Wer sagt, was die Norm ist? Wie behinderte Menschen um Anerkennung kämpfen

Unsere Autorin hat selber in der Pflege gearbeitet. Und dort Personen kennengelernt, die sich für die Rechte behinderter Menschen einsetzen – und für kleine praktische Schritte wie inklusive Clubs.

Von: Julia Vorkefeld

Stand: 18.09.2020

Schild mit Piktogramm eines Rollstuhlfahrers mit Piratenschwert bei der "Be-hindert und verrückt"-Pride-Parade in Berlin 2014 | Bild: dpa/picture alliance

Ich stehe auf einem Balkon inmitten von tristen Plattenbauten in Berlin-Hohenschönhausen und rauche, es ist später Abend und die Frühlingsluft noch kalt. Ich bin bei einer Klient*in. Die Glotze läuft in Endlosschleife, wie bei fast all meinen Einsätzen. Gerade habe ich Pause. In meinem eigenen kleinen Zimmer kann ich angeklingelt werden. Jedes Mal, wenn die Klingel schrillt, schrecke ich auf. Derweil warte ich, bis die Klient*innen mich brauchen. Für Toilette, Kochen, Essen, Urin ablassen, Umlegen eines Armes oder Beines, Telefon halten und und und. Besonders anstrengend sind Füttern und Waschen. Eine ausgewachsene Person kann ziemlich schwer sein, auch ohne Übergewicht und trotz Hebemaschine. Allein das Anlegen des Gurtes erfordert Muckis und Können. Es soll ja niemand verletzt werden.

Ich habe ein halbes Jahr lang in der Pflege gejobbt. Währenddessen bin ich oft an meine Grenzen gestoßen. Ekel und Angenervtsein sind auch mir begegnet, obwohl ich mich vor dieser Erfahrung für so offen und vorurteilsfrei hielt.

"Be_hindert und verrückt"-Parade

Vor gar nicht allzu langer Zeit galten Behinderte, Krüppel oder wie immer sie genannt wurden, noch als Monstren. Sie wurden weggesperrt und ausgeschlossen von der Gesellschaft. Erst die Crip-Bewegung der 1960er-Jahre hat sie aus den Anstalten geholt. Das ändert sich gerade. 2019. Im Zentrum der Stadt, an der Jannowitzbrücke, fand die Berliner Behinderten-Demonstration „Be_hindert und verrückt“-Parade statt, immerhin zum siebten Mal. Muskulöse Power-Dykes schoben den Lautsprecher-Wagen durch die Straßen. Eine Demonstration, die sich nicht nur für die Rechte von Behinderten, sondern auch für die von Queers einsetzte.

Pride-Parade "Be_hindert und verrückt" in Berlin 2019

Eine gesellschaftspolitische Demo mit Tradition, erklärt Melina: "Ich bin Aktivistin und Teil des Bündnisses Behindert und verrückt feiern. Die Parade ist einfach ein Tag im Jahr, wo wir behinderte und kranke Menschen durch die Straße laufen, laut sind, uns schön zeigen, unsere unterschiedliche Körper zeigen – und auch politische Forderungen haben." Gespielt wurde unter anderem ein Song von Jeff Moyer: "For The Crime of Being Different". Seit 1965 komponiert und publiziert Jeff Moyer seine Musik, die wichtiger Bestandteil der Crip-Protest-Bewegung ist. Seit 1973 engagiert er sich im amerikanischen Disability Rights Movement. Für die Aktivistein Melina ist die US-amerikanische Bewegung ein großes Vorbild: "Ich bin dazu gekommen nach 20 Jahren chronischer Krankheit, da musste ich vieles in meinem Leben umstellen und anerkennen, dass ich behindert bin. Und dann habe ich nach Organisationen gesucht, nach Menschen, nach Vernetzungen, nach Texten, nach allem Möglichen, was mir daraus helfen könnte. Und die gesellschaftskritische Behinderten-Bewegung war dann der Ort, wo ich wirklich meinen Platz gefunden habe.“

Melina kommt eigentlich aus Bordeaux. Sie ist Forscherin, Aktivistin, organisiert ein queeres Zine-Festival und pendelt zwischen Frankreich und Berlin. "Meine Motivation und Kern der Bewegung ist die Forderung nach Selbstbestimmung. Es geht darum, dass wir erst mal einen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Das heißt, dass wir nicht zu Behandlungen gezwungen werden, dass aber auch keine Behandlungen verweigert werden."

