Interview Wie die Hahn-Brüder München aufmöbeln

Die drei Hahn-Brüder Daniel, Julian und Laurin haben wie niemand sonst in den letzten Jahren das Gesicht Münchens verändert. Wir haben die Unternehmer und Luftschlossbauer zum Interview getroffen.

Von: Laura Beck

Stand: 06.11.2020 | Archiv

Daniel, Julian und Laurin Hahn - Kulturmanager, Erfinder, Entrepreneure. | Bild: BR

Kreative Luftschlösser sind ihr Metier. Wer sonst stellt einen Ammersee-Dampfer auf eine Brücke und definiert damit einen Veranstaltungsort? Wer sonst bringt ein sich selbst ladendes Solarauto auf den Weg? Wer sonst hat einen Plan für die Zukunft unserer Städte?

Daniel, Julian und Laurin Hahn, die Gebrüder Hahn, sind mutig, tatkräftig und voller neuer Ideen für die Kultur und das Zusammenleben in München – und ein bisschen für die Welt. Laura Beck hat die drei zu einem Interview getroffen.

Laura Beck: Wenn man eure Projekte kennt – das Bahnwärter Thiel, die Alte Utting, das Gans am Wasser und das Gans Woanders, und Sono Motors – und  dann erfährt, dass all diese Dinge von drei Brüdern gemacht werden, lautet die erste Frage immer: Warum sind die alle so krass geworden?

Daniel (lacht): Wir sind nicht aufgewachsen und haben uns gedacht: wir wollen die Stadt gestalten. Das fängt im Kleinen an. Ich habe im Pathos Transport Theater gearbeitet, und da hab ich irgendwann gemerkt, wie wichtig der Ort ist, der den Rahmen schafft. Weil wenn die Menschen sich an einem Ort begegnen, der sie berührt, dann sind sie viel offener für das Programm. Letztendlich haben wir dann im Pathos Transport Theater angefangen, ganz viel mit dem Raum zu arbeiten, das war eine ehemalige Munitionsfabrik. Die Vielfalt dort aus den verschiedenen Künsten, das Zusammenspiel und die Vereinsarbeit, haben mich inspiriert und das Ganze angestoßen. Das war ein kleiner Theaterverein und da hat es ganz viel Hilfe gebraucht, und da habe ich meine Brüder immer eingespannt. Die sind damals noch zur Schule gegangen und unsere Mutter war überhaupt nicht begeistert, weil sie gesagt hat, ein Sohn als Kellner reicht ihr.

Julian: Die ruft mich jetzt noch an und fragt, wann fängst du jetzt endlich an zu studieren? Mach doch was Gescheites (lacht). Aber ja, immer wenn Daniel angerufen hat, war das nicht um zu fragen, wie es einem geht, oder was man gerade so macht, sondern nur: "Ich hab in Nürnberg eine Kutsche gefunden, kannst du die abholen?" Das fand ich immer nervig. Aber als wir 2013 den Kulturverein "Wannda" gegründet haben, war ich dem Daniel zuliebe dabei. Aber je mehr Verantwortung ich bekommen habe, desto mehr Spaß hat mir das gemacht. Nicht mehr so sehr unter den Fittichen des großen Bruders, sondern selbständig arbeiten.

Laurin: Es war sicherlich auch die Waldorfschule, die uns gelehrt hat, Dinge selbst in die Hand zu nehmen, selbstständig zu sein, kreativ zu sein. Aber auch das Elternhaus. Wir waren nicht mit viel Geld gesegnet und haben immer Dinge selbst in die Hand nehmen müssen. Eine alleinerziehende Mutter mit drei pubertierenden Kindern, das war bestimmt nicht immer einfach. Wir mussten früh erste Jobs übernehmen und das hat uns eher zwangsweise in dieses unternehmerische Denken reingebracht. Bei mir haben alle gesagt, du bist der Jüngste, fang wenigstens du an zu studieren! Dann habe ich mich eingeschrieben für Elektrotechnik, bin den ersten Tag dahin gegangen und es war so schrecklich! Ich habe gemerkt, wenn ich das jetzt vier oder sechs Jahre studiere, werde ich nie etwas im Leben reißen. Ich werde irgendeinen nine to five Job anfangen, und ich werde nie etwas verändern.

Stattdessen hast du in einer Garage mit deinem besten Freund ein Elektroauto gebaut, das sich selbst mit Solarenergie aufladen kann: den Sion. Heute leitest du eine Firma mit über 100 Mitarbeitern. Mit 25!

Laurin: Einfach dieses Machen, das selbst in die Hand nehmen, das ist ein großer Punkt. Weil gefühlt geht alles gerade den Bach runter. Klimawandel, politische Auseinandersetzungen, alles dreht sich schneller, alle kaufen nur noch online, konsumieren mehr, fliegen überall hin, essen viel Fleisch, irgendwie hat man das Gefühl, alles geht in die falsche Richtung.

