Karoline-Goldhofer Kita in Memmingen Paradebeispiel für den Erhalt von Bestandsbauten

Wie können wir innovativ mit Bestandsbauten umgehen? Ein gelungenes Beispiel ist die Karoline-Goldhofer Kindertagesstätte in Memmingen. Architektur, Pädagogik, Nachhaltigkeit und ein famoses Energiekonzept greifen hier symbiotisch ineinander. Deshalb wurde das Projekt der Architekten und Stadtplaner heilergeiger mit dem Balthasar Neumann Preis 2021 ausgezeichnet.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 08.05.2021

Eine Villa aus den sechziger Jahren. Das Gebäude im Norden Memmingens wurde 2013 von der Unternehmergattin Karoline Goldhofer-Prützel testamentarisch einer neuen Nutzung zugeführt. Im früheren Wohnhaus der Familie im Ortsteil Amendingen, so verfügte sie, solle eine Kindertagesstätte entstehen – im Sinne der sogenannten Reggio-Pädagogik. Für die beiden Architekten Peter Geiger und Jörg Heiler befruchtete die aus der norditalienischen Stadt Reggio Emilia stammende Erziehungsphilosophie die Bauaufgabe ganz wesentlich.

Nachhaltigkeit als Ziel

Die Leitidee war also vorgegeben. Doch der Bungalow mit seinem leicht geneigten Ziegeldach und den beiden anhängenden Bereichen des Pools und einer Garage taugte nicht für eine Kindertagesstätte. Also entschieden sich Peter Geiger und Jörg Heiler für einen innovativen architektonischen Dreisatz: Erhalten – Freistellen – Umhüllen. Sie trugen das Dach des Bungalows ab und befreiten die drei Gebäudeteile von den kleinen Zwischengängen. So konnten sie 75 % des Bestandes erhalten – ganz im Sinne der Reggio-Pädagogik und ihres Bewahrungsanspruches. Gleichzeitig erfüllten sie ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele: Die sogenannte "graue Energie" (also alles, was für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung aufgewendet wurde), blieb durch die Weiternutzung gebunden. Im Fall der Kindertagesstätte Karoline Goldhofer wurde das geringe Abbruchmaterial noch für die Gartengestaltung eingesetzt.

"Bei dieser Pädagogik ist das Entscheidende, mit dem Wert und Bestand des Gebrauchten umzugehen und diesen kreativ wiederzuverwenden. Wir produzieren im Jahr pro Einwohner in Deutschland circa 2,5 Tonnen an Baumüll, im Vergleich zu 250 Kilogramm Hausmüll. Deshalb ist dieser Bestandserhalt so wichtig."

Die Architekten Jörg Heiler & Peter Geiger

Haus-im-Haus-Prinzip

Der architektonische Clou ist aber die Umhüllung der drei freigestellten Gebäudeteile mit einer transparenten Verpackung aus Polycarbonat. So existieren die alten Bauten innerhalb der neuen Kindertagesstätte fort – als Haus-im-Haus-Prinzip. Das ist optisch aufregend. Zudem entspricht es den Maximen der Reggio-Pädagogik, da es auch die notwendigen Räume schafft, die eine solche Einrichtung braucht. Unter der durchscheinenden Hülle ist auf diese Weise eine Art kleines Dorf entstanden mit einer Piazza und Spielflächen. Daneben fungieren die drei integrierten Bestandsgebäude als Rückzugsorte, versehen mit neuen Oberlichtern.

Klimaziele 2050 bereits 2021 erfüllt

In diese komplexe Struktur eingearbeitet ist das faszinierend kybernetische Energiekonzept, das auf der durchlässigen Hülle als Kollektor für Licht und Energie basiert. Die sogenannten "Wärmedämmpullover" für die Fassaden von Altbauten brauchte es da gar nicht. So entspricht der Energieverbrauch der Kita Karoline Goldhofer in Memmingen jetzt schon den Klimazielen für das Jahr 2050.

Ein Beitrag mit Unterstützung der Bayerischen Architektenkammer - mehr aktuelle Infos zu Architektur & Baukultur hier auf der Website

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