Bildbasierte sexuelle Gewalt Entblößt und bloßgestellt

Ein Klick und das Leben gerät aus der Bahn: Wer gestohlene oder manipulierte Nacktaufnahmen von sich im Internet entdeckt, erlebt oft den totalen Kontrollverlust. Das Phänomen heißt bildbasierte sexuelle Gewalt. Und die nimmt angesichts neuer Entwicklungen immer mehr zu. 

Von: Sarah Fischbacher

Stand: 21.01.2022

: Ein Mann läuft vor einem Graffity der irischen Künstlerin Emmalene Blake vorbei. An der Wand steht "Criminalise image based sexual abuse", daneben ist die Abbildung eines nackten Frauenkörpers mit der Unterschrift "Not yours to share" zu sehen. Dublin, November 2020. | Bild: picture-alliance/dpa Artur Widak/NurPhoto

Stell dir vor, du erhältst eine Nachricht von einem Bekannten. Er hat da etwas von dir im Internet entdeckt, was da nicht hingehört, was du dir mal besser ansehen solltest. Mehr steht da nicht. Nur ein Link. Du klickst auf den Link und dir wird heiß: Was du siehst, sind intime Aufnahmen, vielleicht sogar Kontaktdaten. Du erkennst dein Gesicht, deinen Namen. Du weißt nicht, wie diese Inhalte dorthin gekommen sind oder wer sie hochgeladen hat. Was du aber weißt: Das ist ohne deine Zustimmung passiert. 

Revenge Porn – nur die Spitze des Eisbergs 

So oder ähnlich geschieht sexuelle Gewalt im Netz. Sie widerfährt Männern wie Frauen, wobei Frauen und Mädchen fünfmal häufiger betroffen sind. Josephine Ballon von HateAid, der bundesweit ersten und einzigen Beratungsstelle für Hass im Netz, kennt ihre Berichte gut: "Nackte Videos oder nackte Fotos, die z.B. aus Rache über ein Beziehungsende im Netz landen. Das ist das, was man klassisch als Revenge Porn bezeichnen würde." Revenge Porn – damit werden Fälle digitaler sexueller Gewalt oft überschrieben. Der Begriff greift laut Ballon aber viel zu kurz: "Nicht immer haben wir es mit solchen Konstellationen zu tun. Manchmal handelt es sich auch um gestohlenes oder heimlich aufgenommenes Bildmaterial, z.B. an öffentlichen Orten wie in Festival-Duschen, auf öffentlichen Toiletten, in Umkleidekabinen. Von diesen Aufnahmen wissen die Betroffenen logischerweise gar nichts." Voyeur- oder Amateur-Aufnahmen heißt das Label, mit dem solche Bilder auf Plattformen wie PornHub oder xHamster häufig versehen sind. Offiziell sind solche Aufnahmen in Deutschland verboten.

Fotos oder Videos müssen aber nicht einmal der Aufhänger für digitale sexuelle Gewalt sein, erklärt Ballon: "Wir haben auch schon gesehen, dass private Telefonnummern in pornografischen Portalen veröffentlicht wurden mit der Aufforderung, an diese Nummer so viele Dickpics wie möglich zu schicken." Obendrein das große Problem an all diesen Veröffentlichungen: Sie werden rasend schnell geteilt, kopiert, weiterverbreitet. 

Wut, Hilflosigkeit, what the fuck 

Anna, Gründerin der aktivistischen Gruppe AnnaNackt, hat bildbasierte sexuelle Gewalt selbst erlebt. Private Aufnahmen, die sie in einer Dropbox gespeichert hatte, wurden geleakt und mit Verweis auf ihr Facebook-Profil auf mehreren Porno-Seiten hochgeladen. Sie erinnert sich an ihre ersten Reaktionen: "In mir: Panik. Wird es vielleicht noch weiterverbreitet? Hilflosigkeit – jeder weiß doch: Einmal im Internet, immer im Internet! Wut über die Ungerechtigkeit – Das kann mir gerade einfach nicht passiert sein und what the fuck geht in Menschen vor, die so etwas machen?" 

Josephine Ballon von HateAid hat eine Antwort auf diese Frage: "Das Ziel der Täter ist es, insbesondere Frauen bloßzustellen und zu objektifizieren". Die Motive sind unterschiedlich, die meist männlichen Täter sehr vielfältig. Aber es gibt gewisse Szenen: "Die Slut Exposer Szene hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen als Schlampen öffentlich 'zu enttarnen‘. Wir sehen, dass frauenfeindliche Bewegungen online immer mehr Zulauf bekommen. Incels sind eine der am schnellsten wachsenden Bewegungen im Netz; und die haben wieder Überschneidungen mit der Neuen Rechten." Incels (kurz für: Involuntary Celibates) schrecken auch vor frauenfeindlichem Terror außerhalb des Internets nicht zurück.

