Fotograf Lois Hechenblaikner "Die Karteikarten waren so etwas wie ein emotionaler Blitzableiter"

Bekannt ist Lois Hechenblaikner für seine Fotos aus der Après-Ski-Hölle in Ischgl. Nun hat er sich einem anderen Tourismus zugewandt: Dem 1989 abgebrannten Schweizer Grand Hotel Waldhaus, von dessen Geschichte eine Sammlung von Karteikarten erzählt. Am 10.6. stellt Capriccio den Band vor.

Von: Barbara Knopf

Stand: 10.06.2021

Das abgebrannte Grandhotel Waldhaus in der Schweiz | Bild: picture alliance/KEYSTONE | ARNO BALZARINI

Als das Reisen noch kein Massentourismus war, sondern mondän genannt werden konnte, war das Grand Hotel Waldhaus im schweizerischen Vulpera eine der ersten Adressen des europäischen Bädertourismus. Burgartig lag es in den Wäldern des Unterengadin, am Inn-Ufer lagen die Trinkhallen für das heilende Wasser, dessen Bekömmlichkeit jene genossen, die das Geld für all diesen Komfort hatten: Großfinanziers, Industrielle, Sänger wie Richard Tauber oder Künstler wie der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt.

1989 brannte das Grand Hotel Waldhaus in Vulpera ab. Brandstiftung, die Gründe konnten nie geklärt werden. Was aber übrig blieb - da ausgelagert aufbewahrt - war eine Gästekartei. Auf 20 000 Karten aus den Jahren zwischen 1921 und 1960 sind Bemerkungen notiert, die den Gast charakterisierten. Nicht immer gnädig. Diese faszinierende Gästekartei hat nun der österreichische Fotograf Lois Hechenblaikner in einem fast 400-seitigen Buchband veröffentlicht.

Barbara Knopf: Herr Hechenblaikner, Ihr letztes Buch war ganz anders, da haben Sie entlarvende Fotografien über die Abgründe des Skitourismus in Ischgl gemacht. Das Projekt über die Gästekartei des Grandhotel Waldhaus war Ihnen nun ein Herzensanliegen, nachdem Sie ein paar Karteikarten in einer Ausstellung entdeckt hatten. Was hat Sie daran so fasziniert? 

Lois Hechenblaikner: Ich bin ja allumfassend am Thema Tourismus in den Alpen interessiert. Nicht nur das fotografische Bild, sondern generell: Wie begegnen sich Menschen?  Tourismus ist auch eine Begegnungskultur. Vor genau zehn Jahren bin ich mit meiner Frau ins Engadin gefahren, nach Sankt Moritz, weil ich dort eine Fotoausstellung hatte. Ich besuche immer gerne Hotels, diese alten Grand Hotels in der Schweiz faszinieren mich. Und als ich so einen Spaziergang durch dieses Hotel Schweizer Hof machte, habe ich eine kleine Ausstellung in den Gängen entdeckt: Tourismusgeschichte 19./ 20. Jahrhundert. Und in einer Glasvitrine waren 18 Karteikarten ausgestellt. Als ich den Inhalt dieser Karteikarten gelesen hat, hat es mich förmlich elektrisiert. Ich dachte sofort, wenn es da mehr davon gäbe, das wäre doch ein einmaliges Buch, das entstehen könnte! Auf den Karteikarten wurde festgehalten, was man von den Gästen gehalten hat, was für Beobachtungen man gemacht hat, da waren zum Teil ganz, ganz scharfe Bemerkungen dabei – wie ein Drehbuch schlechthin. Auf einer Karte stand: "Schießt den Vogel aller Juden ab". Wenige Tage später hat ein Gast das auch gesehen und eine Anzeige bei der jüdischen Kultusgemeinschaft in Zürich gemacht. Die Ausstellung musste abgebaut werden. Den Besitzer dieser Karteikarten, Rolf Zollinger, hat man verdächtigt, Antisemit zu sein, was überhaupt nicht stimmt. Er war zutiefst verletzt, und ich bin fast fünf Jahre lang nicht an ihn rangekommen. 

Rolf Zollinger war der letzte Geschäftsführer des Grand Hotel Waldhaus, der diese Karten aufbewahrt und auch gerettet hat: Wegen dieses Vorwurfes des Antisemitismus kam das Projekt auch ein bisschen schwer in Gang. Wenn man jetzt aber diesem Buch folgt, dann hat es eine bestimmte Dramaturgie, es beginnt zunächst gar nicht mit antisemitischen Bemerkungen, sondern sehr amüsant. Man wird wirklich zum Voyeur. Da steht zum Beispiel:  Eine Dame "hat einen kleinen oiseau", als einen kleinen Vogel. Oder "nette alte Damen mit viel Geld, für die Musik geben sie lieber aus als für das Hotel". Auch der Garagenmeister, der den Wagen von einem Gast demoliert hat, ist verzeichnet. Ich finde, da entsteht mit anderen Mitteln als denen des Fotografen, der Sie ja sind, ein Bild, ein Psychogramm aus wenigen Worten!

Genau! Erstens ist ein Hotel eine Form der Verdichtung von Menschen und Allzumenschlichem! Das ist ein 5 Sterne Hotel gewesen, Hans Magnus Enzensberger nannte das Grand Hotel das "Schloss des Großbürgertums". Aber das Personal entstammte nie der sozialen Schicht der Gäste. Dort waren 300 Gäste und die hatten 300 Angestellte. Das heißt, der Gast ist immer unter Beobachtung. Und die Gäste waren oft mehrere Wochen dort, teilweise vier Wochen. Je länger der Gast da ist, um so präziser kann ich ihn beobachten. 

