Essay von Björn Bicker Eine Ode an die Liste

Die Pandemie hat den Münchner Autor Björn Bicker zu einem eifrigen Listenschreiber gemacht. Freunde, Worte, Ängste, Rituale, Mit- und Unmenschen: Die Liste der Listen ist unendlich. Gut so. Denn der Effekt, den sie haben, ist unbezahlbar.

Stand: 03.12.2020 | Archiv

Coaches raten dazu, die erste Stunde des Tages für Planung und Priorisierung der Aufgaben einzusetzen. | Bild: colourbox.com

Während des ersten Lockdowns im Frühjahr ging es los. Wie von selbst. So als würde sich ein inneres Programm einschalten und automatisch arbeiten. Ich war weder überrascht, noch verwirrt, ich konnte absolut nichts dagegen tun, verspürte einen leichten inneren Widerstand, aber mittlerweile habe ich gelernt, gut damit zu leben. Es ist wie ein Zwang, fühlt sich aber ungemein befreiend an. Ich kann ihn sogar einsetzen, verwenden, im Alltag, still mit mir alleine als Meditation beim Fahrradfahren, auf der Laufstrecke, beim Wäschemachen, um den Einkauf zu strukturieren, Kindergeburtstage vorzubereiten, als Spiel mit anderen, aber vor allem kann ich es für meine Arbeit gut gebrauchen. Ich verführe Creative Writing Schüler*innen an der Schauspielschule dazu, es mir nachzumachen, ich bestreite Community Building Kurse auf Zoom damit.

Listenschreiben als Bühnenstoff

Ich habe ein ganzes Theaterstück daraus gemacht. Zwei Schauspieler sitzen auf einer leeren Bühne und sind mit nichts anderem beschäftigt...als Listen zu schreiben, ja, Listen. Wobei es den Darstellern tatsächlich schlechter geht als mir. Sie schreiben nicht einfach Listen von Dingen, Gefühlen und Ereignissen, sondern sie schreiben Listen davon, welche Listen sie schreiben wollen. Sie schreiben Listen von Listen und hängen sie auf Leinen. Und warten auf die Zeit danach. Nach den Listen. Und lesen sich derweil ihre Listen vor. Listen über Listen für die Zeit nach der Pandemie, nach dem Rückzug, nach der Distanz, nach dem radikalen Rücksichtnehmen, nach dem Fälle zählen, nach dem Angsthaben, nach dem Kopfschütteln, nach dem täglichen Zoomen, nach dem Maskenkaufen, nach dem Lüften, nach dem Durchhalten, nach dem Einverstandensein, nach dem Dagegensein, nach dem Listenschreiben, nach dem Sterben.

Jede Liste ist fast unendlich erweiterbar, außer diese ominöse Liste mit den 99 Namen Gottes... aber auch die gehört auf eine Liste, eine Liste letzter Dinge, großer Fragen, eine Liste der Glaubenssachen, der Gewissheiten, der Wahrheiten, die wir niemals verstehen werden, eine Liste der Infragestellungen, der Unverschämtheiten, der Grenzen, der Grenzüberschreitungen, der Toten an den Grenzen, der Familien, der Urlauber, eine Liste der Menschen, denen wir nicht mehr vertrauen, eine Liste der Menschen, denen wir vertrauen, Institutionen, Politiker*innen, Rituale, Entscheidungen, Voraussagen, Ankündigungen, eine Liste aller Ankündigungen, die einer macht, eine Liste aller Fehler, die nie begangen werden, eine Liste aller Fehler, die wir begehen.

