Raubkunst Die Rückgabe der Benin-Bronzen ist ein Gewinn

Deutschland will die berühmten Bronzen aus Benin zurückgeben. Warum das eine gute Entscheidung ist, erklärt unser Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 10.06.2021 | Archiv

Drei Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika sind im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in einer Vitrine ausgestellt.  | Bild: picture-alliance/dpa

Diese Entscheidung dürfte als Anfang vom Ende einer jahrhundertealten Kolonialherrenhaltung in die Geschichte eingehen: Lange schon gab es Rückgabeforderungen für Kunstgegenstände, die während der Kolonialzeit aus Afrika nach Europa verschleppt wurden. Die Konferenz im April , an der Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters und Politiker aus Baden-Württemberg, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen teilgenommen haben, stellt aber eine Wender dar: Bis zum Sommer dieses Jahres sollen "konkrete Handlungsschritte und einen Fahrplan für die Frage der Rückführung von Benin-Bronzen" beschlossen werden. Es gab vorher schon vereinzelte Rückgaben, jetzt aber ist die Restitution Chefsache und es betrifft Werke, die unbestritten Kunstwerke von Weltrang sind: die Benin-Bronzen.  

Benin-Bronzen sind Raubgut 

Wieso es so lange gedauert hat? Deutschland hat die Werke auf einer Auktion in London gekauft. Allerdings ist lange schon bekannt, wie die Bronzen dorthin gelangten: Englische Truppen hatten sie bei einem "Rachefeldzug" mitgehen lassen, den sie gegen das Königreich Benin im heutigen Nigeria geführt haben. Immerhin, eine direkte Beteiligung Deutschlands an der Plünderung gab es nicht. Und die Arbeiten wurden von Anfang an als herausragende Kunstwerke gewürdigt. 1915 schrieb Carl Einstein das Buch "Negerplastik", die Expressionisten waren begeistert von der Formensprache der afrikanischen Künstler. Aber trotzdem: Ohne die Plünderung wären die Bronzen nie nach Deutschland gekommen. Und auch sonst gilt, Hehlerware, selbst wenn sie im guten Glauben erworben wurde, muss zurückgegeben werden.  

Können Afrikaner nicht ausstellen? 

Der zweite Grund: Lange haben die Museen behauptet, die Werke seien in Europa besser aufgehoben, weil sie besser konserviert würden und der Öffentlichkeit zugänglich seien. Tatsächlich hat es gedauert, bis in Afrika Museen entstanden, denn die Kolonialherren haben fast keine hinterlassen. Aber der europäische Umgang mit Kunstschätzen ist auch nicht gerade vorbildlich. Plünderungen sind Teil der europäischen Kulturgeschichte: Venedigs Diebstähle aus Byzanz sind bis heute am Markusdom zu bewundern, Napoleon ließ überall was mitgehen und die Nationalsozialisten betrieben die Plünderungen systematisch.  

Die Herablassung vieler Museumleute, der Afrikaner könne das eben nicht, ist für mich jedenfalls ein Ausdruck von Rassismus, von unverhohlenem Paternalismus und Herrenmenschentum. Also braucht es manchmal einen groben Keil auf einen groben Klotz.  

Warum wir alle Gewinner sind 

Teju Cole

Große Teile des afrikanischen Kulturerbes sind als Folge des Kolonialismus über die Welt verstreut und für Afrikaner damit oft unzugänglich. Sie stehen in Museen in Paris, London und Berlin – und sind wegen der eingeschränkten Visavergabe für viele Afrikaner damit unzugänglich. Es geht auch nicht um die Rückgabe sämtlicher Werke. Aber schon um die von einigen wichtigen Werke. Kunst schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Der Schwarze Schriftsteller James Baldwin empfand sich in den 50ern in einem Schweizer Bergdorf als minderwertig, weil die Bewohner Bach und Beethoven als gemeinsames Erbe für sich beanspruchen konnten. Teju Cole widersprach 60 Jahre später seinem Idol, für ihn seien die Skulpturen afrikanischer Künstler ebenso identitätsstiftend wie die Kathedrale von Chartres. Aber dank seines US-amerikanischen Passes kann Cole auch Europa bereisen. Was die Rückgabe aus deutschen Museen jetzt ermöglicht: Afrikaner können in ihren Heimatländer Kunst bewundern, die sie stolz auf ihre Geschichte blicken lässt. Dabei geht es nicht um mein oder dein. Die Restituierung kann dazu beitragen, dass auch die Fixierung auf die Kolonialgeschichte gebrochen wird: Afrikaner haben eine Geschichte jenseits des Opferstatus.  
Jetzt gibt es in Nigeria erste Planungen für ein neues Museum, um die Bronzen präsentieren zu können. Die NZZ wiederholte daraufhin noch einmal die kolonialistisch-herablassende Frage, ob denn das Land mit seinen schlechtbezahlten Angestellten auch wirklich für den Schutz der unbezahlbaren Kunstwerke sorgen könne. Eine seltsame Frage, denn ich wüsste von keinem Gericht, dass einen Dieb freispräche, weil der das Raubgut besser verwahrte als der Eigentümer.

Nicht nur Nigeria, nicht nur Afrika, auch wir gewinnen durch die Rückgabe. Indem wir merken, welche Bedeutung Kultur haben kann. Indem wir die Benin-Bronzen weggeben, anerkennen wir, wie bedeutend sie sind. Das kann keine noch so schöne Vitrine in Berlin oder Paris. Wir machen diese Arbeiten zum Weltkulturerbe – und brechen die fatale Traditionslinie, dass brutale Macht mehr gilt als Recht. Ja, die Rückgabe ist ein Gewinn. Für uns als Land, das erst beginnt, die Verbrechen des Kolonialismus aufzuarbeiten, aber auch für Afrika. Und welche Entscheidung von Politikern kann das schon von sich sagen.