Theater als Gesellschaftslabor Macht die Theater zu – und fangt von vorne an

Corona hätte eine Stunde Null für die Theater sein können: Denkpause, Überprüfung von Strukturen, Neuerfindung. Stattdessen brach digitaler Hyperaktionismus aus und die Häuser sitzen weiter in ihrer Kunstblase. Autor Björn Bicker will Theater als Labor und mit gesellschaftlicher Relevanz. Ein Zwischenruf

Von: Björn Bicker

Stand: 20.07.2020

Schriftsteller Björn Bicker | Bild: dpa/picture-alliance / Bearbeitung: BR

Viele Menschen in Theaterberufen haben keine Lust mehr in einem Klima der Angst und Überforderung zu arbeiten. Seit Jahren wird die unerträgliche Diskrepanz zwischen fortschrittlich-emanzipatorischem Gestus auf der Bühne und dem patriarchalen, ausbeuterischen, auf Willkürherrschaft basierenden Arbeitsalltag hinter den Kulissen beklagt. Aber auf dem Altar der Kunst wird weiterhin geopfert was das Zeug hält. Regisseur*innen, gleich welchen Alters, egal welchen Geschlechts, führen sich auf wie Despot*innen, strukturell geschaffene Abhängigkeiten haben mancherorts zu einem äußerst komplexen System des Gebens und Nehmens geführt.

Die Repräsentationskrise der subventionierten Theater

Nun trifft diese Debatte über die Arbeits- und Machtverhältnisse auf eine zweite, nicht weniger dringliche und wahrscheinlich damit zusammenhängende Entwicklung. Seit Jahren dämmert den Theaterleuten und mit ihnen manchen Kulturpolitiker*innen, dass öffentlich finanzierte Institutionen wie Theater schon lange nicht mehr die Gesellschaft repräsentieren, von der sie unterhalten werden. Während die Städte immer diverser werden, kulturell, ethnisch, sprachlich, sexuell, sind viele Theater immer noch der Hort einer homogenen, meistens weißen und gut situierten Mittelschicht. Closed Shops, Parallelgesellschaften. Rühmliche Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Sowohl die interkulturelle Neubelebung der Theater als auch die Demokratisierung der Macht- und Arbeitsverhältnisse sind nicht mehr aufschiebbare kulturpolitische Herausforderungen.

Als die Theater wegen der Pandemie schließen mussten, hatte man kurz die Hoffnung, die Theaterleute würden diese verordnete Zwangspause dazu nutzen, um den Blick auf sich selbst zu richten. Was für ein Theater wollen wir eigentlich unter welchen Bedingungen machen? Stattdessen sind viele Theater schlagartig in eine noch nervösere Hyperaktivität verfallen als zuvor. Eine schier unendliche Anzahl von digitalen Formaten wurde produziert. Mit dem traurigen Gestus der Unbeirrbaren wurde die eigene Verzweiflung durch die Breitbandkabel des World Wide Web gejagt.

Pandemiesstopp als Denkpause nutzen

Wenn die Theater aber wirklich daran interessiert sind, als das gesellschaftliche Labor zu fungieren, als das sie sich selbst gerne sehen, dann könnten sie den Pandemiestopp als Denkpause nutzen, um ihre eigene Zukunft zu verhandeln. Dann könnten sie sich ernsthaft mit Demokratie, Teilhabe und Gerechtigkeit auseinandersetzen und zwar nicht irgendwie im symbolischen Raum, sondern ganz konkret am Beispiel ihrer eigenen Wirklichkeit. Sie könten ihren Kunstbegriff hinterfragen und ihn einem Update unterziehen.Sie würden ernsthaft über Formen der künstlerischen wie betrieblichen Partizipation nachdenken, darüber, wie man seine eigenen Führungskräfte in good governance fortbilden könnte. Und sie könnten dann weitermachen und Strukturen verändern. Ihre Personalpolitik, die Bedingungen ihrer Kunstproduktion. Davon könnte dann die ganze Gesellschaft profitieren: Die Überarbeitung des Konzepts Stadttheater als Prototyp gesellschaftlicher Veränderung hin zu mehr Diversität und Gerechtigkeit. Privilegien stünden zur Disposition.

Betrieb schließen und Runde Tische aufstellen

Macht die Theater zu – und fangt von vorne an. Ein Cut, eine Stunde Null. Das wäre doch ein wunderbares gesellschaftliches Experiment. Wir schließen den Betrieb für eine Weile und richten stattdessen runde Tische ein, mit Abstand, in Stadien, auf Plätzen und Straßen. Auf Bühnen. Wir bilden achtsam Beteiligungsgremien aus der Zivilgesellschaft, die die Vielfalt der Städte abbilden und denken gemeinsam darüber nach, für wen und für was unsere Theater in Zukunft gut sein sollen. Man könnte Wünsche formulieren, Träume besprechen, Pläne machen. Ein großes Palaver. Und natürlich wären die Erfahrungen und das Wissen der Profis unabdingbar.

Zugleich wäre es für die Theaterleute eine riesen Chance, ihre Kunstblase zu verlassen und sich selbst aufs Spiel zu setzen. Diese Debatten wären ein performatives Großereignis, ein Vorschein vom zukünftigen Stadttheater und seinem Verhältnis zu der Gesellschaft, die es ermöglicht. Sie wären Bild und lebendige Praxis des politischen Wandels in Zeiten der Pandemie: Eine von vielen möglichen Antworten auf die Krise der Repräsentation.