Salzburger Festspiele 2020 Ein mehr als denkwürdiges Jubiläum

Es hätte ein rauschendes Jubiläum werden sollen: 100 Jahre Salzburger Festspiele. Jetzt ist es ein Versuch: Wie unter Corona-Bedingungen ein Festival durchführen? Peter Jungblut über stark gekürzte Aufführungen und das Phänomen noch verfügbarer Tickets.

Von: Peter Jungblut

Stand: 31.07.2020

09.07.2020, Österreich, Salzburg: Eine Installation des Künstlers Anselm Kiefer zu "100 Jahre Salzburger Festspiele" steht am Fluss Salzach. Als eines der wenigen Musik- und Theaterfestivals in Europa werden die Salzburger Festspiele in diesem Sommer auch unter den Bedingungen der Corona-Pandemie spielen. Die Festspiele feiern dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. (zu dpa: ««Covid fan tutte?» - Salzburger Festspiele in Pandemie-Zeiten») Foto: Barbara Gindl/APA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Barbara Gindl

"Der Ausgang eines Experiments ist immer ungewiss", beschwor Wolfgang Schäuble einst den Bundestag und wollte damit die Reichstagsverhüllung verhindern, denn das Risiko sei höher zu bewerten als der Nutzen. Die Sache ging bekanntlich gut aus, das eingepackte Gebäude gilt bis heute als Höhepunkt im künstlerischen Schaffen von Christo und Jeanne-Claude. Aber wie wird das Experiment enden, dass die Salzburger Festspiele in diesem Sommer starten? Das fragen sich viele: Neider, Konkurrenten, Besserwisser, Künstler, Zuschauer, Journalisten. Wenn es schiefgeht, wenn es im Publikum oder bei den Mitwirkenden Covid-19-Fälle geben sollte, gar einen neuen "Cluster" an der Salzach, rechnen Intendanten auch in Deutschland mit dem Schlimmsten. "Dann brauchen wir in diesem Jahr nicht mehr aufmachen", sagte kürzlich einer von ihnen, und der rechnet schon jetzt nicht mehr damit, dass sich die Theaterbranche vor 2022 nennenswert erholt.

Von ursprünglich geplanten 230.000 Karten werden in Salzburg jetzt überhaupt nur noch 76.000 angeboten, es gibt schließlich deutlich weniger Vorstellungen mit entsprechend weitem Sitzabstand.

Der Andrang hält sich in Grenzen

Jedermann 2020: Tobias Moretti als Jedermann und Caroline Peters als Buhlschaft

Die meisten Tickets gehen dieses Jahr an treue Freunde und Förderer der Festspiele, nur etwa ein Drittel in den freien Verkauf – und selbst die finden keineswegs reißenden Absatz. So gab es kurzfristig sogar noch Karten für den "Jedermann", der sonst lange vor der Saison ausverkauft ist (Hier bis zum 8.8. zum Nachschauen). Geschäftsführer Lukas Crepaz bezeichnete das in der österreichischen Presse als "sehr erfreulich", das sei doch eine "einmalige Chance". Heißt aber auch, dass sich der Andrang sehr in Grenzen hält, denn welcher Zuschauer will bei einem Experiment schon gern die Testperson sein? Das erinnert etwas an den geplanten Großversuch "Restart-19" in Leipzig, wo für ein Konzert von Tim Bendzko am 22. August bekanntlich Teilnehmer gesucht werden, an denen erprobt werden soll, ob sich bei so einem großen Gig Erreger verbreiten und wenn ja, wie massiv. Interessenten müssen "jung, gesund und unter fünfzig" sein. In Salzburg erfüllen diese drei Kriterien die wenigsten Zuschauer.

Kommen die Reichen und Schönen?

Es wird auch nicht möglich sein, die Corona-Krise während der Aufführungen zu verdrängen, dafür sind die Einschnitte viel zu gravierend: Mozarts "Cosi fan tutte" stark gekürzt und ohne Pause! Wirklich, ohne Pause? In der Tat! Und das, wo die eigentliche Aufführung in Salzburg doch traditionell am Büfett stattfindet. Die Lebensgrundlage der Festspiele sind die Sponsoren, darunter ein bayerischer Autohersteller, ein bayerischer Elektrokonzern, ein Luxusuhren-Anbieter und ein finanzkräftiger Hamburger Mäzen. Sie alle laden traditionell zu Empfängen für ihre besten Kunden, bereiten die Bühne für edle Abendkleider, manchmal zu enge Smokings und ganz viel glitzerndes Dekor. Die Vorstellung, egal welche, passt dann schon irgendwie zwischen Häppchen und Dinner. Es macht die Stärke von Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler aus, dass sie mit dieser Art verwöhnten Geldgebern bestens auskommt, deren Mentalität versteht und deren Bedürfnisse befriedigt. So weltgewandt, so international, so kommerziell geht es im bodenständigen, provinziellen Bayreuth nicht zu – da kann allenfalls das schweizerische Luzern mithalten.

