Deutschlands Sonntagabend 50 Jahre "Tatort"

Wenn es etwas zu feiern gibt, tut man sich zusammen. Auch beim "Tatort". Das 50-jährige Bestehen der Krimireihe wird zelebriert mit einer Doppelfolge. Zwei "Tatort"-Teams ermitteln gemeinsam: Münchner und Dortmunder. Am Sonntag gibt es den ersten Teil.

Von: Marie Müller

Stand: 12.10.2020 | Archiv

Als die beiden Kriminalhauptkommissare Peter Faber (Jörg Hartmann, links) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, rechts) Kontakt zu Domenico Palladio (Paolo Sassanelli, Mitte) aufnehmen, prallen zwei verschiedene Ermittlungsansätze aufeinander. | Bild: BR; WDR; X Filme Creative Pool GmbH

Die Spur im Mordfall eines Drogendealers führt die Münchner Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) nach Dortmund. Dort steht die Trattoria der Familie Modica im Fokus der Ermittlungen von Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Jan Pawlak (Rick Okon). Die italienische Polizei hat um Amtshilfe gebeten.

"Permanent schlechte Laune" in Dortmund

Das Restaurant der Modicas (Beniamino Brogi als Papa Luca, Antje Traue als Mama Juliane und Emma Preisendanz als Tochter Sofia) läuft nicht gut, aber regelmäßig kommen Lieferungen, die vor Ort umgeladen werden: Kokain, im Auftrag der 'Ndrangheta. Die siebzehnjährige Sofia weiß nicht, woher das Geld stammt, von dem die Familie lebt. Als mit einer Lieferung plötzlich Pippo Mauro (Emiliano de Martino) auftaucht, muss Luca ihm Unterschlupf bieten. Die 'Ndrangheta verlangt es. Nach anfänglichem Zögern nähern sich die beiden Männer an. Pippo bringt Luca auf neue Geschäftsideen und dieser wittert das große Geld. Pippo Mauro ist exakt der Täter, nach dem die Münchner Ermittler fahnden. Doch die Dortmunder wollen erst mehr über die Hintergrundorganisation erfahren, bevor sie zugreifen. Nora Dalay glaubt, in Juliane jemanden gefunden zu haben, der ihnen dabei helfen könnte. Batic und Leitmayr können über die Ermittlungsmethoden ihrer Dortmunder Kolleginnen und Kollegen nur staunen.

Udo Wachtveitl spielt Hauptkommissar Franz Leitmayr: "… und wir fahren da also extra nach Dortmund – über sechs Stunden, einfach! – , um diesen Messerstecher abzuholen, aber kein Mensch weiß Bescheid! Dabei hatten wir uns angekündigt. Und wieso haben die Kollegen permanent schlechte Laune? Am Bier kann es nicht liegen, das ist gar nicht schlecht. Jedenfalls reichlich vorhanden. Die lieben ihre Probleme, das wird"s sein. Da im Präsidium gibt"s schon eine Delle in der Wand, weil alle immer mit der Faust dagegen hauen. Steht inzwischen unter Denkmalschutz, glaub" ich."

Marionetten der Mafia

Sofia Modica (Emma Preisendanz) und ihr Vater Luca (Beniamino Brogi).

Im zweiten Teil verlagert sich das Geschehen von Dortmund nach München. Nach dramatischen Geschehnissen am Ende des ersten Teils ist Sofia Modica mit ihrem Vater Luca und Pippo Mauro in München untergetaucht. Sie geht davon aus, dass ihre Mutter Juliane die Familie an die Polizei verraten hat. Die Hoffnung, dass sie schnell nach Kalabrien weiterreisen dürfen, ist für Sofia nur ein schmaler Trost. In München sind sie abhängig vom italienischen Unternehmer Domenico Palladio (Paolo Sassanelli), einem hochrangigen Mitglied der 'Ndrangheta, der Pippo und Luca wie Marionetten für seine Zwecke einsetzt. Sie müssen in München das Drogengeld in der Bauwirtschaft weißwaschen.

