Unsere Gesellschaft im Museum Die besten Ausstellungen über Kultur und Demokratie

Demokratie im Museum? Klingt, als würde man ein historisches Phänomen anhand von altertümlichen Objekten unter Käseglocken präsentieren. Doch diese Ausstellungen von Arendt bis Horst Antes machen alles richtig.

Von: Julie Metzdorf

Stand: 18.11.2021 11:14 Uhr

Collage aus "Über Tyrannei" | Bild: Text © 2021 Timothy Snyder, Illustrationen © 2021 Nora Krug. © Verlag C.H. Beck, Müchen 2021

Ein Museum ist genau der richtige Platz für Demokratie: Museen sind per se demokratische Orte. Als öffentliche Einrichtungen lösten sie die für Ottonormalverbraucher unzugänglichen fürstlichen Kunst- und Wunderkammern ab. Sie stehen vollkommen im Dienst der Gesellschaft, bieten Bildung, Genuss und Inspiration für alle. Im Folgenden einige aktuelle Ausstellungen aus Bayern, die sich mit einzelnen Aspekten der Demokratie beschäftigen.

Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert

"Ich will verstehen. Und wenn andere Menschen verstehen, im selben Sinn, in dem ich verstehe, dann gibt mir das eine Befriedigung wie ein Heimatsgefühl", sagte Hannah Arendt in einem Interview 1964. Bis heute wirkt das Denken dieser außergewöhnlichen Philosophin nach, Begriffe wie der von der "Banalität des Bösen" haben die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus tief geprägt. 1933 war die Jüdin zunächst nach Paris, später in die USA emigriert. 1961 beobachtete sie im Auftrag der Zeitschrift "The New Yorker" den Prozess gegen den Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann, in Jerusalem.

"Das Wagnis der Öffentlichkeit" heißt die aktuelle Ausstellung über die Denkerin im Literaturhaus München, kuratiert von der Philosophin und Publizistin Monika Boll: "Der Ausgangspunkt unserer Überlegungen war, dass wir Hannah Arendt weniger als Philosophin und Denkerin darstellen wollten, sondern dass uns für die Ausstellung Hannah Arendt als öffentliche Intellektuelle interessiert hat. Und dann haben wir halt gesehen, dass Hannah Arendt über sehr, sehr viel Themen sich öffentlich auch geäußert hat, also etwa über Antisemitismus, über totale Herrschaft, über Zionismus, über den Feminismus, über die Rassenfrage in Amerika, über die Studentenbewegungen in den 60er Jahren. Also alles Themen, die heute weiter aktuell sind und andererseits auch Themen sind, die ihre eigene Lebensgeschichte ausgemacht haben."

Das Zigarettenetui von Hannah Arendt

Die Ausstellung zeigt, wie Hannah Arendts Leben ihr Denken beeinflusst hat, so etwa ihre Fluchterfahrungen und die jahrelang andauernde Staatenlosigkeit Einfluss hatte auf ihre politische Theorie. Ihr Jüdischsein wiederum prägte ihre Gedanken über den Totalitarismus. "Sie beschreibt das Wagnis der Öffentlichkeit als das Wagnis, sich im Licht der Öffentlichkeit zu exponieren und zwar als Person", erklärt Monika Boll. "Und das merkt man immer ganz deutlich, dass hier jemand Urteile auf eigene Rechnung macht. Sie spricht nicht im Namen einer Tradition, einer Ideologie, einer Weltanschauung – sondern wirklich für sich. Das macht auch ihre Autorität aus." Neben Briefen, Fotografien, Film- und Tondokumenten zeigt die Ausstellung auch persönliche Gegenstände, Kleidung, Schmuck und allen voran ihr Zigarettenetui. Denn Denken und Rauchen gehörten für Hannah Arendt zusammen.

"Das Wagnis der Öffentlichkeit. Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert". Bis 24. April 2022 im Literaturhaus München. Als zentrales wiederkehrendes Element der Ausstellung führt eine Hörcollage durch Arendts Urteile und Kontroversen. Sie können die Collage auf der Webseite des Deutschen Historischen Museums nachhören.

