Baerbock als Moses Frauenbashing, das Hoffnung macht

Was hat eine Lobbyisten-Anzeige mit Frauenzeitschriften zu tun? Sie kultivieren alte Geschlechterbilder! Aber sie zeigen auch, wie brüchig diese Klischees geworden sind. Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 14.06.2021 | Archiv

12.06.2021, Berlin: Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin und Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, nimmt steht bei der Bundesdelegiertenkonferenz ihrer Partei auf der Bühne vor einem Foto mit Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen. Bei dem digitalen Parteitag in Berlin wollen die Grünen ihr Wahlprogramm für die Bundestagswahl im September verabschieden und Baerbock offiziell als Kanzlerkandidatin aufstellen. Foto: Kay Nietfeld/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Kay Nietfeld

Die Anzeige der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zeigt Annalena Baerbock mit zwei Gesetzestafeln in den Armen. Die Grünenpolitikerin als Moses? I love it. Warum? Nicht weil ich der Unterschrift zustimmen würde: "Wir brauchen keine Staatsreligion“. Sondern weil der stramm neoliberale Thinktank alles falsch gemacht hat, was man(n) falschmachen kann. Moses war ein Guter. Vielleicht haben die Verantwortlichen für die Kampagne das beim BWL- oder VWL-Studium nicht mitbekommen. Er führt das Volk Israel ins Gelobte Land, wo Milch und Honig fließen - übertragen auf Baerbock dann also in ein Land, in dem der Strom sauber ist und die Wirtschaft nicht mehr jahrzehntelang ungestört Dieseldreck auspusten oder mit Kinderarbeit billige T-Shirts produzieren darf.

Um genau solchen grünversifften Unsinn zu verhindern, warnt die Initiative: "Die Verbote der Grünen lähmen unser Land“. Auch da hätte ein wenig Bibellektüre geholfen.

Denn was passiert, als Moses zum ersten Mal mit den Tafeln den Berg Sinai heruntersteigt? Die Stämme umtanzen das Goldene Kalb, einen Götzen, der für schnelle Lustbefriedigung steht: Wir opfern, Du lieferst. Wir opfern die Gesundheit unserer Lungen und die Vielfalt unserer Umwelt, dafür bekommen wir Autos mit vier Liter Hubraum? Selten hat eine Lobbyorganisation so klar ausgedrückt, dass sie alle Gesetze als Hemmschuhe ansieht, weiterhin unbehelligt Profite scheffeln zu dürfen – auch wenn das zu Lasten aller geht.

Angst vor neuen Frauenbildern

Aber trotzdem ist die Moses-Anzeige ein Lichtblick. Offenbar hält diese Lobbyvereinigung eine grüne Kanzlerin tatsächlich für eine mögliche Option. Wer hätte das vor drei, vier Jahren für möglich gehalten. Angela Merkel hat deutlich gemacht:Eine Frau kann ein Land professionell führen, viel besser als so manche Trumps oder Johnsons der Welt. Nur noch Altvordere bekommen Angst, wenn eine Frau als Moses dargestellt wird. Götzendämmerung, beziehungsweise die Männerdämmerung ist da! Aber natürlich nicht überall. In einer Frauenzeitschrift las ich ein Interview (hätte ich lieber sein lassen, weil normalerweise stehen in solchen Publikationen die meisten hard facts im Horoskop), in dem einer Influencerin die Frage gestellt wurde: "Wie bekommst Du das hin, Mutter zu sein und Frau zu bleiben?" Okay, diese Schubkarre von reaktionären Zuschreibungen in einem Satz hat den Vorzug von Deutlichkeit: Frau kümmert sich nur ums Aussehen und Mode, um für Männer attraktiv zu sein. Folglich kann ein Mensch, der sich um ein Kind kümmert, keine Frau sein.

Schnodder versus Frau

Okay, auch ich habe fast sechs Jahre lang meine Kleidung genau nach einem Kriterium ausgesucht: Kann man es gut waschen, um den Schnodder, Schnief und Spielplatzdreck rauszubekommen? Aber ich bin dennoch ein Mann geblieben. Und die Mutter meiner Kinder eine Frau. Weil es ein ganz anderes Ziel gab, als perfekt auszusehen: nämlich einen kleinen Menschen glücklich zu machen. Harte Jahre der Schule von Nicht-Ichbezogenheit. Und da nützt auch kein schwangeres Model auf dem Cover eben dieser Zeitschrift, auch wenn das ein Fortschritt ist, denn es zeigt immerhin, dass Größe 34, maximal 36 keine "Normalmaße" sind. Macht Frauen keine Angst, nicht mehr Frauen zu sein, wenn isie schwanger sind. Aber wer Frauen auf gut geschminkte Modepuppen reduziert, der versteht die Zeichen der Zeit nicht. Denn längst sind einige Modefirmen weiter: Chanel wirbt für den x-ten Relaunch des Coco-Chanel-Kostüms mit dem Twilight-Star Kristen Stuart. Die sieht auf einigen Fotos aus, als würde sie gerade nach einem Wochenende aus dem Berghain herausstolpern, bei dem sie nicht nur Apfelsaft zu sich genommen hat. Selbst Damenkostüme müssen heute von Leuten getragen werden, die nach street credibility aussehen (und nicht nach Barbie). Gucci wirbt mit Sänger und Schauspieler Harry Styles für eine Handtasche – ohoho, so nettes Gender Bending. Alles erste Schritte, um den Beton von Geschlechterbildern kaputt zu machen. Aber erst wenn Virgil Abloh Fake-Schnodder auf den Schultern von total überteuerten Off White Unisex-Hoddies anbringt, dann wissen wir, dass wir endlich bei realistischen Geschlechterbildern angekommen sind. Aber die Zeit ist da – manchmal können wir das Gelobte Land schon sehen.