Bayerische Kino-Krise "Wir brauchen die physische Präsenz"

Die Filmtheater bleiben vorerst geschlossen, manche Betreiber warten ungeduldig auf die versprochene Soforthilfe. Moritz Holfelder und Markus Aicher berichten über die Kinobranche und Festivalszene.

Stand: 24.04.2020

Kino-Fassade eines geschlossenen Kinos | Bild:  Willfried Gredler-Oxenbauer/Picture Alliance

Ausgestorben sei alles im Moment, sagt Tom Modlinger, und sperrt sein Kino in der ziemlich einsamen Ortsmitte von Holzkirchen in Oberbayern auf. Er steigt hinauf in den zweiten Stock des Oberbräus, des Kulturzentrums der Gemeinde. Modlinger ist lange nicht hier gewesen. Am 16. März musste er zusperren, danach schaute er sich privat noch zwei Filme an, die er zuvor nicht gesehen hatte. Dann war Schluss. Inzwischen vermisst er vor allem das Publikum: "Nachdem ich Kino im Blut habe, ist das für mich natürlich schrecklich. Ich muss in die Gesichter schauen können, ich muss mich über einen Film unterhalten können, ich brauche diese Emotion bei meinen Gästen."

Mit Ach und Krach über die Runden

Tom Moldinger in seinem Holzkirchner Kino

Tom Modlinger ist in einer vergleichsweise entspannten Situation. Sein Kino in Holzkirchen ist eines der kleinsten in Deutschland - 75 Sitze plus ein Rollstuhlplatz. Die Betriebskosten sind überschaubar - der Mietvertrag mit der Gemeinde orientiert sich an der Besucherzahl. Das heißt, kommen keine Besucher, muss auch keine Miete gezahlt werden. Glück im Unglück also. Modlinger hat zudem gut gewirtschaftet, er käme notfalls auch bis zum nächsten Jahr über die Runden. Mit Ach und Krach - dann hätte er aber alle Rücklagen aufgebraucht: "Das geht, solange es geht - und wenn’s nicht mehr geht, geht’s nicht mehr. Ich bin da doch sehr optimistisch, dass es vorher wieder weitergeht."

Ein Anruf bei einem, dem es ganz anders geht - Rainer Gottwald vom Kino in Wasserburg: "Ja, es ist schwierig. Ganz ehrlich. Dem Theater geht’s genauso. Wir sind da ein bisschen vergessen worden. Da hört man nicht viel über die Kultur, wie da weiter verfahren wird." Auf die alarmierende Situation machte der Hauptverband Deutscher Filmtheater aufmerksam: 1.734 Kinos haben aktuell in Deutschland geschlossen. Allein die laufenden Betriebskosten würden für drei Monate Schließzeit zusammen 186 Millionen Euro ausmachen. Den Ausfall der Einnahmen nicht mitgerechnet. Immerhin, die Bayerische Filmförderung der FFF stellt zwei Millionen Soforthilfe für Kinos zur Verfügung. Aber manche fürchten, dass ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Eigenes Kino wurde "fremd"

Erschwerend kommt hinzu: 60 Prozent des Personals erhält kein Kurzarbeitergeld, weil es sich um Minijobber und Studenten handelt. Knapp die Hälfte der Betriebe hat zudem kaum oder gar kein Recht auf Hilfen und Zuschüsse, weil sie über Bemessungsgrenzen liegen. Als noch schmerzlicher empfinden es aber fast alle Kinobetreiber und –betreiberinnen, dass in der Krise die Politik die Kultur offenbar vergessen hat, dass es keine Perspektiven oder Konzepte oder zumindest einen Austausch über Wiedereröffnungen gibt. Marlies Kirchner, die Betreiberin des Münchner Theatiner und letztes Jahr neunzig geworden, kam letzte Woche das erste Mal wieder in ihr Kino: "Ja, wenn man vier Wochen nicht hier war, ist das sehr merkwürdig. Fremd. Und ich möchte, dass das bald wieder aufgemacht wird. Unbedingt!"

Geschlossenes Kino mit Plakaten

Unrealistisch ist das nicht. Marlies Kirchner meint, auch wenn man nur ein Drittel der Plätze besetze und so alle Hygiene- und Sicherheitsvorschriften einhalte, sei das besser als nichts. Die Gilde Deutscher Filmkunsttheater spricht von Konzepten für "risikoarme Kulturorte" - und davon, dass Kultur für das Überleben notwendig sei in schwierigen Zeiten.

Wo ist der Beweis für den Kulturstaat?

Doch die Kultur zähle offenbar im Moment nichts, meint Matthias Helwig, verantwortlich für drei Breitwandkinos im Großraum München: "Ganz generell ist es halt eine Politik, die im Moment enorm generalisiert. Die sagt: Das ist verboten! Aber es gäbe für alles irgendwelche Lösungen. Und das Ganze geht irgendwie noch weiter. Wenn der Oberste, also der Minister etwas sagt, dann macht das bei uns auch der Landrat so. Dann wird der schon drüber nachgedacht haben. Ich hätte mir das auch mit den Buchhandlungen anders gewünscht. Wir sind der Staat, bei uns kann man kleine Buchhandlungen immer besuchen. Da denke ich mir, das wäre es doch mal wirklich! Was soll denn da passieren? Stattdessen: Buchhandlungen werden geschlossen. Warum? Da sind drei Leute drin. 1 Meter 50 Abstand. Kein Problem. Aber sie können lesen. Deutschland und Kulturstaat, Bayern und Kulturstaat - naja. Wo ist der Beweis?"

