50 Jahre Nationalpark Bayerischer Wald "Ein wunderbar schlampiger Wald"

Bei seiner Eröffnung am 7. Oktober 1970 war er der erste Nationalpark in Deutschland überhaupt. Zusammen mit dem angrenzenden Böhmerwald bildet der Nationalpark Bayerischer Wald das größte zusammenhängende Waldschutzgebiet Mitteleuropas. Ein Gespräch mit Alexandra von Poschinger, Autorin des Sachbuchs "Wilder Wald".

Von: Andreas Krieger

Stand: 27.10.2020 | Archiv

Moorlandschaft im Bayerischen Wald | Bild: Rainer Simonis/Knesebeck Verlag

Natur Natur sein lassen. Was heute wie selbstverständlich klingt, das musste der Mensch erst lernen. Die erste Idee hier einen Nationalpark zu installieren, hatten Naturschützer Hubert Weinzierl und TV-Tier-Deuter Bernhard Grzimek. Als der Park dann – in veränderter Form - wirklich kam, war die Bevölkerung gleich angetan. Denn nun tauchte hier im Grenzgebiet ein bislang unbekanntes Lebewesen auf: der Tourist. Und alles war friedlich und gut, bis der Borkenkäfer kam und ab Mitte der Achtziger Jahre die Fichten am Lusen vernichtete und die Parkverwaltung nicht in die Natur eingreifen wollte. Die Waidler tobten! Aber für den Bayerischen Wald war es rückblickend betrachtet ein Glücksfall. Heute, kein Vierteljahrhundert später ist dort ein wilder, dichter, vitaler Wald nachgewachsen. Der "Woid" hat die Wahrnehmung der Menschen geändert. Nicht mehr nur was schön und bunt ist, zählt als schützenswert, sondern auch das Totholz, das neues Leben spendet. Alexandra von Poschinger hat über die wechselhafte Geschichte und die Philosophie des Nationalparks ein spannendes Sachbuch geschrieben: "Wilder Wald", auch Kulturgeschichte und Reflektion darüber, was Natur heute sein kann, wenn man sie mal machen lässt.

Andreas Krieger : Der Nationalpark Bayerischer Wald zählt heute zu den zehn wichtigsten Nationalparks der Welt, zieht auch international viele Touristen an. Vor 50 Jahren war dort noch ein ganz normaler Forst, intensiv von den Waidlern und vom Staat genutzt, eigentlich mit nur ein paar wenigen Resten Urwald. Die Idee hier einen Nationalpark zu installieren, war nicht unbedingt naheliegend, oder?

Alexandra von Poschinger: : Als der Borkenkäfer kam und alles kahl fraß und der Nationalpark-Leiter nicht eingriff und diese kaputten Bäume nicht entfernen ließ, sondern die Natur der Natur überließ, gab es einen Riesenaufschrei in der gesamten Region. Die Menschen hier befürchteten alle, dass ihre angestammte Heimat zerstört würde und niemand wusste, wie es ausgeht. Heute, fast 40 Jahre nach dem Windwurf, zeigt sich, dass der Wald schöner wächst als je zuvor, dass hier ein Mischwald entsteht mit vielen Baumgenerationen, dass hier Pilze wachsen, die es in einer Plantage nie geben würde, dass hier eine Wildnis entsteht, die nicht nur in Deutschland, sondern weltweit einzigartig ist.

Der Nationalpark war bald recht erfolgreich und bei der Bevölkerung durchaus beliebt, auch als arbeitsschaffende Kraft. Dann kam der Windwurf von 1983 und anschließend der Borkenkäfer. Wie hat das die Einstellung der Waidler geändert?

Als der Borkenkäfer kam und alles kahl fraß, und der Nationalpark-Leiter nicht eingriff und diese kaputten Bäume nicht entfernen ließ, sondern die Natur der Natur überließ, gab es einen Riesenaufschrei in der gesamten Region. Die Menschen hier befürchteten alle, dass ihre angestammte Heimat zerstört würde und niemand wusste wie es ausgeht. Heute, fast 40 Jahre nach dem Windwurf zeigt sich, dass der Wald schöner wächst als je zuvor, dass hier ein Mischwald entsteht mit vielen Baumgenerationen, dass hier Pilze wachsen, die es in einer Plantage nie geben würde, dass hier eine Wildnis entsteht, die nicht nur in Deutschland, sondern weltweit einzigartig ist.

