Architekt Hermann Kaufmann "Holz ist der Baustoff, der am meisten zurückgibt"

Er kommt aus einer Zimmererfamilie im Bregenzerwald. Nicht nur deshalb hat er sich immer für Holz als Baustoff begeistern können. Für seine nachhaltige Architektur erhielt Hermann Kaufmann jetzt den Bayerischen Architekturpreis.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 23.11.2021 | Archiv

Ein Mann mit weißen Haaren und Brille (Architekt Hermann Kaufmann) steht vor einer Holzgetäfelten Wand | Bild: Lisa Dünser / HK Architekten

Er hat als Fünfjähriger mit dem Großvater hinter der Hobelmaschine gestanden und ist als 12-Jähriger auf der Baustelle die neuen Dachbalken entlanggeklettert. Dass man bei einer solchen Biographie später selbst was mit Holz macht, ist fast schon ein Muss. Im Fall des Architekten Hermann Kaufmann ist "was mit Holz" allerdings eine Untertreibung. Der Voralberger arbeitet seit 40 Jahren als Architekt, seit fast 20 Jahren ist er Hochschullehrer an der TU München. Holz war immer sein Baustoff, dafür ist er berühmt. Für sein „beispielgebendes und zukunftsweisendes Werk" hat er jetzt den Bayerischen Architekturpreis und den Staatspreis für Architektur bekommen. Ein Gespräch.

Judith Heitkamp: Wenn Sie "Holz" jemandem beschreiben sollten, der gar nicht weiß, was das ist - was würden Sie sagen?

Hermann Kaufmann: Holz ist wahrscheinlich der Baustoff, der, wenn man ihn anfasst, am meisten zurückgibt. Er ist warm, er ist angenehm, er riecht gut - im Normalfall. Er ist leicht, trotzdem ist er sehr leistungsfähig. Und er spricht wahrscheinlich viele Sinne an. Nicht umsonst fühlen sich die Menschen in einer Holzumgebung meistens sehr wohl. 

Als Architekt und Lehrer der Architektur haben sie immer den Holzbau vertreten, der heute sehr angesagt ist. Wie war das in den 80er und 90er Jahren, als große Beton-, Stahl- und Glas-Konstruktionen im Trend lagen: Waren Sie da ein Exot?

Nicht ganz. Aber trotzdem war es in der Zeit so, dass man einfach den Holzbau vergessen hat. In der Moderne von Bauhaus etc. hat man das Material Holz vergessen. Und das habe ich gemerkt. Meine Entscheidung, mich auf dieses Material zu fokussieren, kam ziemlich früh. Zum einen, weil es einen Aufholbedarf gab und zum anderen, weil ich natürlich wusste, was dieser Baustoff alles leisten kann. 

Dass Sie das Holz nicht vergessen haben, lag das an Ihrer Familiengeschichte? 

Natürlich. Wir sind buchstäblich in Spänen aufgewachsen ... da gibt es zwei Möglichkeiten: Man kann als Junge sagen, „interessiert mich alles nicht, ich stelle mich total dagegen“ - aber unser Vater hat es geschafft, uns dieses Material nahezubringen. Er war ein strenger Meister und Arbeitgeber von uns Brüdern. Wir waren vier Buben und alle vier sind im Holz geblieben. Also muss er etwas richtig gemacht haben.

Inzwischen werden selbst Hochhäuser aus Holz gebaut. Und Sie haben gerade ein Holz-Parkhaus in Bad Aibling verwirklicht. Das sind große Baukörper, von denen man früher gedacht hätte, dass sie die Möglichkeiten des Materials übersteigen - hat sich in der Holz-Bautechnik so viel verändert?

Ja, natürlich. In den letzten Jahren oder Jahrzehnten hat sich wirklich sehr vieles geändert. Es sind neue Baumaterialien auf den Markt gekommen. Das sind meistens verleimte Produkte, die sehr, sehr leistungsfähig sind. Es ist möglich, Holzteile vorzufertigen, was ein riesiger Vorteil ist. Und deswegen ist auch das Holz in viel größere Dimensionen hineingeraten in der heutigen Zeit. Hochhäuser entstehen derzeit als Pilotprojekte, einfach um zu zeigen, was Holz für eine Leistungsfähigkeit hat. Vielleicht ist dieses Hochhausbauen aus Holz so sinnvoll wie das Formel-1-Fahren … aber es ist ein Entwicklungstreiber. 

Was wäre denn die richtige Architektur, die diesem Material angemessen ist? 

Holz ist sehr vielfältig. Man kann mit Holz auch sehr, sehr schlecht bauen. Das wichtigste Nachhaltigkeitskriterium ist: Wenn Bauten von den Menschen geliebt werden, werden sie lange halten. Und wenn Bauten lange halten, dann sind sie von vorneherein schon wesentlich nachhaltiger als Bauten, die nur kurzlebig umgesetzt werden. 

Holz wird immer mit Natürlichkeit assoziiert. Ist es so grün wie sein Image?

Es geht bei dieser Diskussion hauptsächlich darum, dass man aus Holz langlebige Produkte macht. Das heißt, dass man den Kohlenstoff, der in Holz gespeichert ist, lange im Kreislauf hält. Wenn ich das Holz verbrenne, so wie es zu 50 Prozent nach wie vor passiert, oder Papier daraus mache, dann wird der Kohlenstoff sofort freigesetzt. Wenn ich damit aber baue, dann ist der Kohlenstoff für die nächsten hundert, zweihundert Jahre in dem Gebäude gespeichert. 

Dabei wird Holz knapp, die Preise gehen richtig in die Höhe, weil zu wenig Angebot da ist. Entpuppt sich das Bauen mit Holz irgendwann als Sackgasse?

Der Rohstoff ist wahnsinnig wichtig geworden. Aber wenn man ganz ehrlich ist, muss man in Deutschland diese Diskussion nicht so intensiv führen. Deutschland hat einen riesigen Waldbestand. Ich habe mal ausgerechnet, dass ungefähr ein Drittel der gesamten nachwachsenden Holz-Ernte eines Jahres ausreichen würde, um sämtliche Neubauten in Deutschland mit Holz zu bauen. Also es wäre wahrscheinlich sinnvoll, mit diesem Material, das bei uns wächst, bei uns zu bauen und es bei uns anzuwenden, statt es auf den Weltmarkt zu schmeißen und dort möglichst teuer zu verkaufen.

Was ist langlebiger - ein Holzhaus oder ein Steinhaus?

Wenn das Holz keine Feuchtigkeit bekommt, dann leben beide gleich lang.

Und was lässt sich architektonisch nicht mit Holz umsetzen? Was wäre die noch ungelöste Herausforderung?

Noch vor zehn Jahren habe ich gedacht, ein Hochhaus aus Holz zu bauen ist gar nicht möglich. Heute bin ich eines anderen belehrt. Natürlich kann man ein Atomkraftwerk nicht mit Holz bauen und viele Infrastrukturprojekte auch nicht. Aber bei den normalen Bauten ist ziemlich vieles möglich.

Das Interview wurde für die kulturWelt vom 23. November 2021 geführt – den Podcast können Sie hier abonnieren.