Wissen - Klimawandel


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Klimawandel in den Alpen Bergbewohner auf der Flucht nach oben

In den Alpen wirken sich Veränderungen des Klimas besonders deutlich aus. Lawinen und Muren gehen häufiger nieder, in den Tälern wird das Trinkwasser knapp. Und für viele Tiere und Pflanzen heißt es: Immer höher hinauf!

Stand: 03.12.2018

Für den Klimaschutz sind die Alpen wie ein europäisches Frühwarnsystem: An ihnen zeigt sich, worauf sich der Rest des Globus einzustellen hat. In manchen Alpenregionen könnten die Trinkwasservorräte knapp werden, auch Hochwasser, Lawinen und Geröllmuren werden immer mehr zur Gefahr. Jedes Grad Temperaturveränderug hat zudem fatale Folgen für die stark an ihren extremen Lebensraum angepassten Pflanzen und Tiere.

Pflanzen und Tiere müssen die Alpen hochklettern

Ein Temperaturunterschied von nur einem Grad im Jahresdurchschnitt entspricht in den Bergen einem Höhenunterschied von 200 Metern. Die Klimaerwärmung bedeutet für die Fauna und Flora der Bergwelt also, dass sie mitklettern muss, immer weiter nach oben. Das Problem: Nicht alle Lebewesen des Alpenraums können so einfach nach oben "umziehen", nur weil es ihnen in ihrer ursprünglichen Höhe zu warm geworden ist.

Für Murmeltiere wird der Boden zu dünn

Murmeltiere brauchen Kälte und können nur bedingt in höhere Lagen ausweichen.

Murmeltiere etwa, die in der Eiszeit in weiten Teilen Deutschlands lebten, reagieren empfindlich auf die Wärme und weichen schon jetzt in höhere Regionen der Alpen aus. Doch in größeren Höhen wird der Boden dünn: Die Humusschicht reicht irgendwann nicht mehr aus, um genügend tiefe Höhlen für einen sicheren Winterschlaf zu graben.

Ähnlich ergeht es kleinen Insekten wie Köcherfliegenlarven, Hakenkäfer oder Stelzmückenlarven, die in Bergquellen leben. Denn weiter oben gibt es keine Bergquellen mehr.

"Das bedeutet für die Quellen, dass da wahrscheinlich dramatische Änderungen vor sich gehen werden. Das Problem ist, dass die Temperaturschwankungen in den Quellen normalerweise zwei bis drei Grad betragen. Hier in diesem Gebiet [Nationalpark Berchtesgaden] haben wir ungefähr 800 Tierarten gefunden, wovon 250 Tierarten an diese Temperaturschwankungen angepasst sind. Die werden aussterben, wenn sich die Temperaturen um vier Grad erhöhen."

Helmut Franz, ehemaliger Sachgebietsleiter Forschungs- und Informationssysteme, Nationalpark Berchtesgaden

Schneehasen in den Alpen im Klimastress

Vom Klimawandel besonders betroffen

Schneehase im Fellwechsel

Wie andere Tiere in den Alpen leiden auch die Schneehasen unter dem Klimawandel. Die an das Leben im Hochgebirge angepasste Tiere könnten, wenn es ihnen zu warm werde, nur begrenzt in höhere und kühlere Gefilde ausweichen, berichtete die schweizerische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) im März 2018. Besonders in den südlichen und nördlichen Voralpen fänden die Schneehasen nicht genügend Nahrung und Unterschlupf, schrieb Studienleiter Kurt Bollmann im Wissenschaftsjournal "Global Change Biology".

Lebensräume zerstückelter

Durch die Erwärmung und schwindende Schneeflächen werde der Lebensraum kleiner und zudem auch stärker zerstückelt. Die Populationen könnten sich nicht mehr wie früher mischen und das führe zu genetischer Verarmung. Die Forscher errechneten, dass der Lebensraumverlust der Schneehasen in der Schweiz bis ins Jahr 2100 im Mittel um ein Drittel schrumpfen dürfte.

Bestände schrumpfen

Die Studie legt nahe, dass damit auch der Schneehasenbestand schrumpfen könne, so Bollmann. Er schätzt die Population in der Schweiz auf bis zu 23.000. Der Hase sei in der Nahrungskette ein wichtiges Beutetier vor allem für den Uhu, den Fuchs und den Steinadler. Ein Schneehasenschwund habe somit auch Auswirkungen auf andere Arten.

Neue Bewohner in Bayerns Bergen

Bienenfresser - eingewandert aus den Tropen.