Es dauert nicht lang, bis Pippo und Luca einen Fehler machen, durch den Batic und Leitmayr wieder auf ihre Spur kommen. Auch Peter Faber hat noch eine Rechnung zu begleichen. Als Sofia den Wunsch, Kontakt zu ihrer Mutter aufzunehmen, nicht mehr unterdrücken kann, wird sie für Palladio zur Gefahr. Ein Wettlauf um Sofias Leben beginnt...

Geplant waren am Anfang nur zwei Jahre Tatort

Wie bei jedem runden Geburtstag in betagterem Alter, bleibt es nicht aus, einmal zurück zu blicken auf das, was man erreicht hat und worauf man stolz ist – gespickt mit dem ein oder anderen Gag – schließlich sollen sich die Gäste nicht langweilen.

Am 29.11.1970 wurde der erste "Tatort" "Taxi aus Leipzig" ausgestrahlt. Die DDR forderte hier die BRD zur Mithilfe bei der Klärung eines Falls auf. Übrigens war der Krimi zunächst gar nicht als Reihenpilot geplant, sondern wurde erst nachträglich als Startschuss für die Reihe 'Tatort' benannt. Zum Pressegespräch vor der Ausstrahlung kamen nur wenige interessierte Journalist*innen. "Tatort"-Erfinder Gunther Witte, ehemaliger Fernsehfilmchef des Westdeutschen Rundfunks, erinnert sich: "Auf die Frage eines Journalisten, wie lange denn die neue Krimi- Reihe gesendet werden soll, antwortete Horst Jaedicke, damals Koordinator Fernsehspiel und Fernsehdirektor des SDR, auf seine bedächtige schwäbische Art, nun ja, so zwei Jahre sollten das schon werden.“

Das Format überdauerte, wurde von Jahr zu Jahr erfolgreicher und ist heute die meistgesehene Krimireihe im deutschen Fernsehen – bis zu 12 Millionen Zuschauer*innen schalten ein.

Was ist das Geheimnis?

"Ich denke, dass dabei seine Regionalität eine wesentliche Rolle spielt. Sie bedeutet für ihn den großen Reichtum an unterschiedlichen Handlungsorten, eine große Zahl von interessanten Kommissar-Persönlichkeiten und vielfältige Storys für die einzelnen Folgen. So manche Geschichte wurde von der Regionalität besonders geprägt, was sie für die Zuschauer nur interessanter machte. Als Beispiel denke ich an Schimanski und sein Wirken in Duisburg und der Region", so Gunther Witte.

Ferdinand Hofer (spielt seit 2014 Kommissar Kalli Hammermann) ergänzt:"Ich glaube, weil der "Tatort" bei vielen Zuschauern einfach ein fester Bestandteil der Woche ist. Er ist ein schöner Abschluss der Woche und zusätzlich auch das Thema, welches man vielleicht mit Freunden zum Start in die neue Woche diskutiert."

Treue Zuschauer*nnen, treue Kommissar*innen

Die meisten "Tatort"-Fälle wurden von den Hauptkommissaren Batic und Leitmayr aufgeklärt: in 85 Einsätzen ermittelte das Team vom BR aus München bisher. Sie feiern im Januar 2021 ihr 30-Jähriges Dienst-Jubiläum.

Miroslav Nemec spielt Hauptkommissar Ivo Batic: "50 Jahre Tatort und seit fast 30 Jahren sind Ivo und Franz Teil davon – ein wahrer Glücksfall in meinem Leben (der "Tatort", aber der Franz, bzw. der Udo mitunter auch). Die Jubiläums-Doppelfolge zu diesem runden Geburtstag hat ein extrem brisantes Thema, das aber in letzter Zeit etwas in den Hintergrund der öffentlichen Wahrnehmung getreten ist. Darüber hinaus war natürlich auch die spezielle Konstellation der beiden Teams unter wechselnder Regie spannend.“

Auf den zweiten Platz kommen ihre Kollegen aus Köln, die Hauptkommissare Max Ballauf und Freddy Schenk (Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär) vom WDR mit 79 Einsätzen. Auf den dritten Platz folgt mit 71 Fällen die SWR-Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) als Dienstälteste Kommissarin der Reihe.

