Atmen als Marker unser Weltbeziehung Sage mir, wie du atmest, und ich sage dir, wer du bist

Zwischen uns und der Atemluft liegt jetzt ein Stück Stoff. Wie verändert uns das? Einerseits erleben wir das Atmen intensiver. Andererseits wird deutlich: Unsere Beziehung zur Außenwelt war schon immer fragil.

Von: Joana Ortmann

Stand: 13.05.2020 | Archiv

Frau mit Mundmaske im Design eines Röntgenbildes | Bild: Bayerischer Rundfunk 2020

Seit die Maskenpflicht gilt, kann es jede und jeder am eigenen Leib spüren. "Die Erfahrung, dass man da praktisch seinen eigenen Atem zum Teil wieder zurückkriegt, weil er an der Maske anstößt, und man da unter so einer Art von Glocke ist, ändert schon die Erfahrung des Atmens auf einer ganz elementaren Ebene." Das Natürlichste wird unnatürlich. Deswegen empfindet der Soziologe Hartmut Rosa Corona als Bestätigung seiner These: Die Beziehung der Gesellschaft zur Welt ist eine fragile, krisenhafte, leicht zu störende.

"Wenn wir über die Art und Weise nachdenken, wie wir auf die Welt bezogen und in die Welt gestellt sind, dann ist das Atmen das Unmittelbarste und die intensivste Ebene unserer Beziehung, weil wir ununterbrochen die Welt, das Äußere, einatmen, einsaugen, in uns hineinlassen - und dann natürlich auch wieder zurückgeben. Das ist im Wesentlichen ein unbewusst ablaufender Prozess, bei dem wir permanent die Welt durch unseren Körper, durch die Lungen, durch die Bronchien, die Atemwege hindurch prozessieren. Deshalb sind wir in einem stetigen, intensiven Austausch-Prozess."

- Hartmut Rosa  

Ein Hin und Her des Lebendigen

Ein Austausch, der auf vielen Ebenen beobachtet und gedeutet werden kann. Spüren die Menschen noch bewusst das permanente Hin und Her von allem Lebendigen? Das Band zwischen ihnen und der Welt? Zeigen sie sich berührbar, reagieren sie auf die anderen? Und wenn nicht, versuchen sie das zu verdrängen? Das Atmen als Indikator für die Qualität der jeweiligen Welt-Beziehung?

Ein alter Text des französischen Naturwissenschaftlers und Dichters Jean-Henri Fabre fördert hierzu Spannendes zutage: "Die Luft. Ein Laienvortrag aus dem Jahr 1857". Eine zunächst etwas naiv anmutende Lektion über die Abhängigkeit allen Lebens von der Luft. Aber Fabre lädt als geduldiger, präziser Beobachter mit seinen anschaulichen Schilderungen dazu ein, den Blick zu weiten. Die Welt als Ort zu betrachten, an dem die Wesen - Menschen, Tiere, Pflanzen -  ihr Dasein teilen oder zugrunde gehen müssen.

USA, New York: Ein Künstler will zeigen, dass "die Luft, die wir atmen, Teil unserer gemeinsamen Welt und des Klimas ist".

"Vor allem anderen leben wir von der Luft", heißt es bei Fabre in schöner Schlichtheit: "Das Bedürfnis nach Nahrung meldet sich nur in ziemlich großen Abständen, während das Bedürfnis nach Luft sich ohne Unterbrechung immer gebieterisch, immer unerbittlich geltend macht. Wenn man nur einen Augenblick versucht, ihr den Zutritt zum Körper zu verwehren, indem man ihre Zugangswege, den Mund und die Nasenlöcher, versperrt, überkommt uns sofort Atemnot. Und man spürt, dass man unweigerlich zugrunde gehen würde, wenn dieser Zustand auch nur ein wenig andauerte."

Eroberung der Atemluft

160 Jahre nach Fabre sind Nase und Mund, wenn auch nicht ganz, so doch teilweise "versperrt" durch die Community-Maske, die die Voraussetzung für die Lockerungen in vielen Bereichen schafft. Die Luft muss mit größerer Kraftanstrengung als gewöhnlich erobert werden. Der Atem wird dabei flacher oder flatteriger - das wissen alle, die das Teil nicht nur mal eine halbe Stunde zum Einkaufen oder beim Friseur, sondern den ganzen Tag tragen müssen. Hartmut Rosa dazu: "Das ist tatsächlich ganz interessant, was wir da machen. Indem wir jetzt Masken aufziehen und auch das Gefühl haben, wir sollten das tun, ist das ein unmittelbar sichtbarer und spürbarer Ausdruck dafür, dass sich ein Misstrauen in diese grundlegendste Form der Welt-Beziehungen eingeschlichen hat. Die Welt kommt uns gefährlich vor. Wir können uns mit jedem Atemzug den Tod holen, um es radikal zu formulieren - Das ist ja die Angst, die wir haben."

