Doku-Serie: Was ist Männlichkeit? "Ich guck schon auch manchmal abwertend auf Feminismus"

Zu Beginn der EM hinterfragt die ZDF-Doku-Serie "BOYS" das Konzept der Männlichkeit. Die Methode: 30 Männer zwischen 20 und 45 – darunter auch Promis – erzählen, was für sie Männlichekeit ist. Und welche Rolle der Fußball spielt. Ab jetzt in der ZDF-Mediathek.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 11.06.2021

ssss | Bild: ZDF / Laura Ettel

"Ich fühl mich ständig männlich", sagt der eine. Der andere ist schon zögerlicher mit seiner Antwort zur Männlichkeit: "Vielleicht war das für die Generation vor mir leichter zu beantworten". Und der dritte Mann im Bunde bekennt: " Männlichkeit, der Begriff stößt ich eigentlich total ab". Stimmen aus einer von insgesamt sieben Folgen der Dokuserie "BOYS". 30 Männer äußern sich zu Sex, Vätern und Vaterschaft, ihrem Verhältnis zum eigenen Körper, Feminismus, Fußball und Liebe – überhaupt: dazu, was es heute bedeutet ein Mann zu sein.

Chor der Generation Y zur Männlichkeit

Das Setting ist simpel und immer gleich: Die Männer sitzen jeweils in einem mit silbernem Stoff ausgeschmückten Raum auf einem Hocker und reden. Und etwas haben sie dann doch gemeinsam: Sie verstehen sich als Männer und sind zwischen 20 und 45 Jahre alt, gehören also zur Generation Y – wie auch die Regisseurinnen Nina Wesemann und Felicitas Sonvilla: "Unserer Generation wird öfter vorgeworfen, dass wir nicht erwachsen werden wollen, uns scheuen Verantwortung anzunehmen. In dieser ganzen Debatte um Geschlechterrollen und Männlichkeit hatten wir auch das Gefühl, dass dieses 'BOYS' darauf verweist. Und es ein ironisches Augenzwinkern auch ist in Bezug auf: Was ist eigentlich Männlichkeit", sagt Sonvilla.

Die Regisseurinnen von Boys: Felicitas Sonvilla (links) und Nina Wesemann

Es gibt keine Bauchbinden, also keine eingeblendeten Hinweise, wer hier vor uns sitzt. Name, genaues Alter, ob auf dem Land lebend oder in einer Stadt, Beruf, Familienstand? Davon wissen wir nichts. Aus gutem Grund: wie Felicitas Sonvilla sagt. Es sei ja auch eine Webserie und zum Schutz der Protagonisten gut, dass sie nicht mit ihrem Namen im Web auffindbar sind. "Zum anderen ging es uns bei der Serie um einen phänomenologischen Blick auf Männlichkeit oder Männlichkeitskonstrukte. Für uns ist es wichtig, dass es ein Chor ist an verschiedenen Stimmen - und es geht jetzt nicht um die Einzelperson XY."

Lieber Tanzen oder Luftgitarre

Und doch lernen wir die Männer über die sieben Folgen hinweg kennen. Nicht jeder kommt in jeder Folge vor. Trotzdem entsteht aus den einzelnen Aussagen das Bild eines ganzer Menschen. Und noch einen Teil ihrer Persönlichkeit zeigen sie uns: Die Männer bewegen sich zu Musik. Sie tänzeln sich boxend voran, spielen Luftgitarre, bewegen sich flamboyant. Oder sitzen einfach nur - wie Kevin Kühnert. Ja, einige Männer erkennt man eventuell: Musiker Henri Jacobs, Rapper Kelvyn Colt und eben der Politiker Kevin Kühnert. Ob Promi oder No-Name, keiner kriegt hier eine Extra-Wurst. Felicitas Sonvilla: "Da ist wieder dieses chorische Prinzip. Da war es uns schon wichtig zu schauen: Wo macht es inhaltlich am meisten Sinn, dass Kevin Kühnert vorkommt? Und zu welchen Themen hat er etwas zu sagen, das in unser Konzept passt? Und natürlich ist er ein Zugpferd, weil er ein prominenter Name ist, aber darum ging‘s uns nicht."

An den Stil der Dokuserie muss man sich gewöhnen. Es sind im Schnitt 14 Minuten lange Interviews. Es fällt erstaunlich schwer, einfach nur zuzuhören. Da ist der Impuls, doch auch etwas zu sagen. Manchmal, um begeistert mitzureden; manchmal, um zu widersprechen. Einige Vorstellungen kamen mir schlicht überholt vor, bei anderen Aussagen habe ich das Video angehalten und mich gefragt: Was daran irritiert mich denn so? Stark ist, wie offen die Männer sprechen und Dinge äußern, die sozial womöglich unerwünscht sind. "Ich guck schon auch manchmal abwertend auf Feminismus", bekennt einer der jungen Männer in der fünften Folge.

Fußball zur Kontakanbahnung

Dass diese Serie genau jetzt zur EM erscheint und sich mit einer Folge dem Fußball widmet – das war nicht von Anfang an geplant. Als aber die Idee dazu aufkam, haben die Regisseurinnen festgestellt: Viele der Männer hätten ohnehin ganz von allein viel über Fußball gesprochen. "Für mich ist das eine Emotion, die man mit Leuten unterschiedlichster Art teilt, die du dir so einfach auf der Straße nicht abholen kannst", sagt ein Mann in Folge 7.

Was ist Männlichkeit? Statt der einen Antwort zeigt diese Dokuserie mehrere sehr verschiedene Menschen, die sich jeweils als Mann identifizieren. Dann kann Männlichkeit ja nicht nur ein Abbild haben. Und klar, wir wissen natürlich, dass Mannsein mehr ist als "Bier, Muskeln, Auto". Mannsein ist auch "Klo putzen, weinen wollen, Elternzeit nehmen."

Die Folgen der Serie wurden vollständig untertitelt, auch Deutsch und Englisch. Zum einen erleichtert es, auch zwei englischsprechende Protagonisten zu verstehen, zum Anderen erlauben die Inklusivität. Die war den Regisseurinnen wichtig, genauso wie mit der Auswahl der Männer aus der Medienschaffenden-Bubble herauszutreten. Nina Wesemann und Felicitas Sonvilla, die Macherinnen von "BOYS", erschaffen so einen Raum, in dem die Protagonisten ihre Erfahrungen und Gefühle teilen können. Das macht die Dokuserie zum Vorbild für eine wünschenswerte Diskussionskultur.

Die 7-teilige ZDF-Serie "BOYS" startet am 11. Juni online, die lineare Ausstrahlung folgt am am 12. Juli.