NSU-Dokumentarhörspiel Das Drama im Gerichtssaal

Das Dokumentar-Hörspiel "Saal 101" basiert auf dem größten Rechtsterrorismusprozess der deutschen Geschichte: dem NSU-Verfahren. Das Ziel: den Prozess in seiner Gesamtheit abzubilden, um jedem die Chance zu geben, sich selbst ein Urteil zu bilden. Werkstattgespräch über ein Mammutprojekt.

Stand: 15.02.2021 | Archiv

Die Schauspielerin Bibiana Beglau im Studio bei der Aufnahme zum Hörspiel "Saal 101". | Bild: BR/Gila Sonderwald

Wie macht man den größten Rechtsterrorismus-Prozess der deutschen Geschichte hörbar? Und damit verstehbar? Einen Prozess, dessen 438 Verhandlungstage ARD-Reporter auf 6000 Seiten protokolliert haben. Film- oder Tonaufnahmen waren verboten, so sind diese Protokolle die einzigen Dokumente, die die Beweisaufnahme, die Morde und das Auftreten von Beate Tschäpe abbilden können. Wie mit diesem riesigen Text-Konvolut umgehen? Wie daraus ein Hörspiel machen? BR Hörspielchefin Katarina Agathos, der Bearbeiter Julian Doepp, die Redakteurin Katja Huber sowie Regisseur Ulrich Lampen im Gespräch mit Stefanie Ramb über Saal 101 - das 24-teilige Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess.

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Stefanie Ramb: In ein, zwei Sätzen: Was ist „Saal 101?            

Julian Doepp: „Saal 101“ beruht auf einer Sammlung von Protokollen der ARD-Gerichtsreporter aus dem NSU-Prozess, der von Mai 2013 bis Juli 2018 in München stattfand. Aus diesen ca. 6000 Seiten haben wir ein Dokumentarhörspiel kondensiert, um verständlich zu machen, was in diesem Prozess passiert ist.

Ulrich Lampen: Es gibt nur wenige Versuche, den gesamten Prozess zu protokollieren. Eins dieser Protokolle, in Form der Mitschriften der ARD-Journalisten vor Ort, ist unser Ausgangsmaterial. Den Prozess durch das Material noch mal anders zu erfahren, als man ihn in der Öffentlichkeit erleben und durch die Presse nachvollziehen konnte, hat mich fasziniert.

Stefanie Ramb: Wie kamt ihr zu der Struktur der 24 Teile?

Katarina Agathos: Das Urteil wurde im Juli 2018 gesprochen, erst dann war der Prozess abgeschlossen und wir konnten nachvollziehen, welche Themenkomplexe relevant für das Urteil waren – und für den Prozess, was nicht zwingend das gleiche ist. Jeder Teil widmet sich einem Themenkomplex aus der Beweisaufnahme. Im Prozess hat der Senat natürlich nicht gesagt: das sind jetzt unsere relevanten Fragestellungen von eins bis 10. Wir haben die Themenkomplexe in strukturierte Kapitel zusammengefasst. Dafür haben wir die Prozess-Chronologie verlassen und Zeugenbefragungen hintereinander montiert, die z.B. ganz am Anfang des Prozesses, irgendwann in der Mitte und dann noch mal ein Jahr später gemacht wurden. Viele Themen lassen sich auch nicht akkurat begrenzen, sondern tauchen in mehreren Teilen auf. Der Komplex zum Bekennervideo z.B. Was ist auf dem Video zu sehen? Wann hat es die Hauptangeklagte Beate Zschäpe nach dem Auffliegen des NSU verschickt? Hat sie daran mitgearbeitet? – all das wird im Kapitel „Bekennervideo“ beleuchtet und es spielt auch in anderen Kapiteln eine Rolle.

Stefanie Ramb: Was waren die Herausforderungen bei der Arbeit mit den Protokollen?