Außenluft als Gefahr

Die Gefahr, um die es dabei geht, ist unsichtbar. Noch nie war soviel von Aerosol in verschiedener, aber stets winziger Größe zu lesen. Nicht zu sehen, nicht zu hören, nicht zu schmecken, nicht zu spüren, aber doch da. Lauernd in der Atem-Luft. "Genaugenommen ist es eine Entfremdungs-Erfahrung. Das gilt auch für die umgekehrte Richtung. Es kann sein, dass ich die Welt durch das Ausatmen vergifte, dass ich andere gefährde. Deshalb deute ich Corona auch als Albtraum der Moderne. Und in der Masken-Erfahrung kommt eine Grund-Entfremdung und ein Unverfügbar-Sein von Welt zum Ausdruck."

Kommt nach der Ess- die Atemstörung?

Das Unverfügbar-Sein von Welt ist für den Soziologen Hartmut Rosa, ganz simpel ausgedrückt, alles was Menschen nicht erzwingen oder kontrollieren können und was deshalb einen Vertrauensverlust mit sich bringt. Die Angst vor wechselseitiger Kontamination mit Corona vergleicht er mit einer Ess-Störung. Menschen, die darunter leiden, entwickeln den Zwang, alles was sie aufnehmen, kontrollieren zu müssen. Die Parallele mag provokant klingen - andererseits sind Atmung und Nahrung doch ähnlich elementar. Bei Rosa stehen sie ganz oben auf der Top-Liste der Beziehungen zwischen Welt und Mensch, auf Platz eins die Atmung, auf Platz zwei die Nahrung.

"Das Tier ist ein Wärmeerzeuger, der seinen Brennstoff in Form von Nahrung verzehrt und ihn im Inneren seines Körpers mit der durch die Atmung herbeigeschafften Luft verbrennt. Das Essbare ist das Brennbare. Die Luft gelangt ihm durch die Atmung in die Lunge. Dort löst sie ihren Sauerstoff im Blut auf, das plötzlich statt der schwärzlichen Farbe, die es zunächst hatte, von einem schönen Rot ist. Mit Sauerstoff angereichert breitet sich das Blut durch den ganzen Körper aus, und bringt eine Verbrennung in Gang, die natürliche Wärme erzeugt."

- Jean-Henri Fabre

Intaktheit des Weltverhältnisses

Wo sich Jean-Henri Fabre vor 160 Jahren auf die Beobachtung und Beschreibung konzentriert, geht es Hartmut Rosa heute um die kulturelle Bedeutung heiler und gestörter Welt-Beziehungen. Natürlich ist ihm bewusst, dass diese Bedeutung auch an biologischen Tatsachen hängt. Die Atmung ist die Taktgeberin, die uns am Leben erhält, indem sie, wenn wir einatmen, den ganzen Körper in jede Zelle hinein mit Sauerstoff versorgt. Der Sauerstoff wird zu Kohlendioxid, das ebenso über das Blut zurück in die Lunge und von dort beim Ausatmen in die Welt gelangt. Als einzige vegetative Funktion, auf die wir einen gewissen Einfluss haben, ist die Atmung ungeheuer anpassungsfähig. Wer tief durchatmet, kann seinen Herzschlag verlangsamen, den Blutdruck senken, dem Körper Entspannung signalisieren. Und gleichzeitig haben wir nur sehr beschränkt Kontrolle über das Atmen.

Hartmut Rosa erklärt es so: "Wir können es vorübergehend einstellen, aber irgendwann wird das problematisch. Der Atem ist in aller Regel etwas, das wir nicht bewusst vollziehen, und deshalb ein unwillkürliches und in vielen Dimensionen ein unverfügbares Geschehen. Wenn wir Schlafende beobachten, dann können wir in der Art und Weise, wie jemand im Bett liegt und schläft, erkennen, ob sein jeweiliges in die Welt-gestellt-Sein intakt ist."

Atem-Vergessenheit

Im Atem zeigt sich so vieles. Er ist laut Hartmut Rosa der "elementarste Prozess des Stoffwechsels zwischen Subjekt und Welt". Ist die Beziehung zwischen beiden durchlässig, befinden sie sich in ständigem Austausch, "schwingen sie sich aufeinander ein", dann nennt Rosa das "Resonanz". Im Kern kann man diese Sicht, besonders in Bezug auf den Atem, in jeder großen Heilslehre über Jahrtausende zurückverfolgen. Im Yoga, in der traditionellen chinesischen Medizin und im japanischen Zen-Buddhismus kommt dem Atem seit jeher eine zentrale Rolle zu. Er ist die oft heilige Brücke zwischen Körper, Geist und Seele. Die Kulturen ähneln sich hier auffällig. Und es scheint zweitrangig, ob man nun von Pneuma, Prana oder Qi spricht. Der Atem im Fluss bedeutete schon immer Gesundheit, der stockende Atem Krankheit.

Muttertag im Seniorenheim

"Ich glaube, dass man der Moderne eine gewisse Atem-Vergessenheit attestieren kann, was vielleicht auch einhergeht mit dem Verlust dieser Basis unserer Welt-Beziehung, weil wir ganz stark über Ziel-Definitionen an die Welt herantreten. Wir setzen uns Ziele, die wir umzusetzen versuchen. Meine These lautet, dass die Moderne insgesamt auf das Verfügbarmachen von Welt gerichtet ist: Die Welt unter Kontrolle bringen, in Reichweite bringen, verstehen, beherrschen, manipulieren."

