ARD Radiofestival Lesungen gegen das Fernweh

21 renommierte Gegenwartsautor*innen gehen im Rahmen des ARD Radiofestivals auf Reisen – literarisch. Lesungen voller Entdeckungen rund ums Wegfahren, Wegträumen, Dableiben. Mit Doris Dörrie, Felicitas Hoppe, Kerstin Specht und vielen mehr.

Stand: 31.07.2020 | Archiv

Marcel Beyer | Bild: picture-alliance/dpa

Insgesamt 21 Schriftsteller*innen gehen im Rahmen des ARD Radiofestivals für den Bayerischen Rundfunk "Auf Reisen". Im schärfsten Lockdown, als für Autoren und Autorinnen mit den Lesungen Einnahmen entfielen, als Buchtitel und Honorare in den Herbst und oft ins Irgendwann verschoben wurden, bat die ARD 40 Schriftsteller*innen um exklusive Erzählungen und Gedichte zum "Reisen". Herauskam: ein Who is Who der Gegenwartsliteratur, ein polyphoner Chor unterschiedlichster Stimmen und Geschichten, eine bunte Reiselandschaft von Caracas bis an die Nordsee und oft zurück in die Kindheit.

Wir präsentieren 21 dieser Texte hier als Lesungen und werden unsere kleine Reiseaudiothek, über den August verteilt, immer weiter vervollständigen.

"Stadtplan. Weltatlas. Sich Zuhause verlieren" von Marcel Beyer

Das Leben als Wanderschaft, als Reise, ist eine bekannte Metapher in allen Kulturen. Der Dichter, Erzähler, Büchner-Preisträger Marcel Beyer folgt den Spuren seiner Mutter, die in ihrem letzten Lebensjahr etwas Ruheloses hat. Und sie trägt schwer am Gepäck der Geschichte.

"Kalt und friere. Kalt und friere. Es ist Ende April, ein trockener Tag, die Sonne scheint. Wer sie hier sitzen sähe, in ihren festen, dunkelblauen Schuhen, ihrer schwarzen Hose, dem tiefroten Strickschal und dem leuchtend roten Anorak, würde ihr keine größere Beachtung schenken: Ein Mensch auf Reisen." (Marcel Beyer)

Marcel Beyer kann Supermärkte und Schneehallen sprachgewaltig und bilderreich in Poesie verwandeln und Zeitgeschichte mit Mitteln des Romans erzählen. Geboren in Baden-Württemberg, aufgewachsen im Rheinland und in Kiel, lebt er seit 1996 in Dresden. Über Politik spricht er ebenso eloquent wie über den Klang der Sprache oder das "blind geweinte Jahrhundert". Die beiden höchsten Literaturpreise des Landes, der Büchner-Preis und der Joseph-Breitbach-Preis krönen seine zahlreichen Auszeichnungen. Die Stationen seiner Mutter sind sein wohl persönlichster Text.

"Wie Urlaub" von Christine Wunnicke

Corona hin oder her, wegfahren geht sowieso nur mit netten Nachbarn, die ein Auge auf Wohnung, Haus, Garten haben. An diese freundliche, möglicherweise aber auch etwas schräge Nachbarin dachte die Münchner Schriftstellerin Christine Wunnicke beim Stichwort "Reisen". Wunnicke bekommt in diesem Jahr den Literaturpreis der Stadt München, Ende August erscheint ihr neuer Roman "Die Dame mit der bemalten Hand".

"Ein wenig Zitronenduft hing in der Luft, ein reinlicher, ungastlicher Duft. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel mit einer ausführlichen Gießanleitung in einer properen, runden Handschrift. Die Pflanzen waren alle namentlich aufgeführt, die Begonie, die Kaladie, die Bambuspalme; um alles richtig zu machen, würde Ines jeden Namen googeln müssen und dann jede Pflanze suchen." (Christine Wunnicke)

Ines besucht fremde Wohnungen und Leben, leere Zimmer und eine Kammer des Grauens. In den Nachbarwohnungen liegen Abgrund und Verheißung nah nebeneinander, man muss nur die Schlüssel haben. Eine etwas exzentrische Art, den Urlaub zu genießen.

Gelesen von Wiebke Puls, Regie Irene Schuck. BR 2020. 

"Ein schwarzes Meer" von Julia Trompeter

Auf in den Kopf der Schriftstellerin. So hat die aus Siegburg stammende Julia Trompeter das Thema Reisen aufgefasst. Die Substanz, die sie da findet, ist kulturgeschichtlich einigermaßen aufgeladen.

