Fotografien von Barbara Niggl Radloff im Münchner Stadtmuseum Den Menschen im Vordergrund sehen

"Ich war die einzige Frau", sagte die Fotografin Barbara Niggl Radloff. Doch sie setzte sich gegen ihre männliche Kollegen durch. Sensibel porträtierte sie Menschen, hielt Schwingungen von Paaren fest und Stimmungen in München.

Von: Barbara Knopf

Stand: 17.11.2021 15:54 Uhr

Hannah Arendt auf dem 1. Kulturkritikerkongress, München, 1958 | Bild: Münchner Stadtmuseum

Was für Köpfe! Der Künstler Emilio Vedova: eulenbrillige Konzentration. Die Schauspielerin und Schriftstellerin Ingrid Bachér: blondumrahmtes Gesicht, das wie körperlos aus einer dunklen Buchshecke herausschwebt. Eine Welt vergessener Namen, aber auch gebliebener: Erich Kästner, Heinrich Böll, Annette Kolb.

Augenkontakt der Fotografin beim Porträtieren

Was frappiert, ist der Blick der Fotografin selbst: Barbara Niggl Radloff bleibt anwesend als Gegenüber, auf der anderen, unsichtbaren Seite der Fotografie. Wie sie Truman Capote ohne jegliche Weltruhmpose in Stille einfängt. Wenn Hannah Arendt ihre gewohnt strenge Gefasstheit nach einem ersten Foto aufgibt und auf einem zweiten ein fast vertrauliches Lächeln wagt: "In dem Moment ist die Fotografin Hannah Arendt näher gekommen.", sagt Kurator Maximilian Westphal. "Sie hat den Film weitergespielt, vielleicht kurz Augenkontakt aufgenommen, ein kurzes Gespräch begonnen. Barbara Niggl Radloff hat mit einer Rolleicord fotografiert, also eine Kamera, die man nicht vor dem Gesicht hat, sondern die man an der Brust tragen konnte und von oben hinein geschaut hat, das heißt nur mit einer Kopfbewegung nach oben konnte sie ihr Gegenüber auch anschauen. Da war keine Kamera dazwischen."

Mehr als 2.500 Schwarzweiß-Abzüge aus dem Nachlass hat Maximilian Westphal gesichtet. Mit dem sehnlichen Wunsch, Pressefotografin zu werden, studierte Barbara Niggl Radloff bis 1957 am Institut für Bildjournalismus in München. Arbeitete dann für Zeitschriften wie Scala International, die Münchner Illustrierte oder die kultisch verehrte Jugendzeitschrift Twen. Reportagen, Gymnastikbilder mit Veruschka von Lehndorff, Titelbilder: Die Zeitungslandschaft der 1960er Jahre taucht in den Vitrinen auf. Und damit eine Zeit, als Bildjournalismus hieß: in die Welt hinaus zu reisen, nach Tel Aviv, Rom oder Moskau. "Es war ja auch die Zeit des Kalten Krieges, und dass eine Fotografin dann aus Moskau berichtet hat und keine Parteiprozession fotografiert hat, sondern sich auch wirklich für das Leben auf den Straßen interessiert hat", sagt Ulrich Pohlmann, Leiter der Fotografischen Sammlung im Münchner Stadtmuseum, das sei auch eine ganz besondere Qualität. "Sie hat immer den Menschen im Vordergrund gesehen, also jenseits aller Ideologien und möglichen Parteizugehörigkeit."

Stimmung der Zeit verdichtet

Man findet auf Barbara Niggl Radloffs Reportagefotos – Schwabinger Partys, Jazz auf der Leopoldstraße, die Wiedereröffnung der Alten Pinakothek in München – immer wieder Bilder, die eine Zeitstimmung verdichten: Das herausfordernde Gesicht einer jungen Münchnerin vor den Trümmern der Theatinerstraße. Eine junge Frau zuhause zwischen Schrank und Zimmerpflanze – in ihren hoch erhobenen Armen liegt etwas Tänzerisches, eine Lust; es bündelt sich darin schon der ganze Ausbruchswille der späteren 68er-Generation. Dynamik ist in den Fotografien zu spüren. Barbara Niggl Radloff setzt sich gegen männliche Konkurrenz durch, so Kurator Maximilian Westphal: "'Ich war die einzige Frau' ist eine Aussage von ihr auch gewesen. Also nur Männer um sie herum, die sich durch das Gedränge des Tagesgeschehens wühlen konnten. Und sie, die mit so einer sehr sensiblen Herangehensweise sich andere Themen, andere Persönlichkeiten und andere Motive auch gesucht hat. Aber sie hatte nach der Anstellung bei der Münchner Illustrierten ein regelmäßiges Einkommen".

Dann aber: Ehe mit dem bildenden Künstler Gunter Radloff, Umzug nach Feldafing, drei Kinder, Auszeit. Erst Ende der 1970er-Jahre porträtiert Barbara Niggl Radloff wieder, diesmal den enigmatischen Künstlerkosmos der Villa Waldberta in Feldafing, wo die Stadt München ihre Stipendiaten unterbringt, Gäste aus der Welt, Afrika, Indien, China, Osteuropa, wie den späteren Literaturnobelpreisträger Imre Kertész oder den ukrainischen Fotografen Boris Mikhailov zusammen mit seiner Frau Vita – ein Bildnis luftiger Symbiose. Überhaupt die Paare! Max Horkheimer oder Günter Grass und ihre Frauen – das Objektiv wird zum hellsichtigen Auge für Paarschwingungen. Jedes dieser unbedingt zu entdeckenden, so zeitlosen Schwarzweiß-Bilder ist voller Präsenz.

2010 ist Barbara Niggl Radloff im Alter von 74 Jahren gestorben. In einer Vitrine mit persönlichen Widmungen und Zeichnungen kauert ein kleines dunkles abstraktes Objekt. Der portugiesische Bildhauers Rui Chafes, ein Waldberta-Gast, hat es der Familie im Todesjahr als Andenken vermacht. Man kann seine Fotografin auch lieben.                                                 

Die Ausstellung "Vertrauliche Distanz. Fotografien von Barbara Niggl Radloff 1958–2004" ist bis 20. März 2022 im Münchner Stadtmuseum zu sehen.

Der Beitrag zu Barbara Niggl Radloff lief in der kulturWelt auf Bayern 2, die Sie hier nachhören und abonnieren können.