Das Hotelpersonal konnte seinen Frust auch in diese Sätze gießen -das kulminierte dann in die größtmögliche Strafaktion, die auch Ihrem Buch den Titel gegeben hat: "Keine Ostergrüsse mehr!"

 "Keine Ostergrüsse mehr!", das war sozusagen die maximale Form des Liebesentzugs gegenüber dem Gast. Letztendlich ist ein Hotelaufenthalt ein Geschäftsverhältnis. Der Gast zahlt und bekommt dafür einen gewissen Komfort, Essen auf einem gewissen Niveau und in einer gewissen Liga. Aber es ist immer eine ganz enge, intime, sehr persönliche Begegnung. Da können natürlich auch ganz schlimme Verletzlichkeiten passieren. Ein positives Beispiel: Robert Bosch. Da hatten sie dazugeschrieben "Zündkerzen-Bosch". Robert Bosch ist allgemein bekannt gewesen als Menschenfreund. Den haben sie sehr positiv beschrieben und ich schätze mal, Robert Bosch hatte einen respektvollen Umgang mit dem Personal. Wenn jemand diese menschliche Art, das Verständnis hat, auch den einfachen Arbeiter zu wertschätzen, dann findet das auch im Personal seinen Widerhall. Es gab aber auch total Abgründiges. Diese Karteikarten waren so etwas wie ein emotionaler Blitzableiter, das ist ganz deutlich herauszulesen. Ein Hotel ist ein Soziotop, so was Spannendes. Deswegen hat es auch sehr unterhaltsam angefangen, wo man sagen kann, das ist allzu menschlich. Aber dann geht's immer weiter rein in die Zeitgeschichte und es wird beklemmend, es wird zutiefst traurig. Man könnte weinen, was dort passiert ist, dass die Nationalsozialisten und die Juden im  gleichen Speisesaal gesessen sind - praktisch neben ihren Mördern. Das ist ja Wahnsinn. 

Dann wurde der Antisemitismus auch sehr stark spürbar. Ich finde, das ist auch der Moment, in dem sich die Lektüre verändert: in dem aus diesen einzelnen Porträts eine Art politisches Zeitpanorama mittels der Karteikarten entsteht. 

Wir haben Karten entdeckt, auf denen oben ein P verzeichnet war oder 2 P, 3 P -bis zu 7 Ps. Das war das Kürzel für "Palästina- Schweizer", das war der Code. Die mit einem P waren noch die netten Juden und je mehr P das hinaufgegangen ist, umso böser war angeblich der Jude. Man hat ganz schlimme Schimpfwörter gebraucht, Stinkjude und so weiter. Das war abgründig. Es war auch für uns erschütternd zu sehen, dass in der angeblich so neutralen Schweiz auch ein Antisemitismus geherrscht hat, mit schlimmstem Wortgebrauch. 

Wenn man sich die Situation vorstellt, dann saßen die jüdischen Gäste, die ja zum Teil ein paar Jahre vorher als "Glanzgäste" bezeichnet worden waren, neben bekennenden Judenhassern, die auch nach wie vor in dieses Hotel gereist sind. 

Genau, die Nationalsozialisten sind auch dort abgestiegen. Es haftet auch bis heute noch der Verdacht an, dass auch Adolf Hitler dort war. Es gibt ein Restaurant in Vulpera-Tarasp, wo eine Seite herausgerissen wurde, auf der sich angeblich Hitler eingetragen hat. Es waren Nazigrößen dort, das ist jetzt wahrscheinlich die Aufgabe von Wissenschaftlern, da nochmal weiter zu forschen und das auszuheben. Mit diesem Buch haben wir jetzt eine deutliche Spur gelegt, dass da noch mehr war, dass da ein ganz dunkler Teil der Zeitgeschichte auf einmal aufgetaucht ist mit Dokumenten, die man so niemals erwartet hätte. Auch, dass man jüdische Gäste als "Tiroler" bezeichnete - das ist was Einmaliges, das ist verrückt, was da passiert ist. 

Warum hat man das eigentlich gemacht? Da gab es ja auch so bizarre Steigerungsformen, "billiger Tiroler" oder "großer Tiroler".

Die Tiroler haben eine bewegte Vorgeschichte und waren immer auch ganz geschickte Viehhändler. Bis heute haftet ihnen das an. Bei uns in Tirol sagt man: Die Zillertaler sind Juden. Zillertaler sind extrem geschäftstüchtige Leute. Dass man sie mit dieser Bezeichnung gebrandmarkt hat, ist natürlich bezeichnend für eine deutlich antisemitische Grundhaltung. Und in der Schweiz hat man wahrscheinlich den Tiroler in seiner Fähigkeit zu handeln und zu feilschen, als Juden wahrgenommen. Es hat früher die alten Wanderhändler gegeben. Da werden sich mal Kulturhistoriker damit befassen müssen und ich hoffe, die Geschichtsschreibung in Tirol wird erweitert oder ergänzt, denn das hat man hier ja gar nicht gewusst! Durch den Fundus dieser Karteikarten wird auf einmal etwas sichtbar, das zutiefst menschlich abgründig ist.

"Keine Ostergrüsse mehr! Die geheime Gästekartei des Grand Hotel Waldhaus in Vulpera" von Lois Hechenblaikner im Verbund mit Andrea Kühbacher und Rolf Zolllinger ist in der Edition Patrik Frei erschienen und kostet 52 Euro.

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