Katja Huber: Ich kann mich erinnern, ich hatte in meinem Computer allein zur Rolle des Verfassungsschutzes 245 Seiten zusammengestellt. Da war ich an einem Punkt, an dem ich mich gefragt habe: wie kann ich dieses Thema in eine halbe Stunde fassen? Ich hoffe, es ist uns am Ende gelungen. Das Gute ist, dass wir als Team ja viele Durchgänge durchlaufen und immer wieder einen neuen Blick darauf geworfen haben.

Katarina Agathos: Wir hatten es auch immer wieder mit Lücken zu tun – zum einen stockte der Prozess immer wieder, weil sehr viele Anträge gestellt wurden – oft Befangenheitsanträge gegen den Senat. Und zum Anderen haben die Protokollanten auch immer mal wieder bewusst nicht mitgeschrieben, z.B., weil sie schon wussten, das ist nicht relevant für eine Meldung. Die Reporter schrieben ja im Prozess in erster Linie mit, um Material für Nachrichten herzustellen und nicht um den Prozess buchstabengenau zu überliefern. Da reißt dann vielleicht etwas ab in den Mitschriften, es steht z.B. nicht da, ob einem Antrag stattgegeben wurde oder nicht. Diese „losen Enden“ haben wir dann mit Hilfe unserer Berater – Holger Schmidt, Tim Aßmann und Ina Krauß, drei der ARD-Gerichtsreporter – recherchiert.

Stefanie Ramb: Das heißt, das Hörspiel geht über die reine, informative Berichterstattung hinaus?

Katarina Agathos: Wir möchten den Prozess in seiner Gesamtheit abbilden. Das klingt jetzt größenwahnsinniger, als es gemeint ist. Es ist völlig klar, dass wir ihn nicht eins zu eins abbilden können. Aber in Auszügen: Was waren die Strategien des Gerichts. Der Verteidiger. Warum hat das Gericht so entschieden, wie es entschieden hat. Wie haben sich die Angeklagten verhalten. Was haben die Opferangehörigen gesagt. Welche Möglichkeiten und Grenzen hat das deutsche Rechtssystem. Auch die Zeugenbefragungen, bei denen nichts Substanzielles herauskam, weil viele geschwiegen, sich auf Erinnerungslücken berufen oder vom Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht haben, sind spannend. Z.B. wie über Kleidung kommuniziert wurde. Als einer der Mitangeklagten ein T-Shirt mit der Aufschrift „Brüder schweigen“ trug, mutmaßlich, weil ein bestimmter Zeuge im Zeugenstand war. Solche Aspekte haben wir auch versucht abzubilden.

Julian Doepp: Orientierung bieten die drei Berichterstatter Holger Schmidt, Tim Aßmann, Ina Krauß, die den Prozess über lange Strecken verfolgt haben. Wir haben uns dazu entschieden, sie im Hörspiel auch selbst zu Wort kommen zu lassen und sie Dinge erklären zu lassen, die aus dem Protokoll nicht ersichtlich werden, die den Hörern helfen, Zusammenhänge zu verstehen, Kernfragen nachzuvollziehen. Also auch grundlegende Sachen wie z.B.: Was ist normal in einem Strafprozess? Warum dauert das so lange? Warum werden da so viele Zeugen befragt?

Katja Huber: Im Prozess wurde ja vieles verhandelt, das natürlich mit Prozessende als Phänomen nicht aus der Welt verschwunden ist: Die rechten Strukturen bestehen weiterhin, es werden weiterhin Anschläge verübt, es gibt weiterhin institutionellen Rassismus. Und da fand ich es anfangs schwierig, zu sagen: Es geht uns nur um diesen Prozess, wir zitieren nur aus den Protokollen und stellen bewusst keine Verbindungen her zu aktuelleren Entwicklungen. Wenn jetzt ein Innenminister sagt, wir brauchen keine Studie zu Rassismus in der Polizei, obwohl es immer wieder neue Meldungen gibt, die zeigen, dass es Rassismus in den Institutionen gibt…klar denkt man sich dann bei der Arbeit an den Prozessprotokollen, darauf müssten wir doch eingehen. Aber das Hörspiel soll eben auch in 20 Jahren noch funktionieren, und vermutlich werden sich dann leider immer noch Verbindungen zur dann aktuellen Situation herstellen lassen. Aber es war eben eine bewusste Entscheidung, auf diese nicht einzugehen, sondern im Ausschnitt des Prozess zu bleiben, da es ein eigenständiges Stück Zeitgeschichte ist, das für den behandelten Zeitabschnitt steht. Die Verbindung zur aktuellen Geschichte oder zu dem, wie es nach dem Prozess weitergegangen ist, wird von den Hörern sofort im Kopf hergestellt werden.

