Neue Biographie Otfried Preußlers Wie "Krabat" half, ein Trauma zu bewältigen

Erst Krieg, dann Kriegsgefangenschaft: In seinem Buch "Kind einer schwierigen Zeit. Otfried Preußlers frühe Jahre" zeichnet der Literaturwissenschaftler Carsten Gansel nach, wie diese Erfahrungen den berühmten Kinderbuch-Autor prägten.

Von: Niels Beintker

Stand: 11.05.2022

Otfried Preußler in den frühen 90er-Jahren | Bild: SWR

Otfried Preußler, geboren 1923 im tschechischen Reichenberg/Liberec – gestorben 2013 in Prien am Chiemsee, hat sich mit vielen besonderen Figuren in die Literaturgeschichte eingeschrieben: die kleine Hexe und ihr treuer Rabe Abraxas, das kleine Gespenst, Krabat, der Junge, der einen fatalen Pakt mit einem Zauberer eingeht. Und so viele mehr. Als Schüler schrieb Otfried Preußler die ersten literarischen Texte – Gedichte und eine Erzählung, die sogar als Buch veröffentlicht wurde. Im Frühjahr 1942, eine Woche nach dem Abitur, wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, 1944 geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und war bis 1949 interniert, in den Lagern in Jelabuga und in Kasan. Die frühen Jahre in der Biographie Otfried Preußlers erkundet der Literaturwissenschaftler Carsten Gansel – Professor an der Universität Gießen – auf Grundlage vieler neu entdeckter Materialien, darunter aus russischen Archiven.

Niels Beintker: Unter welchen Bedingungen war Otfried Preußler in der Sowjetunion inhaftiert?

Carsten Gansel: Das ist eine Frage, die bislang nur andeutungsweise bekannt war.

Sie sind der Erste, der diese Akten auch eingehend lesen und auswerten konnte.

Genau. Die Akte, die für jeden Kriegsgefangenen angelegt wurde, die alles verzeichnet auf zwei Seiten, dann kommen noch zwei Seiten dazu - die also sämtliche Fakten erst einmal benennt. Jeder deutsche Kriegsgefangene oder japanische oder rumänische, der in ein Kriegsgefangenenlager kam, für den wurde eine solche Akte angelegt. Da ist weitgehend nichts verschwunden. Und Otfried Preußler war in der Tat in zwei Lagern. Nachdem er in Gefangenschaft geriet, an der sogenannten rumänischen Front, kommt er, wie andere auch, nach Jelabuga. Er ist in diesem Zeitraum abgemagert wie viele andere, er wiegt noch 46 Kilo. Und er hat die Ruhr. Er kommt also in dieses Lager. Und mit letzter Kraft, nach einigen Tagen, in denen er merkt, dass es nicht mehr weitergeht, schleppt er sich ins Lazarett. Er wird dort von den diensthabenden deutschen Kriegsgefangenen, die bestimmte Funktionen haben, abgewiesen. Er schafft es dann doch noch hineinzukommen und trifft auf eine russische Ärztin. Und man kann vielleicht sagen: Sie rettet ihm das Leben, weil sie ihn aufnimmt und weil er dann die nächsten Wochen dort übersteht.

Weil sie darüber hinaus auch Sorge für ihn trägt, wie Sie zeigen.

Ja. Das schreibe ich nicht, aber ich deute den Fakt an: Ihr Sohn ist an der rumänischen Front, genauso alt wie Preußler. Er ist ein Jahr zuvor dort gefallen. Insofern ist das schon eine besondere Situation. Otfried Preußler durchläuft dann verschiedene Stationen in diesem Lager. Ich bin 2020 und 2021 dort gewesen. Das ist immer noch ein Ausbildungslager. Und ich konnte mir dort die Räumlichkeiten anschauen. Da hat sich nicht viel verändert. Natürlich ist alles rekonstruiert. Aber all das, wovon Otfried Preußler später spricht, in seinen "Verlorenen Jahren", das kann man dort noch finden.

Otfried Preußler beim letzten Urlaub im Reichenberg, 1944

Wenn man versuchen würde, Otfried Preußlers Gefangenschaft auf den Punkt zu bringen, muss man sagen: Das ist ein junger Mann – so wird er von anderen dargestellt und so lese ich auch die Texte. Es sind Briefe von Mitgefangenen wie Hans Zinsmeister, ein späterer Freund, den er 1947 in Kasan kennenlernt. Der hat eine hohe Autorität. Er ist Gymnasiallehrer, deutlich älter, und er schätzt ein, wie dieser Otfried Preußler in diesen schwierigen Jahren den anderen Mut gemacht hat. Er sagt: "Ohne je zu erlahmen und unter schwersten Bedingungen hat er dann zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Theatergruppe aus jungen Leuten aufgebaut." Und die haben dort, sagt Zinsmeister, gediegene Theateraufführungen realisieren können. Da sind wir jetzt schon im Jahr 47, 48.

Und wir sind in Kasan, in dem Lager, in dem er sehr lange war, das "Silikat-Lager".

Genau. Es spielen bestimmte Dinge zusammen, wenn man eine solche Biografie versucht zu schreiben und in Archiven unterwegs ist. Das ja in diesem Sinn wirklich Fantastische besteht darin, dass man Texte über Otfried Preußler – aus dem Archiv, andere Briefe – zu lesen bekommt. Dann hat man die Theater-Stücke, die er geschrieben hat, das eine Stück vor allen Dingen. Und plötzlich, 2021, findet man 100 Seiten im Archiv, in denen genau darüber berichtet wird, wovon Otfried Preußler später auch in den "Verlorenen Jahren" erzählt.