Ein Archiv für all meine Listen

Feiert die Lust an der Liste: Björn Bicker

Bei jeder Liste denke ich: aufheben. Für später, für die Kinder, für die Archive, für die Schublade, für den nächsten Text, das nächste Stück, die nächste Erzählung, die nächste politische Kampagne, es hört einfach nicht auf, es ist ein riesen Spaß, eine Erleichterung, eine Stoffsammlung, eine Reise, eine nie enden wollende Kette von Assoziationen, die mich beruhigt, weil sie mir das Vertrauen zurückgibt, das Vertrauen in die Erzählbarkeit der Welt, der Ereignisse, der Komplexität meines Lebens, dieser Gesellschaft, aller Entscheidungen und Auslassungen und Erfolge und vergeblicher Versuche, irgendwie den Kopf über Wasser zu halten. Ja, Vertrauen in das Schreiben, in das Beschreiben, Vertrauen in die Kunst, in die Literatur, in das Theater. In die Institutionen, die Gesetze, die Politik, die Polizei, die Kliniken, die Universitäten, Schulen, Bibliotheken, Arztpraxen, Impfungen, Beatmungsgeräte. Viel interessanter: eine Liste der Anzeichen des schwindenden Vertrauens in das Theater, in die Literatur, in die Kunst, in die Religion, eine Liste der Regungen des Misstrauens in die Verlautbarungen der eigenen Wichtigkeit, in die Behauptung der eigenen Relevanz, eine Liste aller öffentlichen Peinlichkeiten.

Schwindendes Vertrauen

Auch das ging zu Beginn der Pandemie los. Noch nie habe ich so viel über Vertrauen nachgedacht. Plötzlich ist in mir etwas zerstoben. Eine Explosion, die die Teile meines inneren Planetensystems in alle Richtungen zerfliegen ließ und danach ist keine einzige Kugel mehr auf ihrem Platz, völlig neue Konstellationen des Vertrauens. Darin muss ich mich erst zurechtfinden. Das geht im Alltag los: Lieber nicht jetzt ans Kühlregal im Supermarkt, weil da wieder einer von hinten ganz nah rankommt und mir über die Schulter greift und mir seinen potentiell infizierten Atem von hinten direkt ins Gesicht bläst. Hilfe, beim Joggen, die Schritte von hinten, diese drei virilen Typen, die nicht mehr ins Fitnessstudio dürfen und mir jetzt im Park auf meiner Joggingstrecke bedrohlich nahe kommen und sich einen Dreck darum scheren, so viel Abstand zu halten, dass ich nicht ihre exaltiert ausgeröchelten Aerosole einatmen muss. Meine Kinder, die aus der Schule kommen. Der Fahrradunfall. Der lebenswichtige Sprachkurs.

Eine Liste aller Situationen, die mein Vertrauen beanspruchen, mein Vertrauen in andere Menschen, in die Widerstandskraft meines Körpers, in die Vernunft, in den erbarmungslosen Lauf des Lebens. Von den ganzen Leuten, die nicht kapieren, wie man einen Mund-Nasenschutz so trägt, dass es vertrauensbildend auf die Mitmenschen wirkt, von denen, die plötzlich auf irgendwelchen Demos oder im Netz von Freiheit, Diktatur, Widerstand und Zwang schwadronieren mal ganz zu schweigen. Darunter sind Leute, denen ich vorher wahrscheinlich vertraut hätte: Ärzte, Lehrer*innen, Eltern, was weiß ich.

Und die Leute aus der Kultur?

Und dann sehe ich, wie sich viele Leute aus dem Kulturbetrieb verhalten. Manche sind beleidigt, dass sie als Betreiber und Mitarbeiter*innen von Freizeitstätten mit Bordellen und Nagelstudios in einem Atemzug genannt werden, sie sehen sich irgendwie auf einer höheren Stufe der Entwicklung. Eine Liste aller Gesten, die Arroganz und Überlegenheitsgefühl demonstrieren, eine Liste aller Ideen, was Theater tun könnten, um gut durch die Pandemie zu kommen. Eine Liste aller Leute, die nicht einfach so weitermachen wollen wie vorher. Eine Liste von Leuten, die wollen, dass alles so wird wie es war. Eine Liste von Argumenten, warum sie richtig liegen, eine Liste von Argumenten, warum sie falsch liegen. Eine Liste von Ausflugszielen für die Bewohner*innen der Kunstbunker. Eine Liste von Gründen, warum es ratsam wäre, die Wirklichkeit nicht nur zu fantasieren, sondern sie auch kennenzulernen.

