Gysi vs. Sonneborn "Wir haben 299 Kanzlerkandidaten aufgestellt"

Gregor Gysi und Martin Sonneborn liefern sich ein literarisches "Kanzlerduell der Herzen". Im Doppelinterview sprechen sie über die Politisierung junger Menschen durch Die PARTEI, die Kanzlerkandidatin Baerbock, und wie sie es mit dem Gendern halten.

Author: Barbara Knopf

Published at: 31-5-2021 | Archiv

Gregor Gysi und Martin Sonneborn bei der Bundesversammlung 2017 | Bild: Emmanuele Contini/NurPhoto/picture alliance

Ein beinahe schon ins komatöse Dösen abgedriftetes Polit-Genre wird in diesem Wahljahr wiederbelebt: das Kanzlerduell. Das kann man so oder so darbieten. Als Kampf-Rodeo wie in der Union, als Achtsamkeitsballett wie bei den Grünen, als Ball der einsamen Herzen wie bei der SPD mit Olaf Scholz – oder aber als "Kanzlerduell der Herzen". So heißt ein Buch, das gerade im Aufbau Verlag erschienen ist. So hießen aber auch gelegentliche Auftritte zum Beispiel am Tresen einer Berliner Bar zwischen dem Bundestagsabgeordneten und ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der Linken, Gregor Gysi, und dem Satiriker und Gründer der Partei Die PARTEI, für die er im Europaparlament vertreten ist, Martin Sonneborn.

Barbara Knopf: "Kanzlerduell der Herzen" heißt ihr gemeinsames Buch und ich finde den Titel ganz schön hochgegriffen: Eine Kanzlerschaft steht doch eigentlich gar nicht zur Diskussion hinsichtlich ihrer beider Wahlaussichten bei der Bundestagswahl im Herbst, oder?

Martin Sonneborn: Was soll denn das bedeuten? Hat denn die SPD, als sie ihren Kanzlerkandidaten Scholz benannt hat, gefragt, ob irgendeine realistische Chance besteht, dass dieser Mann Kanzler wird? Sowas ist in der Politik einfach nicht mehr üblich.

Gregor Gysi: Naja, außerdem war die Überschrift natürlich, was für uns nicht atypisch ist, etwas ironisch gemeint und sollte einfach dazu verlocken, sich auch mal mit zwei Politikern zu beschäftigen, die vielleicht nicht so zum Establishment gehören wie andere.

Und wenn Sie sich nun beide gelegentlich live und auch in Buchform zu diesem "Kanzlerduell der Herzen" treffen – was wollen Sie denn dann eigentlich voneinander?

GG: Fang mal an, Martin.

MS: Gute Frage. Ich bin tatsächlich interessiert gewesen an dem, was Gregor Gysi inhaltlich zu erzählen hat. Ich glaube, dass er einer der wenigen Politiker ist, die ein Weltbild haben – und dieses auch noch präzise beschreiben können –, das heutzutage noch angemessen ist. Das sich noch um soziale Verwerfungen kümmert, um Pazifismus statt um Kriegseinsätze, und das eigentlich in den Wahlergebnissen unterrepräsentiert ist.

GG: Bei mir ist es so, dass ich erstens auf Martin Sonneborn neugierig war. Er war lange Chefredakteur der Titanic. Er ist ein Sachverständiger, was Satire betrifft, er kann sarkastisch, kann ironisch sein. Ich kann auch das alles ein bisschen sein, aber ich bin in erster Linie Politiker. Und er ist in erster Linie ein Satiriker, der sich auch mit Politik beschäftigt. Der zweite Grund bestand darin, dass ich zunächst dachte Die PARTEI ist doch eine Art Konkurrenz für uns. Diesen Gedanken habe ich völlig aufgegeben, weil ich eins gemerkt habe: Er zieht junge Leute an, die sich dann auch mit Politik beschäftigen, die diese ganze Ironie, die Satire, den Sarkasmus mögen. Darüber werden sie immer politischer, denken immer tiefer nach und einige von ihnen kommen dann auch zu unserer Partei, wenn sie etwas älter sind. Die schildern mir, dass sie dadurch eigentlich erst politisiert worden sind.