"Ich möchte Ihnen ein Geheimnis anvertrauen: Mein Kopf ist voll mit schwarzer Galle, die beim Schreiben Milliliter für Milliliter in meine Aufzeichnungen fließt. Das schwarze Meer habe ich mir immer kohlschwarz vorgestellt, und bis heute ist es ein blinder Fleck auf meiner inneren Landkarte. Sollte ich je hinfahren, werde ich es vermutlich gar nicht als solches erkennen." (Julia Trompeter)

Ein schwarzes Meer - daraus also ist der Stoff, aus dem die Texte werden. Auch zu Corona-Zeiten. Die Meta-Ebene des Romane- und Lyrikverfassens ist immer ein Thema für Trompeter ("Die Mittlerin") - beim Reisen und Nicht-Reisen natürlich auch.

Gelesen von der Autorin, WDR 2020.

"MAPS ME - Jahre im Disneyland" von Leif Randt

Modern, cool, zeitgemäß - so feierte das Feuilleton in diesem Frühjahr Leif Randts Roman "Allegro Pastell". Für das ARD Radiofestival erzählt der 37-jährige Autor nun von den wichtigsten Urlauben seines Lebens. In einer Collage aus "Real-Life-Reiseminiaturen" blickt er auf verschiedenartige Disneyland-Erfahrungen zwischen 1992 und 2020 zurück, auf Asien und Amerika, auf Johannesburg und Lindau. Der Schriftsteller Leif Randt wurde in Frankfurt geboren und lebt heute in Maintal-Ost und Berlin. Bei seiner ersten Reise ins Disneyland war er keine 10 Jahre alt.

"Die Heldin reist" von Doris Dörrie

Die 65-jährige Autorin, Drehbuchschreiberin und Regisseurin fragt nach der Dramaturgie der Held*innenreise, exklusiv für das ARD Radiofestival. Der Mythos der klassischen Heldenreise, Grundlage für unzählige Geschichten, geht so: Ein Mann bricht auf zu einer Abenteuerreise, riskiert den eigenen Tod, überwindet Hindernisse und kehrt als Held zurück. Aber was geschieht, wenn eine Frau reist? Doris Dörries Protagonistin fährt zu einem Filmfestival in die USA. Als vernünftige Frau versucht sie, unkalkulierbare Risiken zu vermeiden. Dennoch kann sie dem Abenteuer nicht ausweichen. Sie überlebt ein Unglück, die archetypische Figur der Mentorin gesellt sich zu ihr, sie wird mit einem ganz anderen Kampf konfrontiert. Wird sie als Heldin zurückkehren? Doris Dörrie liest "Die Heldin reist".

"Penelope" von Ulrike Draesner

Jede Fernreise ist eine Reise ins Innere, enthält die Angst vor dem Aufbruch und die Freude der Rückkehr. Im Märchen, in antiken Mythen und Epen des Mittelalters zieht der Held hinaus, um Aventiuren zu meistern, daran zu reifen, ein Anderer zu werden. Der Treibstoff: Angst, Neugier, Fernweh, die Lust auf Verwandlung, Neues zu erobern. Ulrike Draesner stellt Homers Odyssee auf den Kopf.

"unter dem mond rudern/ ihre frauen nacht um nacht/ im großen saal zum schlaf der freier/ den pallas über das meer/ dessen wände schweben/ als ein pfeil durch den männersaal fliegt/ ragt ihre zukunft längst/ über seine mauern hinaus/ und über jeden der das geschehen/ bewacht." (Ulrike Draesner)

Die "Odyssee" ist die literarische Chiffre für das existentielle Unterwegssein des Menschen. Ulrike Draesner, die Münchnerin in Berlin, die vielfach ausgezeichnete Erzählerin und poetische Sprachspielerin und Dozentin am Leipziger Literaturinstitut, findet, Penelope hat lange genug auf den polyamoren Odysseus gewartet und schickt sie in einem atemraubenden Langgedicht nach Norden. Auf dem Schiff: nur Frauen, leichte Beute auf dem Meer, Richtung Venedig.

"Genova per noi" von Zsuzsa Bánk

Noch mal hinfahren? Viele Jahre danach? Ein überraschender Brief fordert dazu auf. Aber geht das – die Vergangenheit lebendig reisen?