Mein bester Freund, Jona Christians, und ich waren mit der Schule fertig, 2012, und wir haben uns gefragt: Was können zwei junge Menschen aus München, die niemand kennt, tun? Was sind zum Beispiel die größten Hürden von Elektroautos, und warum fährt nicht jeder eines? Preis, Reichweite, Ladeinfrastruktur. Die drei großen Themen, bis heute. Dann haben wir uns gefragt, wie muss das perfekte Auto aussehen? Ein Auto mit Solarintegration, ein Auto das sich selbstständig wieder auflädt. Dann sind die Probleme Reichweite und Ladeinfrastruktur gelöst. Und dann haben wir es selbst gebaut.

Unsere Vision ist auch, insgesamt weniger Fahrzeuge global zu produzieren, hört sich komisch an für einen Automobilhersteller, aber es ist genau der Punkt. Autos stehen 23 Stunden am Tag nur rum, wir haben nur begrenzt Platz in unseren Städten und wir sehen ja, was wir Tolles daraus machen können. Ich bekomme ja direkt mit von meinen Brüdern, was man aus dem Platz machen kann.

Was bei euren Projekten die Atmosphäre bestimmt, sind die ungewöhnlichen Orte, an denen ihr sie umsetzt. Wie habt ihr sie entdeckt?

Daniel: Mit 18 habe ich ein Zirkuszelt gekauft und mit Freunden "Wannda" gegründet. Damit haben wir verschiedene Brachflächen in München bespielt, einfach, weil es keinen Raum gab. Wir waren damals total jung, hatten keine Referenzen und es gab nichts in der Stadt, keine Flächen. Also mussten wir Orte nehmen, die niemand haben wollte. Und dann haben wir angefangen, kreativ mit diesen Orten zu arbeiten. Die alte Eisenbahnbrücke, auf der die Utting steht, wurde zum Beispiel schon Jahre nicht mehr genutzt. Es ist uns auch wichtig, in kulturschwache Gebiete zu gehen, und dort Kulturräume zu schaffen.

Julian: Wenn man irgendwohin geht, wo es eindeutig und keine Herausforderung ist, dann macht es keinen Spaß. Wenn man das "Gans Woanders" etwa vorne an der Isar gebaut hätte oder auf dem Gärtnerplatz, dann wäre von vornherein klar gewesen, dass das funktioniert. Aber ich hatte diesen kleinen Kiosk in Giesing gesehen, 15m2, und ich bin in die Verwaltung gegangen und die Frau hat gesagt: was wollen Sie mit dem Drecksloch, das macht überhaupt keinen Sinn, da fährt oben der Zug drüber, gegenüber ist es durch das KVR-Gebäude verschattet, das Grundstück ist klein und daneben ist ein sozialer Brennpunkt durch das Obdachlosenheim, das war kein attraktiver Ort. Und das ist das, was Spaß macht und begeistert.

Habt ihr drei immer am gleichen Strang gezogen?

Laurin: Was uns verbindet, ist: Wir sind ein bunter Haufen von Leuten, die etwas verändern wollen. Die etwas selbst in die Hand nehmen und Dinge versuchen, besser zu machen. Schöner zu machen. Und das ist das, was uns verbindet. Ihr verbessert den Lebensraum in München und bringt tolle Projekte auf die Straße und ich versuche halt unsere Umwelt zu retten.

Julian (lacht): Bescheiden, Bruder, sehr bescheiden. Der Kleinste war schon immer der Bescheidenste. Aber es stimmt schon: Laurin wurde bei Wannda auch mit reingezogen und war dort der, der den Punkt Nachhaltigkeit am meisten durchgesetzt hat.

Laurin: Was nicht immer einfach war...

Julian: Ja, das kann man auch ehrlich sagen, es war vor allem zu einer Zeit, da war das noch nicht so ein Thema wie jetzt. Er hat sich in allen Punkten dafür eingesetzt, dass wir möglichst nachhaltig sind. Er hat zum Beispiel damals ein Windrad gebaut, da gibt es sogar noch ein YouTube Video, ein Tutorial. Das hat auch gar nicht so wenig Klicks.

Daniel: Wir hatten auch ein Fahrrad am Eingang, damit konnte man sein Handy aufladen. Laurin wollte zeigen, wie lange man strampeln muss, um einmal sein Handy zu laden.

Julian: Ich kann schon sagen, dass der Laurin mich geprägt hat. 2013 ging das los mit meiner eigenen Selbstständigkeit. Da habe ich eine Pommesbude gekauft und beim Daniel vor dem Pathos nachts Pommes verkauft. Super lukratives Geschäft - überhaupt nicht. Von 23:00 Uhr bis 5:00 Uhr morgens, jedes Wochenende, wenn die Freunde zusammen feiern, hab ich nach Fett stinkend Pommes und Currywürste verkauft. Das war ein ganz heikles Thema, da haben wir uns ein halbes Jahr lang gestritten, weil die Currywurst war echt lecker...

