Meinung „Besondere Helden“ - ein Fall von missglückter Ironie?

Ein alter Mann erinnert sich, wie es damals war, im Coronawinter 2020. So beginnt ein Video der Bundesregierung, das mit den Mittel von Geschichtssendungen versucht, Jugendliche zum Daheimbleiben zu animieren. Ein klassischer Fall von missglückter Ironie?

Von: Knut Cordsen

Stand: 17.11.2020

Standbild aus dem Video "Besondere Helden" | Bild: Screenshot / bundesregierung.de

Hans Magnus Enzensberger hat das Wort von den „Helden des Rückzugs“ geprägt. Damit war nicht der Rückzug in die eigenen vier Wände gemeint, jenes Corona-Cocooning, für das die Bundesregierung nun in ihren drei Videos unter dem Hashtag #BesondereHelden wirbt. Eine bemerkenswerte Spielart des Postheroismus, deren Botschaft denkbar simpel ist: Held ist heute derjenige, der nichts macht. Der zu Hause bleibt, in splendider Selbstisolation, sich und seiner Couchpotato-Haftigkeit treu. Was für eine Almansphantasie: Die gute alte und keineswegs deutsche Sofa-Kartoffeligkeit rettet Menschenleben. Dafür, dass sie einfach weiter gedaddelt und geglotzt haben, werde man den Jungen dermaleinst danken, mit einem „Stück Blech“: fürs „tapfer Rumgammeln“, „Schimmeln“ und was der Verben mehr sind, die wie aus einschlägigen Jugendsprache-Lexika zusammenzitiert wirken. Die „größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“ (Angela Merkel) entscheidet sich an der hyggeligen Heimat-Front: „Unsere Couch war die Front. Und unsere Geduld war unsere Waffe.“ Da haben die Japaner uns mit den sich daheim selbst einschließenden Hikikomori vermutlich schon etwas voraus. Deren selbstgewählte Klausurierung führt dazu, dass sie teilweise monatelang das Zimmer nicht mehr verlassen und das sind, was die Bundesregierung nun der Jugend von heute zu sein erwartet: „faul wie die Waschbären“. „Einfach nichts“, „absolut nichts“ tun, lautet die Parole dieses Fahnen-, pardon: Video-Appells. Nur so wird man „ein Held, ein Idol, ein Musterbürger“.

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Zusammen gegen Corona #besonderehelden | Bild: Bundesregierung (via YouTube)

Zusammen gegen Corona #besonderehelden

Diese Form mißglückter Ironie wirkt verzweifelt. Denn der Bundesregierung, die versucht, ihr Anliegen mit einem Augenzwinkern zu verkaufen, ist es ernst, jeder Auftritt ihrer Repräsentanten sagt es. Deshalb wirkt ihr „Wir sind Helden“-Getue im Video auch so aufgesetzt. Natürlich, das weiß auch die adressierte Jugend, ist die Sofaritze nicht ihr Schützengraben. Ein Schmalhemd ist in der Regel kein Held. Ein Held aber ist man heute schnell mal. Essen auf Fahrrädern kommt von der Firma „Delivery Hero“, vormals „Lieferheld“. Ein Unternehmen, das Kindern einen sicheren und souveränen Umgang mit dem Internet ermöglichen will, nennt sich „Digitale Helden“. Österreichische Umweltverbände, die davor warnen wollten, Abfall achtlos im Wald zu entsorgen, kreierten allen Ernstes den Slogan „Sei ein Held! Lass nichts liegen.“ Heldenplatzangst mag da der eine oder die andere bekommen. Besser, sie und er finden sich damit ab, dass wir in ebenso infantilen wie semantisch hochgerüsteten Zeiten leben, in denen naturgemäß auch die Bundeswehr voll ins Heldenhorn stößt. Einigen wird noch die Werbekampagne in Erinnerung sein, mit der sie 2016 Sanitäter und Ärzte rekrutieren wollte: „Wir suchen keine Götter in Weiß. Wir suchen Helden in Grün.“ 2020 waren es schon in der ersten Welle der Pandemie die Pflegekräfte und die Intensivmediziner, die als „Corona-Helden“ gefeiert wurden, die neben den Busfahrern und Kassiererinnen, „den Laden am Laufen halten“.

Bereits damals im Frühjahr gab es einen fanfarenunterlegten Spot der Supermarkt-Kette „Penny“, der unter dem #erstmalzuhause den sonst belächelten Stubenhocker zum „Hüter des Sofas“ stilisierte und den sofaselbständigen Feierverweigerer zum Helden erkor. Hier wie jetzt erneut in den Homefooling-Spots der Bundesregierung: ein Pseudo- und Möchtegern-Heldentum, ein Maul- und Faulheldentum. Vielleicht hat es der Philosoph Dieter Thomä am besten ausgedrückt, selbst kein Heldenverächter (sein Buch über Väter trug den Untertitel „Eine moderne Heldengeschichte“). Er schrieb 2019 in „Warum Demokratien Helden brauchen“: Unsere Gegenwart sei voller „Scheinhelden“.