70 Jahre Peanuts Good grief! Der Erfolg des Losers

1950 startete ein Zeitungscomic über Kinder in einem Vorort: die Peanuts. Charlie Brown, Snoopy und Lucy wurden weltweit Stars – obwohl der Strip Mobbing und Depressionen schildert. Eine Verbeugung zum Jubiläum.

Von: Martin Zeyn

Stand: 01.10.2020 | Archiv

Szene aus dem Zeichentrickfilm "Ein Junge namens Charlie Brown": Die Baseballmannschaft um Charlie Brown, Linus, Lucy, Schroeder und Snoopy | Bild: picture alliance/United Archives

1969 taufte die Apollo 10-Besatzung ihre Rakete "Charlie Brown" und die Mondlandefähre "Snoopy". Aber das Ganze war nur ein Testflug, den Mond betrat erst die Besatzung von Apollo 11. Vielleicht wählten deswegen die Astronauten den Loser Charlie Brown und dessen Hund, den Phantasten Snoopy, als Namenspatron.

Spätestens seit dem ersten abendfüllenden Film von 1965 zählten die von Charles M. Schulz gezeichneten Peanuts zu den bekanntesten Comicfiguren der Welt – und selbst 20 Jahre nach seinem Tod drucken viele deutsche Zeitungen immer noch alte Strips. Der Erfolg kam aber keineswegs plötzlich. Die erste Geschichte war 1950 in nur sieben Zeitungen erschienen, 1956 druckten immerhin schon über 100 Zeitungen den Strip ab, zeitweise waren es mehr als 2.400 weltweit. Vor den Peanuts hatte der 1922 geborene Schulz als Gagzeichner für die Pioneer-Press in St. Paul gearbeitet. Diese Erfahrung der Provinz findet ihren Niederschlag im Set: 50 Jahre lang bleibt die Moderne mit Computern, Düsenflugzeugen und Großstädten außen vor.

Eine Welt ohne Eltern

Kindercomics sind so alt wie das Genre. Schulz jedoch verfiel auf einen genialen Kunstgriff. In seinem Strip sind die Erwachsenen nie zu sehen, in den Zeichentrickfilmen nur mit ihrem unverständlichen Gebrabbel zu hören. Stattdessen tritt eine Reihe von eigenwilligen Kindercharakteren auf. Da ist der brillante Philanthrop Linus, der sein Leben nur mit einem Fetisch zu meistern imstande ist: seiner Kuscheldecke. Seine garstige große Schwester Lucy ("Große Schwestern sind die Disteln auf der Lebenswiese"), deren Gemeinheit, Aggressivität und Karrieregeilheit jeglichem Kinder-an-die-Macht-Slogan Hohn spricht. Und natürlich Charlie Brown, der noch nie ein Spiel beim Baseball gewonnen hat. Sein Hund Snoopy scheint ihm in allem überlegen: im Umgang mit Frauen, beim Baseball, als Gourmet. Doch Snoopy lebt zuweilen in einer Traumwelt: etwa als "berühmtes Flieger-Ass des 1. Weltkriegs", dem dann doch der Rote Baron seinen Doppeldecker zerschießt, der natürlich nur seine Hundehütte ist.

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Monday, again?! | Bild: snoopygrams (via Instagram)

Charles M. Schulz hat eine Kinderwelt geschaffen, mit zuweilen altklugen Geschöpfen, in der Erziehungspersonen nur mit ihren pädagogischen Vehikeln auftauchen: mit Hausaufgaben und Geschenken, mit Belohnungen und Bestrafungen. Doch Linus zum Beispiel kann jegliches Vorhaben, ihm seine Schmusedecke dauerhaft zu entziehen, unterlaufen. Aber er leidet wie ein Junkie, nachdem er einmal vorlaut behauptet hatte, sie eigentlich nicht mehr zu brauchen – woraufhin Lucy sie kurzerhand für ein paar Tage wegschließt. An der Tür hinterlässt der verzweifelte Linus tiefe Kratzspuren.