Jede Abweichung gilt als monströs

Die moralische Stigmatisierung der Missbildung und des Hässlichen steht in der christlichen Tradition. Jede Abweichung gilt als monströs. Doch bereits vor den Christen tritt dieses Denken auf: bei den ästhetikverliebten Griechen. Das Christentum hat die normierten hellenistischen Schönheitsideale in seine Ideologie übernommen. Gott ist ein Mann, sein Körper ist der Standard, alle anderen Körper sind Abweichung. "In dieser Gesellschaft dürfen wir eigentlich nicht selber bestimmen, was mit unseren Körpern passiert", erklärt Aktivistin Melina. "Und das ist auch der Punkt, wo sich queere und Behinderten-Bewegung treffen. Schwule und lesbische Menschen sind nicht mehr pathologisiert, aber Transmenschen immer noch. Deswegen haben sie weniger Zugang auf ganz basisch-medizinische Leistungen. Weil sie der Norm der Medizin nicht entsprechen und die Medizin ist sexistisch, Medizin ist binär."

Stundenlohn in der Nachtschicht: 12 Euro

Julia Vorkefeld

Es ist Freitagabend, ich bin auf dem Weg zur Nachtschicht. Nachtschicht ist gut, es gibt mehr Geld, 12 Euro die Stunde. Die Arbeit ist anstrengend, ich kann mich zwar hinlegen, auf einer Matratze oder Couch, aber die ganze Nacht höre ich durch ein Babyphon die Klientin: Atmen, Stöhnen, manchmal Schreien. Wegen einer fortschreitenden Nervenkrankheit kann sie kaum verständlich sprechen. In der Schulung vor den ersten Einsätzen wird uns gesagt, wir sollten uns einhören. Das können einige besser als andere. Ich bin noch in der Probezeit und springe zwischen vielen verschiedenen Klient*innen hin und her, bis ich ein passendes Team finde. Ich bin schon während der Fahrt zum Einsatz gestresst. Was wird wohl diesmal passieren?

Mit dieser Erfahrung stehe ich nicht allein: "Wenn mir jemand erzählt, das sei eine super tolle Arbeit und es sei super erfüllend, dann stimmt das. Diese Arbeit ist super erfüllend, aber sie hat auch ihre schlechten Seiten. Also, du musst dich emotional sehr distanzieren und deshalb stumpfst du ab. Ich habe durch meine Arbeit gelernt, die Leute erst mal selber machen zu lassen und erst dann zu helfen, wenn sie wirklich meine Hilfe brauchen." S. möchte anonym bleiben. Seit vielen Jahren arbeitet er als persönlicher Assistent im deutschen Pflegesystem. Einer von den Menschen, der es anderen ermöglicht, trotz Behinderung weiter zu Hause zu leben. Die Aktivistin Melina: "Das Schaffen von diesen Anstalten war der Anfang einer automatischen, institutionellen Ausgrenzung, die im Namen der Medizin durch den Staat organisiert worden ist. Das heißt Ableismus, Behindertenfeindlichkeit. Der Fakt, dass heute noch sehr viele Menschen in Institutionen untergebracht werden, also weit von ihren Familien und ohne Selbstbestimmung, wo sie wohnen wollen, das ist menschenrechtswidrig.“

Barrierefreie Diskos

Es gibt durchaus auch positive Beispiele, etwa Clubs, die sich prüfen lassen, ob sie barrierefreies Feiern ermöglichen. Inklusive Diskos, das heißt: Angebote in Gebärdensprache, Angebote für Blinde, Blindenführhunde sind willkommen, barrierefreie Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Eintritt frei, sensible Umgebung, zugänglich für Rollstuhlfahrer, Begleitperson hat freien Eintritt, Behindertenparkplätze, zugängliche Webseiten in leichter Sprache und in Braille, keine störenden Lichteffekte.Thomas sitzt im Rollstuhl und geht gerne in Clubs: "Ich denke, bei anderen Rollstuhlfahrern, die mehr Unterstützung brauchen, gestaltet sich das anders. Es gibt einfach noch generell Berührungsängste von beiden Seiten. Leute trauen sich nicht, in die Öffentlichkeit zu gehen und sich so zu zeigen, wie sie sind." Und dann noch eine "Extrawurst" für sich zu beanspruchen, wie Thomas es ausdrückt: "Das heißt mehr Platz beim Tanzen oder man fährt halt doch mal rückwärts gegen jemanden und muss dann um Entschuldigung bitten." Man sollte wissen, wo die eigenen Grenzen sind, was Berührungen angeht, davon ist Thomas überzeugt – denn es gebe auch noch "ganze andere Erfahrungen", die er selber schon im Club gemacht habe: sexuelle Belästigung.

