Podcast-Reihe "Auf Reisen" ARD Radiofestival – Lesungen gegen das Fernweh

21 renommierte Gegenwartsautor*innen gehen im Rahmen des ARD-Radiofestivals auf Reisen – literarisch. Lesungen voller Entdeckungen rund ums Wegfahren, Wegträumen, Dableiben. Mit Doris Dörrie, Felicitas Hoppe, Kerstin Specht und vielen mehr.

Stand: 31.07.2020 | Archiv

Leinen los mit der Lesereihe "Auf Reisen" | Bild: Hans-Joachim Schneider/Chromorange

Insgesamt 21 Schriftsteller*innen gehen im Rahmen des ARD Radiofestivals für den Bayerischen Rundfunk "Auf Reisen". Im schärfsten Lockdown, als für Autoren und Autorinnen mit den Lesungen Einnahmen entfielen, als Buchtitel und Honorare in den Herbst und oft ins Irgendwann verschoben wurden, bat die ARD 40 Schriftsteller*innen um exklusive Erzählungen und Gedichte zum "Reisen". Herauskam: ein Who is Who der Gegenwartsliteratur, ein polyphoner Chor unterschiedlichster Stimmen und Geschichten, eine bunte Reiselandschaft von Caracas bis an die Nordsee und oft zurück in die Kindheit.

Wir präsentieren 21 dieser Texte hier als Lesungen und werden unsere kleine Reiseaudiothek, über den August verteilt, immer weiter vervollständigen.

"Griechenland 2006 – Die Geschichte einer verpassten Reise" von Nele Pollatschek

Ja, wenn die Erzählerin als 17-Jährige mit dem Rucksack nach Griechenland gereist wäre, dann hätte sie eine Muschel vom Strand von Patras mitgebracht, eine Mix-CD, einen unerklärlichen Ekel vor Perserteppichen und Retsina und Geschichten, bei denen auch die schlüpfrige Heidemarie noch rot werden würde. Sie aber blieb zu Hause — und lernte im Fernsehen, was sie verpasste. Wie ihr "Griechenland 2006" hätte werden können, das wird sie sich erst im Altersheim ausmalen. 

"Man atmet aus, man hat sich schon fast unter Kontrolle, man findet sich damit ab, dass der Moment, nach dem man sich so gesehnt hat, vorbei ist, obwohl er nie wirklich begann. Man sieht sich im Altersheim, in einem stöhnenden Meer aus Bedauern, man bedauert, ihn nicht geküsst zu haben, man bedauert, dass man sich nicht mal vorstellte, ihn zu küssen. Man will sich gerade umdrehen, da streckt er doch wieder seine Hand aus." (Nele Pollatschek, "Griechenland 2006 – Die Geschichte einer verpassten Reise")

Nele Pollatschek studierte Englische Literatur und Philosophie in Heidelberg, Cambridge und Oxford. Dort wurde sie im Jahr 2018 zur Theodizeefrage im viktorianischen Roman promoviert. Ihr Debütroman "Das Unglück anderer Leute" (2016) wurde mit dem Friedrich-Hölderlin-Förderpreis und dem Grimmelshausen-Förderpreis ausgezeichnet. Seit Sommer 2019 präsentiert sie auf hr2 kultur "Pollatscheks Kanon: Weltliteratur zum Mitreden".

"Bayreuth/Jakarta" von Yannic Han Biao Federer

Eindrucksvoll versteht es Yannic Han Biao Federer in seinen Texten, Stimmungen zu erzeugen und gleichzeitig das Erzählte von Festlegungen frei zu halten. Mit einer Trennungsgeschichte gewann er bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt im letzten Jahr den 3sat-Preis – präzise erzählt, irritierend mehrdeutig zugleich. In seinem Debütroman "Und alles wie aus Pappmaché" (Suhrkamp) folgt er vier jungen Menschen auf der Suche nach einer gemeinsamen Geschichte. In seiner Erzählung fürs ARD Radiofestival begibt sich der 34 Jahre junge Autor aus Breisach am Rhein nun nach Bayreuth. Ein Opernbesuch führt in zurückliegende Zeiten, an weit entfernte Orte.

"Wie du gehen musst" von Terézia Mora

Terézia Mora führt in ihr Herkunftsland, ins ungarisch-österreichische Grenzgebiet, nach Sopron, wo sie 1971 geboren wurde. Als schließe sie die Augen im fernen Berlin, wo sie heute lebt, und sehe im Geiste alle Wege zu allen Zeiten vor sich.