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snoopygrams The little things in life that bring you joy.

The little things in life that bring you joy. | Bild: snoopygrams (via Instagram)

Dennoch, die Kleinstadtwelt scheint intakt, es gibt keine Scheidungen, keine Arbeitslosigkeit, keine Rassenkonflikte. Die größte aller denkbaren Katastrophen ist ein Umzug in eine andere Gegend. Erst in einem späten Zeichentrickfilm gibt es einen Bruch: ein Kind erkrankt an Krebs und verliert bei einer Chemotherapie seine Haare.

Aber trotzdem ist diese Serie nie harmlos gewesen. Schon der erste Auftritt von Charlie Brown spricht Bände: Im ersten Bild geht Charlie Brown an einem Jungen und einem Mädchen vorbei. Im nächsten Bild sagt der Junge: „Der gute alte Charlie Brown.“ Im letzten Panel aber stößt er hervor: "Ich hasse ihn so." Ein Witz? Mobbing unter Kindern gab es schon vor dem Internet. Was für ein Auftakt – klar, dass Charles M. Schulz unbedingt verhindern wollte, dass der Strip "Peanuts" – also Kleinkram heißen soll. Der Titel der Serie stammt übrigens von einem Vertriebsmann, der den Strip des damals unbekannten Schulz mit einem – so war er überzeugt - schmissigen Titel versah. "Peanuts – das ist der schlimmste Titel, der je für einen Comicstrip benutzt wurde. Er ist total lächerlich, er hat keine Bedeutung und keine Würde", schimpfte Charles Monroe Schulz noch Jahrzehnte später in einem Interview über die verpatzte Namensgebung. Nein, er wollte keine peanuts, keine Kleinigkeiten erzählen, immer wieder betonte er: "Ich zeichne nicht für Kinder. Ich zeichne für Erwachsene."

Ohne Peanuts keine Simpsons oder South Park

Brutale Kinder sind keine Erfindung von Schulz, die gibt es seit den Anfängen des Comics: beim "Yellow Kid", bei "Max und Moritz" oder deren amerikanischem Ableger "Katzenjammer Kids". Überall finden sich hier Rabauken, die fies, ja brutal agieren. Charles M. Schulz’ Peanuts unterscheiden sich davon grundlegend. Die körperliche Gewalt in diesem Strip ist vergleichsweise harmlos: In all den 49 Jahren, in denen der Comic ab 1950 erschien, trägt niemand ernsthafte Blessuren davon. Aber der abgrundtiefe Sadismus, mit dem die Kinder psychologisch geschickt und entsprechend perfide einander quälen und erniedrigen, ist schockierend. Violet geht auf Charlie zu und lädt ihn zu ihrer Party ein. Als dieser verwirrt zusagt, weil er so viel Zuneigung nicht erwartet hat, erwidert sie: "Ach, ich mach’s doch nicht." Ein Witz? Ja, ein bitterer und ein folgenreicher. Ohne die Peanuts sind die "Simpsons" oder "South Park" nicht denkbar; bei "Calvin und Hobbes" gibt es einige Strips, die sich nicht scheuen, direkte Nacherzählung der Vorbilder zu sein.

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Die Komik des Versagens

Sozialer Druck, die daraus erwachsenden Machtspiele und das Gefühl, komplett missachtet zu werden – das sind die Themen der frühen Peanuts, und nach eigener Aussage auch die Erfahrungen von Schulz selbst gewesen. Wie so ein depressiver Strip einen Vertrieb finden konnte? Weil vor dem düsteren Hintergrund die Komik deutliche Konturen erhält, wie Matt Groening, Schöpfer der Simpsons, anschaulich beschreibt: "Diese Dunkelheit wird erhellt durch einen freundlichen Zeichenstil, viele großartige Witze und einen Sinn für kindlichen Überschwang." Manchmal sind es grafische Witze, wie etwa die wunderbare Sonntagsseite, auf der Lucy Malen nach Zahlen spielt und im letzten Panel die Augen von Charlie mit einem Strich verbindet. Oder surreale Pointen, etwa wenn Charlie immer wieder versucht, seinen Drachen in die Luft zu bringen. Das scheitert meistens an einem drachenfressenden Baum oder an einem Knäuel, das selbst ein Alexander der Große nicht zerschlagen könnte.

