Graphic Novel zum 90. Geburtstag Cartoonist Nicolas Mahler im Gespräch über Thomas Bernhard

Was Thomas Bernhard von Comics hielt? Man weiß es nicht. Ob er sich gern als Protagonist einer Graphic Novel gesehen hätte? Wahrscheinlich nicht. Nicolas Mahler hat den großen Grantler dennoch gezeichnet. Das schreit nach einem Interview.

Stand: 09.02.2021 | Archiv

Illustration aus der Graphic Novel "Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biografie" von Nicolas Mahler | Bild: Suhrkamp

Heute wäre der große Erzähler und nicht minder große Übertreibungskünstler Thomas Bernhard 90 Jahre alt geworden. Er ist der Verfasser moderner Klassiker wie "Frost", "Der Untergeher" oder "Auslöschung", "Alte Meister" oder "Wittgensteins Neffe". Aus Anlass seines runden Geburtstags hat der bereits drei Mal mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnete österreichische Zeichner Nicolas Mahler ein Buch herausgebracht: "Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biographie". Ein Gespräch mit dem 1969 geborenen Wiener über das austriakische Faszinosum Thomas Bernhard, der übrigens mit vollständigem Namen Nicolaas (!) Thomas Bernhard hieß.

Knut Cordsen: Sie haben bereits zwei Bernhard-Bücher adaptiert, "Alte Meister" sowie "Der Weltverbesserer". Jetzt diese "unkorrekte Biographie". Warum unkorrekt?

Nicolas Mahler

Nicolas Mahler: Unkorrekt deswegen, um sich ein bisschen abzusichern gegenüber dem weiten Feld der Germanisten, um quasi nicht in deren Terrain einzudringen. Ich bin ja ein Autodidakt in jeder Hinsicht - sowohl vom Zeichnerischen her als auch vom Literarischen her. Da habe ich gedacht, unkorrekt trifft es ganz gut. Schon weil ich ganz einfach nicht wissenschaftlich korrekt arbeiten kann, einerseits, und andererseits, weil ich bewusst Fehler eingebaut habe in die Biografie. Fehler passieren sowieso immer. Und zusätzlich ein paar bewusst eingebaute Fehler, habe ich mir gedacht, die nehmen da ein bisschen den Druck und Stress von mir.

Diese bewusst eingebauten Fehler korrigieren Sie im Anhang des Buches immerhin.

Genau, korrigiert müssen die schon werden, damit es nicht nur wie ein dilettantisch recherchiertes Buch wirkt.

"Wir dilettieren alle", heißt es in Thomas Bernhards Stück "Am Ziel".

Ich habe so gut recherchiert, wie es mir möglich war. Minutiös, möchte ich eigentlich sagen.  Ich habe mir alle Quellen genau notiert. Und meine Unkorrektheiten sind ja auch nicht komplett unkorrekt. Die sind ja immer ein bisschen wahr. Das heißt, die von mir zitierten Aussagen gibt es oft. Aber sie sind entweder falsch zugeordnet oder in einen falschen Kontext gestellt oder einer falschen Person zugeordnet. Ein Körnchen Wahrheit steckt immer drinnen, aber es ist eher verdreht als falsch, würde ich sagen, zumindest teilweise.

Ein berühmter Satz Bernhards, den er in einem Brief an seinen Halbbruder Peter Fabjan geschrieben hat, taucht bei Ihnen natürlich auch auf: "Meine Krankheit ist die Distanz." Er muss zeitlebens etwas Unnahbares gehabt haben, wenn man die Erinnerungen seines Halbbruders liest. Macht dieses social distancing avant la lettre auch die Faszination aus, die von ihm bis heute ausgeht?

Das kann ich schwer beurteilen, weil man ihn ja sowieso nur aus Überlieferungen, aus Fernsehaufzeichnung oder eben aus seinen Büchern kennt. Da ist man als Leser oder Zuseher mit dieser Unnahbarkeit gar nicht so konfrontiert. Ich finde es eher erstaunlich, dass er einerseits als so unnahbar gilt, aber andererseits die Wahrnehmung seines Werks weltweit tatsächlich bis heute so enorm ist. So unnahbar kann er nicht sein. In den unterschiedlichsten Ländern wird er immer noch oder wieder gelesen, wird er aufgeführt und übersetzt. Er spricht schon sehr viele Leute an, und ob er nun persönlich unnahbar war, spielt da nicht so eine große Rolle.

Der junge Thomas Bernhard hatte "eine Art Eraserhead-Frisur", so schreiben Sie und zeichnen ihn auch entsprechend komisch. Im Grunde genommen ist man bei der Lektüre Ihres Buches genauso wie bei der Bernhard-Lektüre in einer Tour am Lachen – und lächerlich erschien Thomas Bernhard ja auch die Welt. "Das Scherzmaterial ist ja immer da ..." – auch für Sie als zeichnender Biograph.