Für Rosa eine schmerzlich reduzierte Form der Welt-Beziehung, in der elementare Prozesse wie das Atmen an den Rand der Aufmerksamkeit geraten, mit Folgen für die Kommunikation. Denn auf einer wortwörtlichen Ebene ist der Atem natürlich auch unabdingbar für die Stimme und das Sprechen: "Ohne Atem können wir andere nicht erreichen und uns nicht bemerkbar machen. Deshalb ist auch da eine Filterung von Stimme zu Stimme durch die Maske eine Beeinflussung der Welt Beziehung."

Corona als Schule der Wahrnehmung

Weil uns der Mund-Nasen-Schutz sicher noch eine Weile begleiten wird, müssen wir wohl tief Luft holen und uns fragen, ob sich aus dem Maskentragen der Gegenwarts-Gesellschaft nicht auch etwas Nützliches ergeben könnte?

Bezeichnenderweise beschwören Politiker derzeit auffällig oft den Atem, besonders den langen, der nötig ist für alles, was noch kommen mag. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder spricht in diesem Zusammenhang immer wieder von einer "atmenden Strategie". Was meint er mit dieser naturalisierenden Metapher? Welche Strategie kann das sein? Wir können ja schließlich gar nicht anders als atmen. Hartmut Rosa deutet dieses leicht paradoxe Bild unerwartet positiv, da er den politischen Opportunismus beiseitelässt, der hier eventuell auch mitschwingt:

"Wenn man davon ausgeht, dass Atmen nicht nur eine basale Form der Welt-Beziehung ist, sondern dass wir durch unser Atmen Welt wahrnehmen und auf sie antworten, dann kann man sagen: Wenn jemand davon spricht, dass wir eine 'atmende Strategie' im Umgang mit Corona brauchen, meint er vermutlich eine des Hörens und Antwortens. Wir können jetzt noch nicht sagen: Wir verfolgen genau diese oder jene Strategie völlig ungeachtet dessen, was sich um uns herum bewegt, sondern wir müssen flexibel und sensibel wahrnehmen, was sich ereignet, und darauf antworten. Und das auch immer wieder verändern und entsprechen einstellen."

Also in letzter Konsequenz so anpassungsfähig sein wie der Atem selbst, der ja auch nicht immer gleichmäßig geht, weil das in Stammhirn und Rückenmark angesiedelte Atem-Zentrum auf die Signale des Körpers reagiert. Bei Bewegung und Aufregung, beschleunigt er sich - das kann existenziell sein. Im Ruhezustand wird er langsam, als Ideal gelten sechs Züge pro Minute, dann synchronisieren sich Atmung und Blutdruck und verstärken sich gegenseitig, Zellschäden werden repariert. Ein ähnliches Reaktions-Muster könnte im übertragenen Sinn auch im Umgang mit Corona sinnvoll sein. Ein Wahrnehmen, ein Antworten, ein durchlässiger, permanenter Austausch.

"Corona ist aus meiner Sicht soziologisch besonders interessant, weil man sehen kann, wie ein Naturphänomen, nämlich das Auftreten eines Virus, mit politischen und auch psychologischen Momenten in eine permanente Wechselwirkung gerät. Das meiste, was wir jetzt besprechen, ist ja nicht von einem Virus verursacht, sondern von unserer Reaktion darauf. Es ist diese unglaubliche Reaktion auf das Virus, die ich beschrieben habe als die gewaltigste Entschleunigung der letzten 200 Jahre."

- Hartmut Rosa  

Die größte Entschleunigung der letzten 200 Jahre

Corona hat schließlich nicht selbst das Leben lahmgelegt - die Flugzeuge vom Himmel geholt, die Wirtschaft angehalten, die Fußballspiele abgesagt, die Museen geschlossen, die Menschen in soziale Distanz gebracht. Das waren schon wir!

Eine gesellschaftliche Reaktion, geboren aus der momentanen Machtlosigkeit und unserer Sehnsucht nach Kontrolle, oder wie Rosa es ausdrückt: "Corona ist der Inbegriff des Unverfügbaren. Wir können es weder impfen noch heilen. Ökonomisch sind die Folgen unvorhersehbar. Politisch lässt es sich schlecht steuern. Und wir reagieren eigentlich panisch darauf, indem wir es mit allen Mitteln wieder unter Kontrolle zu bringen versuchen, und das auch von der Politik erwarten. Und diese Form des Verfügbar-Machens lassen wir uns sehr viel kosten, nicht nur ökonomisch, sondern wir lassen auch Eingriffe in unser Grund-Verhältnis zur Welt zu, nämlich in unseren Atem. Und deshalb würde ich sagen: Es ist ja nicht das Virus, was mir die Maske aufzwingt, sondern unsere politische, soziale Reaktion darauf."

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, Berlin 2016. 815 Seiten.