Kürzungen bei den Münchner Theatern Kultur, Soziales, Bildung – wir bräuchten jetzt mehr davon!

Die Münchner Theater haben Freitagmittag einen Aufruf zu einem solidarischen Bündnis gegen die Sparbeschlüsse der Stadt gestartet. Die debattierte darüber, bis zu 8,5 Prozent im Bereich Bildung, Kultur und Soziales einzusparen. Jetzt zeigt sich: Kürzungen kommen. Ein Kommentar.

Von: Christoph Leibold

Stand: 28.07.2021

Erst ein großes Einnahmendefizit durch die Corona-Auflagen, jetzt bedroht ein rigoroses Sparprogramm der Stadt die Kammerspiele wie alle Münchner Theater | Bild: dpa-Bildfunk/Sven Hoppe

Dass die Quittung früher oder später auf dem Tisch liegen würde, war absehbar. Die vielen Corona-Hilfsmaßnahmen haben die öffentliche Hand eine Menge Geld gekostet. Geld, das nun eingespart werden muss. Die von der Stadt zurückgenommene Tariferhöhung für die Beschäftigten der Münchner Theater ist da erst der Anfang. Schlimm genug für die Betroffenen. Aber es wird noch schlimmer kommen. Schlimmstenfalls wird München seine immer noch beneidenswert blühende Theaterlandschaft in wenigen Jahren kaputtgespart haben. Wer kann das wollen?

"Wir brauchen einen verlässlichen Schulterschluss zur Stärkung und Sicherung von Kultur, Bildung und Sozialem, bei dem die Politik vorausschauend Verantwortung übernimmt. Wir rufen auf zu einem Bündnis der Bereiche Kultur, Bildung und Soziales in der Landeshauptstadt München, die sich nicht gegeneinander ausspielen lassen! Unterschreiben und teilen Sie diesen Aufruf, um die weitreichenden Sparbeschlüsse im Herbst im Stadtrat gemeinsam zu verhindern."

Aus dem Aufruf der Münchner Theatermacher

An den Festkosten kann nicht gespart werden

Der Stadtrat diskutiert für den nächsten Haushalt Kürzungen in allen Etats, nicht nur bei der Kultur. Von bis zu 8,5 % ist die Rede. Nehmen wir mal an, ein Theater wie die städtischen Kammerspiele käme vergleichsweise glimpflich davon und müsste nur 5 % sparen. Klingt happig, aber irgendwie machbar. Nun sind aber bis zu 90 % des Budgets der Theater Fixkosten. Sie werden aufgewendet für Gehälter, den Unterhalt der Gebäude etc. Bleiben lediglich 10 % freie Mittel für die Kunst, also um all die Kosten zu bestreiten, die bei jeder Inszenierung anfallen, um Bühnenbilder zu bezahlen oder Künstlerinnen und Künstler, die nicht fest angestellt sind: d.h. vor allem Regisseurinnen und Regisseure . 5 % Einsparungen bedeuten vor diesem Hintergrund, dass nur noch halb so viel Kunst produziert werden kann. Krass.

An diesem Punkt nun kommt die gewerkschaftlich ausgehandelte Tariferhöhung ins Spiel. Die Stadt will die Kosten nicht mehr, wie es bisher üblich war, übernehmen. Die Theater sollen sie aus ihren Etats bestreiten. Das ohnehin schon große Loch in den Kassen wächst sich damit zum Schlund aus, der die Kunst verschlingen könnte. Es geht ans Eingemachte.

"Gute Sozialarbeit ist mir lieber als schlechte Kunst!"