Plötzlich Objekt der Begierde

#MeToo betrifft auch Rollifahrer*innen und andere behinderte Menschen. Viermal häufiger sind sie Opfer sexualisierter Gewalt als nicht-behinderte Menschen. Behinderung als Fetisch gibt es auch im Porno. Allein bei der Google-Schlagwortsuche erscheinen genügend Treffer. Thomas kennt aber auch andere Begegnungen: "Und dann gibt es die andere Ecke, die extremst rührselig werden, wenn sie betrunken sind und es nur noch super toll finden, 'dass du jetzt in deinem Zustand, dass du es geschafft hast aus deinem Bett und jetzt hier bist, und ich kenne ja auch noch jemanden, der selber in meiner Bekanntschaft / Verwandtschaft im Rollstuhl sitzt und der traut sich sowas nicht. Ich bin so beeindruckt von dir.' Die fangen dann halb an in deinen Armen zu weinen. Und du denkst dir denn so: Ja, ok, ich bin auch nur ein Mensch wie du. Darf ich jetzt mein Bier weiter trinken?"

Wer hindert wen bei "be_hindert"?

Für die Aktivistin Melina geht es darum, ähnlich wie bei der Schwulenbewegung, die diskriminierende Bezeichnung positiv zu wenden: "'Behindert' ist irgendwann zu einem Schimpfwort geworden und der Behinderten-Aktivismus hat sich diesen Begriff wieder angeeignet, um zu sagen: Wir sind stolz zu sein, was wir sind." Trotzdem bleibe "behindert" ein Begriff, der belastet wird von institutionellen Bedeutungen: "Die behinderte Person ist die Person, die Hilfe braucht, die in dieser Bedürftigkeits-Rolle eingesperrt wird und der die Selbstbestimmung trotz aller Bemühungen doch abgesprochen wird. Daher gibt es heute eine sehr interessante Art und Weise 'behindert' zu schreiben und zu denken: als 'be_hindert', um darauf hinzuweisen, dass wir nicht behindert sind, aufgrund von unseren Körpern, sondern wir von der Gesellschaft behindert werden."

Der Wert des Menschen

Mit dem aufkommenden Kapitalismus im industriellen Zeitalter hat sich die Notwendigkeit verschärft, einen genormten, leistungsfähigen Körper zu haben. Die Strukturen der vorangegangenen Jahrhunderte sind bereits da. Nun kommt der technologische Fortschritt hinzu. Der Mensch wird zur Arbeitsmaschine in überwachten, optimierten Abläufen. Und viele Behinderte können da nicht mithalten. Die Aktivistin Melina: "Die Arbeit ist normiert, wie viele Stunden pro Woche man arbeiten muss, um einen Vollzeit-Lohn zu bekommen. Als ob jeder Mensch, jeder Körper ohne Unterschiede dieselbe Leistung erbringen könnte! Ist es überhaupt sinnvoll, gerecht und wünschenswert, dass wir die Werte der Menschen an ihre Leistungsfähigkeit anpassen? Daher ist für mich der Behinderten-Aktivismus sehr eng mit einer Kapitalismuskritik verbunden. Denn der Kern des Kapitalismus ist es, den Wert eines Menschen an der Leistungsfähigkeit zu messen. Es heißt, dass zum Beispiel autistische Menschen sehr begehrt sind in der IT-Branche. Aber wir wollen unsere Krankheiten nicht verwertbar machen und unser Existenzrecht damit rechtfertigen.“

Auch "gesunde" Menschen werden nicht unwesentlich von Ableismus geprägt. Sie machen damit von klein auf Erfahrungen in der Leistungs-, Verwertungs-und Nützlichkeitsgesellschaft. Ableismus und seine Werte werden von Kindheit an durch Familie, Institutionen und Medien vermittelt. Der Mensch hat sich den systemischen Standards anzupassen. Das System ist richtig, der Mensch ist krank und abnorm. Kaum Platz für Be_hinderte.

Was wäre eigentlich Barrierefreiheit?

Und selbst die Fortschritte auf praktischer Seite helfen nicht allen, erklärt Caroline, die sich für mehr Diversität im Berliner Kulturbetrieb einsetzt: "Ich finde 'Barrierefreiheit' ist ein schwieriger Begriff. Er ist euphemistisch und signalisiert einen Idealzustand, Barrierefreiheit kann letztlich nie erreicht werden. Wir haben so viele verschiedene Gruppen von Behinderung, und eine Rampe allein macht jetzt für einen Asperger-Autisten die ganze Institution nicht barrierefrei. Für mich ist ein inklusiver Kulturbetrieb, wenn es durch alle Instanzen hindurchgeht und vor allem diskriminierungskritisch ist."

Ich bin wieder unterwegs, doch diesmal nicht zu einem Einsatz, sondern zu meinem Träger. Ich werde gekündigt. Ich bin erleichtert. Endlich keine Nachtschichten mehr oder Fahrten in die Pampa. Die Arbeit hat mich überfordert, ich hatte Angst, etwas falsch zu machen, besonders bei Klient*innen, die ich verbal nicht korrekt verstehen konnte. Katheter entleeren, das schwere Heben, Intimhygiene, das war alles zu krass für mich. Fürsorge ist harte Arbeit, psychisch und physisch.