Shutdown Remix Abibas und die Fake-Markenkultur in Asien

Die Fotoserie „Abibas“ ist eine Hommage an die Fake-Markenkultur in Asien. Als Ausstellung geplant – coronabedingt mit der Musik von Schlachthofbronx zu einem Shutdown Remix weiterentwickelt – exklusiv für die BR KulturBühne.

Stand: 17.06.2020 | Archiv

Tibor Bozi - Abibas | Bild: Tibor Bozi

„Ich hab zu Markenprodukten keine ablehnende Haltung. Ich finde es lediglich wichtig, dass auch Markenfirmen auch ein soziales Gewissen haben. Da ist auf jeden Fall noch Luft nach oben, was das soziale Verhalten und die soziale Verantwortung der Firmen gegenüber ihren Produktionsstätten anbelangt“, sagt Tibor Bozi. Der renommierte Porträtfotograf ist als seit über 30 Jahren im Geschäft und hat mit unzähligen Künstler*innen und Stars wie Spike Lee, Nirvana, Dr. Dre oder Björk gearbeitet. Fast genauso lang reist er schon nach Indien und lichtet auch dort am liebsten Menschen ab – nur eben die ganz normalen Menschen.

„Die gefakten Markenklamotten kamen in meinen Fotos eher sporadisch vor, wenn ich in Asien wirklich ausgeflippte Sachen gesehen hab.“ In den letzten fünf bis zehn Jahren aber sei ihm immer extremer aufgefallen, wie die Herstellerfirmen von Markenklamotten und Luxusmode mit den Menschen dort umgehen, die ihre Produkte nachmachen: Sie werden als Kriminelle behandelt.

Ich sehe keine kriminelle Handlung, sondern einen ganz natürlichen Ernährungsdrang.“

Diese Art von Ausgrenzung und Verfolgung kann Bozi nicht nachvollziehen. „Ich habe Leute getroffen, die so genannte 'Rejects' auf indischen Flohmärkten verkaufen. Das sind hochwertige Markenklamotten, aber sie haben einen ganz kleinen Fehler – vielleicht sind die Nähte nicht perfekt genäht. Diese Klamotten werden von den Produzenten nicht abgenommen und landen auf dem Müll. Dafür gibt es natürlich findige Arbeiter*innen, die das zusammen sammeln, nach Hause nehmen oder zum nächsten Schneider bringen. Was in unserer Produktionsethik als Müll deklariert wird, verkaufen sie dann vielleicht für umgerechnet vier, fünf oder sechs Euro und haben sich ein bisschen Geld dazu verdient. Ich sehe dabei absolut keine kriminelle Handlung, sondern einen ganz natürlichen Ernährungsdrang.“

Die Idee zu einer eigenen Fotoserie über dieses Thema kam Bozi schließlich einem Sportswear-Shop in Colombo auf Sri Lanka. „Ich entdeckte dort ein Adides-Shirt, das fürchterlich schlecht kopiert war. Das war so entzückend, aber auch schräg, das mir klar war: diese Fotos darf ich nicht liegen lassen.“

Die erste Serie über die Fake-Luxusmode war in der Ausstellung „Original Fake“ 2018 in München zu sehen. Den Fokus dieser zweiten Serie auf Adidas habe den einfachen Hintergrund, dass es das mit Abstand meist gesehene Logo in Asien sei. Und Adidas hat dort sehr viele und sehr große Produktionsstätten!

Aus der Ausstellung der Fotoserie ist coronabedingt nun ein Shutdown Remix geworden: audiovisueller Stilmix aus Musikvideo und Foto-Ausstellung in Zusammenarbeit mit den Musikern von Schlachthofbronx und der visuellen Umsetzung von Filmemacher Florian Stielow (fastforwardmonaco). Bozi hatte seine Ausstellung für Mitte Mai im Breakout geplant, einer neuen Zwischennutzung am Münchner Hauptbahnhof. Parallel dazu hatte Schlachthofbronx Ende April die Veröffentlichung ihres neuen Albums geplant. Nachdem aus beiden Geschichten nichts wurde, haben sie sich für dieses Projekt zusammen getan und einen Song aus dem neuen Album mit den digitalen Bilder kombiniert.

Eine Ausstellung zu dieser Serie wird es damit aber wohl nicht mehr geben. Die Idee, die unzähligen Kulturveranstaltungen später nachholen zu können, hält Tibor Bozi für einen Irrglauben. Es müssten schließlich alle einen Ersatztermin in Zeiten finden, die ja auch schon bereits geplant sind – sprich Herbst 2020 oder Frühjahr 2021. Kein seriöser Veranstalter würde so etwas machen. Und viele Projekte sind dann ohnehin aus der Zeit gefallen. „Was jetzt in diesen Zeiten untergeht, wird zu 90 Prozent auch dort bleiben und nie wieder auf einen anderen Termin verschoben, denke ich.“ 

"Abibas", Fotos: Tibor Bozi, Video: Florian Stielow, Musik: Schlachthofbronx – "Siren Ridddim" / Rave and Romance records