Dort, wo das letzte Haus des Orts steht und die Straße zum See nur noch von einer höher als menschenhohen, dichten Schilfwand zu beiden Seiten gesäumt wird, bleibe für einen Moment stehen. Hier, wo jetzt stehst, versank vor 20 Millionen Jahren ein riesiges Gebirge im Meer. (Terézia Mora, "Wie du gehen musst")

Seit Terézia Mora 1999 mit "Der Fall Ophelia" den Bachmann-Preis gewann und mit dem Erzählband "Seltsame Materie" als Schriftstellerin debütierte, ist sie eine wichtige Stimme im deutschsprachigen Literaturleben. Auch als Übersetzerin ungarischer Schriftsteller wie Peter Esterhazy und Zsófia Ban. Vor allem aber ist sie bekannt und preisgekrönt für opulente Romane wie "Der einzige Mann auf dem Kontinent", "Das Ungeheuer" und "Auf dem Seil", ihre Trilogie über Dariusz Kopp, die ihr zuletzt den Büchner-Preis einbrachte.

"Ausflug im Liegen" von Anna Katharina Hahn

Zum Reisen gehört das Nicht-Reisen, zur Bewegung die Bewegungslosigkeit. Nichts ist richtig ohne sein Gegenteil. Anna Katharina Hahn ("Aus und davon") dreht das Thema um und erzählt von einer vollkommen immobilen Körperreise.

"Unter dem weißen Stoff ragen meine Füße hoch wie spitze Gipfel in der Ferne …  Eine Landschaft. Gebirge verschieben sich, Bergen stürzen ein, wenn ich ein Bein anziehe. Vielleicht lohnt es sich, in ihr umherzuwandern, gerade jetzt, wo ich mich nirgends hinbewegen kann. Ein Ausflug im Liegen." (Anna Katharina Hahn, "Ausflug im Liegen")

Anna Katharina Hahn, renommierte literarische Beobachterin bürgerlichen und kleinbürgerlichen Lebens der Bundesrepublik, findet ihr Reisethema am überraschenden Ort. Die Ich-Erzählerin muss sich einer Untersuchung im Krankenhaus unterziehen und kann tatsächlich nirgendwohin. Aber Reisen ist eine Frage der Haltung.

Gelesen von Isabelle Demey, SWR 2020.

"Carolinka" von Jackie Thomae

Zum Reisen-Dürfen gehört das Reisen-Müssen. Familienurlaub ist für Teenager nicht immer das Paradies. Besonders nicht die Art von Urlaub, mit der Erziehungsberechtigte es darauf anlegen, "schöne Erinnerungen" zu schaffen.

"Ich lese lieber, sagt ich. Gut, sagte Alexander, bis später. Wir bringen Melonen mit. Melonen? Als würde ich in diesem Bunker von Ferienhaus hocken und sechs Stunden auf Melonen warten." (Jackie Thomae, "Carolinka")

Jackie Thomae, mit ihrem Roman "Zwei Brüder" auf der Shortlist des deutschen Buchpreises 2019, steckt ihre Figuren in ein Ferienhaus an der Costa Blanca. Vater, Freundin, Kind. Holzvertäfeltes Haus, mit Pool. Herrlich! Hier sollen die nächsten Wochen wunderbar sein. Klappt aber nicht.

Gelesen von der Autorin, MDR 2020.

"Pipo tanzt" von Kerstin Specht

Eine Frau dreht sich im Kreis. Sie war zurückgezogen in den Wald, in das Haus ihrer Kindheit, um Ruhe zu finden. Da meldet sich eine alte Liebe wieder: Pipo aus Venezuela. Er lebt jetzt in Madrid, er würde sie gern besuchen. Eine gescheiterte Liebe mit gescheiterten Lebensentwürfen – längst vergessen.

In ihrer Erzählung "Pipo tanzt!" schildert die 1956 im oberfränkischen Kronach geborene Theaterautorin Kerstin Specht das Schicksal einer Frau, die in das Haus ihrer Kindheit zurückkehrt, um Ruhe zu finden. Da meldet sich eine alte Liebe wieder: Pipo aus Venezuela. Die karibischen Erinnerungen kommen zurück. Ist ein Neuanfang denkbar? Würde sie noch einmal mit ihm aufbrechen? Aber wohin? Und wozu? 