Laurin: Billigstes Fleisch!

Julian: Nein das stimmt nicht, das war kein Billigfleisch. Aber auf jeden Fall hat er dann so lange auf mich eingewirkt und mir irgendwelche Videos geschickt und mir ein schlechtes Gewissen gemacht, bis ich das abgeschafft habe und auch heute generell fast gar kein Fleisch mehr verkaufe. Man kann schon sagen: wir fangen beim Stadtviertel an, und der Laurin hört bei der Welt auf.

Worauf kommt es Euch an, was wollt ihr in und für die Stadt schaffen?

Julian: München hat dieses Bild von außen, so starr zu sein, so schick und starr, jeder ist in seinem Kreis, Durchmischung findet kaum statt. Diese Struktur zu durchbrechen, ist irgendwie die Idee. Dass man durch die Stadt geht und was entdecken kann, was man überhaupt nicht erwartet. Einen Ort, wo man hingeht und sich wohl fühlt. Und bei allen Orten, die wir haben, ist die Idee, dass die Orte offen sind für alle und man den Konsumzwang abschafft. Es gibt überall Selbstbedienung, da wird nicht kontrolliert, wie lange sitzt jemand am Tisch. Wenn man will, kann man vier Stunden ein Buch lesen. Und das ist auch okay so.

Daniel: Eine Stadt lebt von den Menschen, die in ihr leben und arbeiten und sie gestalten. Letztendlich, wenn man sich diese Stadtviertel anschaut, die so attraktiv sind, dann sind es organisch gewachsene Stadtviertel, wo ganz viele Menschen mitgearbeitet haben: Da waren verschiedene Handwerksbetriebe, und die Läden haben Straßenzüge geprägt und die Menschen, die dorthin zogen, haben die Entwicklung geprägt. Heute ist das alles viel schneller, womöglich alles eine Planung aus einer Hand, aus einem Büro. Da schaffen Orte wie der Bahnwärter wieder Vielfalt: Räume, bei denen etwas entsteht, was so nicht vorgesehen war, und Räume, bei denen man etwas probieren kann. Beim Bahnwärter gibt es ganz viele unterschiedliche Ideen zu dem Gelände und es geht in ganz viele verschiedene Richtungen, die ich am Anfang gar nicht auf dem Schirm hatte. Mit den Ateliers lebt da jetzt ein kleiner Stadtgedanke auf, wo Menschen gemeinsam arbeiten, wo es eine Plattform gibt, die man gemeinsam erschafft. Wo man wieder voneinander lernt, Fremdes kennenlernt, sich bereichert. Und ich glaube, dass gerade das in solchen Zeiten wichtig ist: dass man einfach merkt, dass andere Perspektiven auch interessant sind und dass andere Perspektiven auch richtig sein können.

In einer Stadt, in der Grund Gold wert ist und Spekulanten um jeden Quadratmeter kämpfen, ist es doch bestimmt nicht leicht, diese Projekte umzusetzen?

Julian: Ich hab das Gefühl, wenn man Gegenwind bekommt und jemand sagt, das geht nicht, dann ist es der richtige Ort um anzufangen. Es ist noch nie vorgekommen, dass man irgendwo hingegangen ist und gesagt hat: Man hat die und die Idee, und dann sagen alle ja super, das ist doch von vorne bis hinten umsetzbar, das machen wir, kein Problem.

Daniel: Dann hätte es auch jemand anderes schon gemacht.

Julian: Genau. Das ist am Anfang ein bisschen frustrierend, wenn man immer nur Contra bekommt. Aber es ist auch inspirierend. Man fängt an sich zu überlegen, was kann ich machen, um argumentativ zu überzeugen, wie kann ich belegen, dass es trotzdem funktioniert.

Daniel: Mich verunsichert es aber auch immer sehr, weil wir haben zwar bis jetzt immer Recht behalten, aber man fechtet harte Kämpfe mit sich aus. Weil man dem anderen Argument Gewicht gibt, und ich habe natürlich immer Angst, dass irgendwann die Situation kommt, dass jemand anderes recht behält und dass es eben nicht umsetzbar ist und nicht klappt.

Julian: Aber es darf ja auch mal nicht klappen. Das Problem ist, dass man dann so von außen verurteilt wird, als dürfte es nicht passieren.

