Beate Hausbichler "Feminismus ist zum ästhetischen Phänomen geworden"

Alle reden von Feminismus. Gut so. Oder doch nicht? Wo Feminismus dem Marketing dient, wird die Sache politisch problematisch, so Beate Hausbichler in ihrem Buch "Der verkaufte Feminismus". Warum das so ist, erklärt sie im Interview.

Von: Joana Ortmann

Stand: 08.03.2021 | Archiv

Barbie-Puppen nach dem Vorbild der Pilotin Amelia Earhart, der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo and der Mathematikerin | Bild: picture alliance/AP Photo | Uncredited

Vor drei Jahren brachte der amerikanische Spielzeughersteller Mattel zum Weltfrauentag einige neue Barbiepuppen heraus, darunter eine als Frida Kahlo gestylte Barbie: Slogan dazu "Inspiring Women". Ein klassisches Beispiel für "Femvertising", Produktmarketing, getarnt als Feminismus. Wie sehr Feminismus heute zum Marketing-Instrument, zum profitablen Label geworden ist, während sich an der strukturellen Benachteiligung von Frauen wenig bis nichts ändert, analysiert die österreichische Journalistin Beate Hausbichler in ihrem neuen Buch "Der verkaufte Feminismus". Joana Ortmann hat mir ihr gesprochen.

Joana Ortmann: Frau Hausbichler, Sie fordern aus Ihrer Analyse heraus: Wir müssen genauer hinschauen.

Beate Hausbichler: Ich denke, wir haben uns in den letzten Jahren zu Recht darüber gefreut, dass insgesamt Feminismus präsenter geworden ist, dass er mehr im Mainstream vorkommt. Das ist natürlich erst einmal schon was Gutes. Doch gerade bei Feminismus geht es um eine sehr vielschichtige Bewegung, es gibt ganz verschiedene Schwerpunktsetzungen. Und was wir jetzt haben, ist ein ganz starker Fokus auf ein Verständnis von Feminismus, in dem es darum geht, dass ich als Individuum auch den Feminismus konsumiere, indem ich mir einfach selbst ein gutes Gefühl davon gebe, in einer progressiven Gesellschaft zu leben. Und das ist schon gefährlich, weil uns dadurch einfach der Blick dafür fehlt: Wie geht es denn der Masse der Frauen? Wie geht es denn Alleinerzieherinnen? Wie geht es den Armutsgefährdeten? Wie geht es vor allem jenen Frauen, die eigentlich von dieser Popularisierung wenig bis kaum etwas haben?

Sie zeichnen solche Entwicklungen nach, auch natürlich in der Mode, dass fast jede junge Frau heute wahrscheinlich von sich sagen würde: Ich bin feministisch. Man kann sich je nach Einkommen entweder dazu das Gucci T-Shirt oder das H&M-Shirt kaufen. Die Botschaften auf den T-Shirts sind seit ein paar Jahren sehr verbreitet, ich nenne mal ein Beispiel von H&M: "Feminismus ist die radikale Feststellung, dass Frauen Menschen sind." Da könnte man ja erst mal sagen: Das ist relativ klar.

Ich würde sagen, das bleibt auf der Ebene der Ästhetik hängen. Das ist schon ein großes Problem, denn in unserer Konsumgesellschaft ist eben Konsum, ist das Tragen einer bestimmten Haltung identitätsstiftend. Und gerade in unserer westlichen Gesellschaft ist es wichtig, dass man als progressiv denkender Mensch daherkommt. Das nützt uns nichts. Das ist vielleicht ein netter Nebenschauplatz, der einhergehen müsste mit wirklich kritischer Frauenpolitik oder mit breitenwirksamen Maßnahmen, mit Gleichstellungspolitik, die wirksam ist. Aber das ist eben genau nicht der Fall. Feminismus ist zu einer Art ästhetischem Phänomen geworden, wie Sie gesagt haben, T-Shirts und so weiter, auch Serien sind dazuzuzählen. Das ist die eine Entwicklung, aber die andere Entwicklung ist eben, dass die ganz konkrete und vielleicht auch ein bisschen langweilige Gleichstellungspolitik sich mehr und mehr zurückgezogen hat. Also diese beiden Entwicklungen sind parallel verlaufen, und das ist ein interessanter Prozess, den wir sehr kritisch beobachten müssen. Wir müssen dahin schauen, was konkret die gleichstellungspolitischen Fortschritte sind.

Das ist interessant, dass Sie das ansprechen: Jetzt hat gerade am Wochenende Angela Merkel in ihrem Podcast zum Internationalen Frauentag natürlich wieder diese Klage über den Gender-Pay-Gap geführt hat. In Deutschland sind das 21 Prozent. Und da ist natürlich die Frage: Warum hat sie denn in 16 Jahren Kanzlerschaft daran nichts geändert? Ich weiß nicht, ob das vergleichbar bei Ihnen in Österreich ist, aber da liegt ja schon auch ein Hund begraben.

