#allesdichtmachen Warum diese Satire demagogisch ist

Über 50 Schauspielerinnen und Schauspieler formulierten Kritik an der Corona-Politik und an den Medien: scheinbar mit einem Augenzwinkern. Was ist dran an der Aktion "'#allesdichtmachen"? Und wie glaubhaft ist die Absetzung von der Querdenken-Bewegung? Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 04.05.2021

Screenshot von Jan Josef Liefers im Video zu allesdichtmachen | Bild: YouTube/allesdichtmachen

Der erste Eindruck ist überaus positiv: super Casting, professionelle Bildgestaltung, Texte mit Augenzwinkern. Die Verantwortlichen von allesdichtmachen haben Geld in die Hand genommen und sich richtig Mühe gemacht.

Völlig zu recht ganz oben auf der Seite Volker Bruch, der Star aus "Babylon Berlin". Sein Text beginnt mit: "Mein Name ist Volker Bruch. Ich bin Schauspieler – und ich habe Angst." Da hat er mich sofort. Was folgt ist fast schon ein Stück konkreter Poesie, in wenigen kurzen Sätzen umspielt er den Begriff Angst, lädt ihn durch geschickte Betonung auf. Zugegeben, ich bin später im Video ein bisschen gestolpert über die völlig aus dem Nichts auftauchende "liebe Regierung", habe das aber als Ironie verbucht. Wie jetzt Anfang Mai durch Recherchen von Netzpolitik.org herauskam, vermutlich ein Irrtum: Offenbar hat Bruch einen Aufnahmeantrag zur Corona-Protest-Partei "Die Basis" gestellt.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Volker Bruch | Bild: allesdichtmachen (via YouTube)

Volker Bruch

Was diese Seite versucht, ist quasi eine "heute SHOW" für Regierungsgegner und Impfskeptiker zu kreieren. Und durchaus mit einigem rhetorischen Geschick und mit einem Augenzwinkern. Wobei das bereits nach dem dritten oder vierten Video ziemlich angestrengt wirkt. Nein, die Macher wollen nicht Luft ablassen aus einer unter Druck geführten Diskussion. Deutlich wird das beim Video, das Jan Josef Liefers spricht.

Diskurs fordern. Einseitigkeit kreieren.

Der Text beginnt wie bei Bruch mit einer Vorstellung. Und dann sagt Liefers: "Ich möchte Danke sagen. Danke an alle Medien, die seit über einem Jahr unermüdlich, verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben. Und dafür sorgen, dass kein unnötiger kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung." Liefers macht das brillant: Er liefert uns die Ironie eiskalt. Wobei: Ist das wirklich Ironie?

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Jan Josef Liefers | Bild: allesdichtmachen (via YouTube)

Jan Josef Liefers

Die Regierung. Die Medien. Die Wissenschaft (Ausgenommen natürlich die Wissenschaftler, ja sogar Nobelpreisträger, die irgendwie kritisch sind). Kein Name, kein Beleg, keine Einordnung. In den 80 Sekunden dieses Videos fällt kein einziges Argument. Damit wird deutlich, wir befinden uns mitten in der Welt der Querdenker und Corona-Leugner. Die überhäufen denn auch diese Aktion im Netz mit Lob. Mit jeder Wiederholung, mit jedem weiteren Video wird eine klare Opposition aufgebaut: Wir gegen die. Wir, das sind die kleinen Leute, die das Ganze ausbaden müssen. Die, das sind die Regierung und ihre Helfershelfer, die devoten Medien und die panischen Wissenschaftler. Kein Wort über den laut geführten Streit zwischen Kanzlerin und Länderregierungen, keine Einschränkung, dass in den Medien natürlich nicht nur das RKI zu Wort kommt, sondern auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die dessen Vorgaben entweder für zu lasch oder zu streng halten. Gut, die Videos sind nur eine Minute lang, da ist wenig Platz für eine zweite Meinung. Aber die über 50 Videos (fast sind mittlerweile 20 depubliziert; Ulrike Folkerts, Meret Becker und Ken Duken haben sich entschuldigt.) erzählen immer wieder eine einzige, nur dieselbe Geschichte. Und führen damit genau das vor, was sie der Regierung, den Medien und der Wissenschaft vorwerfen: Einseitigkeit.

Nein, ich mache den Schauspielerinnen und Schauspielern keinen Vorwurf. Jeder einzelne Text enthält minimale Dosen berechtigter Kritik, etwa am Homeschooling oder an einer zu homogenen Berichterstattung. Ein Verfahren, dass auch Anhänger von Verschwörungsmythen gerne anwenden: ein Quentchen Wahrheit und schon hört sich noch die größte Erfindung plausibel an. Allerdings hätten die Darsteller misstrauisch werden müssen, als sie die erste Zeile des vermutlich vorgegebenen Textes lasen. Sie stellen sich als die reale Person vor und erzeugen so den Eindruck, der Text gäbe ihre Meinung wieder. Durchschaut hat das Hans Zischler: "Ich möchte eins vorausschicken: Ich distanziere mich von allem, was ich im Folgenden sagen werde."  

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Hanns Zischler | Bild: allesdichtmachen (via YouTube)

Hanns Zischler

Ja, wir brauchen Kritik. Nein, wir brauchen nicht diese Kritik. Die tut nur so, als würde sie Vielfalt liefern. Sie denunziert die Regierung, die Medien, die Wissenschaft. Und sie stellt sich als Durchblicker da. Die Macher von allesdichtmachen.de wollen nicht das Gespräch, sondern Recht bekommen. Erschreckend, dass so viele Schauspielerinnen und Schauspieler diesem Dogmatismus Stimme, Gesicht und ihren Namen gegeben haben. Und gut, dass unter #allesschlichtmachen ihnen viele Kolleginnen und Kollegen widersprechen.

Nachtrag: Die Macher stellten wegen der massiven Kritik daraufhin ein Statement den Videos voran: "Wir leugnen auch nicht Corona oder stellen in Abrede, daß von der Krankheit Gefahr ausgeht und Menschen daran sterben."
Für die Bloggerin und Notärztin Carola Holzner, im Netz bekannt als "Doc Caro", reicht das nicht aus: "Ihr habt eine Grenze überschritten. Und zwar eine Schmerzgrenze all jener, die seit über einem Jahr alles tun." Sie schlug sie vor, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler mal eine Schicht auf einer Intensivstation arbeiten sollten. "Und sich danach für eine Kampagne zusammen zu tun - und zwar ohne Zynismus."
Wobei nicht klar ist, von wem die Texte genau stammen. Dem Spiegel sagte der Regisseur Dietrich Brüggemann, es habe am Anfang eine Gruppe von sechs Leuten gegeben, die Schauspieler hätten entweder Texte selbst geschrieben oder sie nur vorgelesen. Mehr wolle er nicht verraten.

Sie können den Kommentar aus der kulturWelt hier nach nachhören - und natürlich auch die kulturWelt abonnieren.