"Die Unsterblichen" von Anne Boyer Was es kostet, Brustkrebs zu überleben

In "Die Unsterblichen" schildert Anne Boyer, was während der Chemotherapie mit ihr und ihrem Körper passierte. Ihr Buch ist eine Anklageschrift gegen ein Krankenhaussystem, in dem die Patienten nicht Menschen, sondern eine Geldquelle sind. 2020 wurde sie dafür mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Von: Martin Zeyn 

Stand: 07.07.2021 | Archiv

Symbolbild: Brustkrebs | Bild: picture-alliance/dpa

Die Diagnose: ein hochaggressiver Tumor. Die Chemotherapie muss sofort beginnen. Die Heilungschancen sind mehr als ungewiss. So beginnt das Leben von Anne Boyer als Patientin. Darüber hat die US-Amerikanerin das Buch "Die Unsterblichen" geschrieben, eine Mischung aus Erlebnisbericht, Reflexionen und Kritik am durchkapitalisierten Gesundheitssystem.  

Boyer ist 40, als sie die Diagnose erhält, Dozentin an einer Kunsthochschule und Mutter einer Tochter in der achten Klasse. Doch dieses Leben ist jetzt vorbei – es gibt nur noch ein Ziel: zu überleben. Buchstäblich um jeden Preis. Nachdem die erste Behandlung nicht anschlägt, wechselt Boyer zu einer anderen Ärztin, einer Spezialistin für ihre Krebsart. Die neue Therapie ist noch aggressiver als die alte. Aber sie schlägt an. Boyer besiegt den Krebs, muss aber dann wieder ins Krankenhaus, weil die Chemo ihr Herz massiv angegriffen hat.  

Bitter, hart und angriffslustig

Boyers Buch lebt von Beobachtungen und Reflexionen. Sie leidet, aber nicht still. Sie ist wütend, sie weigert sich, eine positiv denkende Kranke zu sein, die sich mustergültig und social media-tauglich dem Kampf stellt. Und sie spottet: über Ärzte, die wie Genies behandelt werden wollen, und über Cancerdaddies, also Männer, die sich speziell für Frauen in der Chemo interessieren. Und sie stellt schonungslos dar, was alles verloren geht: Teile des Gedächtnisses, des Sprachvermögens, die Lust, viele Freunde. Nein, das ist kein Mutmacherbuch. Es ist ein Buch für alle, die nicht abgespeist werden wollen mit der Floskel: Das wird schon. Die nicht nur, weil sie krank sind, belogen werden dürfen, sondern die ein Recht darauf haben, dass ihnen reiner Wein eingeschenkt wird.  

Außerdem ist "Die Unsterblichen” auch eine Anklageschrift gegen das US-amerikanische Gesundheitssystem. Eine einzige Behandlung kostet Boyer mehr als sie in einem Jahr normalerweise verdient. Und da ihre Krankenkasse daran gebunden ist, dass Boyer unterrichtet, muss die Krebspatientin nach wenigen Krankheitstagen, die ihr zugebilligt werden, wieder anfangen zu arbeiten. Selbst ihre Brustentfernung erfolgt aus Kostengründen nur ambulant: Sie muss das Krankenhaus sofort verlassen. In den USA, so stellt Boyer fest, sinkt die Überlebensrate von Frauen, wenn sie a) alleinstehend und b) arm sind.  

"Unser Urin ist so toxisch, dass Hinweisschilder im Bad die Patient:innen anweisen, zweimal zu spülen. Wir sehen nicht aus wie Menschen: Wir sehen aus wie Menschen mit Krebs. Wir sind einer Krankheit ähnlich, mehr als wir uns selbst ähnlich sind."

Anne Boyer in 'Die Unsterblichen'

Und dann beginnt der schwächste Teil des Buches: Aus einzelnen Berichten von Frauen, die glauben, nicht die beste Behandlung, sondern die für das Krankenhaus profitabelste bekommen zu haben, formt Boyer eine große Anklage: Dieser Kapitalismus tötet. Einen echten Beleg oder eine größere Recherche liefert Boyer dafür nicht. Das heißt nicht, dass sie nicht recht haben könnte – aber hier bleibt das Buch sehr im Ungefähren, während es sonst von konkreten, eigenen Erfahrungen lebt. 

Dem Rang dieses Buches, das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, tut das keinen Abbruch. Boyer ist eine klare, kühle Erzählerin. Eine, die in ihrem Buch eine große Angst ausspricht: ihre noch minderjährige Tochter alleine zurückzulassen. Immerhin eine andere Angst erwies sich rasch als unbegründet. Boyers DNS enthält keine Genvariante, mit der ein höheres Krankheitsrisiko vererbt werden würde.

Wer verstehen will, was der Krebs mit einem Menschen macht, was die Erkrankten alles zu er- und durchleiden haben, der sollte "Die Unsterblichen" unbedingt lesen. Boyer hat überlebt – aber sie weiß, damit ist sie eine Ausnahme. Und für das Unsterblich-Sein hat sie mit ihrer Gesundheit bezahlt. Ein bitteres Buch. Aber auch ein anrührendes. 

"Reiß dein Haar büschelweise aus an Orten, wo es peinlich berührt: Familiengericht, Bank of America, bei deinem Job, im Gespräch mit dem oder der Vermieter:in, im Gefängnis, wenn nur Männer hinschauen. Verhandle für das, was du brauchst, denn du wirst es jetzt mehr denn je brauchen."

Anne Boyer in 'Die Unsterblichen'

 

"Die Unsterblichen – Krankheit, Körper, Kapitalismus" ist bei Matthes und Seitz in der Übersetzung von Daniela Seel erschienen.