Mathias Hellwig hat für seine drei Kinos monatliche Fixkosten von 40.000 Euro. Auch er hat gut gewirtschaftet, kommt irgendwie über die Runden, aber wenn die Kinos erst im Herbst wieder aufmachen sollten, wird er vermutlich den einen oder anderen Standort schließen müssen.

Super Platz für Open-Air-Kino

Für Rainer Gottwald aus Wasserburg würde ein Öffnungstermin im Spätsommer hingegen bedeuten, dass er sich einen anderen Job suchen und das Kino aufgeben müsste. Er hofft darauf, dass zumindest für den Juli oder August sein Open-Air-Kino noch genehmigt wird, so Gottwald: "Ich habe dafür einen schönen großen Platz. Da könnte man schon super mit Abstand sitzen. So Geschichten wären schon super, wenn die stattfinden könnten." Warum also dürfen Baumärkte, Gartencenter und Autohäuser Besucher empfangen, aber in Bayern noch nicht einmal kontaktfreie Autokinos, was in Baden-Württemberg gerade sehr erfolgreich geschieht?

In Holzkirchen versucht Tom Modlinger, ein solches Drive-In kurzfristig zu eröffnen - bisher erfolglos: "Ich bin halt momentan dran, mit einer E-Mail an die Bayerische Staatskanzlei für Gesundheit und Pflege. Und natürlich auch an Herrn Söder. Bitte, bitte, bitte gestattet in Holzkirchen bzw. in ganz Bayern den Betrieb von Autokinos, wie es in anderen Bundesländern auch geht. Es sollte eigentlich kein Problem sein."

Es hagelt Festivalabsagen

Das Fünf Seen Festival gibt die Hoffnung noch nicht auf

Kaum weniger hart als die Kinos hat es die Festivals getroffen. Im März musste das "Regensburger Kurzfilm Festival" abgebrochen werden. Kaum besser erging es den Nachbarn in Niederbayern. Die Kolleg*innen des "Landshuter Kurzfilmfestivals" um Michael Orth hatten alles auf Start, inklusive gedruckter Kataloge, versandter Einladungskarten und anberaumter Pressekonferenz, doch dann kam das Aus. Und auch das Festival des dokumentarischen Films, die "Nonfiktionale" im oberbayerischen Bad Aibling musste schweren Herzens absagen. Es folgt damit dem Beispiel des größten bayerischen Film Festivals, dem Filmfest München, das jetzt schon für 2021 plant. Festivalmacher Matthias Helwig vom "Fünf Seen Festival", mag derzeit die Hoffnung nicht ganz aufgeben, auch wenn er sehr skeptisch in die Zukunft blickt. Solange Helwig, der auch Kinobetreiber in Gauting, Starnberg und Seefeld ist, seine Kinos nicht öffnen darf, kann es auch kein Festival geben. 

Digital, dafür länger

Plakat DOK.fest

Ganz anders agiert das in den letzten Jahren stetig gewachsene "DOK.fest" in München. Sein Leiter Daniel Sponsel wird vom 6. Mai an zum ersten Mal sein Programm rein online anbieten. Dafür hat er die Laufzeit sogar bis zum 24.5. verlängert, um den über 120 Filmen, zahlreichen Filmgesprächen und Preisverleihungen ausreichend Platz zu gewähren.

Anders als Sponsel sieht Matthias Helwig sein Festival aber nicht im digitalen Bereich. Und eine Verschiebung? Ein Ausweichtermin kommt für ihn aufgrund des derzeit noch voll terminierten bayerischen Festivalherbstes nicht in Frage. Beim „Fünf Seen Festival“ will man nun Mitte Mai definitiv entscheiden, ob und wie es weitergeht. Mögliche Verlegungen hängen von den rechtlichen Regelungen, den Zusagen der Sponsoren und der Verfügbarkeit der Spielorte ab. 

Präsenz als Muss

Eine Online-Variante zieht Tamara Danicic, Festivalleiterin der "Nonfiktionale", auch nicht in Betracht: "Da für uns die Filme und das Sprechen über die Filme von jeher gleichwertig nebeneinanderstehen, brauchen wir die physische Präsenz wie auch den Austausch zwischen Filmemachern, Publikum und Festivalmachern unbedingt. Abgesehen davon gehören Festival-Filme nun mal auf große Leinwände. Und nachdem wir ja keine aktuelle Jahresauslese präsentieren, bringen wir keine Filmemacher um ihre Premieren!"

Auch für Veronika Lömker von den "Musikfilmtagen Oberaudorf" ist ein Online-Festival keine Option. Derzeit erwägt man bei diesem Publikumsfestival im oberbayerischen Inntal noch eine Verlegung auf Mitte September. Die hängt allerdings davon ab, wie dann die finanzielle Förderung aussieht und ob die Filme noch zur Verfügung stehen und das größtenteils ehrenamtlich agierende Team mitzieht.

Das Kino lebt!

Glücklich womöglich, wer erst im Herbst, im Oktober einen Termin hat. Beim ältesten bayerischen Film Festival, den "Internationalen Hofer Filmtagen", ist man derzeit noch vorsichtig optimistisch. Auch wenn Festivalleiter Thorsten Schaumann sagt: "Ich gehe davon aus, dass die Internationalen Hofer Filmtage in diesem Jahr nicht so stattfinden, wie wir sie kennen. Mein Motto ist 'Kino lebt'. Wir arbeiten mit unterschiedlichen Szenarien, in Abhängigkeit von der allgemeinen Lage. Dabei wäre die digitale Spiegelung des Festivals eine Möglichkeit. Auch, wenn dies letztendlich nicht unserem Ideal-Szenario entspricht, wollen wir das Kino lebendig halten, in diesem Jahr eventuell ein wenig anders."