Marjana Gaponenko über ihre Heimat Odessa Eine Welt, die zusammengebrochen ist

"Ich komme aus Odessa und hatte nie darüber nachgedacht, wo wir hingehören", sagt die Bestseller-Autorin Marjana Gaponenko. Die Stadt war immer ein Zusammenspiel der verschiedenen Kulturen – jetzt aber ist ein Element hinausgeflogen.

Von: Christine Hamel

Stand: 24.06.2022 | Archiv

03.04.2022, Ukraine, Odessa: Eine Frau im Bademantel stehen neben einem Auto während im Hintergrund nach Beschuss der Stadt Rauch aufsteigt. | Bild: dpa-Bildfunk/Petros Giannakouris

"Ich bin vom Ukraine-Krieg wie gelähmt." Marjana Gaponenko hat seit Monaten kein Buch mehr gelesen. Auch das Schreiben will nicht gelingen, zu erschütternd sind die Eindrücke vom Krieg, zu entsetzlich die Bomben und Raketen auf ukrainische Städte. "Das Einzige, was meine Lebensgeister noch ein wenig zu wecken scheint, ist die Welt der Gerüche", sagt die Autorin. "Ich habe eine Parfumsammlung und sehr viele Riechstoffe und Duftnoten. Kleine Fläschchen, die erzählen auch Geschichten, wecken Erinnerungen und Hoffnungen. Ich rieche jeden Morgen an meinen Duftnoten und merke, dass ich noch lebe und nicht in ein Loch gefallen bin."

"Nie darüber nachgedacht, wohin wir gehören"

Gaponenko kam vor 20 Jahren aus Odessa nach Deutschland und wurde hier zur Bestseller-Autorin. Ihre Romane schwanken zwischen Melancholie und Zynismus, sie liebt das Extravagante, Skurrile, Komische, das selbstverständlich Verhängnisvolle. Dabei stellt sie immer wieder die Frage: Was machen Menschen mit der Zeit ihres Lebens? Lassen sie sie verstreichen oder teilen sie sie ein, gestalten sie sie? Es ist auch eine Frage, die eng mit der Geschichte Odessas verknüpft ist, einem Schnittpunkt der Kulturen, wo man sich über all diese Fragen nach Sprache, Identität oder Konfession eigentlich nie den Kopf zerbrochen hat. Der Krieg hat diese für zahllose Schriftsteller, Künstler und Komponisten inspirierende odessitische Stadtkultur, in der es sich nach Isaak Babels Dafürhalten "leicht und hell leben" ließ, zerstört.

Marjana Gaponenko

"Was Putin gerade bei uns verbricht – die Zerstörung –, ist bar jeder Logik. Es ist alles unfassbar. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Ich komme aus Odessa und hatte nie darüber nachgedacht, wohin wir gehören. Die Vergangenheit bestand aus mehreren Elementen: Sie war europäisch, russisch, ukrainisch und jüdisch; und sie haben ein Zusammenspiel gebildet. Man hat sich untereinander, miteinander bewegt, wie im Tanz. Und jetzt ist ein Element rausgeflogen, wurde hinauskatapultiert. Mir fehlt es ehrlich gesagt nicht. Es fühlt sich nur komisch an, wie ein Zahn, der fehlt. Aber der war faul und eitrig und die Zunge muss sich nun daran gewöhnen, dass da etwas fehlt, aber es wird!"

Ukrainisch als Emanzipation

Marjana Gaponenko, die in Odessa auf ein deutsches Gymnasium gegangen ist und anschließend Germanistik studiert hat, lernt jetzt ukrainisch. "Ich bin natürlich russischsprachig aufgewachsen wie die meisten in Odessa. Aber nach dem 24. Februar habe ich beschlossen, mein altes Ukrainisch zu beleben und irgendwann mache ich einen Ukrainisch-Kurs und werde mich wenigstens sprachlich von diesem Russland emanzipieren. Das ist ein Bedürfnis von mir."

Der Krieg zieht eine scharfe Sprachgrenze. Putins Propagandisten versuchen neuerdings, sie zu durchbrechen und verleiben ihrem Sprechen charakteristische Ukrainizismen ein. Beim Twittern benutzt die Chefredakteurin von Russia Today Margarita Simonyan etwa die ukrainische Redewendung "budj laska", was so viel heißt wie: "Sei so nett"…oder einfach auch nur "bitte". Ukrainer*innen sagen es 20 mal am Tag.

"Die Russen haben ein gravierendes Problem mit Grenzen"

"Offenbar handelt es sich um einen propagandistischen Versuch, uns zu zeigen, schaut her Ukrainer, wir können auch Eure Staatssprache beschlagnahmen und usurpieren. Weil wir ein Volk sind, wir sind eine Einheit, auch sprachlich, es soll zwischen uns keine Grenzen geben. Ich glaube dieser Schachzug ist eine Manipulation, die darauf hinweist, dass die Russen ein gravierendes Problem mit Grenzen haben, auch mit denen der Moral." Irgendwann wird Marjana Gaponenko das Grauen des Krieges vielleicht in Literatur verwandeln. Bisher sagte man ihren Romanen ein Oszillieren zwischen Wachzustand und Traum nach, Bomben auf Odessa aber sind der Alptraum.

Ein Beitrag der kulturWelt auf Bayern 2 vom 24. Juni 2022. Den Podcast können Sie hier abonnieren.