"Von Spaßpartei zu Spaßpartei ist der Wechsel nicht so gravierend"

Denen reicht dann aber Die PARTEI irgendwann nicht mehr?

GG: Faktisch ist es eine Übergangspartei, aber eine wichtige Übergangspartei, weil sie Teile der Jugend anspricht, die alle anderen Parteien – meine eingeschlossen – gar nicht mehr erreichen.

Sehen Sie sich auch als so eine Art temporärer Türöffner, Herr Sonneborn?

MS: Ich muss Gregor da ein bisschen enttäuschen. Es gibt auch Leute, die erst in der PARTEI politisiert werden und hinterher in die FDP gehen. Wir sehen das natürlich nicht gern. Andererseits: von Spaßpartei zu Spaßpartei ist natürlich der Wechsel auch nicht so gravierend.

Um auf das Kanzlerduell nochmal zurückzukommen oder vielmehr auf eine mögliche Kanzlerin, Annalena Baerbock: Um Gerhard Schröder zu variieren, die Frage an Sie: Kann die Kanzler oder Kanzlerin?

GG: Also erstens gehört da nicht so viel dazu, wie alle meinen. Das ist natürlich ein sehr anstrengender Beruf und du musst dich mit wahnsinnig vielen Fragen beschäftigen. Aber bei ihr wird gefragt: Wie schafft sie das mit zwei Kindern? Sie hat ja noch einen Partner und den Vater der beiden Kinder. Wenn der kandidiert hätte, hätte ihn niemand gefragt, wie er das schafft mit zwei Kindern.

Klar, ich wollte nur wissen, ob Sie ihr die Kompetenz zutrauen. Das ist ja nochmal etwas anderes als Gleichstellung.

GG: Alles, was sie in der Außenpolitik sagt, in der Rüstungspolitik, ihr Verständnis, dass die Bundeswehr Weltpolizist werden soll, dass wir nicht etwa Vermittler werden, um Konflikte zu vermeiden oder abzubauen, zu überwinden, auch ihre Aggressivität gegenüber China und Russland - das alles gefällt mir nicht. Ich habe in einer Zeit gelebt, wo ich die Veränderungen in der DDR durch die Politik von Willy Brandt, Egon Bahr, Gaus und anderen erlebt habe. Die Politik hieß Wandel durch Annäherung. Da hat sich viel für uns Bürgerinnen und Bürger der DDR verändert. Wenn man den Konfrontationskurs fortsetzt, und sie will ihn fortsetzen, will ihn sogar zum Teil forcieren, glaube ich, dass wir jeden Einfluss sowohl in Russland als auch später in China verlieren. Was den Menschen dort überhaupt nichts bringt. Nichts.

Hört sich nicht gerade an, als würde Sie gerne Koalitionspartner werden.

GG: Das ist wieder etwas anderes. Wir müssen sie natürlich von einer anderen Politik überzeugen. Ich sage immer: Wer nicht kompromissfähig ist, ist nicht demokratiefähig. Und wer zu viele Kompromisse macht, gibt seine Identität auf. Das heißt Folgendes: Alle Schritte müssen in die richtige Richtung gehen, aber sie können kürzer sein, als wir uns das vorgestellt haben. Wenn wir aber Schritten in die falsche Richtung zustimmen, dann geben wir unsere Identität auf. Das müsste der Maßstab für meine Partei sein.

MS: Ich habe von Annalena Baerbock gelernt, dass man nicht alle Fragen direkt beantworten können muss. Es reicht zu sagen: Uns wird schon etwas einfallen, später, wenn ich im Kanzleramt sitze. Respekt vor dem Amt haben wir ein bisschen weniger als die anderen Parteien, denn wir haben auch 299 Kanzlerkandidaten aufgestellt bzw. sind gerade dabei und versuchen, in jedem Wahlkreis in Deutschland einen Kanzlerkandidaten der Partei aufzustellen. Ich hoffe, dass es einer von denen packt, einer durchkommt. Wer das ist, das ist mir dann letzten Endes egal.

