Lena Gorelik über die Ukraine Was der Krieg mit uns macht

Lena Gorelik wurde in St. Petersburg geboren und wuchs in Deutschland auf. Fassungslos blickt sie auf das, was gerade in ihrem Geburtsland passiert. Ein nachdenklicher Essay, verfasst eine Woche nach dem Einmarsch in die Ukraine.

Von: Lena Gorelik

Stand: 03.03.2022 | Archiv

Lena Goreliks neuer Roman "Wer wir sind" | Bild: BR

Vor einer Woche also, seit sieben Tagen Krieg; und in der Ukraine zählen sie vermutlich die Stunden, oder es ist andersherum, und die Zeit hat an Bedeutung verloren, die Wochentage, die Uhrzeiger haben ihren Sinn verloren. Vor einer Woche war es also, dass wir in einer Welt aufwachten, in der sich alles zum Schlechten gedreht hatte, obwohl wir dachten, wir seien von der Pandemie und deren Konsequenzen Einiges gewöhnt. Seit einer Woche Bilder von Panzern und Explosionen, von Menschen, die sich in der Metrostation, die als Luftschutzbunker dient, zusammenpferchen, von Fliehenden, Kinder an und Koffergriffen in den Händen, tränenüberströmte Gesichter.

Die Angst vermischt Damals und Heute

Zwischen den Bildern vermischt sich alles, der Schock, die Verzweiflung, die Ohnmacht, der Aktionismus, und manchmal vermischt die Angst das Damals und das Heute miteinander, und manchmal vermischt sich die Erinnerung mit dem Jetzt. Weil diese Bilder, die wir sehen, die von Kollonnen auf Kyiv zurollender Panzer, an die Bilder aus unseren Geschichtsbüchern erinnern, an die Bilder, die wir vom Zweiten Weltkrieg kennen. Weil die Angst, wenn Putin verkündet, "Abschreckungswaffen" in Alarmbereitschaft zu versetzen, die aus dem Kalten Krieg ist: Die atomare Bedrohung wird nicht als solche benannt, aber steht dröhnend laut im Raum. Die Ängste, die seit sieben Tagen wachsen, vermischen sich mit der Erinnerung an Angst, vermischen sich mit den Wörtern, die wir aus dem aktiven Wortschatz verbannen wollten, "Aufrüstung“, "einkesseln“, "nukleare Bedrohung", vermischen sich mit der Tatsache gewordenem Krieg, von dem wir doch so lange riefen "Nie wieder“.

Mutige Protestierende in Russland

Seit sieben Tagen vor den Nachrichten sitzen, ich lese sie in deutscher, englischer, russischer, ukrainischer Sprache. Dann der Schreck: Die wenigen, staatlich unabhängigen Medien in Russland werden von der russischen Medienaufsicht gesperrt: die Kämpfer*innen, die Hoffnungsträger*innen der letzten Jahre, die Mutigen, die einen hohen Preis für den Versuch der Objektivität bezahlten. Ich sitze hier, in Deutschland, sehe zu, wie ukrainische Städte eingekesselt werden, spreche mit verängstigten, weinenden, mutigen Menschen, sehe zu, wie Russland, das Land, in dem ich geboren wurde, von einem wahnsinnigen, rachsüchtigen, herzlosen Despoten in den Untergang gerissen wird. Wirtschaftlich, emotional, geistig. Weiß um den Mut der Menschen, die sich in den russischen Städten mit Anti-Kriegs-Schildern auf die Straße begeben. Die aus unseren Blickwinkel vielleicht als wenige wirken, immerhin hatten sich in Berlin am Sonntag Hunderttausende zu einer Kundgebung versammelt.

Aber in Berlin setzen wir beim Demonstrieren Kinder auf unsere Schultern und kaufen den Kindern im Anschluss ein Eis, und in Russland verabschieden sich Mütter und Väter, bevor sie mit einem Schild das Haus verlassen, von ihren Kindern, die sie, vermutlich Tränen unterdrückend, in die Obhut der Großeltern geben, weil sie wissen, die Wahrscheinlichkeit, dass sie verhaftet und nicht in ein paar Stunden zurück nachhause kehren, ist groß. Ich weiß um den Mut der Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Sanitäter, die sich in einem Offenen Brief an Putin gewandt haben, um sich gegen die kriegerischen Handlungen auszusprechen, die, seit sie ihre Unterschrift unter diesen Brief gesetzt haben, um ihren Job und ihre Sicherheit fürchten müssen.

Hierarchie der Geflüchteten

Ich sitze hier, sehe die Ukraine, sehe Russland, sehe diese Region, die sich nie vom sowjetischen Erbe erholt hat, sehe all das, was wir schon seit Jahren gesehen haben, aber nicht sehen wollten. Vielleicht haben Kriege schon immer alles in blanker, nackter, hässlicher Weise offenbart: die unterschwelligen und unterdrückten Konflikte, die Schmerzen des historischen Erbes, das Schöne und das Hässliche im Menschen. Es findet alles gleichzeitig statt, alles vermischt sich auf frappierende Weise miteinander: Während sich die Nachbarländer Ukraines und die EU als zu Tränen rührend gastfreundlich und hilfsbereit erweisen, erzählen Flüchtende nicht weißer Hautfarbe von ebendiesen Grenzen, wie sie abgewiesen wurden.

Während die Deutsche Bahn ukrainische Flüchtende kostenlos reisen lässt, und die EU darüber diskutiert, wie man ihre Aufnahme möglichst wenig bürokratisch absichern könnte, wird eine Hierarchie von Geflüchteten als Gedankenkonstrukt aufgestellt: Die besseren Geflüchteten, die uns näher stehen wie die Ukrainer*innen, und die anderen, gegen die man in ebensolcher Eile, mit der man jetzt an Grenzen und Bahnhöfe eilt, Stacheldrahtzäune errichtet. Die Fragen, an die uns der Krieg führt, sind nicht neu, sie sind auch nie verschwunden; wir haben nur gern unsere Augen verschlossen.

Ein schweres Erbe

Seit sieben Tagen Krieg, in diesen sieben Tagen so viel Leid, Verzweiflung und Abschied, so viel Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft und Solidarität. So viele Versuche, eine ganze Region, die Geschichte, die Mentalität zu verstehen, den Menschen zuzuhören, sie zu sehen, Versuche, die so viele Jahre ausgeblieben sind. Ich sehe zu, meist angst- und manchmal hoffnungsvoll, will weiter hoffen, dass das Zuhören, dass das Sehen anderer Realitäten, Problemstellungen, die nicht die unseren sind, dass das Bewusstsein für Verbindungen in der Welt bestehen bleibt, auch wenn der Krieg vorüber ist. Weil ein Krieg niemals mit einem Waffenstillstand endet, weil seine Konsequenzen sich durch Lebensläufe und historische Narrative ziehen, weil sie zu einem Erbe werden, mit dem folgende Generationen umgehen müssen.