Stefanie Ramb: Wie wird der Prozess hörbar gemacht?

Ulrich Lampen: Der Stoff, mit dem wir es zu tun haben, ist erschreckend unfiktional. Und wir wollten ihn in keiner Weise durch die Inszenierung der Personen, also, der Zeugen oder des Richters z.B., in eine fiktionale Ecke rücken. Daher haben wir ein Ensemble gesucht, das uns die Berichterstatter spricht. Damit sind wir dem Dokumentarischen näher und tauchen dennoch in das Drama des Gerichtssaals ein.

Stefanie Ramb: Was war die Herangehensweise? Also ihr hattet diese Fülle an Material in Form der Saal-Infos, ohne Sekundärliteratur sozusagen...

Ulrich Lampen: Ich bin kein Jurist, ich bin Regisseur. Ich habe sehr, sehr viel über rechtsstaatliche Verfahrensweisen, über Verhaltensweisen vor Gericht, über diesen merkwürdigen Raum im Saal 101 - nicht im Sinne des konkreten Raums, sondern als Verhandlungsraum - erfahren. Und natürlich entstand während dieses Prozesses sehr viel Sekundärliteratur. Während wir an dem Dokumentarhörspiel gearbeitet haben, legten manche Angehörige der Opfer ihre Erfahrungen in Buchform vor, dann gab es die ersten TV-Dokumentationen, die ersten Spielfilme, die ersten Theater-Auswertungen, die ersten Veröffentlichungen von anderen Protokollen im Netz, in der Zeitung, auf der Bühne. All das entstand mit und während dem Prozess. Und war, so wie unsere Arbeit, ein Beitrag zum Verständnis dessen, was da vorgegangen ist, in der Phase der Verbrechen und zu dem, was vorgegangen ist im Saal.

Stefanie Ramb: Ulrich Lampen, Du hast siebenmal im Saal bei der Verhandlung zugeschaut. Was haben diese sieben Besuche bewirkt? Also, für welchen Teil der Inszenierung oder der Arbeit an diesen Texten waren die Besuche gut?

Ulrich Lampen: Ich war unter anderem an Tagen da, an denen Akten verlesen wurden, an denen nichts Dramatisches passierte. Und dennoch habe ich die Präzision und den hohen Wert eines jeden einzelnen Moments vor Gericht wahrgenommen. Das Gesagte gilt, und es ist nicht mehr zurückzunehmen. Und es war auch sehr wichtig für mich zu begreifen, dass im Saal nicht interessiert, ob es draußen schneit, regnet oder die Sonne scheint. Auch nicht, ob es der 12. November, sondern, ob es der vierte Verhandlungstag, der 403. und so weiter ist.

Julian Doepp: Das Dokumentarhörspiel heißt „Saal 101“. Das Hörspiel ist dieser Ort, dieser Gerichtssaal, der ein Mikrokosmos ist, in dem eine wirkliche Eigenzeit herrscht.

Saal 101: Die Schauspielerin Bibiana Beglau mit "Capriccio" im Saal 101

Stefanie Ramb: Und wie wird dieser Saal im Hörspiel hörbar gemacht?

