Pumuckl-Erfinderin Ellis Kaut zum 100. Geburtstag Was Kinder von Kobolden lernen können

Er brachte den Anarchismus ins Kinderzimmer: der Pumuckl. Seine Erfinderin Ellis Kaut wurde am 17. November 1920 in Stuttgart geboren. Sie war Schauspielerin und Bildhauerin, bekannt aber wurde sie als Autorin.

Von: Martin Zeyn

Stand: 16.11.2020 | Archiv

Ellis Kaut | Bild: picture-alliance/dpa

Einmal habe ich sie noch persönlich kennengelernt. 2009 hatte ich Elis Kaut für den 60. Geburtstag des Bayerischen Rundfunk als Zeitzeugin eingeladen, denn sie kannte den Sender seit seinen Anfängen. Eine überaus höfliche 89-Jährige, die wohl noch nicht ahnen konnte, dass ihr Ruhm eher noch anwachsen würde durch eine neue Fernsehserie und die überaus erfolgreichen Podcasts ihrer Hörspiele. Gemeinsam mit Willy Purucker erzählte sie im Studio von ihren Anfängen beim Rundfunk, übrigens immer, wenn sie direkt miteinander sprachen in einem sehr schönen Bayerisch – auch während des Kriegs hatte sie in Volksstücken für den Münchner Rundfunk kleine Rollen gesprochen, obwohl sie doch in Stuttgart geboren wurde – allerdings war sie schon im zweiten Lebensjahr nach München gekommen. Nach den Sprecherauftritten kam eine neue Aufgabe hinzu: Kaut betreute Sendungen für Kinder und schrieb selbst viele der Geschichten.

„Wenn man erst mal am Schreibtisch sitzt, dann geht es.“ Aber das sich dazu Aufraffen, das habe sie regelrecht gequält. Wegen dieser „Faulheit“ glaubte sie jahrelang, als Schriftstellerin ungeeignet zu sein. Ihre größte Erfindung machte sie 1962, den Pumuckl. Interessanterweise ein Klabautermann – nicht gerade eine urbayerische Figur. Doch ein Clash of Civilisations bleibt in der Werkstatt von Meister Eder aus, der den Meereskobold (fast immer) mit urbayerischer Geduld begegnet. Die Gründe für den Erfolg? Kaut sah ihn in der sanften Pädagogik: Nichts Schlimmes würde passieren, es ginge immer gut aus und lustig sei es auch noch. Da aber verkennt sie wohl das Potential ihres Helden. Denn der ist weniger pädagogisch vorbildlich, als seine Mama es sich wohl im Nachhinein gewünscht hat. Pumuckl ist ein Anarchist – wie die allermeisten Kinder, wenn es darum geht, die übermächtige elterliche Autorität zu unterwandern. Manchmal auch die des Sprachblockwarts, der in jedem von uns hockt: „Wir trinken Tee jetzt ohne Wasser, da wird’s im Bauch nicht gar so nasser.“

Kobolde als Freiheitskämpfer

Das ganze Potential der Figur habe ich aber erst bei einem anderen Gespräch erkannt. Die Büchnerpreisträgerin Felicitas Hoppe fragte bei einem Abendessen die Anwesenden, welche Lieblingsfigur man bei Astrid Lindgren habe. Ich antwortete: Meiner sei der weltbeste Karlsson vom Dach. Hoppe machte eine kurze Pause, bevor sie sagte, das sei ein Kobold, der in die Kinderwelt eindränge. Eine anarchistisch, manchmal gar destruktive Kraft, nicht zu bändigen, verbohrt, narzisstisch und schlicht hinreißend. Einer, der durch keine elterliche Pädagogik zu bändigen ist, ein Wesen, das eher mit der archaischen Geisterwelt als mit der Moderne in Verbindung zu stehen schien.
Kobolde sind die Kämpfer gegen eine reglementierte Welt, diese Erkenntnisse verdanke ich Felicitas Hoppe.

Jetzt ist mir klar: Ein äußerst naher Verwandter von Karlsson ist der Pumuckl. Vielleicht nicht ganz so skandinavisch-libertär, aber dafür mit urbayerischen Anarchismus versehen. Deswegen verzeiht Meister Eder auch seinem kleinen Revolutionär in der Werkstatt, der gerne das Oberste ins Unterste verkehrt. Er ist ein kleiner Anarchist, dessen Erfolge wie Scheitern jedes Kind gut kennt – bevor es sich wieder in die Arme von Mama und Papa kuschelt.