Black Literature Matters Rassismus? Same same but different

Wer wissen will, wie sich der Rassismus in den USA verändert hat, der muss ihn durch die Augen der Betroffenen sehen. Am besten gelingt das mit den Büchern von James Baldwin, Toni Morrison und Teju Cole.

Von: Antonio Pellegrino

Stand: 13.06.2020

Der Schriftsteller James Baldwin sitzt an seiner Schreibmaschine | Bild: picture alliance/AP/Photo Pressenie

"Warum bleibt ihr Nigger nicht in Harlem, wo ihr hingehört?", schreit ein Polizist James Baldwin an, als der in Midtown Manhattan die Fith Avenue überqueren will. In seinem Essayband "The Fire Next Time" (deutsch "Nach der Flut das Feuer") schildert der Schriftsteller, wie er im Alter von zehn Jahren von zwei Polizisten misshandelt wurde: "Sie machten sich einen Spaß daraus, mich zu filzen und ulkige (und erschreckende) Spekulationen über meine Vorfahren und meine möglichen sexuellen Heldentaten anzustellen, und ließen mich dann noch rücklings in einer Baulücke in Harlem liegen".

Dieses Land feiert seine Freiheit zu früh

Im Erscheinungsjahr von Baldwins Aufzeichnungen 1963 feiert Amerika den einhundertsten Geburtstag der "Emancipation Proclamation", der Proklamation zur Abschaffung der Sklaverei. Der Schriftsteller reiht sich nicht in die Schar der Gratulanten ein. Im Gegenteil. "Dieses Land feiert hundert Jahre Freiheit hundert Jahre zu früh", lautet sein prophetisches Urteil. In seinem Essay zeigt er die unermessliche Aggressivität der weißen Macht: "Die Brutalität, mit der Schwarze in diesem Land behandelt werden, lässt sich gar nicht übertreiben, auch wenn die Weißen das noch so ungern hören." Baldwin selbst lebt ab 1948 im französischen Exil, weil er die rassistische Atmosphäre in New York nicht mehr erträgt.

In seinem erschütternden Roman "Beale Street Blues" (1974) erzählt James Baldwin eine Liebesgeschichte. Der 22-Jährige Fonny wird beschuldigt, eine Frau vergewaltigt zu haben. Obwohl er die Tat nicht begangen, sie womöglich gar nicht stattgefunden hat, landet er im Gefängnis - Fonnys Hautfarbe ist Beweis genug. Seine schwangere Freundin Tish und die Familien der beiden tun alles, um Fonny zu entlasten, kratzen Geld zusammen, machen sich auf die Suche nach dem angeblichen Opfer - und scheitern.

50.000 Menschen kommen zur Trauerfeier

Ein ähnlicher Fall mit ebenfalls fatalen Folgen hatte sich in den Fünfzigerjahren in Mississippi ereignet. 1955 wird im Tallahatchie-Fluss die verstümmelte Leiche von Emmett Till gefunden. Was war geschehen? In einem Laden soll Emmett der weißen Frau des Ladeninhabers hinterhergepfiffen und sie belästigt haben. Wenige Tage nach dem Vorfall entführen Roy Bryant und sein Halbbruder J.W. Milam den 14-jährigen schwarzen Jungen und foltern ihn zu Tode. Als Emmetts Leichnam in Chicago bestattet wird, nehmen 50.000 Menschen an der Trauerfeier teil. Die beiden Lynchmörder werden nach einem Prozess von nur fünf Tagen freigesprochen - von einer Jury, die ausschließlich aus weißen Männern besteht. Der Fall löst eine große landesweite Debatte über den Rassismus in den Südstaaten aus.

Nur wenige Monate später weigert sich die 42-jährige Näherin Rosa Parks in Montgomery, Alabama, ihren Sitzplatz im Bus zu räumen, um ihn einem Weißen zu überlassen. Sie wird von der Polizei direkt ins städtische Gefängnis gezerrt. Die schwarze Bürgerrechtsbewegung in Montgomery ruft zum Busboykott auf. Martin Luther King führt die große gewaltfreie Protestaktion an. "Die Welt stand auf, als Rosa Parks sitzen blieb", singen die Teilnehmer. James Baldwin, der mittlerweile in die USA zurückgekehrt ist, begleitet die wachsende Bürgerrechtsbewegung mit Reden und Schriften.

