Interview mit Bildungsexperte Aladin El-Mafaalani "Unsere Schulen sind abgerockt"

Ein Jahr kein normaler Unterricht. Welche Folgen hat das Chaos an den Schulen? Der Soziologe Aladin El-Mafaalani warnt im Interview, viele Kinder hätten sogar Lesen und Schreiben vergessen, Migratenkinder Deutsch wieder verlernt.

Von: Christoph Leibold

Stand: 26.03.2021

Ein kleines Mädchen hängt eine bunte Mundschutzmaske an eine Wäscheleine | Bild: BR Bild

Schulen auf, Schulen zu. Schleppend anlaufender Online-Unterricht. Schnelltestpflicht oder nicht? Viele Eltern schulpflichtiger Kinder erleben das ständige Hin und Her und das zögerliche Krisenmanagement in der Pandemie als konzeptlos. Christoph Leibold hat mit dem Soziologen Aladin El-Mafaalani über die Situation gesprochen. Wenn es so weitergehe, werde eine ganze Generation abgehängt, warnt der Bildungsforscher.

Christoph Leibold: Was sagen Sie als Experte? Ist das, was wir gerade erleben, tatsächlich das bildungspolitische Desaster, als das es viele Eltern empfinden? 

Chaos an den Schulen: "Das wird in der Gesamtschau nichts Gutes ergeben!", warnt der Soziologe Aladin El-Mafaalani

Aladin El-Mafaalani: Da ist auf jeden Fall einiges im argen. So ein bisschen Stress, den kann man nicht verhindern in einer Pandemie. Aber wir haben eindeutig den Befund, dass es gesellschaftliche Bereiche gibt, die besonders betroffen sind. Und da würde ich die Alten- und Pflegeheime genauso wie die Schulen dazu zählen. Das sind zwei Bereiche, in denen wir sehen, dass sie vom Anfang an der Pandemie bis heute nicht so richtig auf die Füße kommen. Was das Schulsystem angeht, so kann man sagen, dass wir heute wirklich ganz, ganz stark die Dinge erleben, die ohnehin vorher schon nicht gut liefen. Das sind grundlegende Probleme, die wir heute an jeder Stelle erleben. Und natürlich, wenn man Kinder im schulpflichtigen Alter hat, erlebt man das dann nochmal deutlicher, als es andere vielleicht tun. Das als Desaster zu bezeichnen, ist, glaube ich, völlig berechtigt. 

Das heißt, Corona ist tatsächlich dieses Brennglas, als das es immer bezeichnet wird, das vorhandene Probleme stärker sichtbar und spürbar macht.   

Ja, eindeutig. Die Befunde sind ja nicht neu. Nehmen wir mal eine Banalität wie etwa, dass Fenster in den Schulen nicht aufgehen oder keine Seifenspender da sind. Das sind Dinge, die waren vorher auch schon so. Nur jetzt, da wir genau das gebraucht hätten, um ein vernünftiges Sicherheitskonzept zu entwickeln, fällt uns natürlich auf: Oh jemine, was ist das denn? Wie kann es sein, dass diese Institutionen von der Immobilie, vom Grundstück und vom Gebäude her nicht in der Lage sind, auf diese Pandemie einigermaßen zu reagieren? Unsere Schulen sind – da muss man die Jugendsprache bemühen – abgerockt, und zwar so richtig! Die Gebäude genauso wie das System insgesamt! 

Lassen Sie uns mit dem Brennglas auf eines ihrer Kernthemen blicken, nämlich Bildungsgerechtigkeit bzw. -ungerechtigkeit. Es ist bekannt, dass Bildungschancen viel zu sehr vom Elternhaus abhängen. Durch Corona stellen wir plötzlich fest – Überraschung! –  es haben gar nicht alle Kinder Eltern daheim, die ihnen sagen können, wie man die neuen Französischvokabeln ausspricht, die der Lehrer nur zum Herauslesen aus dem Schulbuch aufgegeben hat. Es haben nicht mal alle Laptops, um am Online-Untericht teilzunehmen. 