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Help each other. | Bild: snoopygrams (via Instagram)

Als es Charlie endlich einmal gelingt, explodiert der Drache einfach. Kein Erfolg nirgends. Wobei die Pointe eigentlich erst dann funktioniert, wenn einem die über Jahre sich hinziehenden Versuche aus hunderten von Daily Strips bekannt sind. Der Witz als Differenz und Wiederholung. Und natürlich für die Insider – die Schulz‘ Comic über 50 Jahre in ihrer Zeitung verfolgen konnten.

Die Peanuts sind nicht niedlich

Ganz am Beginn seiner Karriere waren die Zeichnungen noch nicht so ausdrucksstark, die Figuren hatten noch keine ausgeprägte Charakteristik, und auch Charlie Brown durfte hier noch gemein sein. Erst nach und nach erhalten sie ihr vertrautes Aussehen. Wie Robert Gernhardt einmal bemerkte, kann man zusehen, wie "aus einem begabten ein begnadeter Cartoonist wird".

Der Erfolg war der Serie nicht in die Wiege gelegt. Am Anfang war sie nach Aussage des Schulz-Biografen David Michaelis bloß "Studentenlektüre", erst in den Sechzigern kam der große Erfolg mit hunderten von Zeitungen, die den Strip abdruckten. Am Ende seines Lebens wurde Schulz, der im Februar 2000 starb, vom Wirtschaftsmagazin Forbes unter den am besten verdienenden Entertainern mit einem Jahreseinkommen von 30 bis 40 Millionen Dollar aufgelistet. Schulz als Versöhner von high and low, als Säulenheiliger der Popkultur? Der Autor erschuf ein ewiges Amerika der Suburbs. Das Vorbild war eine Kriegsheimkehrersiedlung: ein Elysium aus kurz geschorenen Vorgärten, schmucken Häusern und Kleinfamilien. So sieht es auf den ersten Blick aus; und selbst Art Spiegelman – Schöpfer des Holocaust-Comics "Maus" – nannte die Peanuts einmal "niedlich".

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Public Service Announcement | Bild: snoopygrams (via Instagram)

In Wahrheit herrschen insbesondere bei den frühen Peanuts adoleszente Verzweiflung und Verzagtheit. Etwa die Erniedrigung, wenn Peppermint Petty zwar Charlie anhimmelt, ihn aber immerfort mit falschem Namen anredet. Am schlimmsten erscheint die calvinistische Vergötzung des Erfolgs, die im Umkehrschluss jedes Unglück als göttliche Strafe deklariert. Auch hier ist Lucy – das geheime Kraftzentrum des Strips – die Personifizierung der Gemeinheit, wenn sie den obdachlosen Snoopy anraunzt: "Weißt du, warum deine Hundehütte abgebrannt ist? Weil du gesündigt hast. Du bist bestraft worden für etwas, was du getan hast."

Fall-Out und H-Bomben

Das ist ein grausames und kleinliches, fundamentalistisches Amerika. Michel Foucault hat den allgegenwärtigen gesellschaftlichen Druck "Mikropolitik" genannt, Einfräsungen von Moral und Erziehung, die jeder erfährt und erleidet. Gegen diesen Druck entwerfen Charlie und insbesondere Linus zarte Abwehr- und Fluchtstrategien. Linus, die klügste und verständnisvollste aller Figuren, igelt sich ein mit seiner Schmusedecke und seinem Glauben an den großen Kürbis, der an Halloween erscheinen soll. Hier wehrt sich ein Kind erfolgreich gegen die Zumutungen der Wirklichkeit. Neurosen sind der Preis, und als Lucy ihm einmal die Decke wegnimmt, zeigt er in den kommenden Strips Symptome eines Drogenentzugs. Das "security blanket" hat Eingang ins Amerikanische gefunden – ein angemessener Ausdruck der Bedrohungsangst in Zeiten von "Star Wars"-Programmen und Raketenabwehrschilden.