Ob ich mit ihm verreisen will?, fragt er. Zu den alten Stationen? Die alten Stationen noch einmal abtasten? So schreibt er: abtasten. Warum schlägt er diesen Ton an, so ohne Umschweife, warum so verschwörerisch? Warum gleich dieser Nur-du-und-ich-Horizont? (Zsuzsa Bánk)

Die in Frankfurt lebende Schriftstellerin Zsuzsa Bánk steuert eine Liebesgeschichte bei, zu der jene Genua-Fahrt damals gehört. Denn, Genova per noi, das ist nicht nur ein altes Lied von Paolo Conte, das ist auch eine Erinnerung, ein Schmerz - eine Hoffnung? Mehrdeutigkeit der Wünsche, immer ein Thema bei Zsuzsa Bánk, seit sie 2002 für ihren ersten Roman "Der Schwimmer" gleich mit einem ganzen Preisregen bedacht wurde.

Gelesen von der Autorin, HR 2020.

"Ich liebe dich sehr, wenn es regnet" von Heinz Helle

Bis zur Regenfestigkeit zu kommen, das ist nicht jeder Liebe vergönnt. Bis dahin, wo solche Dinge den Alltag bestimmen wie Kleinkinder, nicht ganz saubere Töpfe, Dentalhygiene und Jobsuche. Wir könnten verreisen – das ist aber trotzdem wahr.

Dass mir diese Arschlöcher gestern bereits eine Absage geschickt haben, erzähle ich nicht. Wir könnten verreisen, sagst du, und ich muss daran denken, wie wir im Frühling von Wien nach Venedig gefahren waren, und kurz nachdem wir das Bahnhofsgebäude verlassen hatten, begann es zu regnen. (Heinz Helle)

Heinz Helle ("Die Überwindung der Schwerkraft"), Wahlschweizer und Philosoph, vermischt Jetzt und Früher Sein Text spielt zuhause, trotzdem ist der Erzähler unterwegs, in Gedanken an alte Orte reisend.

Gelesen vom Autor, RB 2020.

"Griechenland 2006 – Die Geschichte einer verpassten Reise" von Nele Pollatschek

Ja, wenn die Erzählerin als 17-Jährige mit dem Rucksack nach Griechenland gereist wäre, dann hätte sie eine Muschel vom Strand von Patras mitgebracht, eine Mix-CD, einen unerklärlichen Ekel vor Perserteppichen und Retsina und Geschichten, bei denen auch die schlüpfrige Heidemarie noch rot werden würde. Sie aber blieb zu Hause — und lernte im Fernsehen, was sie verpasste. Wie ihr "Griechenland 2006" hätte werden können, das wird sie sich erst im Altersheim ausmalen. 

"Man atmet aus, man hat sich schon fast unter Kontrolle, man findet sich damit ab, dass der Moment, nach dem man sich so gesehnt hat, vorbei ist, obwohl er nie wirklich begann. Man sieht sich im Altersheim, in einem stöhnenden Meer aus Bedauern, man bedauert, ihn nicht geküsst zu haben, man bedauert, dass man sich nicht mal vorstellte, ihn zu küssen. Man will sich gerade umdrehen, da streckt er doch wieder seine Hand aus." (Nele Pollatschek)

Nele Pollatschek studierte Englische Literatur und Philosophie in Heidelberg, Cambridge und Oxford. Dort wurde sie im Jahr 2018 zur Theodizeefrage im viktorianischen Roman promoviert. Ihr Debütroman "Das Unglück anderer Leute" (2016) wurde mit dem Friedrich-Hölderlin-Förderpreis und dem Grimmelshausen-Förderpreis ausgezeichnet. Seit Sommer 2019 präsentiert sie auf hr2 kultur "Pollatscheks Kanon: Weltliteratur zum Mitreden".

"Bayreuth/Jakarta" von Yannic Han Biao Federer

Eindrucksvoll versteht es Yannic Han Biao Federer in seinen Texten, Stimmungen zu erzeugen und gleichzeitig das Erzählte von Festlegungen frei zu halten. Mit einer Trennungsgeschichte gewann er bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt im letzten Jahr den 3sat-Preis – präzise erzählt, irritierend mehrdeutig zugleich. In seinem Debütroman "Und alles wie aus Pappmaché" (Suhrkamp) folgt er vier jungen Menschen auf der Suche nach einer gemeinsamen Geschichte. In seiner Erzählung fürs ARD Radiofestival begibt sich der 34 Jahre junge Autor aus Breisach am Rhein nun nach Bayreuth. Ein Opernbesuch führt in zurückliegende Zeiten, an weit entfernte Orte.

