Irvin und Marilyn Yalom Wie weiterleben, wenn die große Liebe stirbt

Nachdem Marilyns Krebsbehandlungen erfolglos blieben, begann das Akademikerpaar, Gedanken zu den letzten gemeinsamen Monaten zu notieren. Als Marilyn verstarb, beendete ihr Mann Irvin D. Yalom, einer der angesehensten Psychotherapeuten Amerikas, das Buch. "Unzertrennlich" ist ein berührendes Alterswerk über das Geheimnis eines erfüllten Lebens und über den Tod ohne Angst.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 10.06.2021 | Archiv

Marilyn und Irvin Yalom haben zusammen ihr Buch "Unzertrennlich. Über den Tod und das Leben" verfasst. Als Marilyn verstarb, stellte ihr Mann, ein berühmter Psychotherapeut, das Buch fertig, erschienen bei btb. | Bild: ©Matthias Günter / Das Kollektiv GmbH

Es war ihr letzter Wunsch: ein gemeinsames Buch zu schreiben. Nun musste es Irvin D. Yalom allein beenden. "Unzertrennlich“ ist ein Buch "über den Tod und das Leben", verfasst von dem renommierten Psychotherapeuten und Autor Irvin D. Yalom zusammen mit seiner Frau, der Literaturwissenschaftlerin und Genderforscherin Marilyn. Nachdem die 87-Jährige vor zwei Jahren die Krebs-Diagnose bekommen hatte, begann das 65 Jahre lang verheiratete Paar damit, den tödlichen Krankheitsverlauf Marilyns festzuhalten. Irvin, einer der Begründer der existentiellen Psychotherapie, der sich zeitlebens mit der conditio humana, mit Therapieformen für Menschen in Lebenskrisen beschäftigt hatte und unzähligen Patienten über den Erdball helfen konnte, fühlte sich plötzlich hilflos.

Zur Lesung

Marilyn, die intellektuelle Partnerin und seine Jugendliebe, musste sich seit 2019 Chemotherapien unterziehen, erlitt einen Schlaganfall, war danach zu schwach, um selbst zum Briefkasten zu gehen. Er selbst bekam noch "zwischendurch" einen Herzschrittmacher eingesetzt. "Die Zerbrechlichkeit meines Daseins“ betäube ihn, schrieb Irvin. Doch das Buchprojekt half den Beiden. Bald konnte er sich seiner größten Angst - ohne seine Frau leben zu müssen - stellen: "Ich kann deinen Tod überleben. Was ich nicht ertragen kann, ist der Gedanke, dass du nur wegen mir mit solch untertäglichen Schmerzen am Leben bleibst.“ 

Und Nietzsche weinte

Es war ihnen klar, dass Irv das Buch wahrscheinlich allein würde beenden müssen. Dazu gehöre eine enorme Stärke, so Regina Kammerer, Leiterin des btb Verlags und Übersetzerin von "Unzertrennlich". Es sei "kein trauriges Buch geworden, sondern eines, das einem in jeder Altersstufe und Lebensituation etwas zu geben vermag."

In den kapitelweise wechselnden Perspektiven folgt man berührt den ehrlichen Gedankenströmen dieses miteinander so liebevollen Paares, das privat und beruflich auf ein ereignisreiches Leben zurückblicken kann - vier Kinder und doppelt so viele Enkel, beeindruckende Reisen, eine umfangreiche Bibliothek, Freundschaftskreise und Karrieren.

Irvin D. Yalom mit seiner Jugendliebe Marilyn, hier bei ihrer Verlobungsfeier. 1954 fand die Hochzeit statt.

Marilyn, die Camus- und Kafka-Liebhaberin, mit René Girard als Doktorvater, war sehr engagiert in der Frauenbewegung diesseits und jenseits des Atlantiks, außerdem Stanford-Professorin. Sie schrieb grundlegende feministische Bücher, über Frauenfreundschaften beispielsweise oder über die Brust. Er: ebenfalls Stanfordprofessor, sehr einflussreicher Psychoanalytiker, immer noch praktizierender Therapeut und verfilmter Buchautor ("Und Nietzsche weinte“, 1994). Kein Wunder also, dass Irvin ständig Nietzsche-Zitate durch den Kopf rasen, wenn er ans Ende denkt: "Was vollkommen ward, alles Reife – will sterben... Aber alles Unreife will leben. Alles, was leidet, will leben, dass es reif werde und sehnsüchtig, sehnsüchtig nach Fernerem, Höherem, Helleren." Ja, das trifft es, denkt Yalom in seinem Bericht: Reife. Beide, Marilyn und er teilen das Gefühl, ihr Leben ganz gelebt zu haben. 

"Kein Gedanke, den ich bei Patienten mit Todesangst eingesetzt habe, um Trost zu spenden, war machtvoller als dieser: ein Leben ohne Reue zu führen."

(Irvin D. Yalom)

Was am Ende zählt

Was habe ich nicht getan, nicht gesagt? Was bedauere ich bis heute? Eine Rückschau auf das, was man vermeintlich versäumt hat in seinem Leben, könne die Angst vor dem Tod minimieren, so die Erfahrung des bis heute praktizierenden Therapeuten. Er habe das Glück, auf ein reiches Leben zurückblicken zu können. Wie aber weiter existieren ohne die Liebe seines Lebens?

"Marilyn war eine der mutigsten, unerschrockensten Frauen, die ich kannte. Und sie blieb sich treu bis zum Schluss, hielt die Fäden in der Hand. So paradox sich das auch anhören mag: Sie war am Ende ihres Lebens angekommen - und steckte noch so voller Leben."

(Regina Kammerer, Leiterin des btb Verlags und Übersetzerin)

Der berühmte Psychotherapeut Irvin D. Yalom in Palo Alto, Kalifornien

Marilyn starb im November 2019 - sie beging den in Kalifornien legalen "assistierten Selbstmord“. Mittlerweile, anderthalb Jahre später, geht es Irvin etwas besser, arbeitet an einem neuen Buch. Denn: Was am Ende zähle, sei das Gefühl, anderen helfen zu können, so das Fazit von Irvin Yalom. Am 13. Juni feierte er seinen 90. Geburtstag.  

Lesungen aus "Unzertrennlich", mit Sibylle Canonica und Steffen Höld, am 15. und 22. Juni um 21:05 Uhr in den radioTexten.

Irvin D. Yalom, Marilyn Yalom
"Unzertrennlich. Über den Tod und das Leben"
Aus dem Amerikanischen von Regina Kammerer
erschienen bei btb

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