Naja, das ist natürlich sehr vorhanden. Fast zu sehr. Die Schwierigkeit war ja die Auswahl des Materials. Es gibt einfach so viele gute, amüsante Zitate von Thomas Bernhard. Ich habe ja schon andere Autoren zeichnerisch verarbeitet, und da muss man teilweise schon sehr schauen. Ich bin ja doch ein humoristischer Zeichner, und ich suche einfach gezielt den Witz. Das ist einfach berufsbedingt so, bei mir steht das Komische im Vordergrund. Und es gibt viele Autoren, da muss man den Witz wirklich gezielt suchen. Bei Marcel Proust zum Beispiel. Da hat man nicht so eine Qual der Wahl der Zitate wie beim Bernhard.

Beim Bernhard ist es so, dass der Witz immer schon überall herauswuchert. Der ist immer da, sogar in den ernstesten Passagen. Wie er selbst es formuliert hat: Jedes Wort ein Treffer. Das ist tatsächlich so. Man kann einen Satz von Bernhard nehmen und durchanalysieren, warum der komisch ist. Ein Beispiel - irgendwo sagt Bernhard: "Die Österreicher sind liab und bleiben blöd." Das ist einfach eine wunderbare Kombination, der Satz geht los in die eine Richtung und endet in der genau entgegengesetzten. Er klingt auch noch schön, durch die Alliteration von "bleiben" und "blöd". "Die Österreicher sind liab und blöd" wäre nicht so lustig gewesen. Er hatte ein naturgegebenes Talent, durch Sprache Humor zu erzeugen.

Kleinigkeiten sind erfunden: Thomas Bernhard hat nie eine Kabarett-Nummer mit dem Titel "Totalität des Ernstes" geschrieben, wie Sie es insinuieren. Aber diese Formulierung von der "Totalität des Ernstes" gibt es sehr wohl von ihm. Immerhin, könnte man sagen, hat er sein Leben in ein einziges Kabarett-Solo verwandelt. Mal mit "Böseln" und mal mit "Blödeln", wie's bei Ihnen heißt. 

Ja, das ist ihm dann auch zum Vorwurf gemacht worden. Beziehungsweise wird es ja von Literaturwissenschaftlern jetzt immer bemäkelt, dass man den Bernhard nicht zu einem Kabarettisten machen soll. Dadurch werde er verharmlost, und das ist natürlich auch nur eine Facette von ihm.

Natürlich ist er schon ein sehr dunkler, ernster Autor auch. Aber wahrscheinlich ist das, was ihm diese Zeitlosigkeit gibt, trotzdem der Humor, der ihn abhebt von vielen anderen Autoren. Es ist schon der Witz, der ihm wenn schon nicht die Unsterblichkeit, dann aber ganz gewiss dieses Weiterleben auch bei jüngeren Lesern sichern kann.

Thomas Bernhard hat krankheitsbedingt beträchtliche Teile seines Lebens in Spitälern verbringen müssen. Nun erwähnen Sie eine Klinik in Ihrem Buch, die gar keine Klinik ist, sondern eine Gastwirtschaft in Wien: die "Gösser Bierklinik" – was ist das eigentlich mit den Kliniken in Österreich? In Wien gibt es auch eine "Feuerzeugklinik", Salzburg hat eine "Schuhklinik" – alles keine Krankenhäuser!

Naja, die Schuhklinik ist schon eine Art Krankenhaus – für Schuhe, die werden da wieder lebensfähig gemacht. Bei der Bierklinik ist das schon anders, stimmt. Das habe ich, ehrlich gesagt, noch nie hinterfragt. Vielleicht ist der Sinn dahinter der, dass man durch den Alkohol wiederhergestellt wird. Aber ich habe es noch nicht hinterfragt. In der Tat eine interessante Frage, müsste man recherchieren.

In 99 Bildern mit zugeordneten Texten zeigen Sie sein Leben. Weiß man eigentlich, was Thomas Bernhard von Comics oder Graphic Novels hielt?

Bestimmt nichts, würde ich immer schätzen. Es ist die Frage, ob er überhaupt damit in Berührung gekommen ist. Kann ich mir nicht vorstellen. Aber wenn man so etwas zeichnet und literarische Werke adaptiert, darf man sich nicht fragen, wie deren Urheber es wohl gefunden hätte oder ob ihm das recht gewesen wäre. Dann dürfte man gar nicht anfangen. Das wird man nie erfahren. Und vielleicht wäre es zwiespältig gewesen. Das darf einen nicht belasten. Manchmal nagt's natürlich so ein bissl im Hinterkopf, ob das jetzt vielleicht gerade ein Riesenblödsinn ist, was man da zeichnet. Aber das macht auch den Reiz des Ganzen aus.

Nicolas Mahlers Buch "Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biographie" ist bei Suhrkamp erschienen.