Kurz erklärt: das ist das Manuskript zu seiner Autobiografie, an der er Ende der 90er Jahre gearbeitet hat. Frank Schirrmacher wollte das in der FAZ veröffentlichen. Dazu ist es dann nicht gekommen. Preußler hat die Arbeit am Text dann auch abgebrochen. Aber das ist ja auch ein wichtiger Text, auf den Sie immer wieder Bezug nehmen in Ihrer Biografie der frühen Jahre Otfried Preußlers.

Genau. Der Text "Verlorene Jahre?" ist schon sehr weit gediehen. Aber er hat dann, zu einem bestimmten Zeitpunkt, diesen Text nicht mehr ganz zu Ende gebracht. Warum? Das wäre noch zu besprechen. In der Gefangenschaft schreibt er diese Texte. Lyrik, einmal wieder. Und dann diese Stücke. Beide habe ich in Archiven gefunden. Man kann das alles gegenspiegeln. Durch die unterschiedlichen Akten taucht plötzlich Otfried Preußler auf. Es findet sich auch ein Foto.

Das taucht plötzlich in diesen Berichten auf, die Kriegsgefangene geschrieben haben, nachdem ihnen bekannt war, dass sie 1949 wohl entlassen werden. Die Sowjetunion hat solche Berichte in Auftrag gegeben, in allen Kriegsgefangenenlagern. Ich habe die Möglichkeit gehabt, diese 100 Seiten zu lesen, zu Kasan sind und zum "Lager 119", in dem Otfried Preußler gesessen hat. Man kann gut analysieren, weil die Materialien sich mosaikartig zusammensetzen. Man kann pro und contra gegeneinander halten kann.

1949 wurde Otfried Preußler aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Die Welt der Kindheit und der Jugend war verloren durch die Vertreibung seiner Familie aus Reichenberg/Liberec. Otfried Preußler kam dann nach Bayern, lebte zunächst in der Nähe von Rosenheim, schrieb literarische Texte, wurde dann Lehrer und entschied sich schließlich, für Kinder und Jugendliche zu schreiben. Die Veröffentlichung des "Kleinen Wassermanns" 1956 markiert für ihn den Durchbruch. Frühzeitig beschäftigte ihn der Stoff, den er in einem seiner ganz berühmten Romane – "Krabat" – aufgriff. Inwiefern ist dieses Buch oder wird dieses Buch dann auch eine Form der Bewältigung des Erlebten?

Annelies und Otfried Preußler kurz vor der Hochzeit, 1949

Eine Frage, die man nun, nachdem die verschiedenen Stufen rekonstruiert werden konnten, genauer oder zumindest detaillierter beantworten kann. Es ist ja immer schon davon die Rede gewesen – das ist insofern nicht neu – der "Krabat" sei Otfried Preußlers Auseinandersetzung mit dem "Dritten Reich", mit Machtmissbrauch, mit der Tatsache, dass junge Leute in Abhängigkeit gebracht werden, dass Personen verschwinden, sterben. Der Text steht selbstverständlich auch für sich. Er ist im besten Sinn polyvalent. Aber nun, wenn man die anderen Schritte davor rekonstruieren kann, merkt man, dass dieser Text in der Tat das ist, was man eine Traumabewältigung nennt. Otfried Preußler hat lange daran gearbeitet. Erste Stufen gehen schon an den Anfang der 50er Jahre. Aber so richtig ernsthaft beginnt er dann mit dem Schreiben am "Krabat" erst Ende der 50er. Es gibt Vorstufen.

Und das Buch erst 1971 erschienen.

Genau. So ab Ende der 50er, 60er Jahre kann man den Prozess auch verfolgen. Es gibt einen Briefwechsel mit dem Thienemann Verlag, mit der Verlegerin Lotte Weitbrecht. Sie ist nach den beiden Erfolgen – "Der kleine Wassermann" und "Die kleine Hexe" – von diesem Autor fasziniert und weiß, was für einen Edelstein sie da gewissermaßen in ihren Verlag geholt hat. Und sie motiviert ihn: "Ja, das ist eine tolle Geschichte, schreiben Sie, schreiben Sie!" Und Otfried Preußler versucht es, unterbricht immer wieder.

Man kann also durchaus auch an den verschiedenen Stufen belegen, dass diese Auseinandersetzung mit dem "Krabat"-Roman ihn wieder dazu führt, dass der Krieg, die Kriegsgefangenschaft, die vielen Toten, die er sehen musste – dass all das wieder lebendig vor seinen Augen steht. Und später, da sind wir schon Anfang der 80er Jahre, da wird es einen Text von ihm geben, der ungefähr so heißt: "Haltet mir einen Platz frei in eurer Nähe." Das sind Erinnerungstexte, die noch einmal mal konkreter auf all das das zurückschauen – Krieg, Gefangenschaft, Tod, "Drittes Reich". Vorher hat er das in dieser Weise nicht getan. Der "Krabat" ist eine poetische, könnte man sagen, Auseinandersetzung mit dem, was Otfried Preußler Generationen bewegt hat und widerfahren ist. Und wie sie sich sukzessive aus diesen Fesseln auch befreit hat.

Carsten Gansels Buch "Kind einer schwierigen Zeit. Otfried Preußlers frühe Jahre" ist im Galiani-Verlag erschienen. Sein erstes Otfried-Preußler-Buch bekam Carsten Gansel übrigens als Kind in der DDR. Im Westpaket – mit der bekannten Aufschrift "Geschenksendung, keine Handelsware" – lag ein Exemplar des "Kleinen Wassermanns".

Das Gespräch lief am 15. April 2022 im Büchermagazin Diwan. Den Podcast zur Sendung können Sie hier abonnieren.