Laurin: Was ihr ansprecht, ist interessant, weil es ist genau das Problem, das wir in Deutschland oder in Europa haben: nämlich dieses Sicherheitsdenken und ja kein Risiko eingehen und die Angst davor, Fehler zu machen. Das führt aber dazu, dass wir keine Unternehmenskultur hier in Deutschland haben. Verglichen mit anderen Kontinenten total wenig. Wir sind hier in Deutschland gerade auf dem Trichter: Es darf nichts schief gehen, Insolvenz ist ein Riesenthema, das besser nicht angesprochen wird, und wenn man insolvent geht, ist das das Schlimmste, was passieren kann. Und diese Angst führt dazu, dass wir hier in Deutschland wenig selbst in die Hand nehmen.

Julian: Aber genau dieses selber etwas in die Hand nehmen, ist das, was mich begeistert hat und ich glaube auch, dass man andere Leute dafür begeistern kann. Ich kann es nur beim Hexenhaus sagen oder auch wenn man durch den Bahnwärter läuft: das ist alles handgemacht. Das kann jeder selber bauen! Bretter irgendwo rein schrauben … Es ist nicht mal besonders gut gebaut. Vor 100 Jahren hätten sie gesagt, was ist das für ein Pfusch. Aber das ist auch das, was begeistert, dass man den Leuten wieder zeigt: man kann alles selber machen, man kann selber Strom machen, man kann selber Abwasserleitungen verlegen, man kann selber mit Holz bauen.

Daniel, du kämpfst weiter für die Realisierung deines neuesten Projekts: Diesmal sind die Baukörper alte Boardingstationen und Fluggastbrücken des Münchner Flughafens. Daraus willst du ein Kulturzentrum unter eine Autobahnbrücke bauen.

Daniel: Der Flughafen ist natürlich auch wieder kein einfaches Projekt. Aber grundsätzlich ist jedes Projekt wie eine Aufgabenstellung. Und das macht das kreative Arbeiten so spannend. Du hast eine Idee und eine Vision, und dann gibt es verschiedene Aufgaben, die du schaffen musst um diese Idee umsetzen zu können. Immer wieder kommen neue Aufgaben hinzu, und dann musst du kreativ sein, und am Ende diesen Ort zu schaffen. Als der Statiker im Fall der Utting gesagt hat, dass der Standort auf der Brücke theoretisch möglich sei, habe ich diese Vision nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Und bei den Flughafen-Teilen ist das Ziel ja auch wieder, einen Treffpunkt zu schaffen, wo Alltagskultur passieren kann, wo Menschen sich im Alltag begegnen können in diesen Baukörpern, die eigentlich verschrottet worden wären und denen wir jetzt eine ganz neue Aufgabe geben möchten, in einem ganz neuen Kontext.

Julian: Es ist ja ganz ähnlich wie beim Bahnwärter, man hat noch nicht die finale Idee, was daraus entstehen soll, aber das wächst dann nach und nach. Und das kann auch erst in fünf Jahren passieren.

Daniel: Das Flughafen-Projekt zeigt auf jeden Fall, wie lange so ein Weg ist.

All eure Orte sind Zwischennutzungen, die von der Stadt langfristig entwickelt werden wollen. Für Bahnwärter und Utting tickt schon die Uhr.  Laurin arbeitet in der Autobauer-Stadt neben großen Playern wie BMW.  Überlegt ihr manchmal, ob ihr es in anderen Städten leichter hättet?

Laurin: Bei mir ist es Fluch und Segen. Fluch deswegen, weil hier eine unglaublich konservative Autoindustrie dominiert, die wenig Platz für Neues lässt. Ein Segen deshalb, weil die ganze Infrastruktur super ist… Deutschland hat unglaublich viel zu bieten, Fachkräfte zum Beispiel, deswegen ist es leicht, hier Fuß zu fassen. Und auf der anderen Seite wiederum der Fluch: dieses kulturelle Denken, dass, wenn die Großen schon hier sind, wie soll das dann ein Kleiner schaffen?

Daniel: Ich frage mich das schon immer wieder, ob nicht irgendwann der richtige Zeitpunkt wäre, in eine andere Stadt zu gehen. Die Zwischennutzungen sind sehr kreativ, weil du dich immer neu erfindest, weil du ausprobieren kannst, aber andererseits wäre es auch schön, ein Projekt voranzutreiben und eine gewisse Beständigkeit rein zu kriegen. Und das bekommt man in anderen Städten leichter.

Julian: Für mich ist das keine Option. Mein Herz hängt an der Stadt, ich will nicht mehr weg hier. München ist eine tolle Stadt und das, was mich begeistert, ist die Stadtentwicklung. Und da zu versuchen, mitzuwirken beziehungsweise als Bürger und Akteur zeigen zu können, was möglich ist und was man sich auch wünscht und was dann auch bei den anderen Anklang findet. Und da steckt in Zwischennutzungen ein wahnsinniges Potenzial, weil man sich ausprobieren darf. Und eine Stadt muss sich ausprobieren, oder?