Lasst tausend Feminismen blühen Das Patriarchat hat kein Geschlecht

Auch wenn wir uns schon im Postpatriarchat befinden: die Matrix, die unsere Gesetze, Strukturen und Rollenbilder bestimmt, ist immer noch patriarchalisch. Da müssen wir was gegen tun, meint Laura Freisberg.

Von: Laura Freisberg

Stand: 23.03.2021

Journalistin Laura Freisberg | Bild: privat

"Es sind die Beziehungen zwischen Frauen, die uns aus dem Patriarchat herausführen!" In diesem Satz steckt so viel Wahrheit drin – und trotzdem kann er ein Update vertragen. Erstens: können wir heutzutage wirklich noch von einem “Patriarchat” sprechen? Befinden wir uns in einer patriarchalen Gesellschaft? Oder schon im Postpatriarchat? Ein Begriff, den ich sehr passend finde, ist der Begriff der “patriarchalen Matrix”, wie ihn zum Beispiel Carel van Schaik und Kai Michael in ihrem Buch “Die Wahrheit über Eva” verwenden.

Eine Matrix ist eine Struktur, die sich durch alles hindurch zieht –und diese patriarchale Matrix zieht sich durch unsere Gesetze, unsere Geschichten, Filme, Kunstwerke, durch die Art wie Städte geplant werden, wie Menschen zusammenleben –und wie wir Körper wahrnehmen. Das hierarchische Geschlechterverhältnis, die Einteilung in “Mann”/”Frau” zieht sich durch unser ganzes Zusammenleben und ist dabei mehr oder weniger offensichtlich. Schließlich stecken wir alle noch IN dieser Matrix. Und diese Matrix bestimmt, wie wir die Realität interpretieren, welche Geschichten wir uns von der Welt erzählen – und welche Rolle Frauen und Mädchen in diesen Geschichten spielen.

Feminismus ist die rote Pille der patriarchalen Matrix

Die Idee, dass es die Beziehungen zwischen Frauen sind, die uns aus dem Patriarchat – bzw. der patriarchalen Matrix herausführen, ist typisch für einen Differenzfeminismus, wie ihn feministische Autorinnen wie Antje Schrupp oder Dorothee Markert vertreten. Differenzfeminismus grenzt sich vom Gleichheitsfeminismus ab. Ein Feminismus, der sich am Prinzip der "Gleichheit" orientiert, setzt sich für Quotenregelungen und Gleichstellungsbeauftragte sein. Gleiche Rechte und Möglichkeiten für alle, Frauen sollen all das machen können, was Männer auch tun. Der Differenzfeminismus schaut ein bisschen genauer hin und stellt die Frage: Ist das genug? Oder ist das so erstrebenswert? Weil sich der Gleichheitsfeminismus an einer "Männerwelt" orientiere. Die Frage für Differenzfeministinnen ist: Wie könnte eine weibliche Freiheit aussehen, wenn wir aus dieser patriarchalen Matrix rauskommen – wie wollen wir die Welt gestalten?

“Patriarchy has no gender”

"Es sind die Beziehungen zwischen Frauen, die uns aus der patriarchalen Matrix herausführen". Klingt schon besser. Aber was ist mit “Beziehungen” gemeint? Ein freundschaftliches Unterstützen, aber auch: andere Frauen als “Autoritäten” anerkennen. Und zwar in dem Sinn, dass mir die Meinung, die Erfahrung, die Einschätzung einer Frau etwas bedeutet. Die Solidarität unter Frauen bedrohe "das Patriarchat" – und umgekehrt wird die patriarchale Matrix auch von Frauen weitergeben, weitergewoben und gefestigt: Wenn sie sie nämlich nicht dazu nutzen, andere Mädchen und Frauen zu stärken – sondern um sie klein zu halten. Manchmal bewusst, manchmal, weil sie glauben, das müsste so sein. Das passiert in Familien, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene. Die patriarchale Matrix bleibt ja bestehen, wenn ihre Struktur über Erziehung, Geschichten etc. weitervererbt wird. Frauen erklären den kleinen Mädchen, wie sie sich zu verhalten haben. Frauen erziehen ihre Söhne zu Machos oder zu Rassisten.
Um die US-amerikanische Feministin bell hooks zu zitieren: "Patriarchy has no gender."