Die Gefahr wächst – auch durch Corona 

Nicht nur diese Entwicklungen besorgen Hilfsorganisationen wie HateAid. Jahr für Jahr nehmen die Berichte von digitaler sexueller Gewalt zu, zuletzt noch einmal drastisch wegen des Brennglases Corona. Im April 2020 verzeichnete die britische Revenge Porn Helpline einen sprunghaften Anstieg um fast 50% mehr Anfragen. Dafür kann es viele Gründe geben, Fakt ist: Während der Pandemie verlagerten sich viele Bereiche des Lebens ins Digitale. 

Außerdem bringt die digitale Entwicklung neue Techniken hervor: "Ganz aktuell gibt es immer mehr Erscheinungsformen, die mit manipulierten Bildern zu tun haben", sagt Josephine Ballon von HateAid. Via Deepfake-Technologie machen es Apps wie DeepNude (inzwischen inaktiv) leicht, jedes beliebige Gesicht in pornographische Videos hinein zu montieren. Und auch der umstrittene Messenger-Dienst Telegram erlaubt es, Inhalte vor den Augen der Öffentlichkeit (und verborgen vor der Betroffenen) einer großen Gruppe von Menschen zugänglich zu machen. 

Bildbasierte sexuelle Gewalt ist illegal! 

Doch welche Form digitale sexuelle Gewalt auch annehmen mag: Sie ist strafrechtlich relevant. Sie stellt Beleidigungsdelikte, Verletzungen am eigenen Bild oder kontaktlose Sexualdelikte dar und zieht je nach Schwere der Tat harte Strafen nach sich, stellt die Pressestelle der Polizei München klar. In Deutschland stehen danach sogar deutlich mehr Formen der digitalen sexuellen Gewalt unter Strafe als in anderen Ländern wie Großbritannien oder Australien. Wozu HateAid und die Polizei daher raten: In jedem Fall von digitaler sexueller Gewalt Anzeige erstatten! 

EU könnte anonyme Uploads auf Pornoseiten verbieten 

Was für die Ermittlungsbehörden trotz vergleichsweise klarer Rechtslage in Deutschland schwierig bleibt, ist die Täteridentifizierung. Denn auf den meisten Pornoseiten müssen diese sich zum Uploaden nicht authentifizieren. In einer Petition fordert die Kampagne #NotYourPorn, die auch HateAid und AnnaNackt unterstützen, darum die Anpassung eines neuen EU-Gesetzes. Wer Aufnahmen auf Pornoplattformen verbreiten will, soll künftig E-Mail-Adresse und Handynummer herausrücken. Regeln soll das das Digitale-Dienste-Gesetz (DSA). Ein Vorschlag des EU-Parlaments zum DSA sieht folgende Punkte vor:

  • Verifizierungspflicht für Personen, die Inhalte auf Pornoplattformen hochladen 
  • spezifische Schulungen für Moderator*innen, die Aufnahmen sichten 
  • spezielle Meldewege für Betroffene, um Missbrauchsmaterial zu melden und zu entfernen  

Wenn diese Regeln gesetzlich festgeschrieben würden, wäre das ein historischer Schritt gegen bildbasierte sexualisierte Gewalt auf Pornoplattformen. Um Betroffenen aber fürs Erste konkret zu helfen, sind vor allem niederschwellige Hilfsangebote wichtig. Und die gibt es: 

Die Seite Am I In Porn? bietet eine bildbasierte Suche, um Menschen eine Möglichkeit zu geben, Inhalte, die gegen ihren Willen online sind, schnell zu identifizieren und anschließend dagegen vorzugehen. Wer bereits Inhalte von sich gefunden hat, findet Hilfe bei HateAid. Hier gibt es eine psychologische Betreuung, die bei der emotionalen Stabilisierung hilft und auch bei der Beweissicherung – denn auch die kann retraumatisierend sein. 

Anzeige und Prozesskostenfinanzierung 

Auch die verschiedenen bayerischen Polizeipräsidien bieten Opferberatung und Opferschutz, auch mit dem Spezialgebiet Cybercrime. Wer eine Anzeige aufgeben will, kann dies auch direkt online tun. Kommt es in Folge einer Anzeige zu einem Prozess, kann HateAid eine Prozesskostenfinanzierung vermitteln . 

Was alle Beratungsstellen klarmachen wollen: Bildbasierte sexuelle Gewalt ist nicht die Schuld der Opfer. Die Opfer sind nicht allein. Es ist wichtig, sich an Vertrauenspersonen zu wenden. Und über das Thema zu sprechen, um gegen die vielfältigen Formen digitaler Gewalt vorzugehen.