht über irgendwelche Abstraktionen und sonstige Illusionen der Seßhaften.

Rotwelsch, eine Geheimsprache, eine Gaunersprache – Begriffe, die man natürlich mit Vorsicht verwenden muss, weil man damit auch etwas über die Sprechenden zum Ausdruck bringt. Diese Sprache wird aber nicht nur gesprochen. Ganz eng mit ihr verbunden sind Zeichnungen, "Zinken". Was ist das denn bitte?

"Fromm tun lohnt sich" - klassische Zinken, hier zusammengefasst im Schaubild der Wikipedia

Der Begriff kommt aus dem Lateinischen: "Signum", Zeichen – das sind eben diese Runen, die die Fahrenden füreinander hinterlassen haben, um diese schwierige, gefahrvolle Welt der Straße ein bisschen navigierbar zu machen. Zum Beispiel wird da gewarnt vor aggressiven Polizisten, dann wird sich auch verständigt darüber, wo man an Brot kommt oder an etwas zu essen. Mir gefällt besonders ein Zinken: Einfach ein Kreuz. Da wird mitgeteilt, dass man ganz fromm tun muss, um etwas Geld zu bekommen oder Brot.

Nun sprechen wir beide hier über eine Sprache der Unterwelt, der Straße. Sie sind Harvard-Professor. Die Beschäftigung mit so einer Sprache ist erstmal einigermaßen unwahrscheinlich für jemanden wie Sie – aber auch nicht ganz zufällig. Eine deutsche Zeitung hat über sie und das Rotwelsch berichtet, unter der Überschrift "Das Erbe". Wie haben Sie denn zum Thema gefunden eigentlich? Oder: Das Thema zu Ihnen?

Ja, das war wirklich ein Erbe, dessen volles Ausmaß mir erst so langsam bewusst wurde. Meine Beschäftigung mit Rotwelsch hat tatsächlich schon in meiner Kindheit angefangen, und zwar wegen besagtem Onkel Günter Puchner. Er war ein Schriftsteller, der diese Sprache für sich entdeckt hatte und sich dann im Grunde sein Leben lang mit dieser Sprache beschäftigt hat, ein Archiv dieser Sprache zusammengestellt hat, Texte in diese Sprache übersetzt hat und Begriffe aus dieser Sprache in seine eigene Dichtung hat einwandern lassen – und der mir, als ich ein Kind war, von dieser Sprache erzählt hat, mir Begriffe und Ausdrücke beigebracht hat.

Dann ist er aber sehr früh an einem Gehirnschlag gestorben, als ich Teenager war. Da ist diese Beschäftigung mit Rotwelsch in den Hintergrund getreten – bis ich ein paar Jahre später als Student in der Harvard-Bibliothek geguckt habe, was die denn zu dem Thema haben und besonders, ob sie die Bücher meines Onkels haben. Hatten Sie. Ja, und dann wollte ich noch weiter buddeln, ob die auch Bücher meines Großvaters haben, Namenshistoriker, Archivar. Die habe ich dann auch gefunden, bin da aber auf einen ganz schockierenden Artikel aus dem Jahr 1934 gestoßen, "Familiennamen als Rassemerkmal", in dem mein Großvater ganz wüst antisemitisch über Juden und deren Sprache herzieht. Im Zuge dieser Tirade spricht er auch über das Rotwelsch und bezeichnet das als die schlimmste Verunreinigung des Deutschen.

Dieser Artikel hat mich natürlich doppelt geschockt. Erstmal, weil ich nichts über die antisemitische Vergangenheit meines Großvaters wusste. Aber dann noch mal besonders dieser Hass auf das Rotwelsch, von dem ich ja immer dachte, dass das so eine Art Familienpassion ist, besonders meines Onkels, aber auch meines Vaters. Das war zu einer Familiengeheimsprache geworden, lustig, interessant, witzig – und plötzlich hatte es diese dunkle Geschichte.

Die Geschichte einer Familie in Nürnberg und München. Der Großvater ein Rotwelsch-Hasser, der Sohn ein Rotwelsch-Besessener und der Enkel, damit sind Sie gemeint, ein ins Rotwelsch Verliebter? Sie haben ihr Buch, "Die Sprache der Vagabunden", in einem sehr zugewandten Stil verfasst, sowohl ihrem Publikum gegenüber als auch ihrem Gegenstand. Wenn in den vergangenen Jahrhunderten von Rotwelsch die Rede war, dann konnte man immer die Ablehnung spüren, mit der dieser "Gaunersprache" begegnet wurde. Das ist bei Ihnen anders. Sind Sie verliebt?

Ein Stück weit bestimmt. Als mein Buch auf Englisch rauskam, hat die Rezensentin der New York Times mir das auch so ein bisschen vorgeworfen, dass ich in diese Sprache verliebt bin, sie romantisiere oder das Leben dieser Fahrenden romantisiere. Das ist sicher ein Stück weit so richtig. Sonst hätte ich auch dieses Buch nicht geschrieben. Wobei ich schon versucht habe, auch die Härte dieses Lebens auf der Straße zu bedenken. Das merkt man auch in der Sprache selber, die viele Begriffe hat für Polizei, verhaftet werden. Man merkt, wie hart dieses Leben ist. Das hat dazu beigetragen, dass ich das jetzt nicht total romantisiere.

Dennoch gab es bei mir und auch bei meinem Onkel einen sehr starken Wiedergutmachungsgedanken: zu versuchen, dieser verfolgten Sprache ihren rechten Platz zuzuweisen. Den Witz, die Sprachgewalt festhalten, transportieren und einem Publikum vermitteln – das habe ich versucht.

Vielleicht finden wir beide noch einen guten Weg, diese Sprache ihres Herzens etwas anschaulicher zu machen. Was gibt's denn noch für schöne Begriffe?

Mir gefällt besonders eine Passage aus Shakespeares Romeo und Julia, die mein Onkel übersetzt hat: "Hippiger Romeo! ... O gable lau beim Bleck, dem Überbeuter." Also: "Lieber Romeo! ... O schwöre nicht beim Mond, dem Wandelbaren". Hippiger kommt vom hebräischen Wort für Liebe, "lieber Romeo" – und dann kommt eigentlich mein Lieblingswort: "Gable". Das kommt aus dem Deutschen, die Gabel, wird hier aber zum Verb. Es bedeutet aber nicht "mit einer Gabel essen" oder "aufgabeln", sondern es bedeutet "schwören". Denn wenn man beim Schwören die Hand hochhält, dann sieht es aus wie eine Gabel. "Bleck" finde ich auch schön, das kommmt von Blech, Jiddisch oder Deutsch, kann aber auch Blechmünze heißen – in diesem Fall eben die Blechmünze, die im Himmel hängt: der Mond. Dieser große romantische Mond wird plötzlich zu einer Blechmünze. Das gefällt mir.

Martin Puchner: "Die Sprache der Vagabunden. Eine Geschichte des Rotwelsch und das Geheimnis meiner Familie". Siedler Verlag, 24 Euro. Das Interview haben wir für unser Sprachmagazin Sozusagen! auf Bayern 2 geführt - hier der wöchentliche Podcast.