"Wie du gehen musst" von Terézia Mora

Terézia Mora führt in ihr Herkunftsland, ins ungarisch-österreichische Grenzgebiet, nach Sopron, wo sie 1971 geboren wurde. Als schließe sie die Augen im fernen Berlin, wo sie heute lebt, und sehe im Geiste alle Wege zu allen Zeiten vor sich.

Dort, wo das letzte Haus des Orts steht und die Straße zum See nur noch von einer höher als menschenhohen, dichten Schilfwand zu beiden Seiten gesäumt wird, bleibe für einen Moment stehen. Hier, wo jetzt stehst, versank vor 20 Millionen Jahren ein riesiges Gebirge im Meer. (Terézia Mora)

Seit Terézia Mora 1999 mit "Der Fall Ophelia" den Bachmann-Preis gewann und mit dem Erzählband "Seltsame Materie" als Schriftstellerin debütierte, ist sie eine wichtige Stimme im deutschsprachigen Literaturleben. Auch als Übersetzerin ungarischer Schriftsteller wie Peter Esterhazy und Zsófia Ban. Vor allem aber ist sie bekannt und preisgekrönt für opulente Romane wie "Der einzige Mann auf dem Kontinent", "Das Ungeheuer" und "Auf dem Seil", ihre Trilogie über Dariusz Kopp, die ihr zuletzt den Büchner-Preis einbrachte.

"Ausflug im Liegen" von Anna Katharina Hahn

Zum Reisen gehört das Nicht-Reisen, zur Bewegung die Bewegungslosigkeit. Nichts ist richtig ohne sein Gegenteil. Anna Katharina Hahn ("Aus und davon") dreht das Thema um und erzählt von einer vollkommen immobilen Körperreise.

"Unter dem weißen Stoff ragen meine Füße hoch wie spitze Gipfel in der Ferne …  Eine Landschaft. Gebirge verschieben sich, Bergen stürzen ein, wenn ich ein Bein anziehe. Vielleicht lohnt es sich, in ihr umherzuwandern, gerade jetzt, wo ich mich nirgends hinbewegen kann. Ein Ausflug im Liegen." (Anna Katharina Hahn)

Anna Katharina Hahn, renommierte literarische Beobachterin bürgerlichen und kleinbürgerlichen Lebens der Bundesrepublik, findet ihr Reisethema am überraschenden Ort. Die Ich-Erzählerin muss sich einer Untersuchung im Krankenhaus unterziehen und kann tatsächlich nirgendwohin. Aber Reisen ist eine Frage der Haltung.

Gelesen von Isabelle Demey, SWR 2020.

"Carolinka" von Jackie Thomae

Zum Reisen-Dürfen gehört das Reisen-Müssen. Familienurlaub ist für Teenager nicht immer das Paradies. Besonders nicht die Art von Urlaub, mit der Erziehungsberechtigte es darauf anlegen, "schöne Erinnerungen" zu schaffen.

"Ich lese lieber, sagt ich. Gut, sagte Alexander, bis später. Wir bringen Melonen mit. Melonen? Als würde ich in diesem Bunker von Ferienhaus hocken und sechs Stunden auf Melonen warten." (Jackie Thomae)

Jackie Thomae, mit ihrem Roman "Zwei Brüder" auf der Shortlist des deutschen Buchpreises 2019, steckt ihre Figuren in ein Ferienhaus an der Costa Blanca. Vater, Freundin, Kind. Holzvertäfeltes Haus, mit Pool. Herrlich! Hier sollen die nächsten Wochen wunderbar sein. Klappt aber nicht.

Gelesen von der Autorin, MDR 2020.

"Pipo tanzt" von Kerstin Specht

Eine Frau dreht sich im Kreis. Sie war zurückgezogen in den Wald, in das Haus ihrer Kindheit, um Ruhe zu finden. Da meldet sich eine alte Liebe wieder: Pipo aus Venezuela. Er lebt jetzt in Madrid, er würde sie gern besuchen. Eine gescheiterte Liebe mit gescheiterten Lebensentwürfen – längst vergessen.

In ihrer Erzählung "Pipo tanzt!" schildert die 1956 im oberfränkischen Kronach geborene Theaterautorin Kerstin Specht das Schicksal einer Frau, die in das Haus ihrer Kindheit zurückkehrt, um Ruhe zu finden. Da meldet sich eine alte Liebe wieder: Pipo aus Venezuela. Die karibischen Erinnerungen kommen zurück. Ist ein Neuanfang denkbar? Würde sie noch einmal mit ihm aufbrechen? Aber wohin? Und wozu? 