Manche Leute behaupten einfach, in ihren Räumen stecke man sich nicht an, wieder andere faseln von Widerstand und merken gar nicht, in welche ideologische Nähe sie sich mit diesem Vokabular plötzlich begeben. Tatsächlich so, als hätten sich die Politiker*innen, die gerade versuchen, die Gesellschaft irgendwie durch die Krise zu navigieren, diesen ganzen Scheiß mit dem Virus ausgedacht.

Eine Liste mit untergegangenen Kulturen. Eine Liste aller Wörter, die man gerade nur mit Vorsicht benutzen sollte. Eine Liste aller politischen Kampfbegriffe, die wir nur noch mit Erklärung verwenden können. Eine Liste aller neuen, unverbrauchten Worte, um politische Forderungen zu formulieren. Ich bin schon immer sehr politisch. Eher links, würde ich sagen, emanzipatorisch, antirassistisch, engagiert in der Hoffnung auf eine gerechte und vielfältige Gesellschaft, lokal, weltweit. Die ersten Jahre sehr jung und super ideologisch, dann verbissen und manchmal deprimiert, seit geraumer Zeit vertrauensvoll und pragmatisch. Ich habe mich in Parteien, Initiativen, Kampagnen und anderen Organisationen engagiert. Ich habe meine Kunst, Theater, Literatur, dafür eingesetzt, Bewusstsein zu schaffen, Communities zu bilden, Minderheiten sichtbar zu machen, Gesellschaft zu verändern. Dabei ging es um Kritik an Institutionen, an regierenden Parteien, an gesellschaftlichen Zuständen und Positionen, die ungerecht, ausschließend oder geschichtsvergessen sind.

Grausamer Sozialdarwinismus

Ein starkes Misstrauen den staatlichen Organen gegenüber ist mir nicht unbekannt. Eine Liste mit Vorzügen der Empathie. Ich habe geschrieben, agitiert, demonstriert und attackiert. Und dann als diese Pandemie losging und ich gesehen habe, wie engagiert und verantwortungsvoll und, ja, letztlich auch transparent, Politiker*innen in diesem Land angefangen haben, die Gesellschaft, also mich und meine Nachbarn, die Institutionen und die Wirtschaft, durch diese Krise hindurch zu bewegen, indem sie Entscheidungen getroffen haben, die ich nicht hätte treffen wollen müssen, und jeden Tag weiterhin Entscheidungen treffen, die mich direkt betreffen, da habe ich gespürt, dass ich erstaunlicherweise ein riesengroßes Vertrauen in diese Leute, in dieses System, in diese Vorgänge habe.

Und ich war froh, und bin es immer noch, dass da Leute sind, die den Schutz von verwundbaren, schwachen und alten Menschen gegen den Wunsch nach diesem neoliberalen Ich-will-machen-was-ich-will und auch gegen das entsetzlich grausame, sozialdarwinistische Krankheiten-hat-es-schon-immer-gegeben Gequatsche verteidigen. Leute, die ich innerlich und ziemlich arrogant eher in der Liste charakterloser Karrieristen verbucht hätte, entpuppen sich plötzlich als ernsthafte und engagierte Macher*innen, die unter Einsatz all ihrer Kräfte versuchen, den Kern einer humanistischen Vorstellung von Welt gegen wirtschaftliche oder andere Erwägungen zu verteidigen.

Die Schönheit des Vertrauens

Puh, ich bin über mich selbst überrascht. Dass ich solche affirmativen Sätze schreibe. Dass ich so ein starkes Vertrauen empfinde. Dass ich sogar dankbar bin, in diesem Land leben zu dürfen und nicht in einem Land, in dem weniger verantwortlich, weniger engagiert mit der aktuellen Situation umgegangen wird. Innerlich rattern die Listen. Die Listen von Einwänden gegen meine Position. Eine Liste mit allen Privilegien, die ich als weißer, gut ausgebildeter Mann in dieser Gesellschaft genieße. Eine Liste mit allen historischen und aktuellen Gründen, warum man den Organen dieses Staates nicht allzu sehr vertrauen sollte. Eine Liste aller Menschen, die ich kenne, die Angst haben, wenn sie in eine Polizeikontrolle geraten, eine Liste aller Indizien, die dafür sprechen, kritisch zu sein. Eine Liste aller anständigen Polizist*innen.