Trotzdem werden nun Stimmen laut werden, die darauf verweisen, dass auch im Sozialbereich gekürzt werden wird. Und ist das nicht noch viel entsetzlicher? Werden beispielsweise Kita-Plätze nicht viel dringender benötigt als subventionierte Sitze im Theater? Es ist ein – offenbar unausrottbarer – Reflex, Kultur und Soziales gegeneinander auszuspielen. Die Münchner Kammerspiele haben dagegen nun ein starkes Zeichen gesetzt und zu einem solidarischen Bündnis aufgerufen, mit dem sie den Schulterschluss zwischen Kultur und Sozialem suchen. Gut so. Denn beide Bereiche eint viel.

"Gute Sozialarbeit ist mir lieber als schlechte Kunst!" hat Matthias Lilienthal, der frühere Intendant der Kammerspiele, einmal erklärt. Das war zugespitzt formuliert– Theaterschaffende sind keine Streetworker –, trifft aber einen sehr wahren Kern. Die meisten deutschen Theater sind sich ihrer sozialen Verantwortung und Rolle für die (gesamte!) Gesellschaft in den vergangenen Jahren bewusster geworden denn je. An vielen Häusern wurden die kompletten Betriebe umgekrempelt, damit sich die gesellschaftlichen Veränderungen, die künstlerisch verhandelt werden, auch in der täglichen Arbeitspraxis niederschlagen.
Sichtbar wird das zum Beispiel am Ensemble der Kammerspiele unter der aktuellen Intendantin Barbara Mundel, das Menschen unterschiedlichster Herkunft und Hautfarbe, verschiedener sexueller Orientierung, mit und ohne Behinderung versammelt. Diverser geht es kaum. Damit signalisieren die Kammerspiele: Wir sind ein Ort für alle, für die ganze Gesellschaft, und das nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum.

Das Sparen kommt alle teuer zu stehen

Wie sehr wir solche Orte brauchen, an denen sich Menschen zum fruchtbaren Austausch treffen können, war zu spüren, als die Theater dicht machen mussten und in der Corona-Krise schmerzlich vermisst wurden. Die Schließung, nebenbei bemerkt, bedeutete für die Theater ein zusätzliches herbes Einnahmedefizit. Noch mehr Geld, das nun fehlt. Betroffen von der Misere ist auch die Schauburg, das Münchner Theater der Jugend. Ein Ort, an dem auch Kinder aus so genannten bildungsfernen Schichten – durch Schulklassenbesuche zum Beispiel – mit Kunst und Kultur in Berührung kommen. Manche von ihnen einzig und allein, weil es die Schauburg gibt. Aber diese kulturelle Grundversorgung ist nun gleichfalls in Gefahr. Und wo wir schon von Bildung sprechen: Auch in diesem Sektor soll gespart werden. Auch hier solidarisieren sich die Kammerspiele.

Corona hat nicht nur Geld gekostet. Die Gesellschaft bezahlt die Lockdowns auch mit sozialen Verwerfungen: Mehr häusliche Gewalt, vereinsamtere Menschen, wachsende Ungleichheit bei den Bildungschancen. Kultur, Soziales, Bildung – wir bräuchten nun mehr davon, statt weniger, um die Entwicklung abzufedern, ja zu stoppen und sogar umzukehren. Mit ihrer Sparpolitik marschiert die Stadt in die komplett entgegengesetzte Richtung. Die Quittung dafür wird sie in wenigen Jahren erhalten.

Den Aufruf der Münchner Theatermacher können Sie hier ganz lesen und unterschreiben.

Wie soeben bekannt wurde, hat der Münchner Stadtrat beschlossen, dass sowohl Kultur- als auch Sozialreferat die Tarifsteigerungen aus ihrem eigenen Etat bestreiten müssen.

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Anne Hübner Auch das Sozialreferat muss die Tarifsteigerungen aus dem eigenen Budget finanzieren. Dasselbe können die Kammerspiele aus ihrem 40-Mio.-Budget. Alle Beschäftigten, ob im sozialen oder kulturellen Bereich, erhalten natürlich mehr Geld nach Tarif. 1/2 #stadtrat_live https://t.co/hBYRZbYykm