Anders als bei zumindest in den USA berühmten Serien wie "Pogo" von Walt Kelly oder "Doonesbury" von Garry Trudeau gibt es in der fast fünfzigjährigen Geschichte des Peanuts-Strips nur vereinzelt zeitgeschichtliche Bezüge – die Rede ist dann von Vietnam oder brutalen Polizisten, von Hippies und H-Bomben. Nein, Schulz benutzt diese aufgeladenen Vokabeln nicht für politische Statements. Trotzdem macht er damit deutlich, dass die vermeintlich heile Welt der Vorstädte von Rissen durchzogen ist, dass sie einer pastellfarbenen Fassade gleicht, hinter der Verdrängung und Lüge herrschen. Am furchtbarsten mutet deshalb ein Strip von 1957 an, auf dem Linus panisch durch den herabrieselnden Schnee rennt: "Ich dachte, es wäre Fallout."

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Crossing my fingers for a snow day. | Bild: snoopygrams (via Instagram)

1993 zeichnet Schulz zum Memorial Day einen Sonntagsstrip mit drei Bildern. Im ersten sind ein Bunker und Stacheldrahtverhaue zu sehen, im zweiten der Bug eines Landungsboots und Helme von Soldaten. Im dritten und größten liegt Snoopy mit Helm am Strand zwischen deutschen Sperrverhauen. Dieses Bild zitiert wiederum eines der berühmtesten Fotos Frank Capas von der Invasion am Omaha Beach in der Normandie. Die Bildunterschrift lautet: "6. Juni 1944. Zur Erinnerung." Diese Sonntagsseite ist sehr dunkel gehalten, ohne jede Dynamik, sie kommt ohne jedes Pathos aus, wirkt fast melancholisch. Steven Spielberg hat in seinem Film "Saving Privat Ryan" mit Splattermomenten, mit Lärm, Blut und herausgerissenen Gedärmen versucht, das Abschlachten von tausenden Alliierten bei der Landung zu schildern. Bei Schulz sieht man nur einen einsamen Snoopy, trotzdem ist das Grauen auch so spürbar. Schulz war selbst drei Jahre Soldat im Zweiten Weltkrieg. "Ich lernte in dieser Zeit, was Einsamkeit ist", schrieb er über seine Erfahrungen damals.

Angst vor dem Verlust der Eltern

In seinem hymnischen Text auf die Peanuts hat Umberto Eco postuliert: "Die Poesie entsteht daraus, dass wir in dem Verhalten der Kindergestalten die Nöte und Sorgen der Erwachsenen finden." Das ist richtig, beschreibt aber nur einen Teil. Schulz hat den Verlust seiner geliebten Mutter – sie starb bereits 1943 – als unverheilte Wunde beschrieben und sich selbst als übervorsichtigen Vater. In den Peanuts herrscht eine krasse Angst vor dem Draußen und eine untergründige Furcht vor dem Verlust der Eltern: "Sicherheit ist, auf der Rückbank eines Autos zu schlafen. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, deine Eltern sitzen vor dir und sie kümmern sich um alles. Aber plötzlich bist du groß und es wird nie wieder so sein!"

Dazu passt, dass ausgerechnet die Erwachsenen in dieser Cartoon-Welt fast immer abwesend bleiben. Das Element des Komischen, mit dem Schulz immer wieder Verlustängste umspielt, hat etwas Erlösendes, nie etwas Lächerliches – das macht die Poesie dieser Serie aus.

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Feeling accomplished today. | Bild: snoopygrams (via Instagram)