Ich merke, wie sich alles in mir sträubt. Ich möchte mich in mein Vertrauen legen, darin baden und mithelfen, dass vieles wieder gut wird, dass wir wieder unbeschwerter leben können, raus gehen, Menschen treffen, Sport treiben, Feste feiern, demonstrieren, spucken, röcheln, husten, raufen. Ich frage mich zugleich, was unterscheidet mich von den Leuten, die samstags auf die Theresienwiese gehen und gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren, was unterscheidet mich von den Menschen die ihr Vertrauen in unser System verloren haben, die sich verschwören und mehr ihrem Misstrauen trauen als den Entscheidungen der Regierungen, den Ratschlägen der Wissenschaftler*innen, den Maßnahmen der Behörden. Wie ist der Weg der Gefühlstransformation? Starten wir alle mit Angst?

Bei mir wird aus Angst noch mehr Angst und dann Ängstlichkeit und dann die Bereitschaft zu vertrauen, das Gute zu sehen, vernünftig zu sein, mitzuhelfen. Bei anderen wird aus Angst Misstrauen, Wut, Ohnmacht, Aggression. Wieder bei anderen Trauer. Eine Liste aller Gefühle, die sich aus Angst entwickeln. Eine Liste aller Impfungen, die ich überlebt habe. Eine Liste aller Impfungen, die mir das Leben gerettet haben. Eine Liste aller Krankenpfleger*innen, die sagen, dass sie nicht mehr können. Eine Liste aller Fehleinschätzungen, aller Fehler, die zum Erfolg führen. Eine Liste aller Erfolge, die sich als Eigentore erwiesen haben. Eine Liste aller Begegnungen mit Menschen, die mich überrascht haben. Eine Liste mit Sachen, die ich mache, wenn die Pandemie vorbei ist, eine Liste mit Menschen bei denen ich mich bedanken möchte, eine Liste mit Ungerechtigkeiten, die es anzuprangern gilt, eine Liste mit allen Gegenständen, die ich noch nie desinfiziert habe, eine Liste mit Menschen, denen ich vertraue, denen ich nicht mehr traue, denen ich vertrauen möchte, eine Liste mit Texten, die ich noch nicht geschrieben habe, eine Liste mit Irrtümern, mit Verschwörungstheorien, mit Tieren, die man in einer Wohnung halten kann, mit Tieren, die noch nie in einer Wohnung gehalten wurden, eine Liste mit Kunstwerken, Theaterstücken, Romanen, Gedichten, Performances, Kampagnen und Initiativen, die Menschen in ihrem Leben weitergeholfen haben, eine Liste mit Menschen, die sagen, dass sie Kunst, Theater, Literatur brauchen, um ein gutes Leben zu führen. Eine Liste mit Freunden, die sagen, dass sie das alles nicht brauchen. Eine heimliche Liste mit Worten, denen ich traue. Eine Liste mit Menschen, die sich für unsterblich halten, eine Liste mit Menschen, die unsterblich sind, eine Liste mit Menschen, die sich mit mir verbünden wollen, die Unsterblichkeit zu verteidigen.

Wie gesagt, es ist ein Zwang, der sich gut anfühlt. Das Schreiben von Listen. Das Kartographieren der Komplexität. Listen, die sich widersprechen, Listen, die gelogen sind, Listen, die ganz kurz sind, Listen, die ellenlang, unendlich sind, Listen, die ihr Gegenteil bedeuten, Listen, die Vertrauen schaffen, Listen, die nie aufhören, einfach nie aufhören und immer weiter gehen. Langweilige Listen. Listen, die Feindschaft säen. Listen, die Frieden stiften. Listen von Phänomenen, die nie verschwinden, Listen von Dingen, die es gar nicht gibt. Listen von Listen. Listen von Momenten, die von der Schönheit des Vertrauens zeugen könnten.