Julian Doepp: Wir wollten es den Zuhörenden leichter machen, indem wir nicht eine riesige Anzahl an Stimmen einführen, sondern eine überschaubare Anzahl. Daraus und natürlich auch aus der Entscheidung, keine Fiktion zu produzieren, ergab sich automatisch, dass diese Stimmen nicht für einzelne Personen stehen können. Wir wollten nicht den Gerichtssaal nachspielen. Wir wollten nicht, dass sich eine Stimme mit einem Handelnden identifizieren lässt. Unsere Vorstellung war, dass die Zuhörenden irgendwann abstrahieren, auch von diesen Stimmen, und dass sie durch die Stimmen hindurch diese Inhalte aufnehmen können, ohne die ganze Zeit zu denken, der spielt den jetzt aber gut oder die hat jetzt diese Zeugin sehr seltsam gesprochen. Das sind schauspielerische Kategorien, mit denen wir hier nicht arbeiten wollten.

Stefanie Ramb: Spielt da mit rein, wie ihr die Protokolle aufbereitet habt?

Julian Doepp: Man muss sich vor Augen führen, wie die Berichterstatter im Gerichtssaal mitschrieben, dass sie da quasi am Laptop mitstenografiert haben. Wir wussten also, dass diese Texte sehr unvollkommene Texte sind, grammatikalisch, nicht inhaltlich. Teilweise fehlen da Bindewörter oder Pronomen, teilweise fehlen Halbsätze, oder es wird jedes zweite Wort abgekürzt. Und es wurde teilweise nicht wörtlich, sondern dem Sinn nach protokolliert. Für uns stellte sich die Frage: Wie bleibt man möglichst nahe an diesem Protokoll und macht daraus trotzdem etwas, das gut zu hören ist? Das heißt, wir mussten von Anfang an auch gegensteuern, damit bei den Hörern nicht der Eindruck entsteht: ‚Ich höre jetzt 1:1 das, was sich im Gerichtssaal abspielt‘. Wir mussten den Text als Text klarmachen, und das sprach gegen eine szenische Auflösung.

Ulrich Lampen: Wir haben jetzt ein Ensemble von Schauspieler*innen, die durch ihre individuelle schauspielerische Fähigkeit, Nähe zum verhandelten Gegenstand bzw. Nähe zur aussagenden Person, wie mit einem Zoomobjektiv herstellen können. Im einen Moment erleben wir sie in Intimität und Unmittelbarkeit, im nächsten mit größter Mittelbarkeit, einfach schon dadurch, dass sie die Worte „Götzl“ oder „Zeuge“ sagen – und damit wieder daran erinnern, dass wir im Protokoll und nicht im Saal selbst sind.

Katarina Agathos: Wichtig war uns, das Material für sich sprechen zu lassen und es nicht permanent einzuordnen. Eine Stärke des Genres Hörspiels ist ja, dass man nicht immer eine Erklärung mitliefern muss. Nur an den Stellen, wo man mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht versteht, warum das, was da gesagt wird, jetzt überhaupt von Bedeutung ist, haben wir versucht, es zu ergänzen. Zum Beispiel durch einen O-Ton von einem der Berichterstatter. Und die Mitschriften per se haben schon eine sehr dramatische Qualität, besonders die Befragungen, dieses stundenlange Frage-Antwort. Das hat eine Dynamik, die sich je nachdem wer gerade im Zeugenstand ist, verändert.  

Julian Doepp: Wir haben die sogenannten Vorhalte, die der Richter macht und die dann nur von den Zeugen bestätigt werden: Das sind Zitate aus früheren Aussagen, die wir wiederum vermittelt bekommen von den Berichterstattern und aus denen wir dann nochmal auswählen. Das ist schon weit entfernt von den tatsächlichen Ereignissen. Und doch haben wir uns nicht in den Bereich der Fiktion begeben. Das finde ich sehr wichtig heute, im Zeitalter der alternativen Fakten. Wo vielen Menschen diese Unterscheidung zwischen Wahrheit und Fiktion zunehmend schwerfällt. Da muss man diesen Begriff der Wahrheit schon hochhalten, auch wenn man sich ihr nur unvollkommen oder vielleicht gar nicht nähern kann. Das hat sich auch in diesem Prozess mit seinen vielen widersprüchlichen Aussagen gezeigt. Zum Beispiel, als die Garagen durchsucht wurden und die NSU-Mitglieder in den Untergrund gegangen sind. Oder auch der Sachverhalt um dieses letzte Wohnmobil. Was da genau passierte. Also im Detail rauszufinden, was sich da abgespielt hat, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Aber man kann sich dem annähern, und das ist wichtig. Deswegen sind wir mit dem Dokumentarhörspiel so nah an den Protokollen geblieben. Und dazu mussten wir erst mal verstehen: Was will dieser Prozess eigentlich? In erster Linie geht es natürlich darum, Verbrechen aufzuklären und Täter zu verurteilen. Es war ein Strafprozess, allerdings ein mit Terrorismus zusammenhängender Strafprozess. Offiziell kein politisches Verfahren. Aber natürlich war es ein politischer Prozess. Ein Prozess, in dem es letztlich darum geht, wie unser Land sich schlägt, wie man auf demokratische Weise mit diesen Neonazis umgehen kann.