Lektionen für den Widerstand

"On tyranny – über Tyrannei" heißt eine Ausstellung der Illustratorin Nora Krug im NS-Dokumentationszentrum in München. Ausgangspunkt der Schau ist ein Buch des Historikers Timothy Snyder von 2017, in dem er 20 präzise Handlungsanweisungen als Mittel gegen autoritäre Bedrohungen veröffentlichte: Gruppendruck widerstehen, Institutionen verteidigen, Phrasen vermeiden, Fakten prüfen. Nora Krug hat Snyders Lektionen für den Widerstand illustriert. Integriert in die Dauerausstellung des NS-Dokuzentrums hat die Künstlerin zudem 20 Vitrinen gestaltet, in denen sie ihren Bildergeschichten Fotografien und Archivstücke hinzufügt.

In einer der Vitrinen liegt etwa ein Foto-Album, das die Festnahme und Erschießung einer Gruppe polnischer Widerstandskämpfer dokumentiert. Es stammt von einem Wehrmachtssoldaten, die Künstlerin fand es auf einem Berliner Flohmarkt. "Für mich ist dieses Illustrieren mit Fotos, aber auch mit Zeichnungen, ein Akt des Zeugens. Für mich war es wichtig, dass ich mich dadurch selber als Zeugin verstehe, dass ich auch den Leser mehr oder weniger dazu zwinge, hinzuschauen. Wir werden dadurch, dass wir historische Fotos anschauen, Zeugen und wir schulden es den Menschen, die auf den Bildern zu sehen sind, diese Momente auch zu bezeugen, also daran teilzuhaben."

Als Stilmittel nutzt Krug die Collage. Sie erlaubt, Konkretes und Symbolisches, historisch Dokumentiertes und fiktive Elemente miteinander zu vereinen. Aber auch das Bruchstückhafte der Technik hat es der Künstlerin angetan. "Weil ich damit das Fragmentarische der Erinnerung und auch das Fragmentarische unsere Geschichte ausdrücken wollte. Wir denken ja immer, wenn wir den Begriff Geschichte hören, an sehr chronologische Abläufe, so wie wir es im Geschichtsunterricht in der Schule gelernt haben. Gleichzeitig kann natürlich Geschichte einfach eine Aneinanderreihung von persönlichen, individuell erlebten Momenten sein. Und indem ich die Zeichnungen von jetzt mit historischen Bildern oder grafischen Elementen wie Postkarten verbinde, will ich auch sagen, dass Tyrannei zeitlos ist. Zeitlos und auch universell."
"On Tyranny. Zwanzig Lektionen für den Widerstand" von Nora Krug und Timothy Snyder. Bis 30. Januar 2022 im NS-Dokumentationszentrum in München.

Die letzten Monarchen

Was Demokratie eigentlich ist und welchen Wert sie hat, erschließt sich auch gut über den Kontrast: Die aktuelle Bayerische Landesausstellung etwa beschäftigt sich mit der Monarchie. Aber nicht mit ihrem Pomp und ihren Privilegien, sondern mit ihrem Niedergang: "Götterdämmerung II – Die letzten Monarchen" heißt die Schau im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg. Ausgangspunkt ist der Tod König Ludwigs II. Ein Foto zeigt den aufwändigen Trauerzug durch die Straßen von München. "Den hätte Hollywood nicht besser hingebracht als die damals zuständigen Herrschaften. Man sieht, wenn man genau hinschaut, zum Beispiel das Reitpferd des Königs mit der Trauerschabrake, das allein hinter dem Sarg hermarschiert", sagt Direktor Richard Loibl.

Aber es geht in der Ausstellung eben nicht nur um die Monarchen, sondern auch um einige jener Persönlichkeiten, deren Denken die Monarchie bröckeln ließ: Friedrich Nietzsche, Karl Marx, Albert Einstein und Sigmund Freud. "Die alte Welt der Monarchen bleibt bestehen, wird überholt und vielfach unterminiert, wenn man so will, von dieser modernen Welt", sagt Loibl. Und gibt ein Beispiel: "Nietzsche sagt, es gibt keinen Gott. Also gibt es auch kein Gottesgnadentum."

Die Feile, mit der Sisi ermordet wurde

Die Landesausstellung blickt über Bayern hinaus, erzählt auch die Geschichten anderer europäischer Monarchien. Da darf Sisi, Kaiserin Elisabeth von Österreich, natürlich nicht fehlen. Ein ungemein aufwändig gearbeitetes, farbenfrohes Sommerkleid bildet den Kontrast zu dem, was kommt: Nach dem Selbstmord ihres Sohnes trug die Trauernde ausnahmslos schwarze Garderobe. Sie selbst kam bei einem Attentat in Genf ums Leben. Das Mordwerkzeug – eine scharf geschliffene Feile mit Holzgriff – ist zu sehen. Das Tatmotiv: Hass auf die Monarchie. Damit traf der Attentäter allerdings die Falsche: Sisi selbst hatte die Monarchie zutiefst gehasst.