Ein vielfältiges und mutiges Programm

Wo aber der Geldadel aus den USA, aus Asien und Europa dermaßen dominiert, da ist es doppelt schwerwiegend, wenn der gesellschaftliche Teil der Festspiele so stark eingeschränkt wird wie jetzt zu erwarten. Die Reisebeschränkungen sind bekanntlich erheblich, und ob zahlungskräftige Kulturfreunde ausgerechnet für die blutrünstige Oper "Elektra" von Richard Strauss alles in Bewegung setzen, um an die Salzach zu kommen, ist doch mehr als zweifelhaft. Dasselbe gilt für die Uraufführung von Peter Handkes neuem Stück "Zdeněk Adamec", einem Drama über den tschechischen Jugendlichen, der sich 2003 auf dem Prager Wenzelsplatz selbst verbrannte, angeblich aus schierer Verzweiflung über den Zustand der Welt. Festspielchef Markus Hinterhäuser hat keine künstlerischen Kompromisse gemacht, das ehrt ihn, aber ob und wie sein wahrhaft titanisches Wirken und unerschrockenes Handeln im Nachhinein gewürdigt werden wird, das hängt eben nicht vom Verlauf der Premieren ab, sondern davon, wie das Großexperiment Festspiele in der Corona-Krise ausgeht.

Von der gern zitierten "Umweg-Rentabilität" versteht Salzburg was, vielleicht sogar mehr als alle anderen Festspielstädte: Vom Trachtenladen in der Getreidegasse über den Limousinen-Verleiher und den Hotelier bis zum Gourmet-Wirt wissen alle, was sie an der Saison haben. Hier sind die Opernstars Markenbotschafter und eine passionierte "Shopperin" wie Sopranistin Anna Netrebko findet ihr ideales Biotop. Dass sie im vergangenen Jahr als "Adriana Lecouvreur" auf der Bühne drei Roben spazieren führte, die zusammen genommen von 140.000 funkelnden Kunst-Kristallen aus österreichischer Produktion bedeckt waren, erfuhr die Weltöffentlichkeit dank einer Pressemitteilung der Festspiele. Das zeigt, was hier wichtig genommen wird und warum der komplette Verzicht auf die Saison für die Mozart-Metropole so schmerzhaft gewesen wäre.

Der Bayreuth-Salzburg-Vergleich

Es spricht für sich, dass wilde Buh-Gewitter wie in Bayreuth an der Salzach ausgesprochen selten sind. Hier regt sich kaum jemand über Inszenierungen auf, bis ihm die Schläfen pochen. Viel eher verlassen Gäste unauffällig den Saal, beschäftigen sich diskret mit ihrem Handy oder wagen ein Nickerchen. Protestrufe gegen Regisseure oder Sänger werden in diesen Kreisen als vulgär oder wichtigtuerisch abgetan. Wenn applaudiert wird, dann vor allem der Tatsache, bei einem der glanzvollsten Festivals der Welt dabei sein zu dürfen, und daran gibt es ja keinen Zweifel. Insgesamt ist Salzburg mit seinem vielfältigen und umfangreichen Programm deutlich entspannter, gelassener als Bayreuth, wo es Jahr für Jahr auf eine einzige Premiere ankommt – ein Druck, der schwer auszuhalten ist. Wer in Salzburg keine Lust hat auf provokante Regie-Einfälle, der entscheidet sich halt für einen Star-Auftritt in einer konventionell bebilderten Produktion – welche das ist, wird im Vorfeld den Geldgebern gern verraten. Für die riskanteren Angebote gibt es dann stark ermäßigte Tickets für Jugendliche unter 27 Jahren.

So verlockend, wie die touristische Infrastruktur des Salzkammerguts nun mal ist, fällt es Festivalgästen leicht, hier ein paar Tage zu urlauben. Eine Gondelfahrt auf den Untersberg, ein Aperitif am Fuschlsee, ein Besuch in Hans-Peter Porsches "Traumwelten" mit der monumentalen Modelleisenbahn oder eine Boutiquen-Tour mit der Edelmetall-Kreditkarte: Das alles macht die Sommerfrische in Maßen abwechslungsreich, und gediegene Hotels sorgen für den Rest. Vorteile, die dem rustikalen Bayreuth allesamt fehlen, weshalb immer mehr Wagner-Fans noch am Abend nach der Aufführung wieder abreisen, und wenn sie erst um zwei Uhr morgens wieder zuhause sind.

In Salzburg ist zum 100. Jubiläum der Festspiele gern vom "Welttheater" die Rede, das hier der alleinige Maßstab ist – allerdings ein Maßstab, der auch erfüllt wird. Die Barock-Stadt an der Salzach ist von jeher bestens vertraut mit dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, allerdings auch mit seinen Hinfälligkeiten, kurz und gut: Mit dem, was das Welttheater im Kern ausmacht, die "katholische" Lebensauffassung. Nur so ist der Erfolg des betulichen Dauerbrenners "Jedermann" zu erklären. Wo sonst könnte so ein beschauliches Lehrstück, das vor einem Dom aufgeführt wird und im Himmel endet, eine dermaßen treue Fan-Gemeinde haben? Die Glocken weisen den Weg: Dieses Publikum schaut den Sündern gern bei ihrem opulenten Treiben zu, dank Weihwasser kommt ja niemand ernsthaft zu Schaden. Der Anspruch auf "Erlösung", wie sie Richard Wagner predigte, gar auf dessen buddhistisch inspiriertes "Ertrinken, Versinken" wirkt hier befremdlich. Vom Mönchsberg aus gesehen ist die Wiedergeburt nämlich allemal verlockender als das Nirwana.