Welche Bedeutung hat der Nationalpark Bayerischer Wald?

Der Nationalpark Bayerischer Wald ist eine Arche Noah für bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Aktuell haben die Forscher hier schon 11.000 Tier- und Pflanzenarten ausfindig gemacht. Sie vermuten aber, dass es 14.000 gibt. Es ist eine Sensation, wenn man bedenkt, dass die Fläche des Nationalparks Bayerischer Wald nur 0,07 Prozent der Fläche Deutschlands einnimmt, hier aber 20 Prozent aller hierzulande heimischen Arten vorkommen. Der Luchs ist zurückgekehrt. Und der Wolf. Aber auch Arten, die wir übersehen, weil sie nahezu unsichtbar sind: kleine Pilze oder winzige Käfer. Heute ist der Nationalpark ein Touristenmagnet. Im vergangenen Jahr waren 1,4 Millionen Besucher im Nationalpark. Zum Vergleich: Schloss Neuschwanstein hat 1,5 Millionen Besucher. Der Nationalpark liegt also an Platz zwei in Deutschland.

Welche Rolle spielt der Nationalpark für die Forschung?

Hierher in den Nationalpark Bayerischer Wald kommen Forscher und Doktoranden aus aller Welt – aus Asien, Australien, USA, Kanada. Hier ist nicht nur ein Zentrum für bedrohte Tier- und Pflanzenarten, sondern auch für die Forschung von internationaler Bedeutung. Hier wird Pionierarbeit geleistet – gerade im Bereich der Pilz-Forschung, ein ansonsten weitgehend unbestelltes Forschungsfeld. So umstritten der Nationalpark in seiner Gründungszeit war, so beliebt ist der heute, weil man erkennt, dass das „Projekt Wildnis“ aufgegangen ist. Der Wald, der sich hier selbst „neu erfinden“ durfte, ist ein wunderbar schlampiger Wald und dadurch ein sehr gesunder Wald, was natürlich in Zeiten der Klimaerwärmung sehr wichtig ist. Heute ist der Nationalpark Vorbild für viele andere Naturparks weltweit. In der Mongolei, El Salvador, Jamaika – weltweit wird das Vorbild aus dem Bayerischen Wald von anderen Großschutzgebieten kopiert.

Wie hat der Nationalpark das Denken über den Wald neu geprägt? 

Der Bayerische Wald ist längst nicht mehr ein Synonym für Armut und harte Arbeit, ein Synonym für einen Wald, in dem man Bäume fällen und sich plagen muss. Sondern: der Nationalpark-Wald ist zum Lernort geworden. Hier nehmen Umweltpädagogen Menschen jeden Alters mit und stellen auch philosophische Fragen zur Natur und zum Wald. Zum Beispiel: Welche Art von Natur wollen wir eigentlich schützen? Ist es nur der Luchs, weil er nett wie ein flauschiges Kätzchen aussieht oder ist es vielleicht auch ein hässlicher Käfer, der uns Menschen vielleicht nicht so gefällt, aber im Ökosystem eine ganz zentrale Rolle spielt? Alles in der Natur hat seinen Wert. Aber nehmen wir es wahr? Das sind philosophische Fragen, die der Nationalpark Bayerischer Wald aufwirft. Der Wald erfährt eine völlig andere Wahrnehmung und Wertschätzung als noch vor 50 Jahren, als er in erster Linie dem Broterwerb der hiesigen Bevölkerung diente. Der Wald ist zu einem Ort geworden, der uns Natur neu denken, ja vielleicht sogar überhaupt erst erkennen lässt.

"Wilder Wald. Europas Pionier für die Wälder der Zukunft" von Alexandra von Poschinger (Hg.), Knesebeck Verlag, 40 Euro.