"Ich wollte nicht Rechtsanwältin werden"

Jetzt muss ich mal etwas uncharmant sagen, Sie sind 73 und 56 Jahre alt, also zwei alte bis mittelalte weiße Männer. Fühlen Sie sich komfortabel in Ihrer Haut?

MS: Natürlich. Ich bin froh, dass ich keine junge weiße Frau bin, die sich mit den Verhältnissen auseinandersetzen muss. Ich glaube aber auch, dass alte weiße Männer dem Land noch etwas zu geben haben. Das machen wir aber nicht alleine. Gregor hat in seiner Partei genauso junge Leute, wie wir das haben. Wir haben jetzt die Liste für das Berliner Abgeordnetenhaus aufgestellt. Da sind drei junge Frauen vorne und dann kommen drei alte weiße Männer. Wir haben da gute Quoten. Ich sehe Nachwuchs genug, sodass ich mir keine Sorgen machen muss. Und es macht ja auch Spaß – Gregor wird das wahrscheinlich ähnlich sehen –, ein bisschen zu dirigieren und junge Leute nachzuziehen.

Hört sich so paternalistisch an, wenn ich das mal sagen darf.

MS: Das dürfen Sie.

GG: Das meint er auch so. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu. Ich bin, wie Sie schon richtig feststellten, 73 Jahre alt, den Klimawandel bis zu meinem Lebensende halte ich noch aus. Aber die heute 14-, 15-, 16-Jährigen haben noch so viele Jahrzehnte Leben vor sich, dass sie wissen, sie halten es nicht aus. Und deshalb klopfen sie zu Recht an unsere Türen und sagen: Macht nicht für euch Politik, sondern macht für die Zukunft und damit für uns Politik. Das finde ich völlig berechtigt.

Herr Gysi, ich fand auch, dass Sie in dem Buch dem Gendern gegenüber sehr viel offener und progressiver sind als Herr Sonneborn.

GG: Naja, erstens bin ich sowieso offener und progressiver als Herr Sonneborn, oder? Im Ernst, ich erzähle ja immer allen ein Beispiel: Ich war genauso. Ich habe Frau Staatsanwalt gesagt, nicht Frau Staatsanwältin oder sowas. Auf jeden Fall schrieb eine Frau einen Leserbrief und argumentierte: In den letzten tausenden Jahren war es immer so, dass die männliche Form verwendet wurde und die Frauen waren mit gemeint, deswegen schlägt sie für die nächsten tausenden Jahre vor, immer die weibliche Form zu verwenden und die Männer sind mit gemeint. Dann kam ihr Schluss und der lautete: 'Dann heißt das ab heute Herr Rechtsanwältin Gysi.' Ich wollte aber nicht Rechtsanwältin werden. Da habe ich es plötzlich begriffen und seitdem gendere ich.

MS: Ich lache immer noch über die Tagesschau, die sich für die Schlagzeile entschuldigt hat, in der es um "Kommandeurinnen und Kommandeure der Hamas" ging. Sie haben das dann zurückgezogen: Es gibt gar keine Kommandeurinnen der Hamas. Aber vielleicht prägt ja Sprache wirklich die Realität und es gibt demnächst auch Kommandeurinnen der Hamas. In dem Fall würde ich dann auch sofort gendern – schon aus Angst. Aber ich fürchte, ich muss mich gleich verabschieden, meine Kopfhörer sind nämlich leer telefoniert. Ich fliege jetzt irgendwann raus, das ist keine Unhöflichkeit.

Dann erkläre ich das Kanzlerduell der Herzen für den Moment jedenfalls beendet und bedanke mich sehr bei Ihnen, Gregor Gysi und Martin Sonneborn, und wünsche alles Gute.

"Gysi vs. Sonneborn. Kanzlerduell der Herzen" ist beim Aufbau Verlag erschienen.

Das Gespräch wurde für die kulturWelt auf Bayern 2 aufgezeichnet – den Podcast können Sie hier abonnieren.