"Hier ist Pipo.
An ihn hatte sie Jahre nicht mehr gedacht. Vor einigen Wochen kam dieser Anruf.
'Wo bist du?
Ich bin nicht mehr in Caracas, Caracas geht unter.
Sie hörte, dass er einen Schluck nahm, einen großen Schluck.
Ich wohne jetzt in Madrid. Bin dir schon wieder näher." (Kerstin Specht)

"Exit" von Lutz Seiler

Ein "Ausbruch" nach Schweden Ende April, in der Hoch-Corona-Zeit, steht im Mittelpunkt von "Exit", der Erzählung Lutz Seilers. Kann das klappen? Oder endet die Familienzusammenführung womöglich schon an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern? Nachrichten über Checkpoints und von vereitelten "Grenzdurchbrüchen" wecken in Lutz Seiler, der für seinen Debütroman "Kruso" 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde und in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse für "Stern 111" erhielt, unweigerlich Erinnerungen. Die Pandemie stellt alle halbwegs vertrauten Erfahrungen und Denkgewohnheiten in Frage, aber das wiederum ist für den 1963 in Gera geborenen Autor kein unbekanntes Gefühl.

"Noch vor Sonnenuntergang erreiche ich mein Scandic-Hotel in Helsingborg. Niemand trägt Masken hier. Die freundliche Frau an der Rezeption erklärt mir, dass das Restaurant in zehn Minuten schließt. Das Restaurant ist leer. Ich telefoniere mit meinem Sohn in Berlin. Er ist aufgekratzt und fröhlich, weil er nach Wochen ohne Auftritt wieder etwas zu arbeiten hatte.

So lange, bis ich endlich einschlafen konnte an diesem Abend in Helsingborg, war ich noch immer euphorisch genug, genauso zu denken: frei, frei, frei … Was mir heute seltsam vorkommt, denn darum war es gar nicht gegangen. Von Anfang an war ich nichts anderes als ein Reisender in Liebe gewesen." (Lutz Seiler)

"Fieber 17" von Felicitas Hoppe

Felicitas Hoppe, die virtuose Traumwandlerin zwischen Fantasie und Fiktion entschlüsselt mit dem Trauma ihrer ersten Reise ihr mysteriöses "Fieber 17":

Fragen Sie Ihren Hausarzt oder Apotheker: Auf den ersten Blick ist es eine eher harmlose Krankheit, doch schwer loszuwerden! "Fieber 17" erzählt von einem Kind auf der Suche nach Frischluft und von der Lösung eines uralten Rätsels. Eine kleine Weltreise durch die Geschichte der Angst von und mit Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe, die aus der Rattenfänger-Stadt Hameln kommt.

"Gestern endlich die erlösende Nachricht aus dem Labor: Ich bin nicht bloß müde, ich bin tatsächlich krank. ((Und plötzlich erklärt sich alles von selbst: der Schwindel am Morgen, das klopfende Herz, die Schweißausbrüche, der rasende Puls. Jetzt bin ich erlöst, denn)) mein Fall ist glasklar, die Diagnose lautet: Fieber 17. Ein Fieber, das nachweislich mir ganz allein gehört, weil es nur meine höchst persönlichen Träume bewohnt, allerdings, wie mir heute vertraulich mein Hausarzt verriet, in unserer Familie schon seit Generationen gastiert." (Felicitas Hoppe)

Felicitas Hoppe, die virtuose poetische Traumwandlerin zwischen Fantasie, Fiktion und Wirklichkeit, die im Roman "Pigafetta" ihre Weltumrundung auf dem Frachter zur Traumreise machte und in "Prawda" auf der Spur zweier russischer Geheimagenten im roten Chevi durch Nordamerika fuhr, erzählt nun von einem uralten, rätselhaften, aber auch fröhlichen Fieber, von der Angst vor dem Aufbruch und der Sehnsucht nach Rückkehr, vom Trauma der ersten Reise, ihrem Sehnsuchtsland heute und von Hausärzten ohne Reiseerfahrung. Die Geschichte eines Kindes auf der Spur der magischen 17, Lügengeschichten inbegriffen.

Die Reiselesungen im August auf Bayern 2 sind Teil des ARD Radiofestivals, einer Solidaritätsaktion der ARD für deutschsprachige Schriftsteller*Innen. der Extraklasse für Bayern 2-Hörer/Innen im August.

Eine Auswahl sendet Bayern 2 ab 2. August, dreimal die Woche in „radioTexte“ und ein Jahr als Podcast im BR-Podcast-Center.