Genauso ist es. Im Prinzip kann man das mit der einfachen Formel – das ist eigentlich auch wieder banal – beschreiben, dass die Ungleichheit dadurch entstanden ist, dass man eben andere familiäre Verhältnisse hat. Die Kindheiten unterscheiden sich. Wenn wir jetzt den Befund haben, dass die Kinder seit inzwischen über einem Jahr nur noch oder fast nur noch zu Hause sind, dann ist es nicht mehr schwer zu erklären, dass die Ungleichheit entsprechend größer wird. Und wenn Sie jetzt noch bedenken, dass wir vorher schon die Problematik hatten, dass wir klare Defizite nicht ausgleichen konnten innerhalb des Schulsystems, dann wird das jetzt nur noch schwerer werden.Lassen Sie mich zwei Punkte nennen: Wir wissen zwar noch nicht, wie viele Kinder betroffen sind, aber – das beschreiben uns überall die Grundschullehrkräfte – dass es Kinder gibt, die konnten lesen und schreiben, die haben es in der ersten Klasse vor einem Jahr gelernt, und haben das durch die Schulausfälle wieder verlernt. Das ist natürlich verheerend. Es ist zu befürchten, dass wir das kaum wieder ausgleichen können, besonders wenn das in einer hohen Anzahl passiert. Und was noch schlimmer ist: Viele Migrantenkinder haben überhaupt nur in der Schule Deutsch gesprochen, weil nun mal zu Hause niemand Deutsch spricht. Und da gab es jetzt durchaus Fälle von Kindern, die Deutsch sprechen gelernt hatten, das nun aber wieder verlernt haben. Wir bekommen im August das erste Mal seit vielen Jahren in allen Bundesländern eine ganze neue, erste Klasse mit Kindern, die ein ganzes Jahr über nicht in der Kita waren und keine sprachlichen Förderprogramme hatten.

Ein Kollege von Ihnen, Olaf Köller, ebenfalls Bildungsforscher, hat kürzlich gesagt, die Schule sei in der Pandemie an ungefähr einem Viertel der Kinder fast spurlos vorübergegangen. Er plädiert dafür, gezielt Defizite aufzuarbeiten, und sagt, man solle sich auf die Kernfächer konzentrieren: Deutsch, Mathe, Fremdsprachen. Das Musische scheint wieder mal total verzichtbar zu sein.  

Ich denke, der Vorschlag ist aus der Not geboren. Deshalb kann ich das schon nachvollziehen. Wenn wir uns jetzt nicht auf irgendetwas konzentrieren, dann werden wir das nicht auffangen können. Aber ganz klar ist die größte Ungleichheit, die wir haben, die Ungleichheit bezogen auf das Kunst- und Kulturangebot. Das kann man auch tatsächlich messen. Und es wäre natürlich ungünstig, wenn wir das komplett in die Hände der Eltern legen und in der Schule ersatzlos streichen. 

Schulen sind nicht nur Orte der Wissensvermittlung, da wird auch soziales Miteinander erlernt, was aber schwer geht, wenn alle allein daheimsitzen. Es geht ja nicht nur um Wissenslücken. Welche gesellschaftlichen Folgen müssen wir befürchten, weil das Homeschooling auch auf diesem Gebiet zu massiven Defiziten führen könnte? 

Ich will zunächst voranstellen: Homeschooling kann auch ein paar Vorteile bringen. Die Kinder lernen unter Umständen eine gewisse Form von Selbstorganisation, Eigenständigkeit und entwickeln noch stärkere Medienkompetenz. Das heißt, ich würde nicht alles schwarzsehen. Aber Sie haben vollkommen Recht: Gerade die Kinder, die nicht einmal Geschwister haben, die im ähnlichen Alter sind, haben auch ganz viele Dinge eine ganze Weile nicht erlernt. Man muss sich eigentlich immer nur vorstellen, dass sich für Grundschulkinder ein Jahr so anfühlt wie bei Erwachsenen sechs, sieben oder acht Jahre. Und kleine Kinder lernen ja viel mehr innerhalb eines Jahres als Erwachsene. Hat man in einem Jahr bestimmte Sachen nicht gelernt, sind das ganz einschneidende Dinge.

Mit welchen konkreten Auswirkungen rechnen Sie?

Was Konkretes kann ich Ihnen noch gar nicht sagen. Wir hatten noch nie eine Pandemie und konnten deshalb noch nie empirisch untersuchen, was für Auswirkungen das genau hat. Wir wissen nur, dass es krasse Auswirkungen haben wird, aber nicht, welche es sein werden. Die Schule fällt aus. Gleichzeitig fällt aber auch alles andere aus. Die Kinder treffen sich kaum noch miteinander in der Freizeit. Das wird in der Gesamtschau nichts Gutes ergeben. Und deshalb muss man da gegensteuern, und zwar mit vollem Engagement. Ich hatte ein Jahr vollstes Verständnis, dass wir andere Baustellen hatten. Man musste die gesamte Versorgung der Gesellschaft aufrechterhalten während einer Pandemie. Man musste den Impfstoff besorgen. Es gibt viele Dinge, die tatsächlich dringlicher waren. Aber jetzt sind wir an einem Punkt, wo man sich mit den Kindern und Jugendlichen beschäftigen muss, damit das die erste Priorität wird. Die Politiker tun gerade so – und das nervt mich am meisten – als hätte man schon was getan, indem man jetzt diesen, naja, "Präsenz- Unterricht" anbietet. Das ist noch nicht einmal ein annähernd adäquater Ersatz für das, was weggebrochen ist. Ich hoffe sehr, dass in den Osterferien die Zeit genutzt wird, einen richtigen Plan, richtige strategische Überlegungen anzustellen. So langsam entwickelt sich bei mir aber auch eine Enttäuschung. 

Dieses Interview lief in der kulturWelt, die Sie hier nachhören können.