Dankeschön an Virginia Woolf, Audre Lorde, Margaret Atwood

Mit den Beziehungen zwischen Frauen können ganz konkrete Freundschaften gemeint sein – aber auch Beziehungen auf einer eher symbolischen Ebene: Wenn ich mir Vorbilder suche, die mich bestärken. Indem ich weibliche Vorbilder habe, werte ich symbolisch das Frau-Sein auf. Eine kurze Zauberübung dazu: Suchen Sie sich ihre Lieblingsbücher, Lieblingsmusiken von Autorinnen und Musikerinnen etc. zusammen - was auch immer Ihnen wichtig ist. Zum Beispiel: Margaret Atwood, Virginia Woolf, Audre Lorde. Und wenn sie den Bücherstapel vor sich liegen haben, bedanken Sie sich bei diesen Frauen! Zum Beispiel so:

Liebe Schwestern im Geiste,
liebe Großmütter, Mütter, Tanten und Patinnen des Feminismus und der Freiheit
wir danken euch für die Kämpfe, die ihr gekämpft habt, für eure klugen Gedanken, für eure Bilder und Kunstwerke, für eure inspirierende und stärkende Musik!
Wir erkennen eure Kompetenz, eure Autorität an, ihr seid unsere Vorbilder.
Wir danke euch, dass ihr uns zeigt, dass wir auf dieser Welt nicht alleine sind mit unserem Bedürfnis nach Lebendigkeit, Unabhängigkeit, Gemeinschaft und Vertrauen.
Selbst wenn wir keine brillante Schriftstellerin sind, wie Virginia Woolf oder eine berühmte Wissenschaftlerin wie Dr. Kimberle Crenshaw - so stehen wir doch mit euch in Verbindung, indem wir euer Vermächtnis ehren und die Flamme weitertragen.
Wir danken euch, und wir stehen in eurer Schuld.
Denn ihr habt diese Welt für uns zu einem besseren Ort gemacht.”

Manchmal hilft das schon um zu merken: Wir sind viele! Aber ist das Update damit abgeschlossen? Nein!

Wir sind viele, Schwestern im Geiste

Zweitens: Warum sollte diese Art von Verbindung und Zauberarbeit auf Frauen beschränkt sein, wieso sollte Feminismus auf Frauen beschränkt sein?

In Bezug auf Rassismus reicht es ja auch nicht, wenn sich nur Menschen dagegen engagieren, die von Rassismus betroffen sind. Damit sich wirklich etwas verändert, müssen sich auch weiße Menschen gegen Rassismus engagieren. Und beim Sexismus ist es nicht anders. Das heißt: Es könnten ja auch die Beziehungen zwischen Frauen und Männern sein, die uns aus der patriarchalen Matrix herausführen, möglicherweise sogar die Beziehungen zwischen Männern? Denn auch Männer werden innerhalb der patriarchalen Matrix eingeschränkt: kleinen Jungs wird schon gesagt, dass sie nicht weinen dürfen, sie lernen schon früh, dass es falsch oder lächerlich ist, Gefühle zu zeigen.

Das Update klingt also so: "Es sind die Beziehungen zwischen Feminist*innen, die uns aus der patriarchalen Matrix herausführen". Denn in diesem kleinen Gendergap können sich alle finden: egal ob weiblich, männlich, non-binär, queer, cis oder trans. Sogar heterosexuelle cis-Männer, die keine Lust mehr auf toxische Männlichkeit haben. In diesem Sinne: We all should be feminists.

Diese subjektive Bestandaufnahme von Laura Freisberg lief am 23. 3. im Nachtstudio, das Sie hier nachhören können.