Stefanie Ramb: Wie habt ihr die Themen gewichtet?

Katarina Agathos: Der erste Teil ist die Einleitung, im letzten Teil kommen dann die Schlussplädoyers vor, und die Urteilsverkündung. 22 Teile sind der Beweisaufnahme gewidmet, nur an wenigen Stellen werden Auszüge aus den Plädoyers vorweggenommen. In den Beweisaufnahme-Teilen haben wir versucht, so zu gewichten, wie auch im Prozess gewichtet wurde. Mehrere Teile nimmt der Komplex ein, wie sich Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe kennengelernt haben in den 1990er-Jahren in Jena. Das hören wir von mehreren Zeugen aus vielen Perspektiven, unter anderem von den Eltern der beiden Uwes, auch von Wegbegleitern, sogenannten Szenezeugen, die dann mal mehr, mal weniger ausgesagt haben. Dann haben die Hauptangeklagte und die vier Mitangeklagten jeweils einen eigenen Teil. Ein weiterer Themenkomplex, den wir auf mehrere Teile aufteilen, ist die Unterstützerszene, also die Netzwerke. Da gab es zum einen die pragmatische Unterstützerszene, die mit Krankenkassenkarten oder Bahnkarten oder so geholfen hat, das Leben im Untergrund der drei möglich zu machen. Und dann gibt es noch die vertiefte Unterstützerszene, die dann auch in Person von Tino Brandt, einem der Hauptunterstützer, mit dem Verfassungsschutz verbunden ist.

Katja Huber: Eine Auswahl ist ja in gewisser Weise auch immer eine Interpretation und da muss man – vielleicht gerade bei Aussagen von Angehörigen der Täter ­­– vorsichtig sein. Mehrere Teile befassen sich, wie erwähnt, mit der Jugend, Sozialisation und Radikalisierung von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe. Da kommen viele Zeugenaussagen der Eltern von Böhnhardt und Mundlos zusammen und wir bemerkten beim Überarbeiten, dass durch die Schilderungen der Eltern plötzlich sehr viel Empathie entsteht – für die Eltern selbst, aber auch für die Söhne Mundlos und Böhnhardt. Wie sich die Eltern zur Radikalisierung ihrer Kinder äußern, wollten wir aber drin haben. Dann folgt die nächste Arbeitsrunde, in der man den Emotionen der Eltern nicht so viel Raum gibt. Wenn wir es mit einem einstündigen Hörspiel zu tun gehabt hätten, wären diese Arbeitsschritte überschaubar gewesen. Aber es sind 24 Folgen. Und da muss alles zusammen passen. Jede Folge soll für sich stehen, muss aber auch in einer logischen Beziehung zu den 23 anderen Teilen stehen. Das hat wirklich viele Durchgänge erforderlich gemacht.

Stefanie Ramb: War euch immer gleich klar, welche Relevanz die verschiedenen Themen haben?