"Hier ist Pipo.
An ihn hatte sie Jahre nicht mehr gedacht. Vor einigen Wochen kam dieser Anruf.
'Wo bist du?
Ich bin nicht mehr in Caracas, Caracas geht unter.
Sie hörte, dass er einen Schluck nahm, einen großen Schluck.
Ich wohne jetzt in Madrid. Bin dir schon wieder näher." (Kerstin Specht, "Pipo tanzt")

"Exit" von Lutz Seiler

Ein "Ausbruch" nach Schweden Ende April, in der Hoch-Corona-Zeit, steht im Mittelpunkt von "Exit", der Erzählung Lutz Seilers. Kann das klappen? Oder endet die Familienzusammenführung womöglich schon an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern? Nachrichten über Checkpoints und von vereitelten "Grenzdurchbrüchen" wecken in Lutz Seiler, der für seinen Debütroman "Kruso" 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde und in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse für "Stern 111" erhielt, unweigerlich Erinnerungen. Die Pandemie stellt alle halbwegs vertrauten Erfahrungen und Denkgewohnheiten in Frage, aber das wiederum ist für den 1963 in Gera geborenen Autor kein unbekanntes Gefühl.

"Noch vor Sonnenuntergang erreiche ich mein Scandic-Hotel in Helsingborg. Niemand trägt Masken hier. Die freundliche Frau an der Rezeption erklärt mir, dass das Restaurant in zehn Minuten schließt. Das Restaurant ist leer. Ich telefoniere mit meinem Sohn in Berlin. Er ist aufgekratzt und fröhlich, weil er nach Wochen ohne Auftritt wieder etwas zu arbeiten hatte.

So lange, bis ich endlich einschlafen konnte an diesem Abend in Helsingborg, war ich noch immer euphorisch genug, genauso zu denken: frei, frei, frei … Was mir heute seltsam vorkommt, denn darum war es gar nicht gegangen. Von Anfang an war ich nichts anderes als ein Reisender in Liebe gewesen." (Lutz Seiler, "Exit")

"Fieber 17" von Felicitas Hoppe

Felicitas Hoppe, die virtuose Traumwandlerin zwischen Fantasie und Fiktion entschlüsselt mit dem Trauma ihrer ersten Reise ihr mysteriöses "Fieber 17":

Fragen Sie Ihren Hausarzt oder Apotheker: Auf den ersten Blick ist es eine eher harmlose Krankheit, doch schwer loszuwerden! "Fieber 17" erzählt von einem Kind auf der Suche nach Frischluft und von der Lösung eines uralten Rätsels. Eine kleine Weltreise durch die Geschichte der Angst von und mit Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe, die aus der Rattenfänger-Stadt Hameln kommt.

"Gestern endlich die erlösende Nachricht aus dem Labor: Ich bin nicht bloß müde, ich bin tatsächlich krank. ((Und plötzlich erklärt sich alles von selbst: der Schwindel am Morgen, das klopfende Herz, die Schweißausbrüche, der rasende Puls. Jetzt bin ich erlöst, denn)) mein Fall ist glasklar, die Diagnose lautet: Fieber 17. Ein Fieber, das nachweislich mir ganz allein gehört, weil es nur meine höchst persönlichen Träume bewohnt, allerdings, wie mir heute vertraulich mein Hausarzt verriet, in unserer Familie schon seit Generationen gastiert." (Felicitas Hoppe, "Fieber 17")

Felicitas Hoppe, die virtuose poetische Traumwandlerin zwischen Fantasie, Fiktion und Wirklichkeit, die im Roman "Pigafetta" ihre Weltumrundung auf dem Frachter zur Traumreise machte und in "Prawda" auf der Spur zweier russischer Geheimagenten im roten Chevi durch Nordamerika fuhr, erzählt nun von einem uralten, rätselhaften, aber auch fröhlichen Fieber, von der Angst vor dem Aufbruch und der Sehnsucht nach Rückkehr, vom Trauma der ersten Reise, ihrem Sehnsuchtsland heute und von Hausärzten ohne Reiseerfahrung. Die Geschichte eines Kindes auf der Spur der magischen 17, Lügengeschichten inbegriffen.

Die Reiselesungen im August auf Bayern 2 sind Teil des ARD Radiofestivals, einer Solidaritätsaktion der ARD für deutschsprachige Schriftsteller*Innen. der Extraklasse für Bayern 2-Hörer/Innen im August.

Eine Auswahl sendet Bayern 2 ab 2. August, dreimal die Woche in „radioTexte“ und ein Jahr als Podcast im BR-Podcast-Center.