"Göttderdämmerung II – Die letzten Monarchen". Bis 16. Januar 2022 im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg.

Flüchtlinge und Vertriebene in Bayern

Flüchtlingslager Allach 1948

Nahezu zwei Millionen Flüchtlinge und Vertriebene kamen am Ende des Zweiten Weltkriegs nach Bayern, das damals rund sieben Millionen Einwohner zählte. Ihre Integration wurde zu einer großen Herausforderung. Das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg widmet sich dem Thema derzeit in der Sonderausstellung "Flucht, Vertreibung und Integration". Im Zentrum stehen erfolgreiche Unternehmensgründungen von Heimatvertriebenen, wie etwa die Firmen Phönix, Kunert und Ernst Müller. Sie stehen zum Teil heute noch für Glaswaren aus Konstein im Landkreis Eichstätt, Nylonstrümpfe aus Immenstadt im Allgäu oder Back- und Puddingpulver aus Barbing bei Regensburg.

Interviews von Zeitzeugen machen die Lebensumstände der Vertriebenen greifbar. Kurt Stenzel etwa erlebte als 8-Jähriger die Vertreibung aus dem Sudetenland. In einem Viehwaggon kam er mit Mutter, Großeltern und Brüdern nach einer tagelangen Reise in Furth im Wald an. Die selbstgezimmerte Holzkiste, in der alle Habseligkeiten der Familie verstaut waren, zeugt heute von der Reise ins Ungewisse, von Verlust und Beschränkungen und einem Neuanfang unter schwierigsten Bedingungen. Kurt Stenzel erinnert sich noch genau an die Ankunft: "Die haben uns mit Läusepulver eingestaubt, weil die dachten, wir sind irgendwie Asoziale. Das war also der erste Eindruck von Bayern."

Menschliches in der Malerei

Einen wie auch immer gearteten, rein "demokratischen Kunststil" gibt es nicht. Und doch haben Künstler auf politische Gegebenheiten nicht nur mit ihren Themen, sondern auch stilistisch reagiert. Ein gutes Beispiel dafür ist Horst Antes.

Horst Antes, Liegende Figur, 1965 (Detail)

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war der Mensch als Motiv in der Malerei verschwunden; Abstraktion und Informel waren die dominierenden Stilformen als Reaktion auf eine aus jeglicher Ordnung gefallenen Kriegszeit und ihre Nachwirkungen. In den 1960er-Jahren bröckelte dieser Konsens. In einer Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche, mit der Studentenrevolte in Paris und dem Protest der Jugend gegen die Verdrängung der faschistischen Vergangenheit durch die Vätergeneration in Deutschland, empfanden immer mehr Maler die Abstraktion als inhaltsleer. "Abstraktion ist Diktatur", postulierte etwa Georg Baselitz und reagierte, wie auch Gerhard Richter, mit figurativen Werken auf die kritisierte "Inhaltslosigkeit".

Auch Horst Antes suchte nach neuen Möglichkeiten, um dem Menschlichen wieder Raum in der Malerei zu geben. Seine Antwort war der Kopffüßler: Eine leibhaftige Figur von starker Präsenz, mit Kopf und Beinen, Augen, Füßen, Armen und Geschlechtsteilen, aber ohne Oberkörper. Das Ganze in den poppigen Farben der 1960er Jahre. Figurativer konnte man gar nicht malen, auf Individualität verzichtete Antes aber auch. Das Franz Marc Museum in Kochel widmet dem Kopffüßler nun eine eigene Ausstellung. Ganz zentral hängt eines seiner frühesten Bilder, ein Werk in strahlendem Orange, an dem man die Genese des Kopffüßlers besonders gut erkennen kann, so Museumsleiterin Cathrin Klingsöhr-Leroy. "Man sieht einerseits, dass es hier um einen Neuaufbruch geht, also in der Farbigkeit so ein richtiger Auftakt. Und andererseits auch, wie dieser Kopffüßler – das ist ja dann die Gallionsfigur für diesen Neuauftritt von Horst Antes –, hier noch relativ klein ist innerhalb eines großen Bildfeldes, wo auch noch viele abstrakte Elemente zu sehen sind."

"Die Genese des Kopffüßlers. Horst Antes zum 85. Geburtstag". Bis 22. Mai 2022 im Franz Marc Museum in Kochel.