Wir haben 20 Prozent. Das ist genau der Punkt, deshalb habe ich auch Angela Merkel gleich zu Anfang meines Buches zitiert. Sie ist sich schon sehr bewusst, dass sie keine feministische Politik gemacht hat. In Interviews wird Superstars oder prominenten Politiker*innen immer diese berühmte Frage gestellt: Sind Sie Feministin? Da sagt leicht mal jemand: Ja. Aber wir sollten viel stärker fragen: Was tun Sie denn? Was gedenken Sie denn in Richtung Gleichstellungspolitik zu tun? Das ist der große strukturelle Hintergrund, vor dem diese Popularisierung von Feminismus passiert. Und da bewegt sich nichts.

Sie schauen zurück auf die Anfänge der Frauenbewegung und weisen nach, dass Begriffe umgedeutet wurden im Verlauf einer politischen, gesellschaftlichen Entwicklung. So ist zum Beispiel aus dem Ziel Autonomie, dem Eigenständigsein der früheren Frauenbewegung, heute Selbstoptimierung geworden.

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Das, glaube ich, kann man in fast jeder Frauenzeitschrift beobachten. Es ist nicht mehr so, dass so ganz einfach gesagt wird: Du musst attraktiv, du musst schlank sein, du musst eine Karriere machen. Sondern all diese Themen werden ja heute unter dem Motto der Selbstverwirklichung, der Selbstbestärkung und des Empowerments verkauft. Das ist ein falsches Bild von Selbstbestimmung, wo eigentlich letztlich Arbeit an sich selbst dahinter steckt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Body Positivity Kampagne, die jetzt von Unternehmen kommt. Es gibt natürlich auch feministische Body Positivity Kampagnen, die sehr klug und wichtig sind. Aber immer dieses "Liebe dich selbst, so wie du bist!" – in einer total widersprüchlichen Gesellschaft, wo ich trotzdem überall sehr junge, sehr fit aussehende Frauen sehe. Dann appelliert es doch an mich, an mein persönlichstes Innerstes, das jetzt alles überwinden zu müssen. Das ist ein Batzen Arbeit, das macht Stress. Und da sind wir wieder genau bei der Situation, dass an Frauen alles herangetragen wird, dass sie alles ausgleichen müssen, was strukturell in der Gesellschaft falsch läuft.

Sie werfen auch einen Blick in die Entwicklung von sozialen Netzwerken. Da konnte man in den letzten Jahren beobachten, wie sich eine ganz junge Generation abgekämpft hat an alten Schönheitsidealen, wie toll gestylte Achselhaare gefeiert wurden und Blutflecken auf Bettlaken, im Sinne von "Period Pride". Da ist vieles normaler geworden, trotzdem hängen sie ein bisschen fest …

Die sozialen Medien haben ja eine Architektur, die auf Provokation baut, auf maximalen Kampf im Netz baut, um es ganz drastisch auszudrücken. Denn es geht ja darum, dass die Leute möglichst viel Zeit auf diesen Plattformen verbringen und überhaupt nicht darum, differenziert, konstruktiv zu sein oder bestimmte Themen von verschiedenen Seiten zu betrachten. Ich finde, das ist gerade bei feministischen Diskursen nicht gewinnbringend. So haben wir die Situation, dass sich auch aufgrund eines starken Feminismus Misogynie im Netz stärken kann. Das ist wirklich der Konstruktion der sozialen Medien geschuldet, und ich glaube, da müssen wir dringend mehr darüber reden, wie wir diese destruktive Art der Kommunikation ändern könnten.

Man könnte ja auch sagen, durch diese Entwicklung zeigen sich dann viele alte feministische Probleme verschärft.

Das ist das große Positive an dieser niederschwelligen Kommunikation im Netz, dass sich einfach gezeigt hat, es ist noch so viel genauso wie vor 30 Jahren. Und da muss man schon sagen bei aller Kritik an Facebook, Twitter, Instagram, da war #MeToo einfach wirklich eine enorm erfolgreiche feministische Bewegung. Da hat sich einfach gezeigt, was für ein unbeschreiblich großes Leid da dahinter steckt. Und es wird eigentlich nicht davon geredet, weil es im Grunde ein alter Hut ist, um es so zu sagen. Da sieht man eben: Das ist sehr zweischneidig.

"Der verkaufte Feminismus" von Beate Hausbichler ist im Residenz Verlag erschienen. Das Interview ist ein Beitrag aus der kulturWelt auf Bayern 2 und ist hier im Podcast nachzuhören.