Der 'Tatort': "Seelenschau der Deutschen"

22 "Tatort"-Teams ermitteln heute in rund 20 Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Und es wird nicht einfach nur eine Leiche gefunden – fast jeder Fall ist in ein gesellschaftlich relevantes, oft aktuelles Thema eingebunden und so gilt die Krimi-Reihe oft auch als "Seelenschau der Deutschen".

"Tada – tada – tadaaa" - spätestens, wenn um 20:15 Uhr die berühmte Vorspann-Melodie erklingt, sollten es sich alle auf ihren Sofas gemütlich gemacht haben. Seit dem Start der Reihe wird der "Tatort" durch denselben Vorspann eingeleitet, der bis auf geringfügige Modernisierungen seither unverändert geblieben ist. Weniger als 30 Sekunden lang – und trotzdem: Dieser Vorspann hat sich in das Gedächtnis von Generationen eingeschrieben und nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass der "Tatort" zu einer wiedererkennbaren Marke geworden ist. Die Musik stammt von Klaus Doldinger. Augen und Beine im Vorspann gehören übrigens dem Schauspieler Horst Lettenmayer. Vor nunmehr 50 Jahren bekam er von seiner Agentur einen folgenschweren Anruf – "Die suchen ein paar Augen, meld' Dich mal" –, der ihn am Sonntag nach der "Tagesschau" zum Dauergast auf den Bildschirmen machte.

Pizza, Drogen, Morde und die kalabrische Mafia

Nun also die Doppel-Folge „In der Familie“ zum 50jährigen! Mit Dominik Graf und Pia Strietmann – beide keine Unbekannten in der "Tatort"-Welt – waren gleich zwei Regisseur*innen am Werk. Sie setzten die beiden Drehbücher von Bernd Lange um. In jeweils eigener Handschrift steht über beide Folgen hinweg der rote Faden der Story im Vordergrund und die charakteristischen Eigenheiten der unterschiedlichen Teams sind deutlich spürbar. Da "Fabert" es auf der einen Seite gewaltig, inklusive riskanter Alleingänge, und auf der anderen Seite versteht man sich im Team über kleine Blicke und Gesten wortlos.

Das Krimiepos hat viel zu leisten in zweimal 90 Minuten: Die Einführung und Entwicklung der Protagonisten im Fall, die Entfaltung des Mafia-Geflechts, das Aufeinandertreffen der sich bis dato persönlichen fremden Ermittler-Teams, das beiläufige Bespielen der kulturellen Unterschiede zwischen Dortmund und München und der Spanne zwischen Italien und Deutschland – und das ganze teilweise produziert unter Corona-Bedingungen, die die Dreharbeiten drei Monate lang lahmlegten.

BR-"Tatort"-Redakteurin Dr. Stephanie Heckner: "Herausgekommen sind zwei eigenständige Wesen mit gemeinsamen Rückgrat. Die große Erzählung von "In der Familie“ erlaubt sich Sprünge, sie überrascht. Während sich der erste Teil in seiner Spannung bis zum Unerträglichen immer weiter zuschnürt, setzt der zweite komplett überraschend neu an und wirft eine Figur ins Zentrum, die einen emotional packt und bis zum Ende nicht mehr loslassen wird."

Im ersten Teil noch eine Randfigur, rückt die minderjährige Tochter der Familie, Sofia Modica, im zweiten Teil in den Fokus. Ihre Familie auf der einen Seite, Gesetz, Recht und Überleben auf der anderen Seite – das Kräftemessen der Ermittler-Teams gerät hier eher in den Hintergrund. Die Story ist spannend, die Charaktere authentisch, die Erzählform überraschend. Und so wird das eine Jubiläums-Feier sein, auf der wir gerne zu Gast sind!