Die Tierwelt wird aber auch bereichert: Aus Südeuropa wandern viele Arten ein, denen es früher bei uns zu kalt gewesen ist. So sind exotische Insekten wie die Gottesanbeterin bereits im Allgäu gesichtet worden, außerdem der Bienenfresser, ein bunt schillernder Vogel, der aus den Tropen eingewandert ist. Wie die einheimische Tier- und Pflanzenwelt mit den eingewanderten Arten - Neozoen und Neophyten - zurechtkommt, wird sich zeigen.

Der Boden schwindet

Bayerns Bergwälder haben in nur 30 Jahren 14 Prozent an Humus verloren, zeigt eine Studie der Technischen Universität München (TUM). Diese wurde im Juni 2016 im Fachmagazin Nature Geoscience veröffentlicht. Datenmaterial waren die Aufzeichnungen von 35 Gebirgswäldern und Almwiesen aus zwei voneinander unabhängigen Untersuchungen. Besonders dort, wo der Temperaturanstieg durch den Klimawandel besonders hoch war, ging viel der fruchtbaren Erdschicht verloren. Ein Teufelskreislauf, denn durch den Humus-Verlust reagieren die Wälder empfindlicher auf steigende Temperaturen. Schrumpfende Wälder führen aber wiederum zu vermehrter Erosion - und schwindendem Boden.

Auch die Fauna ist auf der Flucht

Edelweiß - auf Dauer in den Bergen?

Auf die Zusammensetzung der Pflanzenwelt haben in den sensiblen Bergregionen schon geringste Temperaturveränderungen einen tief greifenden Einfluss. Manche Pflanzen werden sich besser an die veränderten Bedingungen anpassen können als andere: Die sogenannten Generalisten werden weniger Probleme haben als die Spezialisten.

Problematisch wird es dennoch für einige Bewohner des obersten Stockwerks wie den Bayerischen Enzian, den Gletscher-Hahnenfuß oder den Moos-Steinbrech. Sie können nicht mehr weiter nach oben ziehen. Außerdem nehmen die Zuzügler von unten, die oft größer sind, das Licht. Einige Pflanzen werden wohl ganz aussterben.

Die Bergsteiger unter den Pflanzen

Alpen-Wälder werden sich verändern

Die Fichten-Monokulturen der Alpen haben kaum eine Chance aufs Überleben, sie können sich zu schlecht anpassen. Auch die Weißtanne wird sich in den Alpen vielleicht nicht mehr halten können. Zusätzlich breiten sich Schadinsekten wie der Borkenkäfer aus und vernichten bestimmte Baumarten. Dennoch überlebt der Wald, auch wenn er anders aussehen wird. Grundsätzlich können viele Pflanzen vor der Wärme fliehen, sie brauchen nur genügend Zeit:

Buchen zum Beispiel könnten in ein paar Jahrzehnten bis zu 400 Meter höher am Berg wachsen. Andere Arten wie die Latschenkiefer wachsen weiter hinauf in größere Höhen, sofern sie genug Wasser bekommen. Manche Forscher schätzen, dass die Waldgrenze in den Bergen bis zum Jahr 2050 um mehr als 1.000 Höhenmeter steigen könnte.

Klimagrad-Studien: Winter wird immer kürzer

Frühling, Sommer und Herbst dauern schon jetzt im Alpenraum länger als früher, das zeigt die Studie "Klimagrad" unter der Federführung der Technischen Universität München, die im Jahr 2014 veröffentlicht worden ist. Pro Grad Erwärmung verlängert sich die Vegetationsphase um etwa zwei Wochen. Doch milde Winter bedeuten nicht zwangsläufig, dass die Bäume früher grün sind. Viele Arten sind auf eine kalte Ruhephase angewiesen. Bleibt es mild, dann brauchen die Bäume eine noch höhere Frühlingstemperatur, um auszuschlagen.

In zwei Großprojekten - Klimagrad I und II - haben Forscher entlang eines engmaschigen Messnetzes in Höhen zwischen 700 und 1.800 Metern Daten gesammelt. Dabei wurden zum Beispiel Temperatur, Niederschlag und die Sonneneinstrahlung gemessen sowie die alpinen Gärten in Europa vernetzt.

Mehr Regen, weniger Schnee

Die Winter werden nicht nur kürzer, sie werden auch wärmer - stärker sogar als die Sommer. Niederschläge werden im Winter daher immer öfter als Regen niedergehen, nicht als Schnee. Weiße Winter könnten in Bayern in tieferen Lagen eine Seltenheit werden. Skifahrer müssen künftig wohl immer höher hinauf.

  • Alpen im Wandel. 28.12.2016 um 18:05 Uhr, Bayern 2
  • Alpen in Gefahr: Die Folgen des Klimawandels. 20.08.2018 um 14:00 Uhr, ARD-alpha

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