Julian Doepp: Im Prozess und auch in unserem Dokumentarhörspiel wird, wie gesagt, in aller Ausführlichkeit die Jugend der drei dargestellt. Wie sind sie aufgewachsen? Wann war Zschäpe mit Uwe Mundlos zusammen? Wann war sie mit Uwe Böhnhardt zusammen? Haben die beiden sich verstanden? Lange Zeit haben wir uns gefragt, warum das alles vorkommt. Es geht ja im Prozess um die Frage, ob und wie Zschäpe als Täterin beteiligt war. Welche Rolle spielt es dabei, ob sie mal in den 1990er Jahren bei Uwe Mundlos‘ Eltern zu Mittag gegessen hat? Dem Gericht geht es aber um die Beziehungen der Täter untereinander. Ob Zschäpe abhängig von den beiden Männern war, wie sie im Prozess behauptete, kann man eigentlich nur versuchen zu beurteilen, indem man sich ein Bild davon macht, wie die drei zusammen funktioniert haben. Und da sind die frühen Jahre, aber auch z.B. die Schilderungen von Zeugen, die die drei in gemeinsamen Urlauben erlebt haben, aussagekräftig.

Stefanie Ramb: Die O-Töne der Berichterstatter sollen den Hörern eine Orientierungshilfe bieten. Welche Funktion haben sie noch?

Katja Huber: Die Interviews mit den drei Berichterstattern Tim Aßmann, Ina Krauß und Holger Schmidt sind nochmal eine Verbindung in den Gerichtssaal, nach Abschluss des Prozess. Und gleichzeitig quasi der Beweis in Anführungsstrichen dafür, dass da ein „echter“ Prozess stattgefunden hat. Und sie sind diejenigen, die eine Lebendigkeit rein bringen, was auch wichtig ist, weil wir uns - wie gesagt -  ganz bewusst dagegen entschieden haben, die Befragungen und die Zeugenaussagen mit allen Emotionen nachzuspielen.

Ulrich Lampen: Dann ist die Musik von Jakob Diehl und Sven Pollkötter ein ganz wichtiges strukturierendes Element. Außerdem haben wir an sehr wenigen Stellen ein Gedicht eingebaut, das zwar zunächst mit dem Prozessgeschehen nichts zu tun hat, aber für uns in der Arbeit sehr wichtig wurde. An diesen Stellen wird eine andere Sorte Text hörbar, ein anderer Teil von Welt erfahrbar.

Katarina Agathos: Es handelt sich um ein Sufi-Gedicht von dem Autor Muhyiddin Abdal aus dem 16. Jahrhundert. Darin wird mit einfachen, aber doch lyrischen Worten nach dem Geheimnis des Mensch-Seins gefragt. Es schien uns ein Text zu sein, der maximal weit entfernt ist von juristischer Sprache, und auf eine ganz andere Weise als Rechtsprechung nach Erkenntnis sucht. Es bietet vielleicht einen kurzen Moment der Pause, der Erholung. Denn man kann durchaus verloren gehen, in diesen Protokollen.  Der Claim „Der Prozess als Textmaschine“ geisterte immer wieder bei uns durch die Redaktion. Und dieses Überbordende an Worten, an Text, spiegelt ja auch absolut wider, wie es im Saal war. Man kann eintauchen und sich überwältigen lassen von dieser Fülle. Und sich davon wirklich gut informieren lassen kann.

Julian Doepp: Die Opferangehörigen hatten sich ja viel mehr erhofft, dass der Prozess auch auf ihr Leid eingehen würde und ihre Interessen zu einem gewissen Grade deutlich sichtbar machen und vertreten würde. Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass der Prozess das nicht genug getan hat. Für mich war es aber ein großer Erkenntnisgewinn, mich mit dem Prozess zu beschäftigen. Er wirft ein Schlaglicht auf einen Teil Deutschland, von dem ich vorher kein Bild hatte.

Saal 101: Das Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess. Mit den Sprecher:innen Bibiana Beglau, Katja Bürkle, Florian Fischer, Martina Gedeck, Gonca de Haas, Ercan Karacayli, Barbara Nüsse, Gabriel Raab, Michael Rotschopf, Thomas Schmauser, Thomas Thieme, Kathrin von Steinburg.