Afrikaner und deren Nachkommen haben keine Wahl

In ihrer klugen Essaysammlung "Die Herkunft der Anderen" schreibt Toni Morrison, die erste schwarze Nobelpreisträgerin für Literatur: "Nehmen wir eine Italienerin oder eine Russin, die in die Vereinigten Staaten einwandert. Sie behält ihre Muttersprache und die heimischen Sitten und Gebräuche. Aber wenn sie wirklich eine Amerikanerin sein - als solche erkannt werden und dazuzugehören - will, dann muss sie etwas werden, das es in ihrer Heimat so nicht gibt: Sie muss weiß werden. (…) Afrikaner und ihre Nachkommen hatten (…) diese Wahlmöglichkeit nicht."

Was sie hier als Analyse fasst, beschreibt Morrison bereits eindringlich in ihrem Roman "Sehr blaue Augen" (1970): Die elfjährige Pecola wünscht sich unbedingt blaue Augen. Die Lehrer würden sie anders behandeln, die Ladenbesitzer wären höflich und ihre Eltern könnten vor eben diesen blauen Augen "nichts Böses tun". Pecola träumt von einer Welt und einem Schönheitsideal, das sie nie erreichen kann, und das sie trotzdem gefangen hält.

In ihren Büchern habe Toni Morrison die fatalen Folgen "der Fetischisierung der Hautfarbe und ihre destruktive Kraft" zu zeigen versucht, sagt die Schriftstellerin. "Über Schwarze zu schreiben, ohne in die Falle des Kolorismus zu tappen, ist eine Aufgabe, die ich sowohl schwierig als auch befreiend gefunden habe", schreibt sie. Ihre Entscheidung für die Darstellung der Schwarzen nur ihre Kultur in den Mittelpunkt zu stellen und auf Hinweise auf die Hautfarbe zu verzichten, habe ihr "neue schriftstellerische Freiheiten" eröffnet, um gleichzeitig "dem billigen Rassismus die Zähne zu ziehen". Toni Morrison erhielt 2012 von Barack Obama die "Presidential Medal of Freedom".

Schwarz zu sein heißt, besondere Blicke auf sich zu ziehen

Auch der 44-jährige Schriftsteller Teju Cole beschäftigt sich mit dem erschreckenden amerikanischen Rassismus, der bei ihm nicht zuletzt zu einem Problem der Identität geworden ist. Julius, der Protagonist von Coles Roman "Open City" (2011), hat eine deutsche Mutter und einen nigerianischen Vater. Er arbeitet als Psychiater in New York, erfährt aufgrund seines Berufes gesellschaftliche Anerkennung. Dennoch kommt er nicht an: Mit der schwarzen Kultur kann er sich nicht identifizieren. Aber auch die weiße Hochkultur, deren Musik und Konzerte er liebt, bietet ihm keinen Schutz: "Wenn ich in der Pause in der Warteschlange vor der Toilette stehe, werde ich manchmal angesehen wie Ota Benga, der Mann vom kongolesischen Mbuti-Stamm, der 1906 im Affenhaus des Bronx Zoo zur Schau gestellt wurde."

"Fremder sein heißt, Blicke auf sich zu ziehen, doch schwarz zu sein heißt, besondere Blicke auf sich zu ziehen", heißt es in Teju Coles Essay "Schwarzer Körper". Cole schreibt diese Worte nach einem Besuch in Leukerbad, dem Schweizer Kurort, in dem James Baldwin seinen großen ersten Roman "Go tell it on the Mountain" beendet und seine dortigen Erfahrungen unter dem Titel "Fremder im Dorf" festgehalten hatte. Cole nimmt zu Baldwins harter Abrechnung mit Amerika Stellung und schreibt, dass sein eigenes Verhältnis zu den Vereinigten Staaten ein anderes sei. „Und doch verstehe ich, der ich fast ein halbes Jahrhundert nach Baldwin in den USA geboren wurde, was ihn bewegte, denn ich habe die gleiche schwelende Wut über Rassismus im Leib", resümiert er.

Ein Echo aus der Zeit der Sklaverei

Amerika muss sich aus dem Würgegriff des "Fetisch Farbe" befreien, so Toni Morrison, dem "Echo der Sklaverei". Denn die Wut über den Rassismus ist längst eine explosive Wut geworden. Und vor allem ist diese heute, anders als vielleicht noch zu Baldwins Zeiten, nicht mehr allein die Wut der unmittelbar Betroffenen.

James Baldwin: "Beale Street Blues", dtv 2018.
James Baldwin: "Nach der Flut das Feuer", dtv 2019.
Teju Cole: "Open City", Suhrkamp 2012.
Teju Cole: "Schwarze Körper" in: "Vertraute Dinge, fremde Dinge", Hanser Berlin 2016.
Toni Morrison: "Sehr blaue Augen", Rowohlt 1979.
Toni Morrison: "Die Herkunft der Anderen", Rowohlt 2018.